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Kartographie

Karte, Kartographen & Kartographie im 14. Jahrhundert
Karte, Kartographen & Kartographie im 15. Jahrhundert
Karte, Kartographen & Kartographie im 16. Jahrhundert
Arabische Reisende und arabische Kartographie
Literaturliste Natural Mapping
→ Überschneidungen mit Weltbilder-Karte-Globen

Reisende fragen sich jeden Tag erneut: Wohin? Reisen ohne Karte ist heute kaum vorstellbar, auch ein Navi zeigt sie. In der Antike gab es zwar Karten, aber man reiste über Land mit einem Itinerar von Ort zu Ort und entlang der Küste mit einem Periplus mit Blick auf die Landmarken der Küste.

Gezeichnete Karten waren zuerst Küstenlinien, die man von See aus sieht, dann Seekarten, dann erst Landkarten, aber immer dienten sie der Orientierung.
Als Weltkarte (lat. mappaemundi, frz. mappemondes) sind sie Ausdruck eines zeittypischen Weltbildes, so wie der Globus Ausdruck der Raumvorstellung ist. Zur praktischen Orientierung eignen sie sich nicht. In einer Zeit der Navigationssysteme muss sich die Karte neu erfinden, beispielsweise sind die Stadtpläne von Blue Crow Media solche Karten, die die Welt bedeuten (Kevin Hanschke in FAZ 20.11.2021).

Kartenzeichner

Die Kartenzeichner der Portolankarten verarbeiteten vertrauliche Informationen, da sie mit Schifffahrt und Handel verbunden waren. Reeder und Kapitän, Steuermann und Kartograph und Kompassbauer gingen im Mediterraneum aus derselben Familie hervor, mehrere Funktionen verschmolzen oft in einer Person (→ Kartographie im 13., 14., 15. Jahrhundert, Fernhandelsnetzwerke ). Die Berufsangaben der Kartographen umfassen in den Quellen (meist Notarakten) die Begriffe buxolerius (Kompassbauer), Maler (pictor) sowie mestre de cartes de navegar, magister cartarum navigandi, illuminator cartarum navigandi; die Kartographenfamilien waren bereits vorher als Händler und Seefahrer bekannt gewesen. Entstehungs- und Verwendungszusammenhang fallen in diesen Tätigkeitsfeldern zusammen, siehe das Frontispiz in: Willem Jansz Blaeu, Le Flambeau de la navigation, Amsterdam 1620: Jean Jansson.

Kartographie gilt als grafische Darstellung zwischen Kunst und Handwerk 1) auf der Basis subjektiver Beobachtungen und objektiver Ergebnisse der Forschung 2). Karten sind im besten Fall gute Fiktionen, die die Realität veranschaulichen 3).

  • George Guillinane André
    The draughtsman's handbook of plan and map drawing
    including instructions for the preparation of engineering, architectural, and mechanical drawings : with numerous illustrations and coloured examples.
    XII, 150 S., 38 Tafeln. London 1874: Spon. Online

Merkmale einer Karte

Die Merkmale einer Karte sind zuerst deren Rand, der Strich und der leere Raum dazwischen. Erst wird der Rand festgelegt (Horizont & Ende Gelände), dann der Strich geführt; Letzteres als Ausdruck eines Eindrucks, als radikal reduzierte und abstrahierte Natur. Der Strich bildet nicht das Nahe ab, sondern die Ränder der Wahrnehmung an der Grenze zur Undeutlichkeit und macht den Reisenden damit zum Grenzgänger. Der horror vacui als Angst vor dem weißen Nichts verführt dazu, mehr zu zeichnen, als ist und gebiert Ungeheuer: den Riesenwal auf See- und die Löwen auf Landkarten.

Karten bedürfen im Unterschied zum Itinerar zwingend eines Maßstabs und einer Richtungsangabe, weil sie als Orientierungskarte mehr als einen Weg zeigt, also Entscheidungen verlangt. Zum einfachen Maßstab ohne Messung kann aber auch ein Boot, ein Mensch, ein Kirchturm werden. Die Himmelsrichtung ist usprünglich kulturell bedingt: Karten waren zuerst geostet wegen des Sonnenaufgang, gesüdet, weil dort die Sonne im Zenit steht und genordet, weil die Kompassnadel dorthin zeigt. Das älteste Koordinatensystem bezieht sich auf Sterne, Sonne, Mond und wurde erzählt, etwa als Gedicht:

  • A. Schott, R. Böker
    Aratos [ca 310 - 245 v. Chr.]
    Sternbilder und Wetterzeichen.
    (=Das Wort der Antike, 6) München 1958: M. Hueber.

