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wiki:balconing

Balconing

Daheim muss man wohl bewandert sein.
Wer bleibt daheim, 
stösst nicht die Schuhe und bricht kein Bein.
Was einer daheim hat, 
das braucht er nicht aussen zu suchen.

Deutsches Sprichwörter-Lexicon, 
Karl Friedrich Wilhelm Wander

Obgleich sich die Masse der Reisebewegungen seit Jahrzehnten bis zur Corona-Pandemie von Rekord zu Rekord steigerte, verlor das Reisen-an-sich seinen Wert und wurde mit fortschreitender Globalisierung zum Qualifikationsmerkmal für Ausbildung und Beruf (Erasmus-Programm seit 1987) reduziert. Die massenhaften Reisebewegungen weltweit sind nicht einer immer unbändigeren Reiselust zu verdanken, sondern in erster Linie der weltweiten Ökonomie geschuldet, denn:

  1. Der Tourismus dient der Erholung von der Arbeit.
  2. Multilokales Leben verteilt die Arbeit auf weit voneinander entfernte Lebensmittelpunkte.
  3. Mobile Freizeitgestaltung dient der Selbstoptimierung im Erwerbsleben und degradiert das Reiseziel zum Hintergrund für Selfies.

Balkonisierung statt Globalisierung

There is nothing to look at any more
Everything is seeing to death
D.H. Lawrence (1885–1930), englischer Schriftsteller
Tourists (Complete Poems 1977, 660)

In not-looking, and in not-seeing
comes a new strength
and undenieable new gods share their life with us, when we cease to see 
Travel is over (Complete Poems 1977, 662)

Die Bedeutung des Reisens für den Einzelnen scheint in den frühen 1990er Jahren ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Dabei löste das Ende des Kalten Krieges und die nachfolgende Öffnung der Grenzen 1989 zunächst einen Reiseboom in beide Richtungen aus, doch nehmen seither die dämpfend wirkenden Kräfte zu:

  • »Nine eleven«: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 wirkten mehrfach:
    • sie verstärkten die Angst vorm Fliegen;
    • sie lösten weltweit Reisebeschränkungen aus, die dauerhaft blieben wie etwa die rigiden Einreisebestimmungen in die USA; Behinderungen für Overlander durch Visabestimmungen; maschinenlesbare Reisedokumente mit biometrischen Merkmalen;
  • Entführungen von Reisenden im islamischen Raum zwischen Indonesien und der Sahara verdreifachten sich zwischen 1998 und 2008 und schreckten vom Reisen dorthin ab.
  • Ab Dezember 2010 begann mit der Arabellion wird eine Serie gewaltsamer Unruhen zwischen Marokko und Irak; in Jemen und in Syrien begannen die anhaltenden Bürgerkriege.
  • Overtourism lässt ehedem attraktive Reiseziele für viele abschreckend wirken und vermittelt das Gefühl, dort unerwünscht zu sein;
  • 2019: »Flugscham« wegen klimaschädlicher Folgen mancher Reiseformen (Flugzeug, Verbrennungsmotoren) führt zu einem Rechtfertigungsdruck innerhalb mancher Gruppen;
  • 2020: die Corona-Pandemie führt ab 2020 zu erheblichen Einschränkunegn der Reisemöglichkeiten, siehe coronaconformes Reisen;
  • 2022: der Überfall Russlands auf die Ukraine beeinflusst die Reisemöglichkeiten in Russland und allen angrenzenden Ländern zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Pazifik.

Balconing als Vermeidungsstrategie

Balconing vermeidet die typischen Konflikte von Reisenden:

Möglicherweise sind im Zusammenhang damit Phänomene zu erklären, die in neuerer Zeit vermehrt als immobile Weniger-Reisen-Reisestile begegnen, hier balconing genannt. Die »Heimreisenden« bleiben auf den Dahamas (österreichisch) oder in Bad Meingarten und genießen das Hygge-Gefühl (dänisch) in Indoornesien, Balkongo, Flurganda und Verandalusien.

Nicht-Reisen als Wert

Seit den 1990er Jahren erscheint Balkonien zunehmend als selbstgewählte Alternative zum Reisen, dieses Mal jedoch nicht aus Unvermögen wie in den 1920/30er Jahren als `Balkonien´ zuerst beshrieben wurde, sondern zunächst aus einem Überdruss an »fernen Gefilden«, der die Faszination des Reisens (Philobatie) dämpft, dann weil das Reisen im Kampf der Distinktionsmerkmale zunehmend altmodisch erscheint und zunehmend auch aus einer ideologischen Ablehnung des Reisens selbst.

Wolf Schneider und Christoph Fasel polemisierten bereits 1995 in ihrem Buch Wie man die Welt rettet und sich dabei amüsiert, dass nur eine Gesellschaft aus Stubenhockern die Welt retten könne, weil deren Ressourcenverbrauch sich auf Kühlschrank und Fernseher beschränkte. Dieser Lebensstil (FFF) wird seit Anfang der 1980er Jahre als Cocooning bezeichnet. Heute führt er in direkter Linie zum Internet-Autisten, der in einer Filterblase voller Illusionen abtaucht und mittels rauchendem Datenstrom über Rechenzentren die Welt anheizt.

Die glaubhaftesten Helden in Road-Movies sind solche, die gar nicht reisen wollen. Weil sie in den Konflikt zwischen Innenwelt und Außenwelt geraten, beobachten wir auf der Leinwand, wie die Persönlichkeit des `Helden´ unterwegs gestretcht wird: die Schale der couch potatoe bekommt Risse. Das kann spannend sein und unterhaltsam, zeigt Himmel und Hölle der Landstraße, lässt den Reisenden wachsen oder zerbrechen.

