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wiki:flucht

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 ==== Die Flucht nach Burma ==== ==== Die Flucht nach Burma ====
-''Magener'' und ''Have'' setzten auf Bluff und Menschenkenntnis statt auf Kondition und Ausdauer. Sie wollten, nachdem sich die ersten Aufregungen infolge ihrer Flucht gelegt hatten, als Engländer auftreten und die offiziellen Verkehrsmittel benutzen. Sie wirkten britisch, trugen Militär-Khaki, beherrschten die Sprache vorzüglich und hatten sich Soldbücher von zwei Soldaten gestohlen und präpariert. Aus englischen Gesellschaftsblättern hatten sie sich eine Legende zusammengebastelt, Namen von Truppenteilen und Offizieren auswendig gelernt. Sechs Tage versteckten sie sich in den Bergen und wagten sich dann zurück in die Ebene. 2.300 Kilometer lagen vor ihnen bis nach Burma.+''Magener'' und ''Have'' setzten auf Bluff und Menschenkenntnis statt auf Kondition und Ausdauer. Sie wollten, nachdem sich die ersten Aufregungen infolge ihrer Flucht gelegt hatten, als Engländer auftreten und die offiziellen Verkehrsmittel benutzen. Sie wirkten britisch, trugen Militär-[[wiki:khaki|Khaki]], beherrschten die Sprache vorzüglich und hatten sich Soldbücher von zwei Soldaten gestohlen und präpariert. Aus englischen Gesellschaftsblättern hatten sie sich eine Legende zusammengebastelt, Namen von Truppenteilen und Offizieren auswendig gelernt. Sechs Tage versteckten sie sich in den Bergen und wagten sich dann zurück in die Ebene. 2.300 Kilometer lagen vor ihnen bis nach Burma.
 Sie unterhielten sich ständig nur auf englisch, um gar nicht erst in einer zweiten Sprache zu denken. An ihrer Militär-Khaki-Kleidung hatten sie keine Rangabzeichen. Sie rechneten einfach damit, daß jeder annahm, sie seien vom Militär. Andererseits hätte diese Kleidung aber auch jeder Zivilist tragen können. Ebenso hielten sie es mit ihren gestohlenen Papieren: Sie würden sie gegenüber Zivilpersonen benutzen, nicht aber bei Kontrollen durch die Militärpolizei, um nach einer eventuellen Gefangennnahme nicht zusätzliche Strafen für die Benutzung militärischer Abzeichen und Papiere zu erhalten. Sie unterhielten sich ständig nur auf englisch, um gar nicht erst in einer zweiten Sprache zu denken. An ihrer Militär-Khaki-Kleidung hatten sie keine Rangabzeichen. Sie rechneten einfach damit, daß jeder annahm, sie seien vom Militär. Andererseits hätte diese Kleidung aber auch jeder Zivilist tragen können. Ebenso hielten sie es mit ihren gestohlenen Papieren: Sie würden sie gegenüber Zivilpersonen benutzen, nicht aber bei Kontrollen durch die Militärpolizei, um nach einer eventuellen Gefangennnahme nicht zusätzliche Strafen für die Benutzung militärischer Abzeichen und Papiere zu erhalten.
  
 Diese Methode funktionierte gut: mit dem Bus nach Saharanpur, mit dem Zug über Lucknow nach Kalkutta, auf der Straße, in Restaurants und Bahnhofshallen nirgends fielen sie auf. Mit Glück rutschten sie durch eine stichprobenartige Kontrolle der Militärpolizei. Problematisch war allerdings die Übernachtung in der Großstadt: Die großen Hotels waren für Militärs reserviert; diese zu benutzen, fehlten ihnen die geeigneten Papiere. Die Hotels der Einheimischen wurden besonders intensiv von der Polizei kontrolliert, kamen also auch nicht in Frage. Schließlich landeten sie im YMCA, das zwar auch nur Inder beherbergte, aber keine Papiere verlangte. Mit dem Zug ging es weiter nach Goalanda Chat, dann mit dem Schiff nach Chandpur, alles ohne eine Kontrolle. Die erfolgte erst beim Verlassen des Schiffes: Alle Militärpersonen sollten an Bord bleiben. Have und Magener gehen selbstsicher auf die Militärpolizei zu und überzeugten diese durch Vorzeigen ihrer Zivilfahrkarten, daß sie nicht zum Militär gehörten: // „Das war wieder so ein Streich nach Haves Geschmack. Er konnte dem Reiz der Lage nicht widerstehen ... Furchtlos, und ohne Nerven, mit einem unfehlbaren Instinkt für das gerade noch Mögliche, stand er immer über der Situation. Niemals habe ich ihn aufgeregt gesehen ... Hinterher sahen seine Abenteuer immer so aus, als habe er sie vorher genau durchkalkuliert.