Entdecker folgten Vorstellungen, weil es für das Unbekannte weder Itinerar noch Karte gibt. Dabei wird Wissen über die Erde gesammelt. Das Wissen einheimischer Führer zeigte andere Form der Orientierung als Natural Mapping (auch: Indigenious mapping).

Reisetypisch ist es, raumbezogene Informationen linear zu sammeln, als Tagesetappen, Logbuch oder Roadbook. Diese können zeichnerisch verdichtet werden, in der einfachsten Form als lineare Wegekarte oder Itinerar. Die vier Voraussetzungen dafür sind 4):

  • eine scharfe Beobachtungsgabe,
  • Orientierungsvermögen,
  • Zeichentalent und
  • Messverfahren.

Aus diesem Erfahrungswissen eine Karte zu machen, ist auf dem Schiff Aufgabe des Kartenzeichners (draughtsmen) und nach der Reise Aufgabe der Kartographen.

  • Bagrow, Leo; Skelton, R.A.
    Meister der Kartographie.
    579 S. 22 Farbt. 118 Kunstdrucktafeln, 79 Karten im Text, Angaben zu 1291 Kartographen. Bearb. von Heinrich Winter. Berlin 1963: Safari. Inhalt
  • Schelhaas, Bruno; Wardenga, Ute
    'Die Hauptresultate der Reisen vor die Augen zu bringen.' oder: Wie man die Welt mittels Karten sichtbar macht“.
    in: Berndt, Christian; Pütz, Robert (Hg.): Kulturelle Geographien. Zur Beschäftigung mit Raum und Ort nach dem Cultural Turn. Bielefeld 2007: Transcript.
  • Schelhaas, Bruno; Wardenga, Ute
    „Inzwischen spricht die Karte für sich selbst“. Transformation von Wissen im Prozess der Kartenproduktion.
    S. 89-107 in: Steffen Siegel & Petra Weigel (Hg.): Die Werkstatt des Kartographen. Materialien und Praktiken visueller Welterzeugung. (=Laboratorium Aufklärung, 9) München 2011: Fink.
  • Voigt, Isabel
    Die «Schneckenkarte» - Mission, Kartographie und transkulturelle Wissensaushandlung in Ostafrika um 1850.
    Cartographica Helvetica 45 (2012) 27-38. Online

Abenteurer und Vermesser

Die Art der Karte ist durch das Medium geprägt: Buchdruck, Farbdruck, Monitor. Das führt absurderweise auch dazu, dass Expeditionen unternommen wurden auf der Suche nach kartographischen Merkmalen, die konstruiert sind, etwa die Datumsgrenze als Problem der Längengrade:

  • Umberto Eco
    Die Insel des vorigen Tages
    Roman, übers. v. Burkhart Kroeber
    508 S., Hanser München 1995
  • Dava Sobel
    Längengrad
    übers. v. Matthias Fienbork u. Dirk Muelder
    224 S., Bibliographie, Register, illustrierte Ausgabe Berlin Verlag 1999
    Die Suche nach einer Methode, auf See den Längengrad einer Position zu bestimmen. Der schottische Uhrmacher John Harrison (1693–1776) entwickelte 1759 mit der H4 das erste präzise Chronometer für den Gebrauch auf Schiffen und schuf damit die Voraussetzung das Problem der Längengrade zu lösen, wie dies James Cook nach seiner zweiten Weltreise am 30. Juli 1775 praktisch bestätigte.

Vielleicht hat der eine oder andere Globetrotter in Ecuador schon einmal eine Pyramide gesehen? In Caraburo und Oyambaro, Gemeinde Yaruquí, stehen zwei, andere stehen in San Antonio de Pichincha, in Calacalí und Quito. Sie erinnern an die Arbeit von Vermessungsexpeditionen.

