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CoronaConformes Reisen

Solange das Virus irgendwo ist, 
wirkt es als wäre es überall.
Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind.

Niemand & Keiner

Reisen ja, Kontakte nein.
Also wohin, wenn das Wetter zum Aufbrechen lockt und coronabedingte Schranken sich heben? Gesucht sind Ziele, die niemand nennt und keiner kennt:

Hilfen zur Reiseplanung

Die neue Reiseform heißt CoCoNaT - CoronaConform NaTouren.
Das Fernreisemobiltreffen sammelt dazu Ideen und hilft mit Links zu Listen und Karten beim Planen, siehe:

Deutschland bietet viele Ziele, die leicht übersehen werden und sich nicht aufdrängen und damit eine Chance auf beschauliche Ruhe bieten oder und sogar Einsamkeit: meist naturnahe Freiluftziele oder abgelegene Einrichtungen, die man von außen bestaunen kann. Unter tausenden solcher Ziele finden sich auch solche mit Außengastronomie und Stellplätzen und manche bleiben (hoffentlich) weniger besucht.
Die Stellplatzsuche unterliegt dabei Regeln und Gesetzen, siehe:

Vorausschauend planen, selbständig unterwegs sein

Die touristische Infrastruktur muss Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen umsetzen - in Verkehrsmitteln, in der Gastronomie und in Unterkünften - und ist von heut auf morgen vielleicht wieder geschlossen. Wer dann unterwegs sein möchte, muss Autonomie mögen und Autarkie vorbereiten, das Reisemobil als Inselanlage betrachen. Dies ist im ländlichen Umfeld, im Freien und mit manchen Konzepten einfacher umzusetzen:

  • Selbstversorger mit autarken (Fern-)Reisemobilen
  • Eigenes Fahrzeug & Fahrrad statt öffentlicher Verkehrsmittel
  • Ferienhaus, Camper, Wohnmobil-Hafen
  • Urlaub auf dem Bauernhof, Ponyhof und ähnliches mit großen Außenflächen
  • Gastronomie und Beherbergungsbetriebe im Außenbereich mit Speiseabholung und privaten Stellflächen
  • Brauereigasthöfe, Weingüter mit Vinotheken, Straußwirtschaften, Klöster mit Gastronomie
  • Aktivitäten unter Vordächern, Markisen, offenen (Party-)Zelten
  • Grillhütten, Jugendzeltplätze, Pfadfinderplätze
  • Wandern, Radfahren, Bergsteigen, Kanufahren und die zugehörige Infrastruktur

Das Prinzip der kleinsten Abzweigung

2020 waren die zehn beliebtesten (nach Anzahl der Google-Suchen) Regionen in Deutschland: Ostsee, Harz, Schwarzwald, Chiemgau, Erzgebirge, Nordsee, Bodensee, Eifel, Allgäu, Rhön. Dort einsame Stellen zu finden, ist also schwieriger als anderswo, aber es gibt sie.
Abenteuer findet man mit dem Prinzip der kleinsten Abzweigung: Man biege zwei, drei mal anders ab als die meisten - und findet sich in Ecken und Vierteln zwischen den Hauptreisewegen. Oder man fährt gleich woanders hin und sucht nach Zielen, die weder im Reiseführer stehen noch als Geheimtipp gelten. Für das Fahrende Volk war der Platz, den man abends erreichte, die »Herberge zur Heimat«; dort übernachtete man bei »Mutter Grün«.

Pia Volk
Deutschlands schrägste Orte
Ein Fremdenführer für Einheimische 
Verlag C.H. Beck, 256 Seiten
Kapitel: Obskure Objekte, Under Cover, Bizarre Landschaften, Vorstellungswelten, 
Verplante Flächen, Enklaven und Exklaven, Orte, die bewegen, Verschwundene Gebiete

Das Magazin Curves, Soulful Driving bietet Autowanderern naturnahe Bergstraßen und Roadmovie-Geschichten. Zwei dieser Themenhefte führen nach Deutschland:
Ausgabe 13 erschließt Baden, Schwaben und Bayern;
Ausgabe 9 startet unweit der holländischen Grenze an der Ems-Mündung und führt entlang der deutschen Küstenlinie von Emden über Hamburg bis Rügen, so dass der Blick nach links immer aufs Meer fällt.

