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Vajra

Der Vajrapāṇi `der einen vajra in der Hand hält´ beschützt Buddha 
und wird als junger Mann, aber auch 
als alter, bärtiger, wilder Mann dargestellt. 

Im Hinduismus bezeichnet das Sanskritwort vajra वज्र eine Waffe des Gottes Indra, die meist als Donnerkeil übersetzt wird und als Blitzsymbol gedeutet; sie wurde geworfen oder geschwungen. Die Hantelform und die beidseitigen Spitzen erinnern an eine Mörserkeule (römisch pilum) mit mittiger Handhabe und an eine Doppelaxt (griechisch Pelekys, persisch Labrys, minoisch »Amazonenaxt«) mit geschäftetem Stiel in der Mitte, die beide als Stabwerkzeug, Waffe, Zepter und Kultgegenstand archäologisch nachweisbar sind. Die Doppelaxt ist zudem eine Leitform der neolithischen Trichterbecherkultur.

Nach der indischen Mythologie hatte Indra diese besonders schwere Waffe aus den Knochen des mythischen Dadhīca hergestellt 1); analog werden dazu die Knochen des tibetischen Sehers Źo thuń verwendet: »alle Knochen des Sehers wurden zu einem Donnerkeil« 2). Diese Unzerstörbarkeit meint der Beiname `Diamant´, tibetisch rdo rje (»Herr der Steine«). Der Vajra/Dorje symbolisiert daher die allem zugrundeliegende, unveränderbare Wirklichkeit. Der zweite Beiname zamba bezeichnet auch das eiserne Endstück eines Pistills; eine eiserne Kette; ein Längenmaß sowie Tätigkeiten des Pflügens (Sanskrit-Lexikon Cologne) und symbolisiert das männliche Prinzip, während die Glocke Gaņthā 3) das weibliche Prinzip darstellt.

Alle Aspekte lassen sich deuten mit dem Herstellen von Werkzeugen und Waffen aus Natureisen (Meteoriteneisen) 4) im 3. und 4. Jahrtausend BC, das den 40fachen Wert von Silber hatte 5). In Mesopotamien wurde Eisen zuerst schriftlich erwähnt als »Kupfer des Himmels« (hethitisch AN.BAR GE6, sumerisch urudu-an-bar, altägyptisch bj-n-pt, ḥmt-n-p.t), also sowohl sachlich die Herkunft als Meteoreisen angebend als auch symbolisch »von den Göttern kommend«, vergleichbar tibetisch Thokcha (ཐོག་ལྕགས thog lcags; གནམ་ལྕགས gnam lcags) aus thog `Donner, Blitz, Dach, oben´ und lcag `Eisen´ übersetzt, also `Eisen vom Himmel´.
Das weiche Eisen wird durch »Feuerschweißen« zu Stahl, indem Tierknochenmehl als phosphorhaltiger Schlackenbildner zugesetzt wird 6). Die Rolle als Pioniere der Eisenverhüttung und -vermarktung im 2. Jahrtausend BC wird den Hethitern zugeschrieben. Tatsächlich fanden die Sprunginnovationen der Eisentechnologie nahezu gleichzeitig multilokal statt: in Südkaukasien, Ostanatolien, der Levante, danach in Westsyrien und auf Zypern 7). Der nördlichste Punkt wurde in den Magnetitvorkommen am Fluss Halys ausgemacht, dort bezeichnete derselbe Begriff das Volk Chalybes Χάλυβες 8) ebenso wie den Stahl (griechisch χάλυβος (chalybos), altarabisch solb `Stahl´, salib `hart´und ebenso die wandernden Schmiede arabisch halaby `wandernde Kesselflicker´, soluby `Stahlschmied´ 9). Der Halys ist nach seiner roten Farbe benannt, die von Eisenmineralien verursacht wird. Damit verbunden war ein technologischer Sprung von Werkzeugen und Waffen.

