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Tragetechniken

In der schlechtesten Schweinsblase sind oft die besten Dukaten
Parömiakon, 130, in: Wanderer: Deutsche Sprichwörter

Behälter

Wer seine Siebensachen mit auf die Reise nehmen möchte, benötigt geeignete Behälter fürs Reisegepäck. Diese müssen mehr oder weniger auf den Inhalt abgestimmt sein, also:

  • für Flüssigkeiten: Flasche, Schlauch, Sack, Kanister
  • für Proviant: Knappsack, Umhängetasche, Beutel, Dosen, Korb
  • für Wertsachen: Geldgürtel, Geldkatze, Brustbeutel, Brieftasche, Portemonnaie
  • für Textilien: Kleidersack
  • für Kleinteile, z.B. am Gürtel: Messerscheide, Werkzeug, Kompass, mobile phone
  • für Spezialausrüstung: Holster, Futteral, Köcher

Last und Bürde in der Vergangenheit

Der wandernde Mensch benötigte von Beginn an Behälter zum Tragen von Wasser und Nahrung, Besitz und Waffen/Werkzeug. Die Ahnen des Reisegepäcks sind:

  • Beutel aus getrockneten Harnblasen, die mit einer Schnur als Geld- oder Tabaksbeutel 1) genutzt wurden; Schweinsblasen werden bis heute verwendet.
  • Bulgen, also im Ganzen abgezogenene Tierfelle, dem Balg, der als Schlauch, Beutel oder Sack geformt und Weinflasche, Wassersack oder »Geldkatze« genutzt wurde, als Blasebalg zum Anfeuern; für Balginstrumente wie Sackpfeife, Dudelsack, Akkordeon, Orgel 2).
  • Köcher, ein länglicher Behälter, meist für Pfeile, aus einem Lederschlauch, Bambusrohr oder den Ästen des Köcherbaums.
  • Dosen, Scheiden, Köcher aus Birkenrinde (russisch Tujes/Туес oder Tujesok/Туесок)
  • Tragenetze aus Rindenbast
    Bastfasern von Bäumen - insbesondere für Geflechte, Netze, Textilien - wurden schon im Mesolithikum aus der Bastschicht von Eiche, Linde, Weide, Ulme hergestellt. 3)
    Netztaschen werden in Papua-Neuguinea von Mann und Frau traditionell für nahezu alle Tragezwecke verwendet; diese »Bilum« lassen sich auf dem Rücken, in der Hand oder an der Stirn tragen.
  • Gepäckrollen aus Fell
  • Körbe, z.B. aus Weidenruten (althochdeutsch zeine, heute ital. zaino `Rucksack´) 4)
  • Die ältesten keramischen Trinkgefäße wurden vor rund 8.000 Jahren in Schlauchform angefertigt 5); deren älteste Vorläufer finden sich etwa 6000 v. Chr. auf dem Balkan, in Polen (Stichbandkeramik 4900–4500 v. Chr. ) und Deutschland (Baalberger Kultur 4200–3100 v. Chr., Salzmünder Kultur ca. 3400–3000 v. Chr.).
  • Textile Behälter aus Tierhaaren (Filz); der älteste Fund ist ein Hut (2.600 v. Chr.) 6)
  • Danach folgten neuere Materialien (Schafwolle), neue Verarbeitungstechniken (Weben, Gerben), aufwendigere Formen, die komplexere Werkzeuge und Verarbeitungstechniken sowie das Anfertigen von Tragehilfen voraussetzen.

Die Begriffe für Beutel und Bulgen entstanden so früh, dass sie in vielen Sprachen verwandt sind, weil sie entweder gemeinsame Wurzeln aufweisen oder weil das Reisen, Transportieren und Handeln den kulturellen Austausch besonders förderte (Lehnwörter). Dies zeigt sich weit über den indogermanischen Sprachraum hinaus, von den nordafrikanischen und arabischen Sprachen bis zu den mongolischen 7), also im gesamten Migrationsraum der Hirtenvölker. Die Bedeutung dieser (Hirten-)wörter 8) wird zudem verstärkt, weil das Material der ältesten Behälter (Fell, Leder, Haut) und deren Organe (Blase, Hoden) unmittelbar aus dem Lebensalltag stammten, also mit Tierhaltung, Nahrung und Fortpflanzung verbunden waren. Die Benennungsmotive gleichen sich in allen Sprachen, gehen ineinander über 9) und werden auf Vergleichbares übertragen:

  • Balg > Schlauch (Hose) > Hülle > Schale > Behälter
  • Blase > (Hoden-)Sack > Kleidung (Fell, Leder > Textilien)
  • Beutel & Sack (prall, rund) > Bauch (Geblähtes) > Beule (Geschwollenes) > Blase (Aufgeblasenes)
  • Scheide, Köcher > Öffnung > Loch > Höhlung > Verstecktes, Gesichertes

Tragehilfen

Die längste Zeit der Geschichte war der Mensch selber Gepäckträger. Notwendige Lasten können zur Bürde werden, dann sinnt der Mensch auf Lösungen. Technische Konstruktionen kombinierten bereits vor 100.000 Jahren Behälter mit Tragehilfen und Verbindungsteilen, dabei zeigt sich eine ziemliche Vielfalt möglicher Tragesysteme:

