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Unterwegs-sein als soziotechnisches Handlungssystem

»Unterwegs-sein« lässt sich als funktionales System im Sinne von Niklas Luhmanns Allgemeiner Systemtheorie deuten. Diese stellt das rekursive Verarbeiten von Informationen in einem sich selbst organisierenden System (ausführlicher siehe dort) in den Mittelpunkt. »Unterwegs-sein« wäre dann ein System, das dem Einfluss der Antagonisten sich fortbewegen von und ankommen unterliegt (s. Scarpi 1992). Ein solches Sinn- und Kommunikationssystem nach Luhmann bedarf jedoch ergänzend der strukturellen Kopplung mit der materiellen Welt über soziotechnische Sachsysteme nach Ropohl 1), dessen personale Systeme (Figuren) in einem dynamischen Verhältnis zu Gemeinschaft und Gesellschaft stehen.

Solche Handlungskreise lassen sich verstehen als »soziotechnische Systeme«, in denen zweckorientiertes menschliches Handeln mit technischen Mitteln (Artefakte, Sachsysteme) und sozialen sowie ökonomischen Folgen und Voraussetzungen verbunden ist.

Konzepte des Unterwegs-Seins wie Gang, Fahrt, Reise, Travel, Voyage, Safari und andere lassen sich als soziotechnisches Handlungssystem interpretieren mit je eigenen Handlungsabläufen.

Handlungsabläufe des Unterwegs-seins

Das Unterwegs-sein umfasst Phasen, die aufeinander folgen und zyklisch erscheinen, wenn nur die Ortsveränderung gesehen wird. Reisende verändern jedoch sich und ihre Umgebung (Gemeinschaften und Gesellschaften) mehr oder weniger durch ihr Tun. Betrachtet man also deren Zustand, so wird aus dem Zyklus eine Spirale mit ständiger Bewegung: »Man steigt nie in denselben Fluss.« 2)

Die nachfolgenden Handlungskreise bilden Teilsysteme vereinfacht als geschlossene Kreisläufe ab, mit denen jedoch eine Transformation verbunden ist, die mitgedacht werden muss.

Das dynamische soziale Umfeld von Reisenden

Auch Einzelne sind unterwegs auf Kopplungen mit anderen angewiesen:

soziale Distanz ortsfest unterwegs Dauer
Vertraut Gemeinschaft Gesellschaft unbestimmt
Familie, Freunde,
Kollegen …
Begleiter
Reisende
Gastgeber Funktionsträger
Kundige
Fremd Gastfreundschaft Geleitschaft festgelegt

Unterwegs-Sein als Handlungskreis

Reisebilder Absichten
1 Aufbruch
Bindungen lösen
2 Hinfahrt als
weg-von & hin-zu
3 Ankunft
⇑ Aufnahme Wendepunkt ⇓
Weltbild
Folgen
6 Heimkehr 5 Heimfahrt als
Dazwischen
4 Umkehr
Raumvorstellungen befriedeter Raum Zwischenraum Entscheidungs-
raum

Am Anfang steht die Legitimation (im Unterschied zu Flucht, Vertreibung, Verbannung) zum Aufbruch (des Einzelnen, der Gruppe) aus der Gemeinschaft. 'Urlaub' wird gewährt, weil sich die Gemeinschaft davon einen Nutzen verspricht und sei es die Wiederherstellung der Arbeitskraft. Dagegen sind Fernweh, Reiselust, Erlebnis und ähnliches Kategorien des Einzelnen.

Das Unterwegs-sein endet weder am Ziel noch bei der Heimkehr, sondern hat den Charakter eines anhaltenden Prozesses als Handlungskreis, der in allen Beteiligten nachwirkt: in der Herkunftsgesellschaft und bei den Gastgebern, bei Reisenden und deren Gefährten.
Auch sind die Phasen 4 bis 6 nicht einfach ein Spiegelbild der Phasen 1 bis 3 sondern eine Wende, sie kehren die Fahrt um, bieten eine andere Perspektive und unterscheiden sich qualitativ von der Hinfahrt. Das kann jeder erfahren, der eine unbekannte Strecke zunächst in einer Richtung und dann zurück hinter sich bringt oder sich an jenem Scheitelpunkt der Reise befindet, wo er sich für oder gegen eine Rückkehr entscheidet. Anhand der sechs Phasen werden verwandte Phänomene unterscheidbar:

