Yves Lacoste ((Lacoste, Y.De la géopolitique aux paysages - Dictionnaire de géographie
Paris 2003: Armand Colin; =Dicionário de geografia : da geopolitíca às paisagens Lissabon 2005; ziziert nach Lecoquierre, s.u.
Lateinisches expedītio bedeutet ‘Erledigung, Abfertigung, Durchführung, Feldzug', also einen organisatorischen Vorgang, der zuerst militärisch gedacht wurde und in Begriffen wie Expeditionskorps, Expeditionsarmee bis heute erscheint.
In heutigen Begriffen zeigt 'expedition' als Letztglied besonders schwierige zivile Unternehmungen an: Arktisexpedition, Dschungel- oder Wüstenexpedition, Nord- oder Südpolexpedition, Polarexpedition, Such- und Rettungsexpedition, Tierfangexpedition. Gemeinsam ist diesen, dass nicht nur etwas erreicht, sondern auch zurückgebracht wird, welchem Wert zugemessen wird.
Im Vordergrund stehen dabei Erkundungs- und Forschungsexpeditionen. Im Englischen wird die Forschungsexpedition als 'exploration' bezeichnet, während im Deutschen die Exploration die Suche und das Erschließen von Rohstoffvorkommen bezeichnet, was wiederum durchaus die Aufgabe einer Expedition sein kann. Es kann abgeleitet werden vom lateinischen ex prolator 'se porter en avant vers l’extérieur'. 1)
Immer wird dabei die Unternehmung einer Gruppe verstanden, hierarchisch unterschieden werden Expeditionsleiter und Expeditionsteilnehmer. Das lässt sich so interpretieren, dass sowohl im Entstehungs- als auch im Verwendungszusammenhang Leistungen und Funktionen mehrerer Menschen erforderlich sind und koordiniert werden müssen.
Das kann unterwegs Hierarchie und Kommandostruktur erfordern anders als bei Reisegefährten. Das kann aber auch eine Ein-Mann-Expedition sein, wenn Entstehung und anschließende Verarbeitung in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet sind.
Die Unternehmungen Einzelner (Abenteurer) als 'Expedition' zu bezeichnen wäre durch die genannten Kriterien nicht gerechtfertigt, weil ihre Zielsetzung ebenso isoliert formuliert wird, wie das Ergebnis eine persönliche Errungenschaft bleibt, der Maßstab wird nicht von außen angelegt.
Die Fahrt von Giovanni 'John' Caboto (um 1450 bis nach 1498) 2) 1497 zur kanadischen Küste gilt als erste britische maritime Expedition. Da es keinerlei unmittelbare Dokumente dieser Fahrt gibt, bleibt unbekannt, ob sie auch damals schon als 'Expedition' bezeichnet wurde. Im königlichen Patent von 1496 heißt es „omni viagio suo“, in der englischen Übersetzung 'voyage'. Erstmals belegt ist der Begriff 'expedition' 1580:
Die Karte wurde um 1587 von einem unbekannten Zeichner erstellt als eine verkleinerte Kopie der Karte, die Drake 1581 für Königin Elisabeth I. angefertigt hatte. Letztere ist verbrannt, die Kopie damit die älteste Karte der Weltumsegelung von Drake mit The Golden Hind. Diese Karte zeigt die Route der Weltumsegelung 1577–1580 mit einer hellbraunen Linie und die seiner Karibikreise 1585–1586 mit einer dunkelbraunen Linie. Drake, der als Kaperfahrer bekannt wurde, umsegelte 1577–1580 die Welt. Ob dies sein Auftrag war, ist unbekannt. Jedenfalls kaperte er spanische Schiffe und bescherte seinen Finanziers einen Gewinn von 4700 Prozent (Wikipedia).
Drake, Francis (1540?-1596)
Richard Hakluyt verwendet den Begriff 1582 häufig (Principal navigations).
Samuel Purchas verwendet den Begriff 'expedition' 1625 einige Male im Sinne von voyage, doch vergleichsweise selten und manchmal negativ konnotiert (fatall, miserable), was das Ergebnis einer solchen angeht, etwa zu Sir Francis Drakes letzter Fahrt: »Toomit other braue exploits neerer home, as that most glorious of 88, and the rest: our puposer is to give you the remote Voyages of this worthy Sea-man; and now lastly that last and fatall expedition Anno 1595 …« 3).