Der Vajra ist hantelförmig; die dicken Enden sind korbartig aufgeweitet mit Speichen und mit Spitzen versehen. Eine solche korbartige Aufweitung eines eisernen Stabes findet sich auch beim Stab Gandr `Kraft, Gewalt´ gandr der germanischen, wandernden Seherinnen völva, archäologisch nachweisbar etwa im Grab von Öland. Der germanische Schmied hieß Völundr (= Wieland). Beide Namen führen etymologisch zur PIE-Wurzel u̯el-7 `drehen, winden, wälzen´ und lassen in altisländischem vella `zum Sieden oder Schmelzen bringen, zusammenschweißen´ den technischen Vorgang erkennen. Der römische göttliche Schmied Vulcanus kann aus selbiger Wurzel stammen und trägt den Hammer; ein entruskischer Seher heißt ebenfalls Vulcanus 10).

Etymologisch führen vajra, avestisch vazra- (Mithras Keule), mongolisch wačir, wzïr, wžïr, alttürkisch vačir 11), finnisch wasara, ossetisch vasar für `Hammer´ über Proto-Finno-Uralisch *vaśara, „Hammer, Axt“ auf eine PIE-Wurzel *weg' `mächtig werden´ zurück 12). Die doppelte Wertschätzung als Werkzeug (Pistill, Mörserkeule) zum Aufbereiten der Nahrung und als Waffe (Keule, Axt) zum Töten machte das Gerät zum göttlichen Symbol für Macht, zum Kultgegenstand und zum Zepter der Herrscher. Die älteste Erwähnung einer Eisenkeule (als Zepter?) findet sich im 14. Jahrhundert BC in Amarna, an der 15 Šekel Gold angebracht sind als exklusivstes Stück in einer Liste mit Kleinodien13).

Insbesondere in den indoeuropäischen Mythen, aber auch bei den benachbarten semitischen Völkern, führt der Wettergott Blitz und Donner als Waffen und wird damit auch zum Göttervater: griechisch Zeus, römisch Jupiter, germanisch Thor, keltisch Taranis, etruskisch 𐌕𐌖𐌓𐌌𐌑 Turms, armenisch Tirs, vedisch Twaschtir, luwisch Tarhunzas (auch: deus tonitrus), hethitisch Tarhunnas … und wurzelt im Proto-Indo-Europäischen Gott Perkwunos 14) mit dem Beinamen Tṛḫu-ent- `Eroberer´ 15) und im Verb mit der PIE-Wurzel *terh₂- `durchdringen, überqueren, überwinden´, also bedeutungsgleich mit hethitisch tarḫu-zi, `herrschen, erobern, kraftvoll, fähig sein, siegen´. Der mythische Plot zeigt überall dieselbe Struktur:

  • Der Wettergott kämpft für das Leben gegen ein Ungeheuer (Schlange, Drache).
  • Dazu verfertigt ihm ein `Handwerker´ (Erzeuger, Former, Künstler, Schmied, Zimmermann) Waffen wie Keule & Spieß oder Doppelaxt & Speer.
  • Donner(keule) und Blitz(zacken) besiegen die Dürre.
  • Mörserkeule (hantelförmig) und Feuer (Zackenbündel, Dreizack `trishula´) vertreiben Mangel, Hunger, Tod.
  • Als Trinität verbindet der Mythos das Gute und das Böse mit dem Trickster als Mittler.
  • Nachfolgend werden Wettergötter, Trickster und von ihnen abgeleitete Halbgötter und Helden zu liminal deities, also Beschützer von Schwellen, Übergängen, Wegen, Boten, Reisenden, kurz: Reisegötter.

Im hethitischen Raum findet sich der Wettergott auf zwei Bergen an der heute türkisch-syrischen Grenze: Tarhunzas wurde auf dem Arputa (Arputawanis Tarhunz) verehrt, und Ba’al Ṣāpôn sowie Zeus Kasios und Teššub auf dem Kel Dağı (=Ḫazzi, Kasion, Sapano, Jebel al-Akra) am Orontes.