“// ((Magener, Die Chance war Null, 59)) Diese Methode funktionierte gut: mit dem Bus nach Saharanpur, mit dem Zug über Lucknow nach Kalkutta, auf der Straße, in Restaurants und Bahnhofshallen nirgends fielen sie auf. Mit Glück rutschten sie durch eine stichprobenartige Kontrolle der Militärpolizei. Problematisch war allerdings die Übernachtung in der Großstadt: Die großen Hotels waren für Militärs reserviert; diese zu benutzen, fehlten ihnen die geeigneten Papiere. Die Hotels der Einheimischen wurden besonders intensiv von der Polizei kontrolliert, kamen also auch nicht in Frage. Schließlich landeten sie im YMCA, das zwar auch nur Inder beherbergte, aber keine Papiere verlangte. Mit dem Zug ging es weiter nach Goalanda Chat, dann mit dem Schiff nach Chandpur, alles ohne eine Kontrolle. Die erfolgte erst beim Verlassen des Schiffes: Alle Militärpersonen sollten an Bord bleiben. Have und Magener gehen selbstsicher auf die Militärpolizei zu und überzeugten diese durch Vorzeigen ihrer Zivilfahrkarten, daß sie nicht zum Militär gehörten: // „Das war wieder so ein Streich nach Haves Geschmack. Er konnte dem Reiz der Lage nicht widerstehen ... Furchtlos, und ohne Nerven, mit einem unfehlbaren Instinkt für das gerade noch Mögliche, stand er immer über der Situation. Niemals habe ich ihn aufgeregt gesehen ... Hinterher sahen seine Abenteuer immer so aus, als habe er sie vorher genau durchkalkuliert.“// ((Magener, Die Chance war Null, 59))
  
-Nun stiegen sie um auf die Bahn nach Chittagong, mieteten dort einen einheimischen Führer, der sie auf seinem Sampan bis Cox' Bazar ruderte, drei Tage und Nächte versteckt unter dessen Palmendach. Von dort schlugen sie sich nur noch des nachts durch, auf und neben den Straßen durch den Dschungel. Mehrmals liefen sie in den dunklen Nächten in Militärlager, durchquerten sie aber ohne aufzufallen. Immer wieder fanden sie sich in den gefährlichsten Lagen, vertrauten auf ihre Intuition, handelten, ohne zu planen, verließen sich auf ihr Gefühl. Zu vieles geschah zu plötzlich: Da wurden sie in der Nacht mehrfach mit einem „Stop“ angerufen, hörten das Klicken der Gewehrsicherung in ihrem Rücken und gingen dennoch weiter - niemand schoß, niemand kam ihnen nach. Einen anderen Posten, der es wagte, sie nach ihren Papieren zu fragen, schüchterten sie dermaßen ein, daß der nur noch Entschuldigungen stammeln konnte. Dann wollten sie einen Ghurka-Posten umgehen, indem sie einen Hügel erkletterten. In der Mitte des Hangs lösten sich einige Felsbrocken unter ihren Füßen, der Posten guckte nach oben, die beiden winkten kräftig mit ihren Tropenhelmen, der Posten grüßte zurück und alle waren zufrieden.+Nun stiegen sie um auf die Bahn nach Chittagong, mieteten dort einen einheimischen Führer, der sie auf seinem Sampan bis Cox' Bazar ruderte, drei Tage und Nächte versteckt unter dessen Palmendach. Von dort schlugen sie sich nur noch des nachts durch, auf und neben den Straßen durch den Dschungel. Mehrmals liefen sie in den dunklen Nächten in Militärlager, durchquerten sie aber ohne aufzufallen. Immer wieder fanden sie sich in den gefährlichsten Lagen, vertrauten auf ihre Intuition, handelten, ohne zu planen, verließen sich auf ihr Gefühl. Zu vieles geschah zu plötzlich: Da wurden sie in der Nacht mehrfach mit einem „Stop“ angerufen, hörten das Klicken der Gewehrsicherung in ihrem Rücken und gingen dennoch weiter - niemand schoß, niemand kam ihnen nach. Einen anderen Posten, der es wagte, sie nach ihren Papieren zu fragen, schüchterten sie dermaßen ein, daß der nur noch Entschuldigungen stammeln konnte. Dann wollten sie einen Ghurka-Posten umgehen, indem sie einen Hügel erkletterten. In der Mitte des Hangs lösten sich einige Felsbrocken unter ihren Füßen, der Posten guckte nach oben, die beiden winkten kräftig mit ihren [[wiki:tropenhelm|Tropenhelmen]], der Posten grüßte zurück und alle waren zufrieden.