Experimentelles Reisen

Aber wie findet man einsame Orte, wenn alle anderen auch suchen? Das Gegenteil von »Schwarmintelligenz« ist kreatives Schweigen. Der Reiseführer wird so zum Minensuchgerät, denn die darin beschwärmten Geheimtipps sind nun mal umschwärmt. Alternativ zu handeln, dazu verhilft dieses Kreativitätstool:

Rachael Antony, Joël Henry
The Lonely Planet Guide to Experimental Travel
Melbourne London 2005
40 Techniken, völlig anders zu reisen

So kann man die Würfel über die Richtung entscheiden lassen, muss es jedoch nehmen, wie es kommt: Sebastian Poliwoda: Reiseprinzip Zufall. Wandern, wohin der Würfel will SPIEGEL 31.10.2007.
Ulrich Stock: Eine 2 hieße Quakenbrück. Wohin die Reise geht, wenn der Würfel über Weg und Ziel bestimmt. Die ZEIT 07. März 2002.
Oder man spielt Dart auf Landkarten oder Memory mit Bildern von Sehenswürdigkeiten oder biegt nach einem ausgedachten Zickzackmuster wechselhaft ab ohne zu wissen, wo man ankommen wird.

Julio Cortázar, Carol Dunlop
Die Autonauten auf der Kosmobahn
Eine zeitlose Reise Paris - Marseille
Suhrkamp Frankfurt am Main 1996
Der Schriftsteller (»Wolf«) und die Fotografin (»Bärchen«) wissen, dass sie 
bald sterben werden und begeben sich auf ihre letzte Reise mit ihrem VW-Bus 
»Fafnir« durch »Parkingland«. Startend in Paris fahren sie jeden Tag einen 
der nächsten beiden von insgesamt 65 Autobahnparkplätze an und übernachten dort. 
Nach vier Wochen erreichen sie Marseille. Reisend, spielend und liebend 
entsteht so dieses Buch, dessen Erscheinen sie nicht mehr und er nur knapp erlebt.

Auf den Spuren von ...

Oder man lässt kommen, was man liest, nimmt sich ein Beispiel an einem alten Reisebericht und fährt auf dessen Spuren durch Deutschland:

Eric T. Hansen
Die Nibelungenreise
Mit dem VW-Bus durchs Mittelalter
Piper München 2004
von Lübeck bis Worms, von Aachen bis Quedlinburg, geführt von Helden und Rittern

Die Wege von Dichtern und Denkern, Malern und Heiligen lassen sich lesend und fahrend neu entdecken:

  • Auf den Spuren von Theodor Fontane durch die Mark Brandenburg
  • Auf den Spuren von Martin Luther durch das Thüringer Land
  • Auf den Spuren von Hildegard von Bingen von Idar-Oberstein nach Bingen am Rhein (140 km).
  • Auf den Spuren von Caspar David Friedrich, Ludwig Richter und Christian Andersen durch die Sächsische Schweiz.
  • Auf den Spuren von Hans Fallada durch die Mecklenburger Seenplatte
  • Auf den Spuren von Theodor Storm durch Schleswig und Holstein

Die meisten solcher literarischen Reiseführer führen allerdings durch Städte und Dörfer, selten ins Umland. Das Standardwerk für literarische Reisen in Deutschland ist

Fred Oberhauser, Axel Kahrs
Literarischer Führer Deutschland
Unter Mitarbeit von Detlef Ignasiak, Peter Neumann und Gerd Holzheimer.
Mit einem Vorwort von Günter de Bruyn. Mit Abbildungen, Karten und Register
1469 Seiten, Leipzig: Insel 2008, ISBN: 978-3-458-17415-8 

Verlassene Orte

Abandoned places oder lost places sind wenig gesuchte Reiseziele: Überwucherte Friedhöfe, zerfallene Industrieruinen, die Schlachtfelder unserer Vorfahren wecken eben andere Gefühle als Sommer, Sonne, Strand.
»Urban Explorer« schätzen dagegen eine Ästhetik des Zerfalls; der abgenutzte »Zahn der Zeit« darf nagen, doch soll das zerfallende Objekt in seinem Zerfallsvorgang ungestört zu sehen bleiben. Solche museal geschützten lost places sind legal zu besichtigen, es gibt Führungen und Öffnungszeiten.
Außerhalb geschlossener Ortschaften finden sich Objekte, die etwa wegen zu hoher Sanierungskosten ungenutzt bleiben, also verlassene oder stillgelegte Bahnhöfe, Bunker, Flugplätze, Freizeitparks, Industrieanlagen, Kasernen, Kliniken, Schlösser, Schwimmbäder, Sportstätten, Villen, Werkstätten, Ziegeleien und andere Objekte. Welche (rechtlichen) Möglichkeiten es für das Betreten gibt, muss im Einzelfall erkundet werden.

