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wiki:euphemismus

Euphemismus

Das Bedürfnis Dinge schönzureden entstand vermutlich in dem Augenblick, wo sich Kommunikation aufgelöst hat in Sprache und Denken, denn in der Regel sagen wir nicht (alles), was wir denken. Das griechische euphemein bedeutet »Unangenehmes angenehm sagen« und will damit Wissen verunklaren, *Illusionen nähren und *Aufklärung vernebeln.

Beispiele von Euphemismen

Ausländer Menschen mit Migrationshintergrund
Abriss Rückbau
dumm bildungsfern
entlassen freisetzen
Fälschung kreative Buchführung
Fleischabfälle Formfleisch
friedenserhaltende Maßnahmen Militäreinsätze
Gebühr Negativzinsen
Hausmeister Facility Manager
käseähnliches Industrieprodukt Analogkäse
Krankenkasse Gesundheitskasse
Krieg stockender Friedensprozess
Massentötungen Ethnische Säuberungen
Müllhalde Entsorgungspark
Putzfrau Raumpflegerin
schlecht suboptimal
steigende Kosten Beitragsanpassung
Sterben Frühableben
Stillstand Nullwachstum
Vertreibung Umsiedlung
unfähig förderungswürdig, stets bemüht
Verlust Gewinnwarnung
verschleppen brutalstmögliche Aufklärung
Werbung Verbraucherinformation
zivile Tote Kollateralschäden

Zwischen Schönfärberei und Täuschung

Schönfärberei will etwas verstecken. Wer etwas versteckt, will etwas vor anderen verbergen.
Das einfachste wäre dann, gar nicht darüber zu reden.
Warum also redet man über etwas, das man verbergen möchte und hübscht es sprachlich so auf, dass es nach etwas anderem aussieht?
Gemeinhin redet man in solchen Fällen von Täuschung, genauer von Irreführung.
Formulierungen werden gezielt so gewählt, dass eine Fehlvorstellung entsteht.
Diese soll einen anderen Sachverhalt vortäuschen.
Das Motiv zur Täuschung findet sich in Eigennutz, Werbung oder Propaganda und bedient sich natürlicher Neigungen des Menschen: Illusionen, Annahmen, Bequemlichkeit.

Kataloge, Diplomaten und political correctness

Die Erfahrung hat uns gelehrt, alltägliche Euphemismen in Reisekatalogen, beim Gebrauchtwagenkauf oder Immobilien zu erkennen. Die Gratwanderung zwischen Aufhübschen und Täuschung gelingt nicht immer, wie zahlreiche Gerichtsentscheidungen zeigen.

Andere Euphemismen sind innerhalb von Berufsgruppen üblich, so verstehen Diplomaten Formulierungen anders als Außenstehende.

Schließlich gibt es den politisch gewollten Euphemismus. Political correctness entzieht sich dem gesunden Menschenverstand und widerspricht allen Sprechgewohnheiten. Beamte vom Amtsleiter bis zum Polizisten können sich diesen Sprachregulierungen jedoch nicht entziehen, obwohl die Basis für diese Art des Aufhübschens in ideologische Glaubenseinstellungen zu finden ist und unterschiedliche *Weltanschauungen bedient. Das Problem dabei ist: Was gestern noch ein verschleierndes Hüllwort war, kann heute politisch korrekt werden. Diese Sprachregelung erklärt andere Sichtweisen und Gewohnheiten als nicht korrekt. Damit einher geht ein moralisches Sprechtabu.

Die unabhängigen Massenmedien fühlen sich einerseits der Öffentlichkeit verpflichtet, folgen andererseits jedoch ideologischen Blöcken. Dementsprechend entwickeln die Redaktionen interne Sprachregelungen und zeigen damit an, wem sie folgen.


Özlem Topcu: Stellt euch nicht so an. Weiße dürfen nicht bestimmen, wann Schwarze sich gekränkt fühlen dürfen. 24. Januar 2013 DIE ZEIT

Iris Forster: Political Correctness / Politische Korrektheit. BPB

Christian Götzinger untersuchte in seiner wissenschaftliche Hausarbeit an der TU Darmstadt 2013 die These: »Politische Akteure sind sich der euphemistischen Wirkung ihrer gewählten Bezeichnungen bewusst. Sie verwenden diese gezielt zur Irreführung der Öffentlichkeit über gegebene Tatsachen, um sich selbst und die eigenen Gruppe – also Partei, Regierung und/oder Ressort – in ein besseres Licht zu rücken und somit den Machterhalt, in Form einer erneuten Wiederwahl, zu sichern.«

Neben neutraler Fachsprache und deftigem Jargon beeinflussen auch * wiki (Euphemismus) und politisch korrekte Sprache unsere Begriffsbildungen.

wiki/euphemismus.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/18 15:42 von norbert