  
 //„Das Ungewisse, das Unbekannte war zu unserem eigentlichen Lebenselement geworden. Nirgends fanden wir sicheren Halt, nirgends eine verläßliche Größe, mit der wir rechnen konnte. Nur selten wußten wir genau, wo wir waren, und selbst dann, wenn wir eine bestimmte Örtlichkeit ausgemacht hatten, blieb uns unsere Lage in bezug auf unser Endziel unklar, denn wo dieses sich befand, konnten wir ja noch gar nicht angeben. ... Die Ereignisse waren auf wenige atemraubende Augenblicke zusammengedrängt, auf allerkleinste Zeiteinheiten, zwischen denen lange, qualvolle Pausen, große, leere Zwischenräume lagen. ... Jeder Augenblick konnte den ganzen Mann erfordern. Mit dieser Umstellung ging auch die Führung vom Verstand auf den Instinkt über; wir überließen uns unbewußten Reaktionen und Reflexbewegungen. Weil ununterbrochen neue Ereignisse auf uns einstürmten, wären wir ihnen alsbald nicht gewachsen gewesen, hätte nicht unsere eigene Natur durch einen Entlastungsmechanismus Abhilfe geschaffen. Er bestand einmal darin, daß das soeben Erlebte weit in die Vergangenheit zurückgestoßen wurde, beklemmende Eindrücke also ihre lähmende Nachwirkung verloren. ... Wir waren noch keine zwanzig Schritt an den Straßenposten vorbei, da waren sie schon aus dem Sinn und vergessen. Und zum anderen wurden wir gegen Gefahren zusehends unempfindlicher; immer gefährlichere Begebenheiten kamen uns harmlos vor ...“// ((Magener, Die Chance war Null, 73f.)) //„Das Ungewisse, das Unbekannte war zu unserem eigentlichen Lebenselement geworden. Nirgends fanden wir sicheren Halt, nirgends eine verläßliche Größe, mit der wir rechnen konnte. Nur selten wußten wir genau, wo wir waren, und selbst dann, wenn wir eine bestimmte Örtlichkeit ausgemacht hatten, blieb uns unsere Lage in bezug auf unser Endziel unklar, denn wo dieses sich befand, konnten wir ja noch gar nicht angeben. ... Die Ereignisse waren auf wenige atemraubende Augenblicke zusammengedrängt, auf allerkleinste Zeiteinheiten, zwischen denen lange, qualvolle Pausen, große, leere Zwischenräume lagen. ... Jeder Augenblick konnte den ganzen Mann erfordern. Mit dieser Umstellung ging auch die Führung vom Verstand auf den Instinkt über; wir überließen uns unbewußten Reaktionen und Reflexbewegungen. Weil ununterbrochen neue Ereignisse auf uns einstürmten, wären wir ihnen alsbald nicht gewachsen gewesen, hätte nicht unsere eigene Natur durch einen Entlastungsmechanismus Abhilfe geschaffen. Er bestand einmal darin, daß das soeben Erlebte weit in die Vergangenheit zurückgestoßen wurde, beklemmende Eindrücke also ihre lähmende Nachwirkung verloren. ... Wir waren noch keine zwanzig Schritt an den Straßenposten vorbei, da waren sie schon aus dem Sinn und vergessen. Und zum anderen wurden wir gegen Gefahren zusehends unempfindlicher; immer gefährlichere Begebenheiten kamen uns harmlos vor ...“// ((Magener, Die Chance war Null, 73f.))
