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Nomaden

Abgeleitet vom altgr. νομάς nomás, wörtlich `weidend´, gleichbedeutend mit `umherschweifend´ in einem Wortfeld mit fließen und zusammenführen; eine Bezeichnung für nicht-sesshafte Lebensweisen, die wirtschaftlich begründet sind, also etwa Hirtenkulturen im Unterschied zum Fahrenden Volk. Nomaden wandern regelhaft und folgen Rhythmen und Richtungen, die meist klimatisch oder jahreszeitlich bedingt sind.

Die Frage »Woher kommen wir?« ist zutiefst menschlich und vermutlich suchen alle Völker nach einer griffigen Antwort, die sich in Schöpfungsmythen und Naturphilosophien niederschlägt. Da die Erfahrung des Lebens wesentlich vom Leiden geprägt wird, finden sich im Urzustand zum einen paradiesische Vorstellungen, zum anderen eine bedrohliche Wildnis. Während also Hirten und Nomaden als Ideal überhöht werden, weil sie dem göttlichen Urzustand besonders nahe sind, werden Waldläufer als Outlaws eher misstrauisch betrachtet, weil sie die Gemeinschaft fliehen. Allerdings ist auch der Zustand der Sesshaften überschattet durch Gier (Streben nach Besitz) und Neid auf den Besitz der Anderen.

Dennoch meinte Aristoteles vor rund 2500 Jahren »Außerhalb der Stadt gibt es nur Helden und Ungeheuer«. Dort draußen helfen nur die archaichsten Götter aus der Zeit vor der Sesshaftigkeit, Hirtengötter wie Pan, die aber auch bedrohlich sind. Die wildesten Menschen suchte Aristoteles 1) unter den Nomaden, weil sie zu viel Zeit hätten, denn sich von zahmen Tieren zu ernähen sei mühelos. 400 Jahre später beschreibt Strabon (63 vor bis 23 nach Christus) die Hamaxoikoi und Nomaden 2), die insbesondere von Milch und Pferdekäse leben, aber nur den Tausch von Ware gegen Ware kennen, weder Vorratshaltung noch Handel 3).

Auf dem afrikanischen Kontinent wurde der griechische Begriff Nomade bereits in der Antike zur Bezeichnung des Volkes der Numider, die ebenfalls mit dem Wagen (»Mapalia«) unterwegs sind: »Numidae vero Nomades a permutandis pabulis, mapalia sua, hoc est domos, plaustris circumferentes.« 4). Nomaden sind solche Völker, die entweder mit Weidetieren handeln oder sich wie diese von Pflanzen ernähren 5).

Als auet-Zepter (heqa, ḥq3) ist der Hirtenstab altägyptische Insigne seit dem Alten Reich (2707–2216 v. Chr.) bekannt und steht für die Bedeutung des Hirten als Vorbild eines Herrschers und des Viehs als wirtschaftlicher Basis. heqa ḥq3 ist die altägyptische Bezeichnung für Herrschaft und bezeichnete ursprünglich als `Hyksos´ ausländische Herrscher der Hirtenvölker aus dem vorderasiatischen Raum 6).
Das mit heqa fast identische Zeichen heka ḥk3 steht für `Magie´ und wird durch das was-Zepter symbolisiert, einen »Schlangenstab«, wie er seit etwa 3.600 v. Chr. belegt ist. 7). Seiner Funktion nach (Schlangen fangen) ist er älter als der Hirtenstab (Ziegen fangen).

