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Spaziergang

Auch: Bummeln, Lustwandeln, aber weniger als Wandern.
Im Deutschen zuerst schriftlich bei Luther im 16. Jahrhundert belegt, war jedoch derzeit als »ein wüster Spaciergang« keine erbauliche Angelegenheit. Der Spaziergang betont das langsame, nicht notwendige Gehen, lustwandelndes sich Fortbewegen im Unterschied zur Fußreise im Zwischenraum (lat. spatium), also ohne Ziel und damit die mittelalterliche stabilitas loci in Frage stellend. Lustwandeln und Augenlust (Neugier) brachen mit den strengen mittelalterlichen christlichen Glaubensbekenntnissen.

Das muss man sich leisten können und so erscheint der Spaziergang in der Neuzeit zuerst beim Adel und erreicht seinen modischen Höhepunkt in bürgerlichen Kreisen in den Jahrzehnten um 1800, unsterblich geworden in Goethes Szene des Osterspaziergangs im Faust: »Aus dem hohlen finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern.« Aufbruch also, hinaus in die Gärten und Parks, aber bitte nur zwischen Sonntagsbraten und Kaffeetafel. Mehr wäre Abenteuer, weiter wäre Wildnis. Mit der zunehmenden Bedeutung von Freizeit diente der Spazierstock kleinbürgerlichen Kreisen als Symbol für Muße, also eben nicht arbeiten zu müssen, mit dem Flaneur als Helden, der mit dem Stock die Zeit totschlägt.

Vermutlich kam der Begriff über das italienische `loggia da spasseggiar´ ins Deutsche, also als ein mediterranes Lebensgefühl wie der Strand (ital. spiaggia) aufscheint, ist jedoch als `spazieren´ auch schon im Mittelhochdeutschen zu finden und mit `spät´ und `sputen´ aus gemeinsamer indogermanischer Wurzel *sp(h)ē(i)- im Sinne von ‘gedeihen, sich ausdehnen, vorwärtskommen, Erfolg haben, gelingen’ eher anstrengend. Je nach Sprache und Land wechselt die Bewertung dieser Tätigkeit. Sie wird überwiegend positiv gesehen im italienischen la passeggiata, im französischen le promenade, im spanischen el paseo und ist beim russischen гулять gulyat' ein unverzichtbarer Teil der genüßlichen Tagesgestaltung. Das Englische `to stroll´ hat dagegen eine abwertende Nebenbedeutung zum Herumstrolchen im Sinne von Vagabundieren.

Die »Wissenschaft vom Spaziergang« nennt sich Promenadologie (engl. strollology).


1500: Albrecht Dürer: Der Spaziergang. Kupferstich
1520: Leyden, L.: Der Spaziergang: Die Promenade. Kupferstich
1585: Hans Sachs: Ein Spaciergang beschehen von einem Vatter und Sohn.

1628: Stumpf, J.: Hortulus Illustris. & verè Chrsitianus, Das ist, Ein Fürstlich vn[d] Christliches Rosengärtlein: In welchem nit allein allerley wolriechende Blümlein, heylsame Kräutlein … zu finden, sondern auch der Spaziergang in gewisse Tag vertheilet. Coburg: Gruner.
1692: Herbst, G. etal.: Des Schlesischen Gärtners Lustiger Spatziergang/ Oder nützlicher Garten-Discurs: Darinnen gründlicher Bericht zu finden/ welcher Gestalt 1. Obst-Gärten/ 2. Küchen-Gärten/ 3. Wein-Gärten/ 4. Blumen-Gärten und 5. Medicin-Gärten … anzurichten/ und … zu erhalten seyn ; … in fünff Theile zusammen getragen.

1795: Friedrich Schiller: Spaziergang (Gedicht)

1803: Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

1913: Franz Kafka: Der plötzliche Spaziergang (Erzählung in zwei Sätzen)

1971: Thomas Bernhard: Gehen (Erzählung)

1983: Otl Aicher: Gehen in der Wüste


Krebber, S.
Der Spaziergang in der Kunst:
Eine Untersuchung des Motives in der Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts
Frankfurt am Main: P. Lang. 1990

Gudrun M. König
Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs
Spuren einer bürgerlichen Praktik 1780–1850
Böhlau, Wien 1996, zugl. Dissertation, Universität Tübingen 1994

Sabine Eickenrodt
Plötzlicher Spaziergang.
Der Aufbruch als Topos einer literarischen Bewegungsform bei Kafka und Walser.
In: Hans Richard Brittnacher, Magnus Klaue (Herausgeber):
Unterwegs. Zur Poetik des Vagabundentums im 20. Jahrhundert.
Böhlau-Verlag, Köln [u. a.] 2008

Schneider, H. J. E.
Selbsterfahrung zu Fuss: Spaziergang und Wanderung als poetische und geschichtsphilosophische Reflexionsfigur im Zeitalter Rousseaus
In: Söring, J. (2000). Rousseauismus: Naturevangelium und Literatur. Frankfurt am Main

Bertram Weisshaar (Hg.)
Spaziergangswissenschaft in Praxis: Formate in Fortbewegung.
Jovis 2013. ISBN 978-3-86859-242-9

wiki/spaziergang.txt · Zuletzt geändert: 2021/02/23 07:52 von norbert