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 ==== 3.2 Der 2. Weltkrieg 1939-1945 ==== ==== 3.2 Der 2. Weltkrieg 1939-1945 ====
 ''Herbert Pritzke'' war Arzt und wurde 1944 nach Afrika beordert, zum Rommel-Korps. Nach seinem ersten Fluchtversuch aus englischer Gefangenschaft verlegte man ihn in das berüchtigte Lager 307 bei Fanara in der Suezkanal-Zone, ein Entkommen von dort war unmöglich. So begann er, Wadenkrämpfe zu simulieren und erreichte bald sein Ziel, die Verlegung ins Hospital nach Fayed. Er wurde an den Krampfadern operiert und kaum zu Kräften gelangt, floh er, 18 Monate nach Kriegsende.\\  ''Herbert Pritzke'' war Arzt und wurde 1944 nach Afrika beordert, zum Rommel-Korps. Nach seinem ersten Fluchtversuch aus englischer Gefangenschaft verlegte man ihn in das berüchtigte Lager 307 bei Fanara in der Suezkanal-Zone, ein Entkommen von dort war unmöglich. So begann er, Wadenkrämpfe zu simulieren und erreichte bald sein Ziel, die Verlegung ins Hospital nach Fayed. Er wurde an den Krampfadern operiert und kaum zu Kräften gelangt, floh er, 18 Monate nach Kriegsende.\\ 
-Ausgerüstet war er mit einem zwei Meter langen [[wiki:stab|Zeltstock]], der ihm mit seinen eisenbeschlagenen Spitzen als Waffe dienen sollte. Aufpassen mußte er aber auch vor den anderen Internierten: 100 Zigaretten Belohnung gab es, wenn eine Flucht verraten wurde. Gefährlich waren die //„knüppelbewaffneten deutschen Lagerwachen, meist Fallschirmjäger, die für dreißig Pfennig am Tag ihre eigenen Kameraden bewachten und robuste Methoden anwandten, um den Ertappten das Heimweh aus den Knochen zu prügeln, ehe sie vom Wachsergeanten die Belohnung in Zigaretten einkassierten.“// ((Pritzke, Nach Hause kommst du nie ..., 12)) Doch so lange nach Kriegsende war die Aufmerksamkeit der Wachen gering, und nur ein Zaun war zu überwinden. Seine Fluchtroute war ihm klar: // „Ich folgte dem klassischen Fluchtweg der deutschen Kriegsgefangenen: zunächst drei Stunden in genau westlicher [[wiki:orientierung|Richtung]], um aus der britischen Kanal-Enklave herauszukommen, dann abschwenken nach Nordwesten bis an den Süßwasserkanal, der von Ismailia nach Kairo führt.“// ((Pritzke, Nach Hause kommst du nie ..., 16))\\  +Ausgerüstet war er mit einem zwei Meter langen [[wiki:stab|Zeltstock]], der ihm mit seinen eisenbeschlagenen Spitzen als Waffe dienen sollte. Aufpassen mußte er aber auch vor den anderen Internierten: 100 Zigaretten Belohnung gab es, wenn eine Flucht verraten wurde. Gefährlich waren die //„knüppelbewaffneten deutschen Lagerwachen, meist Fallschirmjäger, die für dreißig Pfennig am Tag ihre eigenen Kameraden bewachten und robuste Methoden anwandten, um den Ertappten das Heimweh aus den Knochen zu prügeln, ehe sie vom Wachsergeanten die Belohnung in Zigaretten einkassierten.“// ((''Pritzke'', Nach Hause kommst du nie ..., 12)) Doch so lange nach Kriegsende war die Aufmerksamkeit der Wachen gering, und nur ein Zaun war zu überwinden. Seine Fluchtroute war ihm klar: // „Ich folgte dem klassischen Fluchtweg der deutschen Kriegsgefangenen: zunächst drei Stunden in genau westlicher [[wiki:orientierung|Richtung]], um aus der britischen Kanal-Enklave herauszukommen, dann abschwenken nach Nordwesten bis an den Süßwasserkanal, der von Ismailia nach Kairo führt.“// ((Pritzke, Nach Hause kommst du nie ..., 16))\\  
