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Der edle Wilde

Die Figur des edlen Wilden (engl. noble savage, frz. bon sauvage) scheint ein Archetyp zu sein, der ein Wunschbild des Menschen darstellt so wie die Utopie das Wunschbild eines Landes beschreibt. Wunschbilder überzeugen durch Illusion, nicht durch Wissen. Daher stammen edle Wilde meist aus fernen Gegenden, über die man nicht viel weiß. Das Zeitalter der Entdeckungen förderte solche Geschichten und schuf Robinson mit Freitag, den königlichen Sklaven Oroonoko, Winnetou, den Waldläufer Lederstrumpf mit Chingachgook und Uncas. Der edle Wilde ist kein Wilder Mann, weil er kultiviert ist statt triebhaft.

Der erste historisch benannte edle Wilde war Anacharsis. Alle Angaben über ihn wurden überliefert, sind jedoch nicht belegt:

  • Die ihm zugeschriebenen, charakteristischen Eigenschaften waren nach Herodot Neugier, Wissbegierde und ein sanftes Wesen.
  • Nach Diogenes Laertius war er geistreich und schlagfertig, vorurteilslos, ein kritischer Geist.
  • Er galt als Muster kynischer Lebensart, also als bedürfnisloser Wanderradikaler.
  • Zugeschrieben wurden ihm 10 Briefe, Sentenzen, 50 Sinnsprüche mit feinsinnigem Gehalt, die auch Cicero zitierte.
  • Zugeschrieben wurde ihm auch die Begegnung mit Solon um 600 vor Christus, der ihn zu den sieben Weisen gezählt haben soll.
  • Als Sohn des Skythenkönigs Gnurus und einer griechischen Mutter stammte er aus einem Nomadenvolk, das als barbarisch galt und war in Athen ein Außenseiter.
  • Sein Bruder Saulios tötete ihn mit einem Pfeil, weil er sich der griechischen Kultur widmete.

Die Figur des Anacharsis war zu Herodots Zeiten im griechischen Raum allgemein bekannt, nicht jedoch in der skythischen Überlieferung. Ob es zu dieser Idealfigur also eine reale historische Persönlichkeit, war bereits zu Herodots Zeiten spekulativ. Die ihm zugeschriebenen Bildsäulen wurden nicht gefunden. Als Idealfigur war Anacharsis jedoch bis in die Neuzeit produktiv, unter anderem als Protagonist eines fiktiven Reiseberichts:

  • Barthélemy, Jean-Jacques
    Voyage du jeune Anacharsis en Grèce.
    Dans le milieu du quatrième siècle avant l'ère vulgaire. Recueil de cartes géographiques, plans, vues, et médailles de l'ancienne Grèce, relatifs au Voyage du jeune Anacharsis, précédé d'une analyse critique des cartes du and Jean Denis Barbié du Bocage.
    5 Bde. Paris 1788: De Bure, l'ainé.
    • Reise des juengern Anacharsis durch Griechenland, vier hundert Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung. Wien; Prag Haas 1796 in sieben Bänden.
  • Der jüngste Anacharsis.
    in: Gutzkow, Karl. 1839. Skizzenbuch. X, [2], 353 S. Cassel: Krieger (Th. Fischer).
  • Franz Heinrich Reuters
    Die Briefe des Anacharsis: griechisch und deutsch.
    (= Schriften und Quellen der Alten Welt, Bd. 14) 34 S. Berlin 1963: Akademie Verlag.
  • Fietz, Bolko, Alexander König (Ill.)
    Die Weisheit des Skythen. Gleichnisse und Gedanken des Nomadenprinzen Anacharsis. 121 S. Leipzig Verl. Vokal 2012
  • Schubert, Charlotte
    Anacharsis der Weise: Nomade, Skythe, Grieche. (= Leipziger Studien zur klassischen Philologie, 7) 227 S. Tübingen 2010: Narr.
  • Schubert, Charlotte
    Anacharsis: Der Weg eines Nomaden von Griechenland über Byzanz nach Europa.
    in: Byzanzrezeption in Europa. De Gruyter, 2012. 219-242.
  • Ungefehr-Kortus, Claudia
    Anacharsis, der Typus des edlen, weisen Barbaren.
    Ein Beitrag zum Verständnis griechischer Fremdheitserfahrung.
    Zugl.: Giessen, Univ., Diss., 1995 XIII, 276 S. Frankfurt am Main 1996: Lang.

Literatur

  • Adams, K. M.
    Come to Tana Toraja, Land of the Heavenly Kings. Travel Agents as Brokers in Ethnicity.
    Annals of Tourism Research 11 (1984) 469–485.
  • Crain, M. M.
    Negotiating Identities in Quito’s Cultural Borderlands.
    in: Howes D. (Hg.), Cross-Cultural Consumption: Global Markets, Local Realities, New York 1996: Routledge, S. 125–137.
  • Deitch, L.I.
    The Impact of Tourism on the Arts and Crafts of the Indians of the Southwestern Unites States.
    in: Smith V. L. (Hg.): Hosts and Guests. The Anthropology of Tourism, Philadelphia 1989: University of Pennsylvania Press, S. 221–235.
  • Ter Ellingson
    The Myth of the Noble Savage.
    XXII, 445 S. Berkeley, CA 2001: University of California Press.
  • Grégoire, E.
    Touaregs du Niger, le destin d’un mythe, nouvelle édition avec une postface de l’auteur.
    20 S. Paris 1999, 2001, 2010: Éditions Karthala.
  • Pandolfi P.
    La construction du mythe touareg, quelques remarques et hypothèses.
    Ethnologies comparées, 7 (2004).
  • Picard, M.
    Cultural Tourism in Bali: Cultural Performances as Tourist Attraction.
    Indonesia 49 (1990) 37–74.
  • Roux, M.
    Le désert de sable. Le Sahara dans l’imaginaire des Français (1900–1994).
    Paris 1996: L’Harmattan.
  • Silverman E. K.
    Tourist Art as the Crafting of Identity in the Sepik River (Papua New Guines).
    in: Phillips R. B. & Steiner C. B. (Hg.), Unpacking Culture. Art and Commodity in Colonial and Postcolonial Worlds, Berkeley 1999: University of California Press, S. 51–66.
  • Tilley Ch.
    Performing Culture in the Global Village.
    Critique of Anthropology, 1 (1997) S. 67–89.
  • Van Beek W. E.A.
    African Tourist Encounters: Effects of Tourism on Two West African Societies
    Africa 73 (2003) S. 251–289.
  • Van den Berghe P. L.
    Tourism as ethnic Relations: A Case Study of Cuzco, Peru.
    Ethnic and Racial Studies 3 (1980) S. 375–391.
wiki/edler_wilder.txt · Zuletzt geändert: 2022/06/25 12:05 von norbert

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