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wiki:fahrendes_volk

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Fahrendes Volk

So lange Menschen in der Wildnis heimisch wurden, gab es kein Fahrendes Volk, denn man gehörte dazu oder nicht, war verstoßen als Outlaw oder heimatlos.

Ursprünglich bezeichnete der Begriff (útlegð, útlægr, ags. útlega, útlah) im alten Norwegischen und Isländischen jemanden, der ein schweres Verbrechen begangen hat und sich dem nicht mannhaft um den Preis seines Lebens stellt. Damit konnte und durfte dieser nicht mehr in der Gemeinschaft leben. Der Wald (skógr) liegt außerhalb der bewohnten Welt der Menschen. Dorthin wurden Menschen verbannt: búa i scógum. Sie wurden zu Waldgangsmenschen (skóggangsmenn, skóggangr, skågarmađr) 1) oder gar zum `varga´ (Würger > Wolf > Werwolf), zum Friedlosen in der Wildnis, der gejagt und erschlagen werden durfte 2).

Der Unhold in der Wildnis wird umschrieben mit mearcstapa `Mark-Stapfer´ 3), dem weglos Umherstapfenden in der Wildnis außerhalb der Gemeinschaft, dessen Name ihn mit den wilden Tieren verbindet: mórstapa `Auerochs´, hárðstapa `Wolf´, man-of-the-bush, dem Wilden Jäger. Außer ihm fanden sich dort nur jagende Waldläufer, Schmiede und Köhler sowie Seherinnen Völva. Diesen boten sich dort des nachts an Wegeskreuzungen Zugang zum Reich der Toten 4).

Davon unterschieden wurde der waer-genga 5), der Fremde, aus dem Ausland kommend, bezeichnete, die Schutz suchten unter dem geltenden Recht 6).
Der wildr-waergenga bleibt mehrdeutig 7), erscheint jedoch im Zusammenhang mit der Verbannung Nebukadnezars in den Wald.

ortsfest in der 

Nach dem Ende der Völkerwanderung blieben manche Gruppen mobil; deren Anteil wuchs in der spätmittelaterlichen Stadtgründungsphase teils, weil die Städte die Landbevölkerunge anzogen, teils aber auch, weil neue soziale Gruppen entstanden.

Zum Fahrenden Volk gehörten im Mittelalter in erster Linie Vaganten im Sinne von christlichen Scholaren (lat. clerici vagi) 8). Hinzu kamen mehr und mehr reisende Hausierer, die von Hof zu Hof und von Weiler zu Weiler zogen sowie Landfahrer (seit dem 13. Jh. belegt). Auch sie wurden später als Vaganten bezeichnet. Diese Gruppe wuchs in dem Maße, wie sich städtische Gesellschaften entwickelten. Zum Fahrenden Volk gehörten:

  • solche, die gewerbsmäßig unterwegs waren wie Händler, Hausierer;
  • Gruppen, deren Wanderstatus gesellschaftlich anerkannt war wie
    Pilger, Handwerksgesellen, Scholaren;
  • gesellschaftlich geduldete Randgruppen (»unehrliche Berufe«);
  • gesellschaftlich Ausgestoßene (*Gauner);
  • unerwünschte Fremde aus der Fremde mit abweichender Sprache und Kultur (Welsche, Zigeuner).

Die Übergänge waren fließend. Unabhängig von diesen formalen Zuordnungen konnte jemand ehrlich unterwegs sein, als Bettler oder als Gauner, denn das Leben auf der Straße war nicht schwindelfrei. Ohne soziales Netz (das konnten auch Klöster sein) und ohne Netzwerk (wie etwa Zünfte) schlugen sich Trickster und Kunden mit List und Täuschung oftmals besser durch.
Im 18. Jahrhundert gehörten rund 10 Prozent der Bevölkerung zum Fahrenden Volk. Das Fahrende Volk verständigte sich mit »Rotwelsch«, einem auf Deutsch basierenden *Jargon mit eigenen Wortschöpfungen sowie zahlreichen Lehnwörtern aus dem Jiddischen und von den Zigeunern.
Das Fahrende Volk benannte sich selbst oft ironisch als: Chausseegrabentapezierer, Himmelsfechter, Kirchturmspitzenvergolder, Luftschiffbremser, Wolkenschieber, Zitronenschleifer und mit ähnlichen Konstruktionen 9).