-Drei Tage lief er ohne Wasser, dann brach er zusammen. Beduinen fanden ihn, gaben ihm Wasser und bei den Beduinen blieb er, als sie seine Qualitäten als Arzt entdeckten. Der nur geduldete Flüchtling wurde zum //Hakim Alemanni// mit Ruf und Ansehen. Als solcher praktizierte er in einem Beduinenzelt, ließ sich Medikamente und Geräte aus Ismailia beschaffen und baute sich eine kleine, mobile Praxis auf. Rezepte für Patienten unterschrieb er mit// „Le docteur inconnu.“// Als Dank für die Gastfreundschaft wurde von ihm die Unterstützung illegaler Geschäfte erwartet und Pritzke beteiligte sich daher am Haschisch-Schmuggel. Der Diebstahl einer Kiste mit Morphium aus einem englischen Lager schlug allerdings fehl.\\  +Drei Tage lief er ohne Wasser, dann brach er zusammen. [[wiki:beduinen|Beduinen]] fanden ihn, gaben ihm Wasser und bei den Beduinen blieb er, als sie seine Qualitäten als Arzt entdeckten. Der nur geduldete Flüchtling wurde zum //Hakim Alemanni// mit Ruf und Ansehen. Als solcher praktizierte er in einem Beduinenzelt, ließ sich Medikamente und Geräte aus Ismailia beschaffen und baute sich eine kleine, mobile Praxis auf. Rezepte für Patienten unterschrieb er mit// „Le docteur inconnu.“// Als Dank für die Gastfreundschaft wurde von ihm die Unterstützung illegaler Geschäfte erwartet und Pritzke beteiligte sich daher am Haschisch-Schmuggel. Der Diebstahl einer Kiste mit Morphium aus einem englischen Lager schlug allerdings fehl.\\  
-Etwa ein Jahr blieb er bei den Beduinen, lernte deren Sprache, kleidete sich wie sie, paßte sich an, auch wenn es ihm hin und wieder schwerfiel: // „Ich war bevorzugter Gast. `Hier ist etwas Gutes für dich, Salameh!“ sagte der Onkel und hielt mir mit seinen schmutzigen Fingern ein Auge des Hammels hin. Kaum eine Situation im Krieg hatte mich soviel Todesverachtung gekostet wie das würgende Hinunterschlucken solcher Gastbrocken. ... Der Onkel jedoch, der mich ins Herz geschlossen hatte, streifte sich die Ärmel hoch, beugte sich so weit vor, daß sein Bart beinahe mit dem Gericht in Berührung kam, griff ein paarmal ein Stück Fleisch heraus und prüfte es, ob es auch gut genug war für den Gast; aber jedes Stück warf er wieder zurück, bis er endlich vom Besten das Allerbeste für mich gefunden hatte. ... Es war ein Stück Schwanzfett, mit dem ich den ganzen aufdringlichen Geruch des Fettschwanzhammels in die Nase bekam. Um den Fettklumpen gekrümmt, sah ich die unsagbar dreckige Hand, vom Fettklumpen weg rann die Brühe über den nackten haarigen Arm ... Die Natur sorgte dafür, daß ich das Schwanzfett nicht mehr zu essen brauchte und auch das Hammelauge wieder zurückbekam, nachdem es sich in meinem aufgewühlten Inneren nur eine Weile hatte umsehen dürfen.“// ((Pritzke, Nach Hause kommst du nie ..., 139))\\ +Etwa ein Jahr blieb er bei den Beduinen, lernte deren [[wiki:sprachen|Sprache]], kleidete sich wie sie, paßte sich an, auch wenn es ihm hin und wieder schwerfiel: // „Ich war bevorzugter Gast. `Hier ist etwas Gutes für dich, Salameh!“ sagte der Onkel und hielt mir mit seinen schmutzigen Fingern ein Auge des Hammels hin. Kaum eine Situation im Krieg hatte mich soviel Todesverachtung gekostet wie das würgende Hinunterschlucken solcher Gastbrocken. ... Der Onkel jedoch, der mich ins Herz geschlossen hatte, streifte sich die Ärmel hoch, beugte sich so weit vor, daß sein Bart beinahe mit dem Gericht in Berührung kam, griff ein paarmal ein Stück Fleisch heraus und prüfte es, ob es auch gut genug war für den Gast; aber jedes Stück warf er wieder zurück, bis er endlich vom Besten das Allerbeste für mich gefunden hatte. ... Es war ein Stück Schwanzfett, mit dem ich den ganzen aufdringlichen Geruch des Fettschwanzhammels in die Nase bekam. Um den Fettklumpen gekrümmt, sah ich die unsagbar dreckige Hand, vom Fettklumpen weg rann die Brühe über den nackten haarigen Arm ... Die Natur sorgte dafür, daß ich das Schwanzfett nicht mehr zu essen brauchte und auch das Hammelauge wieder zurückbekam, nachdem es sich in meinem aufgewühlten Inneren nur eine Weile hatte umsehen dürfen.“// ((Pritzke, Nach Hause kommst du nie ..., 139))\\ 