Kopfreisen

Dass man nur sieht, was man weiß, lässt sich so oder so lesen. Nicht-Wissen öffnet immerhin der Imagination Tür und Tor für den schönen Schein.
Xavier de Maistre (1763 - 1852) musste zu Zeiten der Französischen Revolution sechs Wochen in seinem Zimmer bleiben und flüchtete mit dem Kopf: »Kurz, in der ungeheuren Familie der Menschen, von denen es auf dem Erdenrund wimmelt, ist nicht einer - nein, nicht einer (ich meine von denen, die Zimmer bewohnen), der, wenn er dieses Buch gelesen hat, der neuen Art zu reisen, die ich in die Welt einführe, seine Zustimmung versagen könnte.«

Xavier de Maistre
Die Reise um mein Zimmer
Die nächtliche Reise um mein Zimmer
Aus dem Französischen von Karl Bindel.
Reclam Leipzig 1991 (1968 Winkler München)

Dass man in seinem Zimmer die Welt draußen erst aus seinem Kopf löschen muss, um sie danach als Abenteuer neu erforschen zu dürfen, hat sehr unterhaltsam Urs Widmer geschildert:

Urs Widmer 
Die Forschungsreise
Ein Abenteuerroman
Diogenes Zürich 1974

Damit das Reisen nicht nur als ein rasendes Kaleidoskop des Immergleichen erlebt wird, genügt es den Blick zu ändern - doch das ist schwer und wird leichter durch eine andere Sicht bei anderem Licht:

Ulf Peter Hallberg
Der Blick des Flaneurs
Eine europäische Farbenlehre
Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke
G. Kiepenheuer Leipzig 1995

»Mit größtmöglichem Gleichmut und doch unaufhaltsam sich fortzubewegen erscheint in [sic] Angesicht des unerbittlichen, tödlichen Lebensschauspiels als höchstes Ziel.«, meinte Peter Rosei und schrieb:

Peter Rosei
Entwurf für eine Welt ohne Menschen
Entwurf zu einer Reise ohne Ziel
Klett-Cotta Stuttgart 1999 (EA 1975)

Spiegel, FAZ und Zeit rezensierten die beiden Erzählungen und weil sich das Thema durch das gesamte Schaffen Roseis zieht, erschien:

Walter Vogl
Basic Rosei
Handbuch für das Unterwegssein auf einem literarischen Kontinent
Sonderzahl Verlag, Berlin 2000, ISBN-10: 3854491689

Die Pandemie als Kränkung

Die Liste der bekannten Kränkungen der Menschheit wird länger, seit die Welt der Reisenden 2020 zerbrach:

  • Fernreisende auf einsamen Südseeinseln waren plötzlich sicherer als Urlauber im Nahe-Bei; in der langanhaltenden Pandemie wird daraus auch ein Geschäft (Homeoffice unter Palmen FAZ 18.12.20), neudeutsch: Longstay-Angebote für Bizcation im Coworking-space.
  • Reisende fanden sich ihrer Freiheiten beraubt, eingesperrt oder ausgesperrt, mussten aber lernen, ihr Leben der Situation anzupassen, wie etwa eine in Japan lebende deutsche Reiseleiterin berichtet (FAZ 21.01.20)
  • Die Beschleunigung - seit Jahrzehnten als Quelle allen Übels beklagt - wird abrupt ausgebremst.
  • Das ICH auf dem Weg zur mobilen Selbstoptimierung wurde dem Gemeinwohl untergeordnet.
  • Das Reisen in der Pandemie sucht nun exotische Nähe und Fremdes in Vertrautem, also Mut zu Entdeckungen vor der Haustür :
    Florian Siebeck fragt: Wohin geht die Reise? FAZ Quarterly 28. Januar 2021 und findet in der Saarschleife das Bild des Amazonas, im Eibsee eine bayerische Karibik, im hessischen Roten Moor Außerirdisches.
  • Das Wünschen, Können und Wollen wird vom Möglichkeitssinn übertroffen, denn das leichtfüßige »Was-kostet-die-Welt« führt plötzlich nicht mehr weit, also ist Daheimbleiben angesagt oder Reisen in Deutschland, was für manche auch dasselbe bedeutet.
  • Nicht-Reisen will zudem ausgeglichen werden: da wird zuhause repariert, ein Gärtchen angelegt, mal wieder selber gekocht und eingemacht, mehr gelesen - das alles kann genutzt werden, Autonomie und Autarkie zu stärken und muss nicht als couch potatoe im Cocooning enden.

Mehr Wissen-Wollen?

  • Tagesaktuelle Daten zur Pandemie grafisch oder als Lagebericht sowie der R-t-Wert.
  • Anschauliche Simulationen (englisch) auf mathematischer Grundlage erleichtern das grundsätzliche Verständnis der Pandemie. Parameter lassen sich einstellen, mit Worst-Case-Szenarien.
  • Die Verlaufsprognose für drei Szenarien bis 2022 (Original englisch) auf der Grundlage von Vergleichen mit historischen Pandemien und anderen Viren.
  • Die Prognose fürs erste Halbjahr 2021 und für die dritte Welle.
  • Eine historische Einordnung durch Pandemie-Historiker Frank Snowden in der ZEIT vom 10.02.2021.

Die zuständigen Stellen für Sachfragen sind neben dem Robert Koch-Institut RKI:

wiki/coronaconform.txt · Zuletzt geändert: 2021/04/21 04:16 von norbert