Lastpunkte Tragemittel Ausführung z.B. als
Stirn Trageriemen Tragenetz (Bilum)
Hals Trageriemen Geldbeutel
Brust Tragetuch Babytuch
HüfteGürtel Gürtelgehänge
Nacken Tragestock Tragjoch, Dracht, Schanne
Schultern Tragekorb als Kiepe getragen
Schultern Tragrahmen als Kraxe getragen
Schultern Trageleiter Packboard
Brust Tragrahmen als Schlitten gezogen
Rücken Beutel mit zwei TrageriemenRucksack
Schultern Beutel mit einem langen Riemen Seesack
Hand Beutel mit einem kurzen Riemen Tasche
verstärkter Beutel mit ÜberklappeTornister
Beutel mit ZugschnurBerliner

Größere Lasten mussten abgegeben werden. Technische Transportmittel wie Wagen und domestizierte Nutztiere wurden vielfach kombiniert. Handel und Landwirtschaft profitierten auf Kosten der Mobilität, denn der menschliche Gepäckträger ist flexibel und bewältigt jedes Gelände. Technik und Tiere dagegen müssen gepflegt werden und stellen Ansprüche.

Konstruktive Anforderungen

Allgemeine reisespezifische Funktionen sind:

  • Tragekomfort, also ergonomische Lastverteilung
  • Robustheit, also Schutz gegen Verlust und Beschädigung
  • Wetterfest, also Schutz gegen Regen, Staub
  • Unscheinbar, also weder Neugier noch Verlangen weckend
  • geringes Eigengewicht

Spezifische reisespezifische Funktionen sind:

  • Wer trägt?
    Körpergröße, Mann, Frau, Kind?
    Fahrrad, Motorrad, Geländewagen?
    Esel, Pferd, Kamel?
  • Für welche Umstände?
    Berge, Wüste, Regenwald?
    Kletterer, Wanderer, Jäger, Soldat?
  • Für welches Volumen und welche Traglast?

Im Unterschied zu obigen funktionalen Eigenschaften zeigen sich weitere Anforderungen durch

  • das Äußere des Reisegepäcks als Symbol für Reichtum (Luxus)
    einen Koffer (Malle Haute 110) von Louis Vitton oder lieber einen A-Klasse Mercedes? Letzterer ist günstiger.
  • die Art des Reisegepäcks als Symbol für Zugehörigkeit zu einer Gruppe
    der Alukoffer von Rimowa fürs Flugpersonal
    der Tornister für Pfadfinder
    der Berliner für Wandergesellen
  • der Umfang des Reisegepäcks als Bedürfnis nach Sicherheit und Komfort
1)
Pfälzisches Wörterbuch Bd. 5, S. 1588
2)
Sonner, Rudolf
Balginstrumente.
In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Berlin 1951, S. 8292
3)
A. Rast
Die Verarbeitung von Bast
In: Die ersten Bauern. Pfahlbaufunde Europas
Forschungsberichte zur Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum
Band 1, Zürich 1990, S. 119–121
A. Rast-Eicher
Die Textilien
In: J. Schibler u. a. (Hrsg.)
Ökonomie und Ökologie neolithischer und bronzezeitlicher Ufersiedlungen am Zürichsee
Band A, Zürich 1997, S. 300–328
4)
W. Gaitzsch
Antike Korb- und Seilerwaren
Schriften des Limesmuseums Aalen 38, 1986.
5)
Griechisch ἀσκός askós „Schlauch“
Andrew J. Clark, Maya Elston, Mary Louise Hart
Understanding Greek Vases.
A Guide to Terms, Styles and Techniques.
J. Paul Getty Museum, Los Angeles 2002, ISBN 0-89236-599-4, S. 70
6)
Catherine Breniquet
Weaving in Mesopotamia during the Bronze Age
Archaeology, techniques,iconography
In: C. Michel, M.-L. Nosch (Hrsg.)
Textile Terminologies in the Ancient Near East and Mediterranean from the Third to the First Millennnia BC
Oxford 2010
Irene Good
Textiles
In: Daniel T. Potts (Hrsg.): A companion to the archaeology of the ancient Near East
Oxford, Blackwell 2012, ISBN 978-1-4051-8988-0, S. 343
7)
Johannes Hubschmid
Schläuche und Fässer
Wort- und sachgeschichtliche Untersuchungen mit besonderer Berücksichtigung des romanischen Sprachgutes in und außerhalb der Romania sowie der türkisch-europäischen und türkisch-kaukasisch-persischen Lehnbeziehungen
A. Francke Bern 1955, 172 S.
8)
A. Noyer-Weidner
Rezension zu „Johannes Hubschmid: Schläuche und Fässer“
in: Romanistisches Jahrbuch Bd. 7, Heft 1, https://doi.org/10.1515/roja-1955-0117
9)
Uwe Friedrich Schmidt
Praeromanica der Italoromania auf der Grundlage des LEI (A und B)
Band 49 von Europäische Hochschulschriften. Reihe 9, Italienische Sprache und Literatur
Peter Lang, 2009, ISBN 3631587708, 9783631587706, 502 S. Mehrere Kapitel zu Behältern mit den Wurzeln bacc-, barr-, burr- u.a.
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