 Erst Ende 1947 durfte er die Beduinen verlassen und ging nach Kairo. Seine Versuche, sich einen Paß und eine Fahrkarte nach Europa zu organisieren, scheiterten kläglich, er mußte erneut untertauchen und fiel in die Hände der Muslim-Bruderschaft von Hadji Khaled, die ihm eine neue Identität verschafften.\\  Erst Ende 1947 durfte er die Beduinen verlassen und ging nach Kairo. Seine Versuche, sich einen Paß und eine Fahrkarte nach Europa zu organisieren, scheiterten kläglich, er mußte erneut untertauchen und fiel in die Hände der Muslim-Bruderschaft von Hadji Khaled, die ihm eine neue Identität verschafften.\\ 
 Als Gegenleistung verpflichtete er sich als Söldner im Palästina-Krieg mit dem Einsatzort Jaffa. Weder Israelis noch Araber waren militärisch organisiert, so daß dieser Krieg eher aus Provokationen, Unruhen und Guerilla-Aktionen bestand. Ende April 1948 brach die Jaffa-Front zusammen und Pritzke floh mit zwei Kameraden nach Beirut; die Überfahrt bezahlten sie mit ihren Waffen.\\  Als Gegenleistung verpflichtete er sich als Söldner im Palästina-Krieg mit dem Einsatzort Jaffa. Weder Israelis noch Araber waren militärisch organisiert, so daß dieser Krieg eher aus Provokationen, Unruhen und Guerilla-Aktionen bestand. Ende April 1948 brach die Jaffa-Front zusammen und Pritzke floh mit zwei Kameraden nach Beirut; die Überfahrt bezahlten sie mit ihren Waffen.\\ 
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 ==== Der Legion entkommen ==== ==== Der Legion entkommen ====
-''Philip Rosenthal'' war schon als Kind nach England gekommen, besaß aber noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hatte sein Studium in Oxord beendet und war mit einem Freund in Frankreich unterwegs, wollte dort zunächst seine Mutter in ihrer Villa in Juan-Les-Pins besuchen, dann zu Fuß und per Anhalter durch den Balkan und die Türkei bis nach Persien.  „Danach wollte ich sehen, was sich weiter ergab. Was jedoch kam, war der Krieg. Wie so viele Menschen konnten wir nicht begreifen, daß der Krieg da war; was man nie erlebt hat, kommt einem irgendwie nicht recht möglich vor.“ ((Rosenthal, Einmal Legionär, 18)) Er wollte nicht ins faschistische Deutschland zurück, in England und Frankreich war er [[wiki:auslaender|Ausländer]]. So beschloß er kurzerhand, sich der Fremdenlegion anzuschließen. Doch die bot nicht das, was er sich vorgestellt hatte: Anstatt gegen das NS-Regime kämpfen zu dürfen, muß er in der Sahara Sand schaufeln.\\ +''Philip Rosenthal'' war schon als Kind nach England gekommen, besaß aber noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hatte sein Studium in Oxord beendet und war mit einem Freund in Frankreich unterwegs, wollte dort zunächst seine Mutter in ihrer Villa in Juan-Les-Pins besuchen, dann zu Fuß und per Anhalter durch den [[wiki:staunen_fremdheit_neues_neugier#Dort fängt der Balkan an|Balkan]] und die Türkei bis nach Persien.  „Danach wollte ich sehen, was sich weiter ergab. Was jedoch kam, war der Krieg. Wie so viele Menschen konnten wir nicht begreifen, daß der Krieg da war; was man nie erlebt hat, kommt einem irgendwie nicht recht möglich vor.“ ((Rosenthal, Einmal Legionär, 18)) Er wollte nicht ins faschistische Deutschland zurück, in England und Frankreich war er [[wiki:auslaender|Ausländer]]. So beschloß er kurzerhand, sich der Fremdenlegion anzuschließen. Doch die bot nicht das, was er sich vorgestellt hatte: Anstatt gegen das NS-Regime kämpfen zu dürfen, muß er in der Sahara Sand schaufeln.\\ 
