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wiki:kraenkungen_der_menschheit

Kränkungen der Menschheit

Mit dem langsamen Erwachen des Bewußtseins in der Evolution der Menschheit veränderte sich die Vorstellung von »Welt« ebenso wie sie sich beim einzelnen Menschen nach der Geburt einstellt und verändert. Die Geburt des »Ich« kennt anfangs nur ein Zentrum: Cogito - ergo sum 1)

Weil der Mensch jedoch ein soziales Wesen ist lernt das Kind, dass auch andere sich als Zentrum ihrer Welt betrachten. Also muss sich zurücknehmen, wer gute Beziehungen zu anderen Menschen pflegen will. Dem Narzist fällt das schwer. Erfahrung und Erkenntnis erweitern die Weltanschauungen und wer nicht aus dem Rahmen fallen will, muss sein Weltanschauung in die allgemein gültige seiner Gesellschaft einpassen.

Die kopernikanische Wende des kosmologischen Weltbildes als erste Kränkung der Menschheit

Nikolaus Kopernikus konstruierte ab 1510 2) auf der Basis astronomischer Beobachtungen ein heliozentrisches Weltbild, in dem sich die Erde um die Sonne drehte.
Bis dahin galt seit der Antike das ptolemäische geozentrische Weltbild mit der Erde im Mittelpunkt des. Es dauerte Generationen 3), bis sich das neue Weltbild durchsetzte.
Ein Bild, dass die Raumsonde Voyager 1 am 14. Februar 1990 beim Verlassen des Sonnensystems aufgenommen hat, zeigt die Erde als einen Punkt unter vielen - nichts Besonderes. Dieser »Pale Blue Dot« ist aus 6,4 Milliarden Kilometern Entfernung das entfernteste Weltbild, das wir von der Erde haben.

Die darwinistische Wende des biologischen Weltbildes als zweite Kränkung der Menschheit

Charles Darwin (1809–1882) entwickelte auf der Basis seiner Beobachtungen der Arten während seiner Reise mit der Beagle die Grundzüge der Evolutionstheorie ab 1838 und veröffentlichte sie 1858 4). Darin ist der Mensch eine Art von vielen und entwickelte sich durch Variation und Selektion. Seine nächsten Verwandten sind die Menschenaffen.
Bis dahin galt: Der Mensch ist die Krone der Schöpfung und herrscht darüber. 5)
Heute gilt der Homo sapiens als einzige überlebende Art der Gattung Homo und ist durch Fossilien über 315.000 Jahre belegt, die ältesten Fundorte liegen alle in Afrika. Von dort hat er sich über alle Kontinente verbreitet, mit einer durchscnittlichen Ausbreitungsgeschwindigkeit von 400 Meter pro Jahr.

Die freudianische Wende des psychologischen Weltbildes als dritte Kränkung der Menschheit

Etwa ab 1889 erforschte Freud das Verhalten von Menschen mittels Hypnose, Drogen, Traumdeutung, Assoziationen und entwickelt die Theorie des unbewussten »Es«. Durch dieses triebhafte Element der Psyche würden die Entscheidungen des »Ich« »unbewusst« maßgeblich gesteuert. 1917 nannte er dies die dritte Kränkung der Menschheit 6).
Bis dahin galt: Der Mensch (homo sapiens, vernünftiger Mensch) hat einen freien Willen und trifft begründbare Entscheidungen. Nun wurde er zum potentiellen Opfer seiner Kindheitserfahrungen und rekonstruiert sich unbewusst seine Erinnerungen. Was ist da noch Wirklichkeit?

Weitere Kränkungen der Menschheit

Seither werden immer neue Kränkungen der Menschheit vorgeschlagen 7). Nachdem dem Menschen seine zentrale Stelle im Universum genommen wurde, seine Rolle als Krone der Schöpfung und schließlich auch die bewußte Entscheidung, sollten weitere Kränkungen sich annähernd an diesen Dimensionen messen lassen:

  • Allerdings sind die bisherigen Kränkungen solche der Erkenntnis, die das *Weltbild der Menschheit verändert haben. Der Mensch hat zur Kenntnis zu nehmen, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Es ist ja nicht so, dass sich deswegen Erde und Sonne anders bewegen als zuvor. Erkenntnisse solcher Dimensionen sind derzeit nicht in Sicht.
  • Tatsächlich verändert haben sich die *Weltanschauungen durch das Internet und die damit verbundenen Medien: *real life oder virtual reality? Vergleichbar ist dies jedoch eher mit der Erfindung der Schrift, des Buchdrucks, des Telefons und des Fernsehens - waren das Kränkungen?
  • Befürchtet wird, dass die Künstliche Intelligenz die Menschheit ablöst. Begründet wird dies mit der technologischen Singularität. Aber eine Befürchtung ist noch kein Erkenntnisgewinn und erst recht kein neues Weltbild.
  • Dagegen dürfte die Corona-Pandemie ab 2020 zu einer massiven Kränkung führen - ob sich jedoch infolgedessen eine neue Erkenntnis einstellen und ein geändertes Weltbild entstehen wird, steht in den Sternen.
1)
Ich erkenne, also bin. René Descartes (1596-1650) meinte in:
Meditationes de prima philosophia (1641)
»Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.«
2)
veröffentlicht 1543 in:
De revolutionibus orbium coelestium (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise)
3)
Galileo Galilei (1564-1641), Johannes Kepler (1571-1630), Isaac Newton (1642-1726) und andere
4)
A. R. Wallace & C. Darwin
On the Tendency of Species to form Varieties, and on the Perpetuation of Varieties and Species by Natural Means of Selection.
Jour. of the Proc. of the Linnean Society (Zoology) 1858, 3, S. 53–62
5)
1 Mos 1 (Luther): 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
6)
Sigmund Freud
Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse
in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, 5 (1917) 1, S. 1–7
7)
Gerhard Vollmer
Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen
In: Arbeitsgruppe Mensch – Technik – Umwelt. Hrsgg. von H.-H. Franzke, Technische Universität Berlin, Schriftenreihe Technik und Gesellschaft, Heft 3 (1999) 67–85
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