Literatur

  • Burckhardt, Johann Ludwig
    Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby.
    Gesammelt während seiner Reise im Morgenlande. Hrsg. von der Gesellschaft zur Beförderung der Entdeckung des innern Africa. Weimar : Grossh. S.pr. Landes-Industrie-Comptoirs, 1831 Reprint: XII, 608 S., Faltkarte Olms Verlag 2004
  • Casajus, Dominique
    La Tente dans la solitude: la société et les morts chez les Touaregs Kel Ferwan.
    Cambridge 1987: Cambridge University Press.
  • Deleuze, Gilles
    Nomad Thought
    The New Nietzsche: Contemporary Styles of Interpretation. David B. Allison (Hg.)
    Cambridge, Massachusetts: MIT, 1985, 142-149
  • Frachetti, M.D., C.E. Smith, C.M. Traub, T. Williams
    Nomadic ecology shaped the highland geography of Asia’s Silk Roads.
    Nature 543 (2017) 193-198.
  • Grégoire, Emmanuel, Marko Scholze
    Identité, imaginaire et tourisme en pays touareg au Niger.
    Via Tourism Review. 2 (2012) 1-15. Deutsche Version Online
  • Jacob, Georg
    Altarabisches Beduinenleben.
    Berlin 1897: Mayer & Müller. Reprint: mit Register und kritischem Apparat. XXXV, 278 S., 2 Tafeln. Olms Verlag 2004.
    Beschrebung von Jagd, Tierhaltung (Pferd, Kamel), Ernährung, Heilkunst, Staatswesen, Tod.
  • Khazanov, A.M.
    Nomads and the Outside World
    The University of Wisconsin Press, Madison 2.A. 1994.
  • Anna Nerkagi
    Weiße Rentierflechte
    Roman [einer Nenzin, Sibirien]. Aus dem Russischen von Rolf Junghanns. Mit Fotos von Sebastiao Salgado. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2021.
  • Alexandr Podosinov
    Nomads of the Eurasian Steppe and Greeks of the Northern Black Sea Region: Encounter of Two Great Civilisations in Antiquity and Early Middle Ages.
    S. 237–251 in: Chen Hao (Hg.): Competing Narratives between Nomadic People and their Sedentary Neighbours. Papers of the 7th International Conference on the Medieval History of the Eurasian Steppe. 9.–12.11.2018 at Shanghai University. (=Studia uralo-altaica, 53) Szeged 2019.
  • Rücker, Michaela, Christine Taube, Charlotte Schubert
    Wandern, Weiden, Welt erkunden. Nomaden in der Griechischen Literatur. Kommentierte Zusammenstellung der griechischen und byzantinischen Quellen, nach Textgattungen und chronologisch geordnet. 367 S. Darmstadt 2013: Wiss. Buchges. Inhalt
  • Scholze, Marko
    Moderne Nomaden und fliegende Händler: Tuareg und Tourismus im Niger.
    Diss. Universität Bayreuth 2006. 488 S. (=Beiträge zur Afrikaforschung, 34) Glossar 465-470, Bibliographie 471-486. Münster 2009: LIT . Inhalt u.a.:
    • Ethnologie und Tourismus
    • Feldforschung im Tourismus
    • Die spezifische Forschungssituation im nigrischen Wüstentourismus
    • Der Ethnologe als Tourist
    • Das Bild der Wüste und der Tuareg in der westlichen Welt
    • Touristen in Niger oder der Homo touristicus sahariensis
    • Die Interaktion mit Europäern
    • Reiseziele Agadez und Timia, eine Oase im Aïr-Gebirge
    • Die Arbeit der shasturisFliegende Händler«]
  • Staubli, Thomas
    Das Image der Nomaden im alten Israel und in der Ikonographie seiner sesshaften Nachbarn.
    Diss. Freiburg, Schweiz, (= Orbis Biblicus et Orientalis, 107). XII, 308, [92] S. 3 Bl. zahlr. Ill. Göttingen 1991: Vandenhoeck
  • White, Kenneth
    L'Esprit nomade.
    Paris 2008: Librairie Générale Française
1)
Politik I, 8, 6
2)
Bökönyi S.
The role of the horse in the exploitation of steppes.
In: Archäologische Mitteilungen aus Iran. Neue Folge (Berlin) ASMS 1994, pp. 109-122
3)
Strabon VII, 3, 7
4)
Plinius (um 23–79 nach Chr.) Naturalis historia V, 22
5)
Festus, De verborum significatu
6)
Zum Hirtenvolk der Hyksos siehe
Manfred Bietak
Hyksos. In: Kathryn A. Bard (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt. Routledge, London 1999, ISBN 0-415-18589-0, S. 377
7)
Dazu ausführlich
Frank Förster
Der Abu Ballas-Weg: Eine pharaonische Karawanenroute durch die Libysche Wüste
28 Africa Praehistorica, Heinrich-Barth-Institut, Köln 2015, S. 265-266, dort auch Belege für die Funktion als Gerät zum Schlangen fangen
William J. Cherf\\ The Function of the Egyptian Forked Staff and the Forked Bronze Butt. A Proposal
In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde. 109, 1982, ISSN 0044-216X, S. 86–97.
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