 1940 erklärte Frankreich den Waffenstillstand. Damit fehlte ihm dann auch die letzte Perspektive.// „Ich hatte nie ein Abenteuer in der Legion, bis ich versuchte, von ihr wegzukommen; aus dem einfachen Grunde, daß es kein Abenteuer ist, mehr Arbeit unter häßlicheren Bedingungen und mit weniger Lohn und weniger Anerkennung zu leisten als die meisten Arbeiter der Welt. Auch kann selbst das Kämpfen kein Abenteuer sein, wenn es zur Dauerbeschäftigung wird. Abenteuer bedeutet, aus der Routine rauszukommen, und nicht, sich in einer zu befinden, die besonders gräßlich ist.“// ((Rosenthal, Einmal Legionär, 65))  Dreimal versuchte er aus der Legion zu fliehen, erst der letzte Versuch gelang. Er hatte sich Geld gespart, einen gefälschten Urlaubsschein ausstellen, gute Zivilkleidung schneidern lassen und läßt sich am Tag seiner Flucht rasieren und maniküren - sein Plan beruhte darauf, nicht wie ein Legionär auszusehen. Über Fes, Meknes und Rabat gelangte er nach Casablanca und da jedes Hotel Ausweise verlangte, nahm er erst spät abends Quartier, trug einen falsche Namen ein und wechselte das Hotel früh am nächsten Morgen, da erst dann die Papiere zur Polizei gebracht wurden. Tagelang suchte er Möglichkeiten, außer Landes zu gelangen: Doch weder im Prostituierten-Milieu noch bei der amerikanischen Botschaft noch im Hafen bot sich eine Chance. Der amerikanische Konsul schlug ihm ernsthaft vor, nach Britisch-Gambia mit dem Fahrrad zu fahren. Dann lernte er einen entlassenen Legionär kennen und erschwindelte sich mit dessen Entlassungsschein bei der Polizei einen neuen Personalausweis auf den baskischen Namen ''Thomas Bartolomeo Echevarria''. Die neue Identität hielt künftig allen Überprüfungen stand, nur das Land verlassen konnte er auch damit nicht. Bei einem solchen Versuch wurde er verhaftet, kam zunächst ins Gefängnis, dann ins Lager, wurde aber nicht als entlaufener Legionär erkannt. Erst im September 1942 gelang es ihm mit Hilfe von Freunden und Beziehungen, in einem kleinen Fischkutter Marokko zu verlassen und nach Gibraltar überzusetzen. 1940 erklärte Frankreich den Waffenstillstand. Damit fehlte ihm dann auch die letzte Perspektive.// „Ich hatte nie ein Abenteuer in der Legion, bis ich versuchte, von ihr wegzukommen; aus dem einfachen Grunde, daß es kein Abenteuer ist, mehr Arbeit unter häßlicheren Bedingungen und mit weniger Lohn und weniger Anerkennung zu leisten als die meisten Arbeiter der Welt. Auch kann selbst das Kämpfen kein Abenteuer sein, wenn es zur Dauerbeschäftigung wird. Abenteuer bedeutet, aus der Routine rauszukommen, und nicht, sich in einer zu befinden, die besonders gräßlich ist.“// ((Rosenthal, Einmal Legionär, 65))  Dreimal versuchte er aus der Legion zu fliehen, erst der letzte Versuch gelang. Er hatte sich Geld gespart, einen gefälschten Urlaubsschein ausstellen, gute Zivilkleidung schneidern lassen und läßt sich am Tag seiner Flucht rasieren und maniküren - sein Plan beruhte darauf, nicht wie ein Legionär auszusehen. Über Fes, Meknes und Rabat gelangte er nach Casablanca und da jedes Hotel Ausweise verlangte, nahm er erst spät abends Quartier, trug einen falsche Namen ein und wechselte das Hotel früh am nächsten Morgen, da erst dann die Papiere zur Polizei gebracht wurden. Tagelang suchte er Möglichkeiten, außer Landes zu gelangen: Doch weder im Prostituierten-Milieu noch bei der amerikanischen Botschaft noch im Hafen bot sich eine Chance. Der amerikanische Konsul schlug ihm ernsthaft vor, nach Britisch-Gambia mit dem Fahrrad zu fahren. Dann lernte er einen entlassenen Legionär kennen und erschwindelte sich mit dessen Entlassungsschein bei der Polizei einen neuen Personalausweis auf den baskischen Namen ''Thomas Bartolomeo Echevarria''. Die neue Identität hielt künftig allen Überprüfungen stand, nur das Land verlassen konnte er auch damit nicht. Bei einem solchen Versuch wurde er verhaftet, kam zunächst ins Gefängnis, dann ins Lager, wurde aber nicht als entlaufener Legionär erkannt. Erst im September 1942 gelang es ihm mit Hilfe von Freunden und Beziehungen, in einem kleinen Fischkutter Marokko zu verlassen und nach Gibraltar überzusetzen.
