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wiki:fahrendes_volk

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Fahrendes Volk

Solange Menschen in der Wildnis heimisch wurden, gab es kein Fahrendes Volk, denn man gehörte dazu oder nicht, war verstoßen als Outlaw oder heimatlos. Allerdings gab es Figuren am Rande der Gemeinschaft, die zwar dazu gehörten, jedoch mit der Wildnis verbunden waren wie Köhler, Schmied, Seherin und sich darin zurecht fanden: Wissende, Kundige, Waldläufer. Der Wald war jedoch der Zufluchtsort der Geächteten und Friedlosen, dort hausten der dämonsiche Wilde Jäger und der animalische man-of-the-bush.

Dort aber, wo Zentren entstanden (Fürstenhöfe, Klöster, Städte), waren dies mit den dazugehörigen gemeinschaften verbunden und Teil eines Netzwerks zu anderen Zentren und erforderten handwerkliche Arbeitsteilung, Warenverkehr, Nachrichtenaustausch, also Mobilität von Dienstleistern.

Zum Fahrenden Volk gehörten im Mittelalter zunächst Vaganten im Sinne von clerici vagi und christlichen Scholaren (lat. clerici vagi) 1). Hinzu kamen mehr und mehr reisende Hausierer, die von Hof zu Hof und von Weiler zu Weiler zogen sowie Landfahrer (seit dem 13. Jh. belegt). Auch sie wurden später als Vaganten bezeichnet. Diese Gruppe wuchs in dem Maße, wie sich im Hochmittelalter städtische Gesellschaften entwickelten. Zum Fahrenden Volk gehörten:

  • solche, die gewerbsmäßig unterwegs waren wie Händler, Hausierer;
  • Gruppen, deren Wanderstatus gesellschaftlich anerkannt war wie
    Pilger, Handwerksgesellen, Scholaren;
  • gesellschaftlich geduldete Randgruppen (»unehrliche Berufe«);
  • gesellschaftlich Ausgestoßene (*Gauner);
  • unerwünschte Fremde aus der Fremde mit abweichender Sprache und Kultur (Welsche, Zigeuner).

Die Übergänge waren fließend. Unabhängig von diesen formalen Zuordnungen konnte jemand ehrlich unterwegs sein, als Bettler oder als Gauner, denn das Leben auf der Straße war nicht schwindelfrei. Ohne soziales Netz (das konnten auch Klöster sein) und ohne Netzwerk (wie etwa Zünfte) schlugen sich Trickster und Kunden mit List und Täuschung oftmals besser durch.
Im 18. Jahrhundert gehörten rund 10 Prozent der Bevölkerung zum Fahrenden Volk. Das Fahrende Volk verständigte sich mit »Rotwelsch«, einem auf Deutsch basierenden *Jargon mit eigenen Wortschöpfungen sowie zahlreichen Lehnwörtern aus dem Jiddischen und von den Zigeunern.
Das Fahrende Volk benannte sich selbst oft ironisch als: Chausseegrabentapezierer, Himmelsfechter, Kirchturmspitzenvergolder, Luftschiffbremser, Wolkenschieber, Zitronenschleifer und mit ähnlichen Konstruktionen 2).


  • Danckert, Werner
    Unehrliche Leute. Die verfemten Berufe
    Bern, München: Francke 1963
  • Schubert, Ernst
    Mobilität ohne Chance: die Ausgrenzung des fahrenden Volkes\\. in: Gabel, Helmut; Winfried Schulze: Ständische Gesellschaft und soziale Mobilität. Berlin: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1988
  • Hampe, Theodor Fahrende Leute in der deutschen Vergangenheit.
    Leipzig 1902: E. Diederichs.
  • Roeck, Bernd
    Außenseiter, Randgruppen, Minderheiten, Fremde im Deutschland der frühen Neuzeit
    Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1993
  • Schindler, Norbert
    Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit.
    Frankfurtam Main: Fischer 1992
  • Bob Scribner
    Wie wird man Aussenseiter?
    Ein- und Ausgrenzung im frühneuzeitlichen Deutschland.
    Review zum Fahrenden Volk und der Rolle der Zünfte. S. 21-46 in: Goertz, Hans-Jürgen, Norbert Fischer, Marion Kobelt-Groch:
    Aussenseiter zwischen Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Hans-Jürgen Goertz zum 60. Geburtstag. VIII, 312 S., Leiden 1997: Brill.
  • Hergemöller, Bernd-Ulrich
    Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft.
    XVII, 465 S. Warendorf Fahlbusch 2001. Inhalt u.a.:
    • Lömker-Schlögell, Annette:
      Prostituierte. „umb vermeydung willen merers übels in der cristenhait“.
    • Jütte, Robert:
      Bader, Barbiere und Hebammen. Heilkundige als Randgruppen?
    • Brandhorst, Jürgen; Hergemöller, Bernd-Ulrich:
      Spielleute. Vaganten und Künstler
    • Barwig, Edgar; Schmitz, Ralf:
      Narren. Geisteskranke und Hofleute.
    • Belker-van den Heuvel, Jürgen:
      Aussätzige. „Tückischer Feind“ und „Armer Lazarus“
    • Harmening, Dieter:
      Hexen. Hinter dem Rand des Christentums.
    • Mentgen, Gerd: Juden. Zwischen Koexistenz und Pogrom.

siehe auch:
* Literaturliste zum Fussreisen
* Literaturliste Fahrendes Volk
* Fußreisen
* Ritter der Landstraße
* Liste der dem Fahrenden Volk Zugehörigen
* Rotwelsche Länderbezeichnungen

1)
Glanz, Rudolf
Geschichte des niederen jüdischen Volkes in Deutschland.
Eine Studie über historisches Gaunertum, Bettelwesen und Vagantentum.
New York 1968, S. 2
2)
Günter Puchner
Kundenschall
Das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter.
Heimeran München 1974, hier: S. 12
wiki/fahrendes_volk.1629007366.txt.gz · Zuletzt geändert: 2021/08/15 08:02 von norbert