Beispiele aus der Mythologie

  • Naher Osten: Baal mit Blitzbündel und Donnerkeule gehört zu einer Götter-Trias und beendet als Wettergott die Dürre; er kämpft mit der Waffe ṣmd gegen die Schlange Yam; sein Schmied heißt Kothar 16), dieser fertigt für ihn die Waffen Yagarrish und Ayyamarri, `Vertreiber´ und `Jäger´, Baal wird gezeigt mit einem speerartigen Blitzsymbol in der linken und einem keulenförmigen Donner in der rechten Hand.
  • griechisch: Kampf des Helden Herakles mit der Wasserschlange Hydra;
    Zeus führt den Donnerkeil, seine Waffen schmiedet Cyclops, Sohn des Schmieds Hephaistos; er kämpft damit gegen den schlangenköpfigen Typhon.
  • indisch: Indra tötet mit seinem Donnerkeil vajra den Drachen Vritra 17), einen Dürredämon (Asura), auch als Schlange Ahi bezeichnet. Daher erhielt Indra den Beinamen „Vṛtrahan“, also Töter von Vitra. Der Schmied des vajra war Tvashtri (Sanskrit त्वष्टृ Tvaṣṭṛ `Former´ > Künstler, Techniker, Erzeuger).
  • iranisch: Dem Indra entspricht der Avesta-Gott Verethragna
  • iranisch: der mythische König Fereidun (< Traitaunas, Sohn von Tritas) tötet den dreiköpfigen Drachen Zahhak (Aži Dahāk, Dahāka, Dahāg)
  • zentralasiatisch/tibetisch: Der mGar-ba-nag-po `schwarze Schmied´ gilt als Wettergott und führt einen Stab mit drei dorje (=vajra) aus Meteoreisen in der rechten Hand 18)
  • baltisch: Perkunas kämpft mit einem Hammer und einer Keule gegen den Teufel (velns, velnias) und die Dürre; seine Waffen verfertigt der Schmied Televelis (Kalvelis)
  • germanisch: Kampf des Donnergottes Thor mit seinem Gewitterhammer Mjölnir gegen die Midgardschlange, Kampf von Siegfried gegen den Drachen mit seinem Schwert
1)
Rigveda I,84,13
2)
WILHELM, FRIEDRICH
„EIN BEITRAG ZUR TIBETISCHEN LEXIKOGRAPHIE.“
Central Asiatic Journal 7, no. 3 (1962): 212-25, hier S. 213: mit Źo =dadhi > Dadhyañc, Accessed June 5, 2021. http://www.jstor.org/stable/41926538
3)
घण्टा Glocke > गन्तृ alles, was sich bewegt, zu einer Frau gehen (sex.), tib. dril bu, mongolisch xongxo
4)
Buchner, E. etal. (2012)
Buddha from space — An ancient object of art made of a Chinga iron meteorite fragment
Meteoritics & Planetary Science, 47: 1491-1501. https://doi.org/10.1111/j.1945-5100.2012.01409.x
5)
YALÇIN, Ü. (2005)
Zum Eisen der Hethiter
In: Ü. Yalçın, C. Pulak & R. Slotta (Hrsg.): Das Schiff von Uluburun - Welthandel vor 3000 Jahren, Ausstellungskatalog, Bochum 2005, S. 493-502
Statistisch fallen jährlich 39 Meteoriten pro Million Quadratkilometer. In Wüstengebieten verwittern sie nur langsam und lassen sich mangels Vegetation leicht finden. In der Sahara sind 3.000 Fundstellen bekannt, doch kaum ein Eisenmeteorit, die statistisch 4% ausmachen. Diese dürften in prähistorischer zeit abgesammelt worden sein.
6)
Preßlinger, H., Eibner, C.
Phosphorlegierter keltischer Stahl – hart, zäh und korrosionsbeständig
Berg Huettenmaenn Monatsh 154, 534 (2009). https://doi.org/10.1007/s00501-009-0512-8
7)
Nieling, Jens
Die Einführung der Eisentechnologie in Südkaukasien und Ostanatolien während der Spätbronze- und Früheisenzeit