Diesem Prozess und seinen Phasen eignet eine gewisse Dauer, sonst wäre der Besuch beim Nachbarn oder der Gang zum Briefkasten eine Reise. Da das natürliche Zeitgefühl des Menschen durch den Rhythmus von Tagen geprägt ist, müsste das Unterwegs-sein mindestens sechs Tage dauern, damit jede Phase erlebt werden kann. Ähnlich, doch aus ökonomisch-statistischer Sicht definiert die Fremdenverkehrswirtschaft Reisen mit einer Mindestdauer von fünf Tagen zwischen Aufbruch und Heimkehr.

Der Alltag unterwegs als Subsystem im Handlungskreis

Vorbereitung
Transport «« »» Fortbewegung Ruhe/Rast
Bleibe
«« »» Erholung (Ausspann)
Austausch/Transfer «« »» Begegnung Rückzug (Cocooning) «« »» Sicherheit

Das Symbol «« »» soll anzeigen, dass dieses Bedürfnis nur in intensiver Kommunikation in der 'fremden' Umgebung befriedigt werden kann (Kommunikation zwischen Mensch und Kultur).
Der Alltag unterwegs

Strukturen der Versorgung

Phase Bedürfnis Organisations-
systeme
Sach-
systeme
Personale Systeme
Vorbereitung Finanzierung Banken Geld
Informationen Informations-
sammelstelle
Reiseliteratur Kundige
Begleiter
Ausrüstung Technik Reisegepäck Dienstleister
Fortbewegung Transport Wegenetze Fuhrwerke Träger & Führer
Begegnung Austausch: Kommunikation Sprachen Zeichen & Schrift Dolmetscher
Austausch: Handel & Geschenke Märkte Waren Gast & Fremder
Legitimation Grenzen, Ämter Dokumente Beamte & Polizei
Rückzug Sicherheit Lager, Herberge Tür, Zaun, Waffe Wächter
Ruhezustand Erholung Schlafen & Ruhen Zelt & Zimmer Gastgeber
Ernährung Fremdes essen
Selbstversorgung
eigene Netze
Lebensmittel Wirt
Hygiene Bäder, Sauna, WC Wasser, Seife
Instandsetzung Reparatur Werkzeug Dienstleister

Die Navigation (siehe dort ausführlich) als Kommunikation zwischen Mensch und Natur erscheint als grundlegende Methode immer gleicher Schritte, die je nach Zeiten und Randbedingungen unterschiedlichste Sachsysteme und Organisationssysteme verwendet, gegenwärtig erfolgt die Hinwendung zu smarten, autonomen soziotechnischen Systemen:

Zielsetzung
Fortbewegung Raumvorstellungen
Positionsbestimmung Orientierung
Routenplanung Korrektur
Wegfindung Monitoring
Ziel

Zielsystem: Die Frage nach Sinn und Zweck

Zielsetzung, also Wahl eines Zielortes oder einer Richtung mit unbekanntem Ziel in der Welt oder eine Aufgabe bis hin zum Ende der Welt, siehe auch die Liste von Orten im Rahmen der jeweils vorhandenen Raumvorstellungen im Spektrum zwischen Leere und dem Neuem, angetrieben vom Unterwegs-sein.

Das soziotechnische Handlungssystem des »Unterwegs-sein« wird erklärbar durch das Zielsystem, in das es eingebettet ist, also durch die Interessen aller daran Beteiligten, durch den legitimen Aufbruch der Fahrenden, deren Handlungsfreiheiten und deren Wertschätzung durch die (immobile) Gemeinschaft. Diese Interessen sind geprägt durch das Weltbild der Gemeinschaft und durch das Reisebild der Fahrenden. Vorstellungen und Notwendigkeiten ergeben Muster meist legitimierter Fahrten wie beispielsweise:

