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wiki:reiselust

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Reiselust

Seit dem 18. Jahrhundert 1) versteht man unter Reiselust sowohl die Lust zum Reisen als auch die Lust, die das Reisen gewährt im Sinne von Vergnügen.

Dass die Reiselust ohne Schatten nicht zu haben ist, wusste man jedoch noch im 17. Jahrhundert. Der früheste gedruckte Beleg erscheint 1629 in einem Gedicht von Ludwig Achim Freiherr von Arnim:
Eine bange Reiselust
Weht in Frühlingstagen
Füllt mit Wehmut unsre Brust
Will zum Himmel tragen
2)
und verweist auf die ambivalente Empfindung von Lust und Wehmut.

1643 spricht der Tote einen Vers, mit dem Totenmann neben einem Sarg sitzend 3):
Wo ich geboren bin bei meiner ersten wiegen
Bleib ich stets sorgenlos mein leben über liegen
Veraltend nur daheim was soll ich lauffen aus
Die welt und reiselust find ich in meinem haus

Und auch eine Leichenpredigt von 1635 stellt den Zusammenhang zwischen Reiselust und Tod her:
Thanatōdēs Viator, id est Die rechte WandersBegierde und sterbliche ReiseLust/ erkläret aus Gottes Worte/ nach dem … Reiseliede/ Herr Jesu Christ ich weiß gar wol/ daß ich einmal muß sterben/ etc. Uber den kläglichen Trawerfall eines einher reisenden Jünglings/ Herren Petri De Herttog von Hamburgk/ so da schleunig und unverhofft auff der freyen Landstraassen durch einen tödlichen PistolSchuß am lincken Backen mit einem schmertzlosen Stündlein ubereylet/ und zum Himmelreich aus seinem Beruff gefordert worden/ Abends Galli umb 4. Uhr: abweichendes 1634 4)

Es dauert mehr als ein Jahrhundert bis die Reiselust profan, empfindsam und romantisch aufgefasst wurde:
1804 »Wir haben viele Werke über Amerika, in denen Reisende uns ihre vorübergehenden, Kaufleute ihre merkantilischen, Reiselustige ihre empfindsamen, Ansichten alle mehr oder weniger nach einem egoistischen Maaßstabe oder nach flüchtigen Eindrücken mitgetheilt haben. Hier tritt ein von Jugend an durch vielseitiges Reisen in entfernte Erdgegenden zur Beobachtung geschärfter, durch Erfahrung erprobter und durch den Umgang mit vielen Völkern und Menschen fast entnationalisirter Weltbürger auf und liefert genaue vollständige Beschreibung. « 5)

1809: Die Reiselust als »die Lust, das Verlangen zu reisen, Reise zu thun; 2 Die Reise als eine Lust betrachtet wie auch eine Lust, ein Vergnügen, welches man auf der Reise genießt. … Reiselust habend und an Tag legend. Immer reiselustig sein». 6)