  • Danckert, Werner
    Unehrliche Leute. Die verfemten Berufe
    Bern, München: Francke 1963
  • Roeck, Bernd
    Außenseiter, Randgruppen, Minderheiten, Fremde im Deutschland der frühen Neuzeit
    Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1993
  • Schindler, Norbert
    Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit.
    Frankfurtam Main: Fischer 1992
  • * Bob Scribner
    Wie wird man Aussenseiter?
    Ein- und Ausgrenzung im frühneuzeitlichen Deutschland.
    Review zum Fahrenden Volk und der Rolle der Zünfte. S. 21-46 in: Goertz, Hans-Jürgen, Norbert Fischer, Marion Kobelt-Groch:
    Aussenseiter zwischen Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Hans-Jürgen Goertz zum 60. Geburtstag. VIII, 312 S., Leiden 1997: Brill.

siehe auch:
* Literaturliste zum Fussreisen
* Literaturliste Fahrendes Volk
* Fußreisen
* Ritter der Landstraße
* Liste der dem Fahrenden Volk Zugehörigen
* Rotwelsche Länderbezeichnungen

1)
Skógr `Wald´ im Sinne von `Zufluchtsort der Geächteten´, siehe Breidbach S. 168, Fußnote 530
2)
Karl von Amira
Nordgermanisches Obligationenrecht
Leipzig: Veit 1882-1895. XIII, 788; XV, 964 p.
Bd. 1. Altschwedisches Obligationenrecht ; Bd. 2. Westnordisches Obligationenrecht. S. 215-217
3)
Marquardt, Martha
Die altenglischen Kenningar
ein Beitrag zur Stilkunde altgermanischer Dichtung.
N.Niemeyer, 1938, S. 14
4)
Bonnetain, Yvonne
Loki Beweger der Geschichten
467 S. Rudolstadt: Roter Drache. = Diss. u.d.T.: Der nordgermanische Gott Loki aus literaturwissenschaftlicher Perspektive, Tübingen, 2005. hier S. 189
5)
lgbd. *wäregang, afrk. wargenga, ae. waergenga, an. vaeringi, uuaregang
6)
Van der Rhee, Florus
Die Germanischen Wörter in den langobardischen Gesetzen
Diss. Rotterdam 1970, S. 134 u.a.
Thomsen, Wilhelm Ludwig Peter
Der Ursprung des russischen Staates
drei Vorlesungen … Gotha 1879: F.A. Perthes.
S. 116 bis 129 ausführlich über mögliche Zusammenhänge zwischen den Wanderungen der Skandinavier durch die Rus nach Konstantinopel und nach Griechenland einerseits sowie zwischen den Bezeichnungen Waräger, waergenga, russ. varjag', griech. warangos, waraggoi, arabisch warank
Forssman, Julius
Skandinavische Spuren in der altrussischen Sprache und Dichtung: ein Beitrag zur Sprach- und Kulturgeschichte des ost- und nordeuropäischen Raums im Mittelalter. München 1967/1997: Kitzinger
S. 20: Die Herkunft des Wortes *vārgengi bleibt ungeklärt.
Taylor, Marion Ann
A New look at the old sources of „Hamlet“
The Hague 1968: Mouton. Studies in English literature, 42
»waergenga, which probably meant originally “sworn men” or “men of brotherhood”«
Schramm, Gottfried
Altrusslands Anfang
historische Schlüsse aus Namen, Wörtern und Texten zum 9. und 10. Jahrhundert.
Freiburg im Breisgau 2002: Rombach
S. 165: væringi kann mit ags. waergenga abstammungsgleich sein analog zu anord. foringi > Anführer mit ags. foreganga
7)
Winfried Breidbach
Reise - Fahrt - Gang. Nomina der Fortbewegung in den altgermanischen Sprachen.
Peter Lang 1994. Diss. Köln, S. 166 Fußnote 516, mit Verweisen
8)
Glanz, Rudolf
Geschichte des niederen jüdischen Volkes in Deutschland.
Eine Studie über historisches Gaunertum, Bettelwesen und Vagantentum.
New York 1968, S. 2
9)
Günter Puchner
Kundenschall
Das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter.
Heimeran München 1974, hier: S. 12
wiki/fahrendes_volk.1629003054.txt.gz · Zuletzt geändert: 2021/08/15 06:50 von norbert