Primärziel Sachsystem Personale Systeme Organisationssystem
Sinnsuche Pilgerstab
Krummstab
Pilger
Wandermönche
Peripatetiker
peregrinatio
Mission
Suche nach Heimat Camouflage Exilierte
Auswanderer
Flüchtlinge
Flüchtlingslager, Grenzregime, Asylverfahren
altes Wissen
tradieren
Rednerstab Wanderpoeten,
Rhapsoden
Kult
neues Wissen
erkunden
Meßstab, -seil
Hodometer
Wegzeichen & Aufzeichnung
Kundschafter
Bematisten,
(Agri)mensores
Kartographie
Vermessung
Nachrichten
austauschen
Botenstab Boten
Gesandte
Botschaft
Sendung
Waren herstellen Rohstoffe
Werkzeug
Wanderschmiede
Wandergesellen
Handwerk,
Gesellenwanderung
Waren erbeuten Beute (Plunder)
Waffen
Reisige Krieg
Waren austauschen Waren
Transport- & Tragetechnik
Fahrende Händler Handel, Märkte,
Verkehr, Netze

Bei allen Unterschieden der Interessen macht der Weg alle Figuren zu Weggenossen und Kundigen, die gleichermaßen vorhandene Sachsysteme und Organisationssysteme für Fortbewegung und Transport verwenden.
Unterschiede lassen sich äußerlich erkennen an der Art der Kleidung sowie in in der besonderen Legitimation des Unterwegs-seins der Stabträger. So diente die Kopfbedeckung als Distinktionsmerkmal (engl. dresscode, lat. narratio per vestimentum): breitkrempiger Pilgerhut (petasos), krempenlose Filzkappe (pilos), kapuzenartige Gugel mit Nacken- und Schulterteil, spitzer Kapuzenmantel (cucullatus), gehörnter Judenhut (pileum cornutum) 3) und andere 4).

Bedingungen und Folgen: Das Bild der Reise

Das Bild der Reise im Handlungskreis

Organisationssysteme: Die Frage nach dem Wie

Wer allein unterwegs ist, muss autonom handeln und autark sein, anschaulich praktizieren dies beispielsweise Bergsteiger, Einhandsegler, Extremreisende.

Aus Bedürfnissen (etwa den Weg zu finden), leiten sich Funktionen ab (führen, leiten), die mehr oder weniger durch externe Systeme substituiert werden können. Verschiedene Rahmenbedingungen ergeben unterschiedliche Lösungen: Führer, Karten, Reiseführer, Hinweise (Zeichen, Schilder), digitale Leitsysteme.

Substitution und Funktionserweiterung

Dadurch entsteht ein Handlungsspektrum zwischen völliger Autonomie eines unabhängigen Akteurs und Autarkie (Ressourcen-Unabhängigkeit) einerseits und dem gedankenlosen Befolgen von Anweisungen andererseits. Als Kriterien wirken dabei Bequemlichkeit, die Grenzen eigener Fähigkeiten und Fertigkeiten (etwa Kartenlesen), Kosten, Aufwand. Substitution ist jedoch in der Regel mit einer Funktionserweiterung verbunden, so dass die Auswahl eines geeigneten Systems insbesondere für Reisende nicht durch technologische Akkumulation oder Overengineering (»[wiki:immermehrismus|Immermehrismus]]«) bestimmt sein kann, sondern vielmehr durch Einfachheit. Das führt zuerst zu mobilen Insellösungen und erst später zu stationären Funktionsträgern im Rahmen von räumlich ausgedehnten Systemen, beispielsweise:

Funktionen Substitution durch
personale S.
Figuren
Nutztiere Sachsystem Makrosystem
Nachrichten
überbringen
Boten Brieftauben Schrift
Codes
Wegesystem
schnell sein Reiter Reittiere Stationen Beförderungssystem
den Weg finden Führer Spürhund Steinmann
Reiseführer
Karten
Navigationssystem
Lasten tragen Träger Lasttiere Zugtiere
Fuhrwerke
Transportsystem
Massen in
Verkehr bringen
Fuhrmann Karawanen Floß, Boot
Fahrzeug
> Flugzeug
Fuhrwesen,
Verkehrssystem
Gefahren abwehren Leitsleute Kampfhund Stab, Stein
> Waffen
Geleitswesen
sicher ruhen Wächter Wachhund Versteck,
Höhle
Herberge
Beherbergungs-
gewerbe

»Substitution« vereinfacht den Vorgang, denn damit ist in der Regel keine Eins-zu-Eins-Auswechslung verbunden, sondern auch eine Verschiebung von Möglichkeiten und Bedingungen, insbesondere beim Aufbau eines Makrosystems (Infrastrukturierung).