1839 »Die Reiselust wird dem Menschen angeboren, er erwirbt sie nicht erst. Sie steigert sich mit der Zeit, wird durch Hindernisse befestigt und endlich eine Leidenschaft. Dann kann man ihr allerdings einige schlimme Seiten, einen unruhigen Cosmopolitismus, eine Vorliebe für das Wunderbare, vorwerfen, aber gerade diese machen sie auch zu einer der großartigsten nüzlichsten Leidenschaften, welche man kennt. Man nehme dem Menschen diesen Forschungsinstinct, dieses Bedürfniß von Bewegung, die ihn bald aus bloßer Neugierde, bald in Handelszwecken nach dem Unbekannten hin treiben, und man streicht mit einem Striche aus der Geschichte der Welt die riesenhaften Reisen, welche die Länder und Völker mit einander Verbindung brachten.
Der wandernde Marco Polo wird nicht mehr verstanden; selbst Columbus bleibt unerklärlich. „Jeder für sich zu Hause!“ ist die engherzige Devise, die dann allein herrscht. Jeder Staat muß sich verrammeln wie China und mit einer großen Mauer einschließen. Nichts vermischt, nichts verknüpft sich mehr unter einander, weder die Völkerschaften, noch die Ideen, die Sitten, die Glaubensarten und Civilisationen.
Ja, wenn man dem Menschen die Lust zu sehen und zu erfahren nimmt, zerfällt die Welt in lauter einzelne Bruchtheile die in der Abgeschiedenheit untergehen.
Die Reiselust ist ein Werkzeug der Vorsehung und zwar das kräftigste, das wirksamste von allen. Sieht man nicht in der physischen Ordnung der Dinge den Windhauch das Samenkorn, das in dem Thale reifte, forttragen und auf eine nackte Haide streuen damit diese Haide streuen, damit auch diese grüne und fruchtbar werde? Dasselbe gilt in der geistigen Welt. Der Samen der Aufklärung muß über die ganze Welt verstreut werden. Der Mensch muß ihn von Ort zu Ort tragen; es ist seine Aufgabe, denn auch ihm scheint eine Stimme von oben fortwährend zuzurufen: „vorwärts! Vorwärts!“
Sage ich dies, um mich zu rechtfertigen? um die lange jetzt beginnende Wanderung zu erklären? Stelle ich einen allgemeinen Grundsatz auf oder brauche ich nur eine rednerische Vorsicht? Weder das eine noch das andere; denn der Grundsah würde uns zu weit führen und keine Vorsicht ist besser als die, gerade auf das Ziel loszugehen Ich wollte blos eine Thatsache anführen, nämlich, daß die Reiselust mich von Jugend auf quälte und nur die Liebe zu meiner Familie, wie der Wunsch, ein ernstes Studium zu vollenden, endlich eine Menge Unmöglichkeiten die man nicht so leicht gesteht, und der Mangel an Gelegenheit und an Geld mich von dem tyrannischen Gedanken, die Welt zu sehen, befreien konnte.
Ich bezwang die Wandersucht. Das große Paris war mir nicht mehr groß genug; alles kam mir so gleichförmig und eintönig vor daß ich selbst seine Schönheiten dabei übersah. So lebte ich bis in mein dreißigstes Jahr und fühlte mich unglücklich. In diesem Alter verlor ich meine Eltern, blieb allein in der Welt mit einem måßigen Vermögen zuruck und dachte nun nur an das Sparen um endlich meine Reiselust befriedigen zu können. Anfangs dachte ich nur an die Schweiz und an Italien; von dem Gestade Siciliens wagte ich indeß doch auf Afrika hinüber zu blicken; das alte Numidien Cyrenaica und Aegypten.
Eine Reise nach dem alten so oft besuchten Oriente würde damals meine weitesten Wünsche befriedigt haben. In solchen Gedanken und Träumen lebte ich, als die Post mir einen Brief von einem Pariser Bankier brachte, einen in meinem prosaischen Leben poetischen Brief, einen Brief von zwanzig Zeilen deren jede tausend Thaler werth war.
Die Theaterstücke haben noch nicht alle amerikanischen Oheime verbraucht. Auch ich hatte einen, eine wahre Vorsehung für meine Reiselust. Der Bruder meiner Mutter hatte sich jung auf Cuba niedergelassen und eine Mulattin geheirathet, war Vater mehrerer Kinder geworden und hatte glücklich und vergessen in seiner neuen Familie gelebt. Niemals hatte er geschrieben gleich als schäme er sich seiner Mißheirath. Nur eine Kiste Zucker und einige Fässer Kaffee sagten uns von Zeit zu Zeit, daß dieser Vetter noch lebe. Der Brief des Bankiers theilte mir die Nachricht mit, dass er gestorben, als Millionär gestorben sey, und dass sich in seinem Testamente als einzige Erinnerung an Europa ein Vermächtniß von 12,000 Piastern für mich befinde. Würdiger Onkel Er hatte meinen Geschmack errathen. Ich mochte hinter ihm nicht zurückbleiben. „Was aus Amerika kommt, soll nach Amerika zurückkehren,“ sagte ich zu mir. „Mein Onkel wohnte in Amerika. Ich will Amerika besuchen und von Norden nach Süden durchwandern. Amerika soll zuerst meine Reiselust befriedigen. Sein Festland, seine Inselgruppen sind nun mein. Amerika entgeht mir nicht. Ich halte es fest.
Und ich reiste ab.»
7)

1)
Johann Christoph Adelung
Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart
1793, S. 1063: »… die Lust d. i. sinnliche Verlangen, zu reisen. Reiselust haben. Ingleichen, das Reisen als eine Lust, sinnliches Vergnügen betrachtet.«
2)
Werke (Reinhold Steig) Band 3, S. 452
3)
Franz Julius von Knesebeck: Dreiständige Sinnbilder … Braunschweig 1643, Online
4)
Thanatōdēs Viator, id est Die rechte WandersBegierde und sterbliche ReiseLust/ erkläret aus Gottes Worte/ nach dem … Reiseliede/ Herr Jesu Christ ich weiß gar wol/ daß ich einmal muß sterben/ etc. Uber den kläglichen Trawerfall eines einher reisenden Jünglings/ Herren Petri De Herttog von Hamburgk/ so da schleunig und unverhofft auff der freyen Landstraassen durch einen tödlichen PistolSchuß am lincken Backen mit einem schmertzlosen Stündlein ubereylet/ und zum Himmelreich aus seinem Beruff gefordert worden/ Abends Galli umb 4. Uhr: abweichendes 1634. Jahres Und bald den andern Tag hernach mit hertzlicher Erbarmung/ Weinen und Mittleiden zu der Kirchen gebracht/ auch darauff in Ansehnlicher und Volckreicher Kirchversamlung Fürstlicher und Adelicher Beampten … den folgenden Mittwochen zu seinem Ruhbettlein unter den Predigtstuel hier in der Kirchen zu Maw eingelegt/ und nach Vermögen das Gott damals ertheilet/ als auch der Zeit anlaß nach/ nochmals eingesegnet worden
26 Bl. Jehna 1635: Barbara Weidner. Online. M. Urbano Fritschen/ Vinariensi, Pfarrern daselbst; Peter de Herttog
5)
Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung 1804, S. 607
6)
Joachim Heinrich Campe: Wörterbuch der deutschen sprache Band 3, S. 807
7)
Malerische Reise in Süd und Nordamerika. Verfaßt von einer Gesellschaft Reisender und Gelehrter unter der Leitung des Herrn Alcide d Orbigny Deutsch von August Diezmann.
XVI, 320 Seiten, 67 Tafeln 2 Karten Leipzig Baumgärtners Buchhandlung 1839: Vorwort
wiki/reiselust.1742918194.txt.gz · Zuletzt geändert: 2025/03/25 15:56 von norbert

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