Dass die Erde keine Scheibe ist - darüber war man sich einig. Auch darüber, dass sie wohl die Gestalt einer Kugel habe. Doch nun ergaben neueste Messungen, daß diese Kugel mitnichten gleichmäßig sei. Isaac Newton stellte als erster die These auf, daß die Erde an den Polen abgeflacht sein müsse. Die These konnte überprüft werden, indem die Länge eines Längengrads am Äquator mit dem eines in Polnähe verglichen wurden. Zwölf Forscher aus verschiedenen europäischen Ländern brachen 1735 auf, um einen Längengrad in Ecuador zu vermessen. Es waren die ersten Nichtspanier, die einen Teil des südamerikanischen Kontinents erkundeten. Zehn Jahre blieben sie unterwegs, denn ihre Aufgabe war meßtechnisch äußerst aufwendig und wurde erschwert durch Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bürokratie.

Sie vermaßen Dreiecke, deren Eckpunkte auf den höchsten Bergen des Landes lagen (Triangulation). Dazu mußten die Meßtrupps tage- und wochenlang in Höhen um 5000 Meter campieren, bis gutes Wetter die Sicht zu den anderen Gipfeln ermöglichte.

Gleichwohl kann man den Bericht und die Leistung der Teilnehmer nur verstehen, wenn ihr Vorhaben eingebettet ist in die wissenschaftliche Diskussion der Zeit und in die politischen Verhältnisse. Einleitend fragt die Herausgeberin Barbara Gretenkord, eine Historikerin, „Warum kannte niemand die wahre Gestalt der Erde?“ Als Vorlage dieses Bandes diente ein kompilierter Reisebericht, der 1758 in Band 15 & 16 »Der Allgemeinen Historie der Reisen zu Wasser und Lande …« erschien. Dieser hatte den Vorzug, auf mehrere primäre Quellen zurückzugreifen und in besonderem Maße reisepraktische Aspekte zu berücksichtigen, die die Dauer der Expedition erklärten. Der Bericht der Reisenden ist in heutiges Deutsch übertragen und leicht bearbeitet. Anmerkungen erläutern Hintergründe, auch die Situation in den spanischen Kolonien wird erklärt. Inhaltlich vermisse ich nur eine zusammenfassende Darstellung der Expeditionsarbeit, also Meßergebnisse und Resultate.

  • Charles Marie de la Condamine
    Reise zur Mitte der Welt
    Die Geschichte von der Suche nach der wahren Gestalt der Erde
    (=Fremde Kulturen in alten Berichten 14)
    Herausgegeben, eingeleitet & kommentiert von Barbara Gretenkord. Ostfildern: Thorbecke 2003
    240 Seiten. 57 Abbildungen, Pappband mit Umschlag. Kurzbiographien der französischen & spanischen Reiseteilnehmer; alte Maße & Münzen, 126 Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Register
  • Robert Whitaker
    Die Frau des Kartographen und das Rätsel um die Form der Erde
    übers. von Enrico Heinemann und Werner Roller
    K. Blessing München 2005
    Anmerkungen, Bibliographie, Register
    Jean Godin war ab 1736 Kartenzeichner bei der Expedition von Charles-Marie de La Condamine im Andenhochland zur Vermessung des Äquators und galt ab 1744 als verschollen. Seine Frau reiste auf der Suche nach ihm durch das Amazonasgebiet.
  • Oliver Schulz
    Indien zu Fuß.
    Eine Reise auf dem 78. Längengrad.
    Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011, ISBN 978-3-421-04474-7.

Vorstellung, Phantasie und Wirklichkeit

Karten triggern die Phantasie mit leeren Flächen zwischen den bekannten Wegen. Die füllte man früher mit Löwen (hic sunt leones). → Phantastische Orte und Imaginäre Reisen

  • Mark Monmonier
    Eins zu einer Million.
    Die Tricks und Lügen der Kartographen.
    Birkhäuser, Basel 1996
  • Dünne, Jörg
    Die kartographische Imagination.
    Erinnern, Erzählen und Fingieren in der Frühen Neuzeit.
    München: Fink, 2011.

