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wiki:balconing

Balconing

Daheim muss man wohl bewandert sein.
Wer bleibt daheim, 
stösst nicht die Schuhe und bricht kein Bein.
Was einer daheim hat, 
das braucht er nicht aussen zu suchen.

Deutsches Sprichwörter-Lexicon, 
Karl Friedrich Wilhelm Wander

Abgeleitet von »Urlaub auf Balkonien« und modisch verdenglischt als Kategorie für pseudomobiles Daheimbleiben. Solcher Trieb des Daheimbleibens verbindet balconing offensichtlich mit Heimarbeit (home office), und auf den zweiten Blick auch mit Arbeitsnomaden (digital nomads), wenn diese lediglich ihren Lebensmittelpunkt verlagern. Konzeptuell sind es Weniger-Reisen-Reisestile im Unterschied zu Reisestilen wie:

Nicht-Reisen als Wert

There is nothing to look at any more
Everything is seeing to death
D.H. Lawrence (1885–1930), englischer Schriftsteller
Tourists (Complete Poems 1977, 660)

In not-looking, and in not-seeing
comes a new strength
and undenieable new gods share their life with us, when we cease to see 
D.H. Lawrence
Travel is over (Complete Poems 1977, 662)

Die glaubhaftesten Helden in Road-Movies sind solche, die gar nicht reisen wollen. Weil sie in den Konflikt zwischen Innenwelt und Außenwelt geraten, beobachten wir auf der Leinwand, wie die Persönlichkeit des `Helden´ unterwegs gestretcht wird: die Schale der couch potatoe bekommt Risse. Das kann spannend sein und unterhaltsam, zeigt Himmel und Hölle der Landstraße, lässt den Reisenden wachsen oder zerbrechen.

Das christliche Denken des Mittelalters lehnte die currendi libido ab; manch einem galt das Laufen als »böse, ansteckende Krankheit« 1). Die Neugier galt als Laster und als eitel galt, wer stolz seine Erlebnisse und Erfahrungen vortrug. Stattdessen galt die stabilitas loci als erste Regel in vielen Klöstern.
Auch im Zuge der Globalisierung verlor das Reisen-an-sich seinen Wert, obgleich sich die Masse der Reisebewegungen von Rekord zu Rekord steigerte und als Folge des Overtourism fühlt man sich mancherorts nicht mehr willkommen. Diese Reisebewegungen sind jedoch in erster Linie der weltweiten Ökonomie geschuldet, denn:

  1. Der Tourismus dient der Erholung von der Arbeit.
  2. Multilokales Leben verteilt die Arbeit auf weit voneinander entfernte Lebensmittelpunkte.
  3. Mobile Freizeitgestaltung dient der Selbstoptimierung im Erwerbsleben.

Als Gegenpol dazu erscheint nicht mehr das Reisen, sondern der Rückzug in abgeschlossene Räume. Wolf Schneider und Christoph Fasel polemisierten in ihrem Buch Wie man die Welt rettet und sich dabei amüsiert (1995), dass nur eine Gesellschaft aus Stubenhockern die Welt retten könne, weil deren Ressourcenverbrauch sich auf Kühlschrank und Fernseher beschränkte. Dieser Lebensstil (FFF) wird seit Anfang der 1980er Jahre als Cocooning bezeichnet. Heute führt er in direkter Linie zum Internet-Autisten, der in einer Filterblase voller Illusionen abtaucht.

Literatur

Es gibt zahlreiche Gründe, daheim zu bleiben. Furchtbare Reiseerfahrungen aus aller Welt finden sich zuhauf, wie etwa die folgenden Bände zeigen:

  • 2021 Light, Duncan; Brown, Lorraine
    Exploring bad faith in tourism.
    In: Annals of Tourism Research 86, 103082. DOI: 10.1016/j.annals.2020.103082. Dazu auch:
    Boris Holzer
    Soziologie des Reisens: Die scheinbare Freiheit des Touristen. FAZ 03.08.2021
  • 2020 Groebner, Valentin
    Ferienmüde
    Als das Reisen nicht mehr geholfen hat.
    150 S., Essay Konstanz University Press 2020
    Inhaltlich mit Bezug auf `Coronistan´: Werde zum Entdecker / Zeug am falschen Ort / Wunderwaffe Bildermachen / Selbsterforschung / Am Ziel der Träume / Entlassung aus der Pflicht
  • 2016 Stiegler, Bernd
    Reisender Stillstand
    Eine kleine Geschichte des Reisens im und um das Zimmer herum.
    Frankfurt am Main Fischer 2016
  • 2014 Löffler, Falko
    Bin ich blöd und fahr in Urlaub?
    Zuhausebleiben ist der beste Trip.
    München Goldmann 2014
  • 2012 Mortimer, Favell Lee, Todd Pruzan
    Die scheußlichsten Länder der Welt: Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer
    (=Clumsiest people in Europe, or, Mrs. Mortimer's bad-tempered guide to the Victorian world)
    München: Piper
  • 2008 Bittrich, Dietmar
    Dann fahr doch gleich nach Hause!
    Wie man auf Reisen glücklich wird.
    München Zürich Piper
  • 2007 O'Rourke, P. J.
    Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen
    Frankfurt am Main: Eichborn
  • Ror Wolf
    Miszelle über die Schrecklichkeiten des Reisens
    in: Glaser, Horst A., R. Glaser: El Condor Pasa: Unterwegs mit reisenden Scholaren: Festschrift Für Horst Albert Glaser. Frankfurt am Main: P. Lang, 1995
  • 1995 Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.)
    Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt
    (=Die andere Bibliothek) Frankfurt/M.: Eichborn, 349 S.
  • 1993 Landgrebe, Christiane, Sabine Brandt
    Bad Trips
    Berlin Byblos
  • 1993 Praetorius, Friedrich-Karl
    Reisebuch für den Menschenfeind: die Freuden der Misanthropie
    Frankfurt am Main: Suhrkamp
  • 1992 Andrea Wöhrle, Lutz-W. Wolff (Hrsg.)
    Erstes Allgemeines Nicht-Reise-Buch
    München: dtv 11299, 253 S.
  • 1991 Hans Christian Kosler (Hrsg.)
    Warum in die Ferne? Das Lesebuch zum Daheimbleiben
    Frankfurt/M.: Insel, 286 S.
  • Mittelberger, Gottlieb
    Reise nach Pennsylvanien im Jahr 1750 und Rückreise nach Teutsch- land im Jahr 1754.
    Enthaltend nicht nur eine Beschreibung des Landes nach seinem gegenwärtigen Zustande, sondern auch eine ausführliche Nachricht von den unglückseligen und betrübten Umständen der meisten Teutschen, die in dieses Land gezogen sind, und dahin ziehen.
    Frankfurt / Leipzig 1756
  • 1617 Hall, Joseph
    Quo vadis?
    A just censure of travell as it is commonly vndertaken by the gentlemen of our nation.
    By Ios. Hall D. of Diuinitie. 100 S. London: Edward Griffin for Henry Fetherstone.
  • 1494 Brant, Sebastian
    Czu schyff zu schyff brud'
    Eß get es geth Das Narrenschiff Gen Narragonien.
    mit besünderē fleiß mü vnd arbeyt. gesamlet ist. durch Sebastianū Brant. Nürnberg: Peter Wagner.
1)
Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche: 17. Band: Westphal bis Zwingli, Nachträge: Abbot bis Hamberger, S. 186: Dorsten
wiki/balconing.txt · Zuletzt geändert: 2021/08/05 16:16 von norbert