Beispiele

Boten haben das primäre Ziel, eine Nachricht zuverlässig und möglichst schnell an ein bestimmtes Ziel zu bringen. Diese Fokussierung erfordert es mindestens für Fernboten, möglichst viele Funktionen zu substituieren, die ihr Primärziel beeinträchtigen: den Weg zu finden, Nahrung und Wasser zu erhalten, eine geschützte Bleibe für die Nacht zu haben usw., verlangt also ein Beförderungssystem mit stationären Lösungen.

Fahrende Händler haben das primäre Ziel, möglichst viele Waren sicher an ein bestimmtes Ziel zu bringen. Primär substituiert werden dazu die Funktionen 'Lasten tragen' und 'Sicherheit'. Dies gelingt am einfachsten durch das Bilden großer Gesellschaften (Karawane, Hansen) mit Frachtkapazitäten (Kamele, Ochsen, Boote), jedoch auf Kosten der Geschwindigkeit.

Organisationssysteme zur Sicherung der Mobilität

Organisationssysteme zur Sicherung der Mobilität sind durch ihre Zielsetzung und ihren Funktionsumfang (s.o.) charakterisiert, beispielsweise

In der Literatur wird meist nicht unterschieden zwischen Wegenetzen und Organisationssystemen. Wegenetze sind eine notwendige Voraussetzung für unterschiedliche Organisationssysteme, jedoch nicht hinreichend. Erste Wegenetze entstehen durch Gebrauch (Trampelpfade), natürliche Übergänge (Pässe, Wasserscheiden) und Durchgänge (Furten, Lichtungen) sowie gemeinsame und wiederkehrende Ziele vieler Nutzer: Gesellenherbergen für die Gesellenwanderung, Pilgerhospize auf dem Weg zum Pilgerziel, Klöster für Visitationen, Pfalzen für die Reichsverwaltung. Dabei bilden sich Netze (engl. network) mit Knotenpunkten (nodal point), die in jedem Fall verbindend wirken (nexus, junction). Als Gabelung oder als Kreuzweg (crossroad) werden sie zu einem Ort für Entscheidungen.

Daraus erwachsen institutionalisierte Praktiken und nachfolgend Organisationen (Infrastrukturierung) entweder

Rechtliche, ökonomische und soziale Institutionen (Geleitswesen, Post, Hanse) bilden zusammen mit Wegenetzen Organisationssysteme der Mobilität. Eine herausragende Bedeutung macht sie zur Drehscheibe (hub) zahlreicher Verbindungen. Venedig, Byzanz, Zypern … werden oft mit solchen Attributen versehen.

Reiserelevante Organisationssysteme zur Versorgung

Exemplarisch deutet das folgende Raster ansatzweise an, wie Organisationssysteme analysiert werden können. Auf der Mikroebene erscheint der Akteur mit seiner individuellen Ausrüstung, auf der Mesoebene erscheint der Akteuer in der Begegnung mit externen Systemen (Knotenpunkt, Station, Herberge …) und auf der Makroebene findet sich das transregionale Infrastrukturnetz mit dem Fluß von Stoff, Energie und Information zur Aufrechterhaltung des Netzes.