  
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 ==== Werner-Otto von Hentig ==== ==== Werner-Otto von Hentig ====
-* 22.5.1886 in Berlin. Sein Vater war Staatsminister, seine zweite Frau eine Luise von Mach, mit ihr hatte er vier Kinder. (Sein Sohn Hartmut von Hentig ist heute ein berühmter Erziehungswissenschaftler in Bielefeld.) Er besuchte das Gymnasium in Gotha und die Universitäten in Grenoble, Königsberg, Berlin und Bonn. 1909 promovierte er zum Dr. jur. et rer. pol. und trat in den diplomatischen Dienst ein, wurde Attaché in Peking, Konstantinopel und Teheran. 1915 bis 1917 war er in besonderer Mission nach Afghanistan unterwegs, danach Pressechef an der deutschen Botschaft in Konstantinopel. Er trat nach dem Umsturz aus dem Reichsdienst aus, engagierte sich bei der Rettung deutscher Kriegsgefangener aus Sibirien, wurde dann erneut Geschäftsträger des Reiches zunächst in Estland, dann auf dem Balkan und schließlich in Posen. In den zwanziger Jahren wurde er in der deutschen Jugendbewegung aktiv. 1937-1939 leitete er die Orientabteilung im Auswärtigen Amt in Berlin.+* 22.5.1886 in Berlin. Sein Vater war Staatsminister, seine zweite Frau eine Luise von Mach, mit ihr hatte er vier Kinder. (Sein Sohn Hartmut von Hentig ist heute ein berühmter Erziehungswissenschaftler in Bielefeld.) Er besuchte das Gymnasium in Gotha und die Universitäten in Grenoble, Königsberg, Berlin und Bonn. 1909 promovierte er zum Dr. jur. et rer. pol. und trat in den diplomatischen Dienst ein, wurde Attaché in Peking, Konstantinopel und Teheran. 1915 bis 1917 war er in besonderer Mission nach Afghanistan unterwegs, danach Pressechef an der deutschen Botschaft in Konstantinopel. Er trat nach dem Umsturz aus dem Reichsdienst aus, engagierte sich bei der Rettung deutscher Kriegsgefangener aus Sibirien, wurde dann erneut Geschäftsträger des Reiches zunächst in Estland, dann auf dem [[wiki:staunen_fremdheit_neues_neugier#Dort fängt der Balkan an|Balkan]] und schließlich in Posen. In den zwanziger Jahren wurde er in der deutschen Jugendbewegung aktiv. 1937-1939 leitete er die Orientabteilung im Auswärtigen Amt in Berlin.
   * (1.) Heim durch Kurdistan. Ritt u. Reise von Persien zur Ostfront 1914. Voggenreiter. Potsdam. 1943. 124 S., 8° (2 Ausg.)   * (1.) Heim durch Kurdistan. Ritt u. Reise von Persien zur Ostfront 1914. Voggenreiter. Potsdam. 1943. 124 S., 8° (2 Ausg.)
   * (2.) Ins verschlossene Land. Ein Kampf um Mensch und Meile. Voggenreiter. Potsdam. 1928. 192 S., 8° (7 dt. Auflg., Über 200. Tsd. Ex. i. d. 1. Aufl.)   * (2.) Ins verschlossene Land. Ein Kampf um Mensch und Meile. Voggenreiter. Potsdam. 1928. 192 S., 8° (7 dt. Auflg., Über 200. Tsd. Ex. i. d. 1. Aufl.)
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   * (3.) Auf deutschem Boden um die Erde. Erinnerungen eines Weltreisenden. Schaffstein. Köln. 1934. 79 S., 8°   * (3.) Auf deutschem Boden um die Erde. Erinnerungen eines Weltreisenden. Schaffstein. Köln. 1934. 79 S., 8°
   * (4.) Südamerikanisches Auswanderer-ABC. Praktische Winke u. Ratschläge. Ausland u. Heimat. Stuttgart. 1921. 40 S., gr. 8°   * (4.) Südamerikanisches Auswanderer-ABC. Praktische Winke u. Ratschläge. Ausland u. Heimat. Stuttgart. 1921. 40 S., gr. 8°
-  * (5.) Der Balkan Amerikas. Mit Kind und Kegel durch Mexiko zum Panamakanal. Brockhaus. Lpz. 1937. 274 S., 8° (10 Aufl.)+  * (5.) Der [[wiki:staunen_fremdheit_neues_neugier#Dort fängt der Balkan an|Balkan]] Amerikas. Mit Kind und Kegel durch Mexiko zum Panamakanal. Brockhaus. Lpz. 1937. 274 S., 8° (10 Aufl.)
   * (6.) Im Balkankrieg. Singer. Strassburg. 1918. 125 S.   * (6.) Im Balkankrieg. Singer. Strassburg. 1918. 125 S.
   * (7.) Fahrten- und Abenteuerbuch. Büchergilde Gutenberg. Berlin. 1925. 236 S., gr. 8°   * (7.) Fahrten- und Abenteuerbuch. Büchergilde Gutenberg. Berlin. 1925. 236 S., gr. 8°
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 ===== 7 Verweise ===== ===== 7 Verweise =====
 siehe auch\\  siehe auch\\ 
-* [[wiki:literaturliste_ueber_fluchtreisen|Literaturliste Fluchtreisen]] mit mehr als 70 Titeln\\+* [[wiki:literaturliste_fluchtreisen|Literaturliste Fluchtreisen]] mit mehr als 70 Titeln\\
 * [[wiki:biographien|Literaturliste biographischer Reiseliteratur]] * [[wiki:biographien|Literaturliste biographischer Reiseliteratur]]
  
wiki/flucht.txt · Zuletzt geändert: 2024/05/02 03:08 von norbert

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