Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:globalisierung

Globalisierung

»Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, 
alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, 
in eine solche Verbindung miteinander gebracht, 
dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht.«
Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus 1847

Vier Bernsteinstraßen von zusammen etwa fünftausend Kilometern Länge durchzogen Europa bereits in prähistorischer Zeit in Nord-Süd-Richtung, vielfach bezeugt durch Münzfunde weitab deren Ursprungs. Den interkontinentalen Fernhandel haben wohl zuerst die Phönizier betrieben, also die Küstenbewohner der heutigen Staatsgebiete von Israel, Libanon, Syrien im dritten Jahrtausend vor Christus, die mit ihren Mittelmeerfahrten Afrika, Asien und Europa verbunden haben und wahrscheinlich bis Skandinavien segelten. Auch der damalige Weltverkehr bedurfte der Information und Kommunikation und bediente sich dazu der Boten und Bematisten.

Später waren das Römische Reich und die Kulturen am Indischen Ozean interkontinental tätig. Aber erst Kaiser Karl V. (1500 - 1558) konnte behaupten, dass über seinem Reich die Sonne niemals unterginge, denn als in Aachen gekrönter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches herrschte er über Teile Europas, Amerikas und der Philippinen und schuf die Voraussetzungen für das »Abenteuer Fernhandel«. Die niederländische Vereinigte Ostindische Companie VOC und die englische East India Company EIC wurden zu den ersten Weltkonzernen 1), die wiederum den Weg für die Kolonisierung Asiens und Afrikas bereiteten.

Im europäischen Recht haben sich vier vertraglich verankerte Grundfreiheiten herauskristallisiert, die auch Basis für Gesetzgebung und Rechtsprechung sind, nämlich freier Verkehr von

  Waren (auch: Warenverkehrsfreiheit, freier Warenverkehr)
  Dienstleistungen (Dienstleistungsfreiheit)
  Kapital (freier Kapital- und Zahlungsverkehr)
  Personen (Personenfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit)

Diese vier Faktoren ermöglichen »Globalisierung« im europäischen Rahmen, indem sie nicht nur physischen Transport, sondern auch Arbeit und Geld möglichst reibungsfrei über Grenzen fließen lassen. Interessanterweise fehlt die Freiheit der Information.
Der Ökonom Branko Milanović beschreibt, wie sich die Netzwerke in drei Phasen neu verflechten mussten:

  1. Erstens trennten sich Produktion und Konsum räumlich, indem Waren hergestellt wurden, die man am Produktionsort nicht benötigte, während es Händler gab die wußten, wo es Bedarf gab. Das setzte ein Transportnetz voraus.
  2. In der zweiten Phase verlagerte sich die Produktion in einem sozialen Gefälle hinab zu den Rändern mit geringeren Kosten, dabei wurden aus Entwicklungsländern »Schwellenländer«. Das setzt ein finanzielles Netzwerk voraus.
  3. Jetzt in der dritten Phase könnte sich die Arbeit vom Ort der Produktion trennen, also zur Heimarbeit irgendwo auf der Welt. Das setzt ein Datennetzwerk voraus.

„Strukturbildende Fernverflechtungen“ (Jürgen Osterhammel) lassen sich als Netz verstehen, in dem handelnde Menschen sich bewegen (Migration & Reisen), in dem Werte ausgetauscht werden (Wertsysteme & Kapital), Güter bewegt werden (Gepäck & Transport) und Wissen übertragen wird (Translatio studii & Translation). Da alle diese Vorgänge voneinander abhängen, muss sich ein Gleichgewicht der Kräfte einstellen, das aber auch ausmittelnd wirkt und damit ein einseitiges Wachstum verhindert bzw. Handlungsfreiheiten einschränkt. Globalisation in diesem Sinne muss aber nicht erdumspannend sein, sondern findet dort statt, wo sich Fremdes begegnet.


  • Franz Hümmerich
    Die erste Deutsche Handelsfahrt nach Indiën 1505-1506:
    Ein Unternehmen der Welser, Fugger und anderer Augsburger sowie Nürnberger Häuser.
    Historische Bibliothek Bd. 49, 150 S., München 1922: Oldenbourg.
  • Erik Orsenna
    Weiße Plantagen
    Eine Reise durch unsere globalisierte Welt
    288 S. C.H.Beck München 2007\\Auf den Spuren der Socken durch die Welt der Baumwolle, die in 100 Ländern angebaut oder verarbeitet wird. Der Autor reist durch Mali, Brasilien, Ägypten, Usbekistan, China, Frankreich. Dafür erhielt er 2006 den Ulysses-Preis für Reportagen.
  • Osterhammel, Jürgen, Niels P. Petersson
    Geschichte der Globalisierung
    Dimensionen, Prozesse, Epochen.
    München 2012: C. H. Beck. S. 25, 112
  • Pfister, Ulrich
    Globalisierung
    in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2012-05-15. URL: http://www.ieg-ego.eu/pfisteru-2012-de URN: urn:nbn:de:0159-2012051508 [JJJJ-MM-TT].
1)
Jürgen G. Nagel
Abenteuer Fernhandel. Die Ostindienkompanien
Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2007
wiki/globalisierung.txt · Zuletzt geändert: 2021/08/05 08:34 von norbert