Institution Stoff Energie(-träger) Information
Mikrosysteme
Führer Stab, Licht spuren Wegfindung
Träger Reisegepäck Nahrung Lastenorganisation
Tierführer Lasten Futter Tierhaltung
Fuhrmann Fuhrwerk Zugtiere Tierhaltung
Fuhrwerktechnik
Fahrer Wagen Treibstoff Steuerung
Fahrzeugtechnik
Fährmann Fähre, Boot übersetzen (Energie von
Muskeln, Strömung, Wind …)
Anlegestellen,
Strömung, Untiefen
Dolmetscher Wörterbuch übersetzen durch
mentalen Aufwand
Sprachen
Gastgeber Unterkunft Wärme, Nahrung Kontakte
Weidmann
Waldläufer
Waffen, Fallen Nahrung Jagd
Mesosysteme
Herbergen Raum, Bett Heizung, Licht Reservierungen, Gästebuch
Rastplätze WC, Essen & Trinken Treibstoff, Druckluft Orientierung, Information
Werkstätten Werkzeuge Elektrizität, Gasflaschen technisches Know-How
Makrosysteme
Wege- & Straßennetz Weg, Straße Räumen, Herstellen Verkehrsregeln
Verkehr Verkehrstechnik Treibstoffversorgung Know-How
Fahrplan
Versicherungen
(ADAC, Geleitswesen)
Schutzbrief Normen
Handel Warenstrom Transport Markt
Orientierung Steinmann
Wegweiser als Kette/Netz
Verirren Kartographie

Sachsysteme: Die Frage nach dem Mittel

Sachsysteme sind bestimmt durch ihren Funktionsumfang und ihre Wirkung auf Stoff, Energie und Information.

Entstehungszusammenhang und Verwendungszusammenhang

Sachsysteme sind nicht einfach vorhanden, sondern müssen geschaffen werden, werden also im Entstehungszusammenhang zum Ziel des Handelns. Das Produkt enthält die im Entstehungsprozess kodierte Information, etwa durch die Form des Hammers. Dieser enthält das Erfahrungswissen des Herstellers nun als Objektwissen.

Im Verwendungszusammenhang sind sie dagegen ein Mittel des Handelns. Reisende müssen also vor dem Aufbruch ihre Bedürfnisse bestimmen und die dazu geeigneten Sachsysteme auswählen. Wer das nicht kann, unterliegt dem Law of the Instrument. Das Sachsystem bleibt nutzlos ohne das Subjektwissen (Können/Fertigkeiten).

In beiden Fällen werden Sachsysteme zum Teil eines Handlungskreises und damit zum dynamischen Stoff-, Energie-, Informationsfluss. Dieser läst sich beobachten und messen.

Ein Ding ist das kleinstmögliche Element im Sachsystem. Ein Sachsystem funktioniert, wenn die funktionalen Eigenschaften des Sachsystems (Leistungs- oder Systemparameter) den Anforderungen entsprechen. Die Anforderungen ergeben sich aus den Bedürfnissen, die Verfügbarkeit der Sachsysteme ist zeitgebunden.

Stoff, Energie, Information

Sachsysteme erhalten erst durch das Handeln eines Akteurs (Reisende) einen Sinn. Die Vielfalt der Reiseformen erschließt sich auch über die verfügbaren Sachsysteme, die formaltechnisch immer aus drei Perspektiven betrachtet werden können und als Teil der Handlung betrachtet werden müssen:

  1. Stoff
    1. Kleidung zum Schutz vor
      1. Sonne (Tuch, Mütze),
      2. Kälte (Umhang),
      3. Verletzung (Riemensandalen, Stiefel)
  2. Energie
    1. Wärme (Kleidung, Feuer)
    2. Muskelkraft, Benzin, el. Energie …
      1. zum bewegen von Lasten
    3. Physiologische Brennwert von Lebensmitteln zur Nahrungsaufnahme
  3. Information
    1. Zeichen (z.B. Symbol, Ikon, Index)
    2. (empirisches) Wissen (Know-How)
    3. Können, Fähigkeit (gr. dynamis) des Reisenden
      1. Verständigung: Sprache

Bedürfnisse und deren Sachsysteme

Bedürfnis Basis-Sachsystem Basis-Transport Stand der Technik
Tragen Tragestange
Gürtel
Dose, Netz, Korb
Beutel, Sack
Rucksack
Trinken Wasser Lederbeutel
Kalebasse
Trinkbeutel
Nahrung Wegzehrung Proviantbeutel Trekkingnahrung
Wetterschutz Reisekleidung Kapuzenmantel Fleece & Gore-Tex
Wärme Lagerfeuer Glutdose Feuerzeug
Schlafen Fell, Matte, Decke Bettrolle Feldbett, Hängematte, Schlafsack
Lagerplatz Höhle, Shelter Biwaksack, Tarp Unterkunft: Biwak, Dachzelt, Zelt
Hygiene Wasser, Kamm
Kaustöckchen
Gürteltasche Waschtasche, Bäder
Werkzeuge Stab Gehänge Leatherman
Positionsbestimmung Indischer Kreis
(Stab & Seil)
Kompass, GPS