Die ungeheuren Meeresflächen verführten dazu, Inseln zu erfinden. Wohin das – auch ohne betrügerische Absicht – führen kann, zeigt:

  • Donald S. Johnson
    Fata Morgana der Meere.
    Die verschwundenen Inseln des Atlantiks.
    Aus dem Amerikanischen von Arnim Menneke. 255 Seiten, zahlreiche Karten, Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Register.
    München/Zürich: Diana 1999.
  • Charles H. Hapgood
    Die Weltkarten der alten Seefahrer
    Die Entdeckung der Antarktis vor 6000 Jahren und Amerikas vor Kolumbus.
    Aus dem Amerikanischen von Ulrike Bischoff [Die OA erschien 1966 (!) als Maps of the Ancient Sea Kings. Evidence of Advanced Civilization in the Ice Age] 317 Seiten, 99 Textabb. Anhang mit 15 geographischen Tabellen; Literaturverzeichnis, Register
    Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2002
    »Dieses Buch bietet eindrucksvolle Beweise dafür, daß unsere Geschichtsschreibung möglicherweise von falschen Voraussetzungen ausgeht.« (Klappentext) Möglicherweise geht auch der Leser von falschen Voraussetzungen aus, denn das Buch erschien 1966 in den USA, der Autor starb 1982, die deutsche Ausgabe ist der (so scheint es) unveränderte Nachdruck eines 36 Jahre alten Werkes. Bei einer Googlesuche im Internet nach „Piri Reis“ stößt man zu 98 Prozent auf esoterische Kreise, Dänikenanhänger und Paläoastronautik. Hier findet Hapgood seine Anhänger.

Doch der Reihe nach: Muhiddin Piri ist eine historische Persönlichkeit und lebte von etwa 1470 bis 1554; der Zusatz „Reis“ ist ein Titel, der etwa Kapitän bedeutet. Er schrieb das »Seefahrerbuch«, Kitab Bahriye, und zeichnete Seekarten, von denen zwei erhalten blieben. Einen Teil der zweiten Karte entdeckte man 1929 im Topkapi Palast in Istanbul. In den 60er Jahren entwickelte Hapgood seine These: Auf der Karte sei die Küstenlinie des antarktischen Kontinents exakt wiedergegeben. Bereits die Tatsache, daß er 250 Seiten für den „Beweis“ braucht, zeigt, daß das eben nicht so augenscheinlich ist. So geht Hapgood einen komplizierten Weg:

  • Erstens ist diese Festlandlinie gar nicht bekannt, denn sie liegt 50 bis 950 Meter unter dem Eis. Sie wurde lediglich seismisch und entsprechend ungenau vermessen – also ist Hapgoods Vergleichsmaßstab recht biegsam.
  • Zweitens war nach allen bisherigen Untersuchungen die Antarktis seit 14 Millionen Jahren nicht eisfrei – wer also hätte die nicht sichtbare Küstenlinie befahren und vermessen sollen?
  • Drittens „paßt“ die Küstenlinie aus der Piri Reis-Karte erst, nachdem Hapgood sie kräftig „bearbeitet“ hat und „Fehler“ tilgt.

Das alles weiß natürlich auch der Verlag. Also peilt er zwei Zielgruppen an: zum einen die Fans prähistorischer Verschwörungsmythen und zum anderen alle jene, die aus Unkenntnis die muffigen Ideen des alten Schinkens für frisch und neu halten. Zur Literatur über Piri Reis siehe Weltbild.


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1)
Lehrbuch für Kartographiefacharbeiter VEB H. Haack Gotha 1988 Teil 1 (128 S.) und 2 (134 S.) mit akribischen und umfassenden Hinweisen zum Erstellen von Karten.
2)
G. Neumayer
Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen.
Mit besonderer Rücksicht auf die Bedürfnisse der kaiserlichen Marine.
56 Holzschnitte, 3 lithogr. Tafeln, 696 S. Darin u.a. beispielhaft die »Skizze meines Weges am 1. Mai 1870 … drei Stunden bis Jerusalem … unterwegs entworfen von H. Kiepert
3)
Zum Problem der thematischen Weltatlanten.
Vorträge zum Kolloquium aus Anlass der 200-Jahr-Feier des Gothaer Verlagshauses 17. bis 19.9.1985 Friedrichroda.
VEB H. Haack Gotha 1985, 196 S.
Andrea Sick Kartenmuster. Bilder und Wissenschaft in der Kartografie.
Dissertation Uni Hamburg 2001/03
4)
E. Fettweis
Orientierung und Messung in Raum und Zeit bei Naturvölkern.
Studium Generale 11.1 (1958) 1-12
wiki/kartographie.txt · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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