Wanderpoeten

Hier verwendet als Sammelbegriff für wandernde Textkünstler, idealtypisch überhöht in der Trinität von:

Diese drei Eigenschaften werden in den ältesten Quellen zwar unterschieden, korrespondieren jedoch nicht eineindeutig mit immer denselben Personen. So mag je nach Fähigkeiten, Situation und Funktion ein Wanderpoet von einer Rolle in die andere gewechselt haben; Michaela Esser nennt sie Wortprofessionisten:

Solche Wanderpoeten brachten `Kunde´ und verbreiteten Nachrichten ähnlich wie Boten oder Herolde, jedoch im Unterschied zu diesen nicht als Gesandte eines Herrn. Die Fähigkeiten, ihre Kenntnisse erfolgreich bewahren und zu verbreiten, machte sie vordergründig zu Rezitatoren, Barden, Dichtern, Troubadoren, Sängern, indem sie Heldenepos, Ruhmeslieder, Hymnen, Lobgesänge schmiedeten, aber auch Spottlieder, Schmähreden und Satiren.
Damit waren sie jedoch sowohl darauf angewiesen, als Gast aufgenommen zu werden als auch auf das Wohlwollen des Publikums: »Wes Brot ich ess, des Lied ich sing«. Die Suche nach einem Patron als »Sponsor« zieht sich durch die griechischen Erzählungen und spätestens die höfischen Poeten dienten der Propaganda. Das setzt jedoch die Wertschätzung des Wanderpoeten voraus. Als Einzelner ist es einfacher solche Wertschätzung zu erlangen. Die Wünsche des Publikums schnell zu erkennen und entsprechend zu bedienen bedarf der Fähigkeiten eines Schauspielers und Tricksters zum Rollenwechsel. Die Figur des weisen Narren findet sich in vielen Kulturen als Teil der volkstümlichen `oral history´.

Als Erzähler bewahrten sie in ältesten Zeiten vor Einführung der Schrift das kulturelle Gedächtnis der Gemeinschaft, den Kitt gemeinsamer Werte und Vorstellungen. Verknüpft waren diese Glaubenseinstellungen mit Geschichten, in denen `richtiges Handeln´ gemessen wurde an Heroen als Vorbildern und Götter als Richter. Mit dieser Schnittstelle zur Spiritualität wurden die Wanderpoeten auch Teil des »Kultpersonals« (s.u. Bernhard Maier), zu dem auch Opferpriester und Seher(innen) gehörten:

Vereinfacht als idealtypische Trinität zeigt sich grob folgende Struktur:

Kultperson Poet Opferpriester Seher/in
Verfahren translation transformation transfer
Methode techne Ritual Ekstase
Wert Können Gesetz Schicksal
Symbol Rednerstab Kerykeion Zauberstab
keltisch bard druidēs vates
griechisch ῥαψῳδός δρυΐδης οὐάτεις
germanisch Skalden (Goden) Völva

Manche dieser Funktionen finden sich noch heute, etwa bei Straßenmusikern, Alleinunterhaltern, vazierenden Wandergesellen, Drehorgelspielern; in einer armen Gegend wie der Pfalz entstand gar das „Westpfälzer Wandermusikantentum“.

Literatur

1)
Monier Williams: A Sanskrit-English Dictionary: Etymologically and philologically arranged. Oxford University Press 1872 S. 243
2)
Mahābhārata
3)
Strabo, Geogr. Buch IV
4)
aus idg. Wurzel gʷer(ə)-4, Loblied, Preislied, Lobgesang, davon abgeleitet auch lat. gratia, air. bard `Barde´ u.a. Pokorny, die Zusammenhänge sind sehr ausführlich beschrieben in Essler: Zauber, Magie und Hexerei s.u.
5)
Pokorny: u̯āt-1, besser u̯ōt-; dazu auch cymr. gwawd `Gedicht´; got. wōds `besessen´, ahd. wuoten, alts. wōdian `wüten, rasend´, ags. wōþ `Gesang, Laut, Stimme, Dichtung´