Gehäuft im Sinne von Entdeckungsfahrten erscheint der Begriff erst im 18. Jahrhundert, etwa:
Funnell, William
Immerhin hatte sich der Begriff so weit durchgesetzt, daß der schottische Schriftsteller Tobias Smollett (1721–1771) ihn 1771 im Titel (The Expedition of Humphry Clinker, Online) seines letzten und erfolgreichsten Romans verwendete. Die satirische Verwendung setzt eine allgemeine Vertrautheit mit dem Begriff voraus.
Im Französischen erscheint 'expedition' erstmals im Sinne von voyage und ohne militärischen Kontext 1618, danach in Übersetzungen von Dampiers Expedition als wörtliche Übernahme, 1739 in der französischen Ausgabe (nur dort)von Roggeveens Weltreise und schließlich für französische Forschungsreisen 1747:
Behrens, Charles FrédéricJacob Roggeveen: Kort en nauwkeurig verhaal van de reize, door drie schepen in 't jaar 1721 gedaan, op ordre van Bewindhebb. van de West-Indische Comp. om eenige tot nog toe onbekende landen, omtrent de Zuid-zee gelegen, op te zoeken. Amsterdam 1727 Online, = Tweejaarige Reyze rondom de Wereld Ter nader Ondekkinge der Onbekende Zuydlanden … in het Jaar 1721 ondernomen. Dordrecht 1728: van Braam, welche Behrens auch ins Deutsche übersetzt hat: „Reise nach den unbekandten Süd-Ländern und rund um die Welt, …“. Der Begriff 'expedition' erscheint nur in der französischen Ausgabe.Henry EllisIm Deutschen erscheint 'Expedition' im Sinne von Reisen wohl zuerst bei Johann Joachim Schwabe, 1748 im ersten Band seiner Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und Lande (Online). Auch bereits früher, aber dann als 'Alexanders' Expedition' (1715) oder 'Von der Argonauten Expedition' (1747), also noch im Sinne einer auch militärischen Unternehmung.
Im Spanischen wurden die Unternehmungen der Conquista armada de rescate, jornada oder entrada genannt, wobei nur die erste Bezeichnung sowohl die Mittel (Waffen) als auch das Ziel (Beute) benennt. 4)
1825 verwendet Navarrete „Expediciones al Maluco“ als Oberbegriff für: Viage de Magallanes y de Elcano, Viajes de Loaisa y Saavedra im Unterschied zu 'Viages menores' und 'Viages de Colon'.
Vitus HuberIm Niederländischen hält sich expeditie lange im Sinne einer militärischen Unternehmung und findet sich zuerst 1856 im Sinne von 'Reisen':
Wilhelm Heine| Deutsch | Englisch | Französisch | Spanisch | Italienisch | Niederländisch |
|---|---|---|---|---|---|
| Expedition | expedition exploration | expédition | expedición | spedizione | expeditie |
| Entdeckungs-reise | voyage of discovery | voyage de découverte | viaje de descubrimiento | viaggio di scoperta | ontdekkingsreis |
| Forschungs-reise | research trip | voyage d'exploration scientifique | viaje de investigación | viaggio di ricerca | onderzoeksreis |
Müller, Gerhard FriedrichBucher, GudrunJutta HeinzVermeulen, Han F.Johannes David Michaelis, Königl. Großbritannischen … Professors der Philosophie zu Göttingen, und Directors der Societät der Wissenschaften daselbstFriedrich Christian von Haven, Christian Carl Cramer und Zeichner Georg Wilhelm Bauernfeind und nennt das Werk mit rund 100 Fragekomplexen „ein Register seiner Unwissenheit“, für das er die Berichte von Walch, Heilmann, Röderer und Büttner ausgewertet habe, zudem die Fragen der Französischen Akademie berücksichtigend.John Wilson, European discovery of New Zealand – James CookBacmeister, Hartwig Ludwig ChristianStrukturell vergleichbar mit Expeditionen sind Handelsfahrten, die außerhalb bekannter Routen neue Märkte oder exklusive Waren suchten (→ Fernhandelsnetzwerke). Kaufleute, Schiffseigner und Schiffsführer koppeln sich dabei:
Ursprünglich waren diese drei Funktionen in Personalunion vereint, das Projekt war ein 'Abenteuer'.