Diss. Tübingen 2009. (=Black Sea Studies, 10) Aarhus: Universitetsforlaget S. 22
8)
beschrieben von Xenophon, von diesem auch Chaldäer (Chaldaoi Χαλδαίοι) genannt; Chaldäer hießen auch die babylonischen Priester und Sterndeuter
9)
Robert Eisler
Die kenitischen Weihinschriften der Hyksoszeit im Bergbaugebiet der Sinaihalbinsel und einige andere unerkannte Alphabetdenkmäler aus der Zeit der XII. bis XVII. Dynastie
Eine Schrift- und Kulturgeschichtliche Untersuchung. Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg 1919, S. 74
Ein Wortumfeld für Schmiede und Eselnomaden.
10)
Radke, Gerhard. 1988. Beobachtungen zur 'Religion' der Etrusker. Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft. Neue Folge 14 (1988), 93-107 http://dx.doi.org/10.11588/wja.1988.0.26788.
11)
Geriletu, Honichud
Mongolische Familiennamen
Untersuchungen zu mongolischen Familiennamen in der südlichen Mongolei.
Diss. München : AVM, Akademische Verlagsgemeinschaft München 2013
12)
Parpola, Asko; Carpelan, Christian (2005). Edwin Francis Bryant; Laurie L. Patton (eds.). The Indo-Aryan Controversy: Evidence and Inference in Indian History. Routledge. ISBN 978-0-7007-1463-6
Asko Parpola (2015). The Roots of Hinduism: The Early Aryans and the Indus Civilization.
Oxford University Press. ISBN 978-0-19-022691-6
Das Gupta, Tapan Kumar Der Vájra, eine vedische Waffe
=Alt- und neu-indische Studien 16, F. Steiner, Wiesbaden 1975
Dahlaquist, Allan. Megasthenes and Indian Religion
A Study in Motives and Types.
Uppsala Almqvist & Wiksell 1962, S. 152 ff.
verwandt mit: u̯es-r̥ `Frühling? au̯es `leuchten, Gold´?
13)
Nieling, Jens
Die Einführung der Eisentechnologie in Südkaukasien und Ostanatolien während der Spätbronze- und Früheisenzeit
Diss. Tübingen 2009. (=Black Sea Studies, 10) Aarhus: Universitetsforlaget S. 47
14)
In den Mythen des nördlichen Georgiens stellt der Schmied Pirkuschi eine Keule und einen Bogen aus Eisen her, für Kopala, den Gott der Blitze, siehe
Georges Dumézil
Mythologie der kaukasischen Völker
In: Hans Wilhelm Haussig (Hrsg.): Götter und Mythen der kaukasischen und iranischen Völker. (= Wörterbuch der Mythologie. Abteilung 1: Die alten Kulturvölker, Band 11) Klett-Cotta, Stuttgart 1986, P’irkuši S. 44
15)
Hutter, Sylvia (ed.) gemeinsam mit M. Hutter. 2004.
Offizielle Religion, lokale Kulte und individuelle Religiosität.
Akten des religionsgeschichtlichen Symposiums „Kleinasien und angrenzende Gebiete vom Beginn des 2. bis zur Mitte des 1. Jahrtausends v.Chr.“ Bonn, 20.-22. Februar 2003 (AOAT 318) Münster S. 221, Argumentation von Norbert Oettinger
16)
Vennemann gen. Nierfeld, Theo. Germania Semitica. De Gruyter Mouton, 2012, S. 301ff.
Smith, Mark. The Ugaritic Baal Cycle: Volume I. Introduction with Text, Translation and Commentary of KTU 1.1-1.2. Niederlande: Brill, 2014. S. 340 f.
17)
Sanskrit वृत्र vṛtra m. „Feind, Gewitterwolke“
18)
Siegbert Hummel
Der Göttliche Schmied in Tibet
Folklore Studies, 19 (1960) 251-272
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