Beispiel Transport

Sachsysteme unterliegen den Zeitläuften, den regionalen Bedingungen, den individuellen Möglichkeiten wie beispielsweise an den folgenden Teilsystemen im Bereich Transport erkennbar wird:

  1. Transporthilfen, also Behälter wie Flasche, Netz, Korb, Balge, Beutel, Sack, Kiste
  2. Transportmittel, also etwa Schleife, Schlitten, Karre, Wagen
  3. Stabwerkzeuge wie etwa eine Tragstange, Rucksackstangen, eine Schleife aus Stangen
  4. Domestikation von Nutztieren als Lasttier, Reittier, Zugtier

Personale Systeme: Die Frage mit Wem?

Personale Systeme sind bestimmbar durch ihre Funktionen und ihr Zielsystem. Wiederkehrende Funktionen und Ziele manifestieren sich in Rollen und Figuren. Diese lassen sich im soziotechnischen Handlungsablauf differenzierter betrachten, indem ihre Funktionen nicht nur im Verhältnis zum Reisenden sondern auch zu (Herkunfts-, Ankunfts-)Gemeinschaft und (Reise-)Gesellschaft untersucht werden.
Rollen und Figuren

Unterwegs ist der Reisende ein Fremder und bestenfalls ein geduldeter Gast auf Zeit. Der Wechsel zwischen den Rollen ist mit einem Vertrauensvorschuss verbunden und den Pflichten des Gastes, seinem sozialen Status dem Gastgeber gegenüber gerecht zu werden. Dazu gehören etwa gegenseitige Gefälligkeiten, gemeinsames Essen, kein Widerspruch …

Heimkehrend fällt der Reisende aus der Rolle des Urlaubers (im alten Wortsinne der, dem erlaubt war, sich zu entfernen) wieder zurück in seine alte Rolle in der Gemeinschaft. Bedingt durch neue Erfahrungen passt die Rolle aber nicht mehr, so dass nun beide Seiten einen neuen Umgang miteinander finden müssen (Rollendistanz). Der Rückkehrer ist ein Außenseiter, ein Kundiger, der durch die veränderte Weltanschauung Befremden auslöst und dem leicht die Rolle des Tricksters oder Narren zugewiesen wird.
Vertrauliche Kommunikation gibt es nicht umsonst. Höflichkeit als unpersönliche Handlungsform ist ein Teil der Annäherung. Dagegen wirkt der Verweis auf normerfüllendes Verhalten unverbindlich und distanzvergrößernd.

Literatur

Literaturliste soziotechnische Handlungssysteme


,,reisegeschichte.de © 1998–2026 Norbert Lüdtke. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.,,

1)
Günther Ropohl
Allgemeine Technologie
Eine Systemtheorie der Technik.
3. A. Karlsruhe 2009, online
2)
panta rhei (griech.), Heraklit, 540−480 BC
3)
Naomi Lubrich
The Wandering Hat: Iterations of the Medieval Jewish Hat.
Jewish History 29 (2015) 203–244
4)
Kneisel, Jutta
Gesichtsurnen und ihre Kopfbedeckung. Neue Erkenntnisse zum Phänomen der Gesichtsurnen im nordeuropäischen Kontext.
Peregrinationes archaeologicae in Asia et Europa. Joanni Chochorowski dedicatae.
Kraków : Instytut Archeologii Uniwersytetu Jagiellońskiego 2012, S. 19-36.
Abb. 7 (Hutformen) und Abb. 9: Die Korrespondenzanalyse korreliert die Typen der Kopfbedeckungen aus der Situlenkunst mit den dargestellten Tätigkeiten ihrer Träger: Jäger, Krieger, Mitfahrer, Musiker, Pflüger, Reiter, Tierführer, -treiber und andere.