Seehandelsunternehmungen (Commenda) entstanden, indem die Funktionen von Kapitalgeber, reisendem Kaufmann und Schiffseigner verschiedenen Personen zufielen. Innerhalb von Familien fanden sich Kaufleute, Schiffseigner, Navigatoren, Kartographen und Kompassbauer:
→ Karte, Kartographen & Kartographie im 14. Jahrhundert
→ Karte, Kartographen & Kartographie im 15. Jahrhundert
→ Karte, Kartographen & Kartographie im 16. Jahrhundert
Im Unterschied zu europäischer Küstenfahrt unterliegen maritime Unternehmungen in unbekannte Räume besonderen Bedingungen:
Wochenlange Fahrten brachten neue Probleme mit sich:
Unter diesen Bedingungen erhält ein Bord- oder Schiffsarzt (früher: barber surgeon) eine andere Bedeutung. Findet sich ein solcher auf der Mannschaftsliste, ist dies ein Indiz für ebensolche Bedingungen.
Francis Drake (1540–1596) war ein bekannter Buccaneer im königlichen Auftrag und führte den Begriff der 'Expedition' für eine Unternehmung ein, die als erfolgreiche Kaperfahrt endete, die aber auch eine erfolgreiche Weltumsegelung (1577–1580) war und sich in beider Hinsicht von Vorgängern abhob.
William Dampier (1651–1715) war ein bekannter Buccaneer im königlichen Auftrag und benutzte den Begriff der 'Expedition' für seine Unternehmungen, die jedoch mehr seiner akribischen Beobachtungsergebnisse wegen berühmt wurden: Küstenlinien, Strömungskarten, biologische Beobachtungen auf Galapagos u.a.m.
Williams, Gary C.Barnes, Geraldine
Zwischen diesen beiden Fahrten ist ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Die maritime Unternehmung nicht nur als militärische Option oder zum Erzielen einer Handelsrendite einzusetzen war neu, obwohl die zugrundeliegenden Sach- und Organisationssysteme es nicht waren. Doch die Ergebnisse enthalten Neues, Ungesehenes und Unerhörtes, erkennbar an den Titeln („account“, „relatio“ → Motsch: Reisesammlungen) der Reiseberichte.
Im 18. Jahrhundert sind funktionale Differenzierungen verschiedener Art zu beobachten:
Peter I. Kamtschatka auf dem Landweg mit dem dänischen Marineoffizier Ivan Ivanovich (Vitus Ponesen) Bering (1681–1741) als Leiter. Dort baute die Expedition Schiffe und wurde maritim tätig. Neben den Leutnants Alexey Ilyich Chirikov und Martyn Petrovich Shpanberg sowie Peter Chaplin mit Seefahrern und Vermessern nahmen rund 60 Matrosen, Soldaten und Handwerker teil. 6)Ludwig XV. den Astronomen Louis Godin (17044–1760) als Leiter, Charles-Marie de La Condamine (1701–1774) Mathematiker und Astronomen, Pierre Bouguer (1698–1758) als Astronom, Geodät und Physiker sowie Joseph de Jussieu (1704–1779) als Arzt und Botaniker mit einer Expedition via Santo Domingo und Panama in die südamerikanischen Gebiete am Äquator. Später kamen die spanischen Offiziere Jorge Juan (1713–1773) als Mathematiker und Astronom und Antonio de Ulloa (1716–1795) als Mathematiker sowie Pedro Vicente Maldonado (1704–1748) als Kartograph und Universalgelehrter hinzu.Carl von Linné (1707–1778) sandte zwischen 1746 und 1796 17 Studenten (Linnés 'Apostel') als Ein-Mann-Expedition systematisch in alle Weltregionen zur botanischen Erkundung. Dabei nutzte er seine Verbindungen, um sie kostenlos auf Handelsschiffen oder bei anderen Expeditionen unterzubringen.Jean-Jacques Rousseau bedauerte 1755, es gäbe nur vier Kategorien Reisender, die lange Reisen unternehmen: Seeleute, Kaufleute, Soldaten und Missionare, die jedoch alle ungeeignet seien, Wissen über den Menschen und die Welt zu erwerben, weil sie ihre je eigenen Perspektiven haben und abweichende Interessen verfolgen. 