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wiki:balconing

Balconing

Daheim muss man wohl bewandert sein.
Wer bleibt daheim, 
stösst nicht die Schuhe und bricht kein Bein.
Was einer daheim hat, 
das braucht er nicht aussen zu suchen.

Deutsches Sprichwörter-Lexicon, 
Karl Friedrich Wilhelm Wander

Abgeleitet von »Urlaub auf Balkonien« und modisch verdenglischt als neue Kategorie für immobile Weniger-Reisen-Reisestile wie:

Nicht-Reisen als Wert

Die glaubhaftesten Helden in Road-Movies sind solche, die gar nicht reisen wollen. Weil sie in den Konflikt zwischen Innenwelt und Außenwelt geraten, beobachten wir auf der Leinwand, wie die Persönlichkeit des `Helden´ unterwegs gestretcht wird: die Schale der couch potatoe bekommt Risse. Das kann spannend sein und unterhaltsam, zeigt Himmel und Hölle der Landstraße, lässt den Reisenden wachsen oder zerbrechen.

Das christliche Denken des Mittelalters lehnte die currendi libido ab; manch einem galt das Laufen als »böse, ansteckende Krankheit« 1). Die Neugier galt als Laster und als eitel galt, wer stolz seine Erlebnisse und Erfahrungen vortrug. Stattdessen galt die stabilitas loci als erste Regel in vielen Klöstern.
Auch im Zuge der Globalisierung verlor das Reisen-an-sich seinen Wert, obgleich sich die Masse der Reisebewegungen von Rekord zu Rekord steigerte und als Folge des Overtourism fühlt man sich mancherorts nicht mehr willkommen. Diese Reisebewegungen sind jedoch in erster Linie der weltweiten Ökonomie geschuldet, denn:

  1. Der Tourismus dient der Erholung von der Arbeit.
  2. Multilokales Leben verteilt die Arbeit auf weit voneinander entfernte Lebensmittelpunkte.
  3. Mobile Freizeitgestaltung dient der Selbstoptimierung im Erwerbsleben.

Als Gegenpol dazu erscheint nicht mehr das Reisen, sondern der Rückzug in abgeschlossene Räume.

Literatur

Es gibt zahlreiche Gründe, daheim zu bleiben. Furchtbare Reiseerfahrungen aus aller Welt finden sich zuhauf, wie etwa die folgenden Bände zeigen:

  • Bittrich, Dietmar
    Dann fahr doch gleich nach Hause!
    Wie man auf Reisen glücklich wird.
    München Zürich Piper 2008
  • Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.)
    Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt
    (=Die andere Bibliothek) Frankfurt/M.: Eichborn 1995, 349 S.
  • Hans Christian Kosler (Hrsg.)
    Warum in die Ferne? Das Lesebuch zum Daheimbleiben
    Frankfurt/M.: Insel 1991, 286 S.
  • Landgrebe, Christiane, Sabine Brandt
    Bad Trips
    Berlin Byblos 1993
  • Mortimer, Favell Lee, Todd Pruzan
    Die scheußlichsten Länder der Welt: Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer
    München 2012: Piper. Originaltitel: Clumsiest people in Europe, or, Mrs. Mortimer's bad-tempered guide to the Victorian world
  • Praetorius, Friedrich-Karl
    Reisebuch für den Menschenfeind: die Freuden der Misanthropie
    Frankfurt am Main 1993: Suhrkamp
  • O'Rourke, P. J.
    Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen
    Frankfurt am Main: Eichborn 2007
  • Andrea Wöhrle, Lutz-W. Wolff (Hrsg.)
    Erstes Allgemeines Nicht-Reise-Buch
    München: dtv 11299, 253 S.
1)
Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche: 17. Band: Westphal bis Zwingli, Nachträge: Abbot bis Hamberger, S. 186: Dorsten
wiki/balconing.txt · Zuletzt geändert: 2021/05/26 11:26 von norbert