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Wandern

Bummeln und flanieren betonen das sich-verlieren ohne auf die Zeit zu achten; doch unterscheiden sie sich durch Stil und Haltung. Allerdings ist es eine eigenartige Vorstellung, man könne in der Einsamkeit bummeln und flanieren, also benötigen beide das sehen-und-gesehen-werden als Teil einer Menge, von der sie sich absetzen können, teils durch Lässigkeit oder Überheblichkeit oder Nachdenklichkeit, teils durch offensichtliche Expressivität mittels Einkaufstaschen, Spazierstock oder Pfeife. Das alte Wort lustwandeln verbindet beide sprachlich mit dem Wanderer.

Doch teilen Spaziergänger und Wanderer mit beiden nur die Art der Fortbewegung, unterscheiden sich aber von ihnen sichtbar durch das eher robuste Schuhwerk, Regenschutz und andere Notwendigkeiten in einem kleinen Rucksack, den man sich auf dem Rücken eines Flaneurs nun wirklich nicht vorstellen möchte.

Wenn der Spaziergang sprichwörtlich des Müssiggangs Bruder ist, dann ist das Wandern mit dem Marsch verbrüdert und wird bei tagelanger Ausübung zum Trekking. Sportmediziner definieren Wandern über eine Schrittgeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde - das dürfte jedoch eher die Ausnahme als die Regel sein und ist mit Gepäck untrainiert kaum machbar.

Wandern im Sinne des romantischen Durchstreifens der Natur wird so erst etwa seit dem 17. Jahrhundert verstanden; zuvor bedeutete es ziemlich sachlich `einen geraden Weg zurücklegen´ mit einer schwachen Nebenbedeutung von `verändern´ im Sinne von `wandeln´ und `wenden´, vielleicht also ursprünglich das Gehen hinter dem Pflug bezeichnend zwischen den »Gewänden« der Ackerfläche so wie auch das Gehen in der Furche als `Fahrt´ bezeichnet wurde.

Das Wort ist nur im Deutschen, Englischen und Altfriesischen (wondrian) und eher selten nachweisbar. Möglicherweise wurzelt es im Altnordischen vǫndr 1) für ‘Stange, Want, Mast’. Vǫnd ist Adjektiv zu vandr ‘schwierig’, vǫndr bedeutet ‘Zauberstab, Veränderer’. Im Altnordischen wird vǫnsuðr mit Wanderer übersetzt, bildlich für `Der Schwingende´ 2).

''Ernst Barlach'' //Wanderer im  Wind//, 1927 (Kohle auf Papier, 63,8×48 cm
''Ernst Barlach'' //Ruhender Wanderer//, 1910 (Gips, getönt, 18×50× 15 cm Berlin, Nationalgalerie

engl. hiking
siehe *Fußreisen

  • Albrecht, Wolfgang, Kertscher, Hans-Joachim (Hrsg.)
    Wanderzwang – Wanderlust. Formen der Raum- und Sozialerfahrung zwischen Aufklärung und Frühindustrialisierung
    Tübingen 1999.
  • Dieter Arendt
    Der Mensch unterwegs
    in: Zeitwende 38 (1967) 688 - 698
1)
vandar, dat. vendi/vǫnd; vendir, acc. vǫndu/vendi
wiki/wandern.txt · Zuletzt geändert: 2021/07/19 14:37 von norbert