7)Charles de Brosse, Autor der Histoire des navigations aux Terres Australes, Wissenschaftler auf Entdeckungsreisen mitzunehmen. In der Einleitung knüpft er insbesondere an Maupertuis an 8)→ Entdecker & ErforscherRyan, TomVoltaire (L'Essai sur les Mœurs, 1756).Sir John Banks in London die Association for promoting the Discovery of the Interior Parts of Africa, kurz: African Association. Diese war eine Interessengesellschaft, deren Mitglieder zahlten Beiträge, damit sie die Expeditionsergebnisse erhielten; kommuniziert wurde mittels Briefverkehr.Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland nach Lateinamerika (1799–1804) dar, die sich nicht mit der Erkundung von Küstenlinien begnügte, sondern systematisch das Innere eines Kontinents untersuchte (siehe das Zitat von Humboldt, 1848, bei Lecoquierre, welcher auf die Ableitung vom lateinischen ex prolator 'se porter en avant vers l’extérieur' hinweist, 9) ).Lejeune, DominiqueCarl Ritter als erstem Vorsitzenden dieser Gelehrtengesellschaft. Die Erde (seit 1833) ist die älteste noch erscheinende Fachzeitschrift für Geographie der Erde. Eine Expedition ist gekennzeichnet durch
| Figur/Funktion | vorher | unterwegs | nachher | Maritim | |||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Reeder | Ausrüstung, Bemannung | ||||||
| Auftraggeber | Zielsetzung Finanzierung | Kaufmann | Investition | ||||
| Expeditions- leiter | Itinerar Ausrüstung Team (Auswahl) | Reiseberichte Apodemik Ausrüster | Kommando, Strategie Verantwortung | Account Relation | Kapitän | Schiffsführer | |
| Der Alltag unterwegs | Lokale Experten | ||||||
| Stellvertreter | Vorbereitung | Organisation, Sicherheit | Bericht | 1. Offizier | Arbeitsabläufe kordinieren, Sicherheit überwachen |
||
| Wächter | |||||||
| Navigator | Vorbereitung | Orientierung Kartographie | Karten | Nautischer Offizier | Navigation, Kurs, Wetter |
||
| Führer | Sichere Wege | ||||||
| Logistiker | Vorbereitung | Routen, Transport, Permits, Nachschub | Bootsmann | ||||
| Träger, Tierführer | Lasten; Zug-/Lasttiere | ||||||
| Kommunikation | |||||||
| Dolmetscher | Sprach- & Kulturtransfer | ||||||
| Quartiermeister | Vorbereitung | Verpflegung | Smut | ||||
| Koch | |||||||
| Ingenieur | Vorbereitung | Instandhaltung Fahrzeuge, Ausrüstung | Maschinist | ||||
| Handwerker | Reparaturen | ||||||
| Schutz | |||||||
| Militär | Verteidigung | Verteidigung | |||||
| Expeditions- arzt | Gesundheit | Barber-Surgeon Schiffsarzt | |||||
| Kleriker | Religion | Kirche | |||||
| Experten: Beobachten, Sammeln, Dokumentieren | |||||||
| Naturforscher Wissenschaftler | Messungen, Probenahme, Sach- dokumentation | Sammlung | |||||
| Maler Photograph | Bild- dokumentation | Bilder | |||||
| Hinterland-Erschließung | |||||||
| Vermesser | Landschaften vermessen | Messdaten | |||||
Das Schema ist idealtypisch vereinfacht. Varianten entstehen durch
→ Erde
→ Erstes und zweites Gesetz der Geographie
→ Ethnographische Filme, Expeditionsfilme und Tierfilme
→ Expeditionsküche
→ Expeditionsmaler
→ Linnés 'Apostel'
→ Expeditionsmarken und Padrões ('Portugiesenkreuze')
→ Expedition medicine (Wikipedia)
→ Expeditionsmobile
,,reisegeschichte.de © 1998–2026 Norbert Lüdtke. Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.,,
Yves Lacoste ((Lacoste, Y.Sebastian Cabot (1472–1557) war nach eigener Aussage dabei.Jean-Jacques RousseauLacoste, Y.