Formen des pseudomobilen Daheimbleibens

Der Rückzug ins Vertraute oder gar in abgeschlossene Räume erscheint in vielen Fällen als pseudomobiles Daheimbleiben, etwa wenn der Lebensmittelpunkt nur in ein angenehmeres Umfeld verlegt, jedoch im Übrigen beibehalten wird. Solcher Trieb des Daheimbleibens verbindet balconing offensichtlich mit Heimarbeit (home office) und auf den zweiten Blick auch mit Arbeitsnomaden (digital nomads). Als Weniger-Reisen-Reisestile erscheinen etwa:

Neu sind solche Erscheinungen nicht. Bereits das christliche Denken des Mittelalters (nicht das urchristliche!) lehnte die currendi libido ab; manch einem galt das Laufen als »böse, ansteckende Krankheit« 1). Die Neugier galt als Laster und als eitel galt, wer stolz seine Erlebnisse und Erfahrungen vortrug. Stattdessen galt die stabilitas loci als erste Regel in vielen Klöstern.

Literatur

Es gibt zahlreiche Gründe, daheim zu bleiben. Furchtbare Reiseerfahrungen aus aller Welt finden sich zuhauf, wie etwa die folgenden Bände zeigen:

  • 2021 Light, Duncan; Brown, Lorraine
    Exploring bad faith in tourism.
    In: Annals of Tourism Research 86, 103082. DOI: 10.1016/j.annals.2020.103082. Dazu auch:
    Boris Holzer
    Soziologie des Reisens: Die scheinbare Freiheit des Touristen. FAZ 03.08.2021
  • 2020 Groebner, Valentin
    Ferienmüde
    Als das Reisen nicht mehr geholfen hat.
    150 S., Essay Konstanz University Press 2020
    Inhaltlich mit Bezug auf `Coronistan´: Werde zum Entdecker / Zeug am falschen Ort / Wunderwaffe Bildermachen / Selbsterforschung / Am Ziel der Träume / Entlassung aus der Pflicht
  • 2016 Stiegler, Bernd
    Reisender Stillstand
    Eine kleine Geschichte des Reisens im und um das Zimmer herum.
    Frankfurt am Main: Fischer
  • 2014 Löffler, Falko
    Bin ich blöd und fahr in Urlaub?
    Zuhausebleiben ist der beste Trip.
    München Goldmann 2014
  • 2012 Mortimer, Favell Lee 2), Todd Pruzan
    Die scheußlichsten Länder der Welt: Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer
    (=Clumsiest people in Europe, or, Mrs. Mortimer's bad-tempered guide to the Victorian world)
    München: Piper
  • 2011 Mahr, Yannik
    Mit 80 Ängsten um die Welt. Wie sie verreisen und trotzdem überleben.
    223 S. Köln: Egmont.
    Themen: Flugangst, Jetlag, Montezumas Rache, schmutzige Unterkünfte, Malaria, Tropenkrankheiten, Nepper und Schlepper, Ungeziefer, giftige Tiere, Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, Heimweh.
  • 2008 Bittrich, Dietmar
    Dann fahr doch gleich nach Hause!
    Wie man auf Reisen glücklich wird.
    München Zürich Piper
  • 2007 O'Rourke, P. J.
    Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen
    Frankfurt am Main: Eichborn
  • 1995 Ror Wolf
    Miszelle über die Schrecklichkeiten des Reisens
    in: Glaser, Horst A., R. Glaser: El Condor Pasa: Unterwegs mit reisenden Scholaren: Festschrift Für Horst Albert Glaser. Frankfurt am Main: P. Lang
  • 1995 Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.)
    Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt
    (=Die andere Bibliothek) Frankfurt/M.: Eichborn, 349 S.
  • 1995 Schneider, Wolf, Christoph Fasel
    Wie man die Welt rettet und sich dabei amüsiert.
    Reinbek bei Hamburg Rowohlt
  • 1993 Landgrebe, Christiane, Sabine Brandt
    Bad Trips
    Berlin Byblos
  • 1993 Praetorius, Friedrich-Karl
    Reisebuch für den Menschenfeind: die Freuden der Misanthropie
    Frankfurt am Main: Suhrkamp
  • 1992 Andrea Wöhrle, Lutz-W. Wolff (Hrsg.)
    Erstes Allgemeines Nicht-Reise-Buch
    München: dtv 11299, 253 S.
  • 1991 Hans Christian Kosler (Hrsg.)
    Warum in die Ferne? Das Lesebuch zum Daheimbleiben
    Frankfurt/M.: Insel, 286 S.
  • 1756 Mittelberger, Gottlieb
    Reise nach Pennsylvanien im Jahr 1750 und Rückreise nach Teutschland im Jahr 1754.
    Enthaltend nicht nur eine Beschreibung des Landes nach seinem gegenwärtigen Zustande, sondern auch eine ausführliche Nachricht von den unglückseligen und betrübten Umständen der meisten Teutschen, die in dieses Land gezogen sind, und dahin ziehen.
    Frankfurt / Leipzig
  • 1617 Hall, Joseph
    Quo vadis?
    A just censure of travell as it is commonly vndertaken by the gentlemen of our nation.
    By Ios. Hall D. of Diuinitie. 100 S. London: Edward Griffin for Henry Fetherstone.
  • 1494 Brant, Sebastian
    Czu schyff zu schyff brud'
    Eß get es geth Das Narrenschiff Gen Narragonien.
    mit besünderē fleiß mü vnd arbeyt. gesamlet ist. durch Sebastianū Brant. Nürnberg: Peter Wagner.
1)
Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche: 17. Band: Westphal bis Zwingli, Nachträge: Abbot bis Hamberger, S. 186: Dorsten
2)
1802 – 1878
wiki/balconing.txt · Zuletzt geändert: 2022/05/23 19:51 von norbert