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wiki:korruption

Korruption

»Korruption« ist ein selten hinterfragter Plakatbegriff und darin vergleichbar mit der touristischen Tricolore von `Sicherheit, Freiheit, Gesundheit´, im Unterschied zu diesen jedoch einhellig zu verurteilen, rechtlich sowieso, aber auch (empört!) moralisch, sittlich verwerflich und meist als Teil eines undurchsichtigen `Sumpfes´ verdächtig.

Breite Zustimmung erfahren dürfte jedoch auch die Alltagserfahrung »Wer gut schmiert, der gut fährt«. Zu dieser ars corrumpendi hat jeder etwas beizutragen, verschmitzt grinsend. Wenn aber so viele davon profitieren, weshalb wird sie dann verurteilt?

Einer Theorie zufolge ist Korruption der archaische Rest eines Verhaltens, das im sozialen Umfeld von Großfamilie, Clan und Stamm unverzichtbar war und auch heute noch so bezeichnet wird - Vetternwirtschaft, Nepotismus - und ähnlichen gesellschaftlichen Kräften unterworfen ist wie Tauschgeschäfte, Gastgeschenke oder Brautpreis, denn dadurch wird bewirkt, dass die knappen Ressourcen im Umlauf bleiben: Letztlich ist jeder irgendwann am Geben und Nehmen beteiligt.

Das kollidiert heute jedoch mit hierarchischer Verwaltung, die sachlich zweckmäßig entscheiden soll und »ohne Ansehen der Person«. Dann bleibt nur die Wahrung des Scheins über die Kaffeekasse oder das Neujährchen, das den Zugang zur familia sichert. Ist das Geschäft allerdings groß genug, darf man von Provision sprechen; ist das Machtgefälle groß, wird der Betrag zur Schutzgeldzahlung oder zum Schweigegeld.

Korruption ist Gift für den Staat, weil eine Minderheit auf Kosten einer Mehrheit bevorzugt wird. Umgekehrt funktionieren failed states nur noch auf Tauschgeschäften. Persönliche Macht wird mittels Stempel oder Radarpistole, Uniform oder Waffe zur Einkommensquelle an einem Schalter oder einem roadblock. Der Aushandelungsvorgang findet idealerweise ohne Zeugen statt und die Übergabe wird verschleiert, damit es keine Annahme gibt, sondern als `Versehen´, `Verlieren´, `Vergessen´ erklärt werden kann.

Reisende genießen als Fremde gewohnheitsmäßig eher weniger Rechte; sie können als Sprachunkundige den Aushandlungsvorgang kaum gleichwertig gestalten und sie können nur einmal gemolken werden, dann sind sie weg. Zudem wird in traditionell tribalisierten oder feudalisierten Gesellschaften »Korruption« nicht als solche bewertet, sondern ist ein selbstverständlicher Vorgang, einer Abgabe vergleichbar.


Alfred K. Treml:
Korruption. »Moralischer Verfall« oder Dysfunktion?
Universitas 53 (1998) 251-262

wiki/korruption.txt · Zuletzt geändert: 2021/03/14 10:18 von norbert