wiki:1999_von_kashgar_nach_lhasa
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+ | ====== Auf vergessenen Pfaden von Köln nach Indien ====== | ||
+ | ===== Teil 3: Von Kashgar nach Lhasa ===== | ||
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+ | Von [[wiki: | ||
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+ | ==== Vorbemerkung ==== | ||
+ | Tibet ist von China arg gerupft worden. Teile des ehemals tibetischen Territoriums gehören heute zu benachbarten Provinzen. Doch bleibt die heutige autonome Provinz immer noch schwer zugänglich: | ||
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+ | ==== Die Anreise von Kathmandu nach Lhasa ==== | ||
+ | Die meisten Reisenden fliegen vom touristisch überlaufenen Kathmandu nach Lhasa. Dieser Einreiseweg ist daher der chinesischen Kontrolle besonders stark unterworfen. Dutzende von “[[wiki: | ||
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+ | Das PSB ist Chinas Kontrollinstrument, | ||
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+ | ==== Die Wege nach Tibet innerhalb Chinas ==== | ||
+ | Da Tibet von China als ein selbstverständlicher Teil des eigenen Landes begriffen wird, gibt es keine besonderen Grenzkontrollen zwischen den Provinzen. [[wiki: | ||
+ | - Es gibt in den meisten Orten PSB-Stellen, | ||
+ | - Tickets für die Busse und Flüge nach Lhasa gibt es nur in Verbindung mit einem (gebührenpflichtigen) Permit. | ||
+ | - Nur bestimmte Hotels dürfen [[wiki: | ||
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+ | Diesem Kontrollsystem läßt sich kaum entgehen. Folgende Anregungen können von Mal zu Mal helfen: | ||
+ | 1. Mitfahrgelegenheiten bei Militär- oder Polizeifahrzeugen nutzen – dann fragt auch das PSB nicht mehr. | ||
+ | 2. Privat oder in Kasernen übernachten. | ||
+ | 3. In Hotels möglichst spät abends einchecken, nach einer Übernachtung sehr früh morgens abreisen. | ||
+ | 4. Die Geldstrafen des PSB akzeptieren (die Höchststrafe beträgt 500 Yuan) und weiterfahren. | ||
+ | 5. Geldspenden ohne Beleg und was die persönliche [[wiki: | ||
+ | 6. Mit sehr guten Sprachkenntnissen diskutieren und wechselnde Argumente darlegen. | ||
+ | 7. Ein Mitreisender hat einen belegaren Status als “permanent resident”. | ||
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+ | ==== Alternativen mit Auto & Motorrad & Fahrrad ==== | ||
+ | Alle anderen Wege und eigene Verkehrsmittel sind Individualreisenden verboten. Diese können allerdings das offizielle chinesische Reisebüro //CITS (=China International Travel Service)// – gibt’s in jeder größeren Stadt – mit der Organisation einer solchen Reise beauftragen. Spaßeshalber haben wir das beim CITS in Kashgar einmal angefragt: “Wir wollen zu zweit von Kashgar zum Kailash. Was würde das kosten, wenn Sie das für uns organisieren? | ||
+ | Da rechnete man uns vor: "3000 Yuan kostet allein das Permit für Ihre Gruppe. Dann brauchen Sie zwei Toyota Landcruiser, | ||
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+ | Wer mit dem eigenen Wagen nach China einreisen will, muß frühzeitig – etwa ein Jahr vor der Reise – CITS in Peking einschalten. Die benötigen dann einen fertigen Reiseplan mit Personalien aller Reisenden, Reiseroute und Zeitplan und beantragen die nötigen Permits und Visa. Der Fahrer des Wagens muß einen chinesischen Führerschein beantragen. Bei der Einreise wartet an der Grenze ein Begleitfahrzeug mit Fahrer und Guide, danach kann man getrost alle selbständigen Entscheidungen vergessen, Flexibilität ist unbekannt. Die organisatorischen Kosten für eine solche [[wiki: | ||
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+ | In Kashgar lernten wir zwei deutsche Motorradfahrer kennen. Der eine ist Redakteur der Zeitschrift " | ||
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+ | Am Kailash trafen wir einen Japaner, der mit dem “Fahrrad” von Laos eingereist war und Tibet im Zickzack durchkreuzte – sein Fahrrad hatte einen Hilfsmotor! Das PSB hatte ihn bereits fünf Mal festgenommen und die Höchststrafe von 500 Yuan verlangt. Danach durfte er weiterfahren – wohin er wollte. Er verkaufte sein Fahrrad in der Nähe des Lake Manasarovar und wollte dort nach Nepal ausreisen. Viele Studienreisegruppen dürfen dort über die Grenze, Individualreisende aber nicht. Also verließ er China bei Mitternacht über die “Grüne Grenze”. Einen Monat später trafen wir ihn erneut, diesmal in Kathmandu – alles war gutgegangen! | ||
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+ | Zwei Deutsche brauchten sechs Monate für die [[wiki: | ||
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+ | ==== Die Südroute durch Tibet ==== | ||
+ | Wir kamen über Land aus Deutschland, | ||
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+ | Das Zentrum Nordwestchinas ist Kashgar, die größte Oase Chinas. Nach Kashgar gelangt man a) von Kirgisistan über den Torugart-Paß (siehe Teil 1 unseres Berichtes), b) von Pakistan über den Khunjerab-Paß oder c) auf den üblichen Wegen innerhalb Chinas, also beispielsweise mit Bus oder Flugzeug von Urumchi. | ||
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+ | ==== Von Kashgar nach Yecheng ==== | ||
+ | Wir waren jedoch ohne eigene Verkehrsmittel und wußten bei unserer Abreise aus Kashgar nicht, wie weit wir kommen würden und was uns erwartete. Wir planten jeden Tag bis Lhasa aus dem Stegreif. Das ist interessant und spannend, aber anstrengend. Alles, was wir zunächst wußten, war: Man fährt nach Yecheng, da gibt es einen Truckstop und wenn man Glück hat, wird man für viel Geld mitgenommen. Also auf nach Yecheng. | ||
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+ | Täglich fahren kleinere Busse (Coaster) vom Busbahnhof in Kashgar nach Yecheng, alle 1,5 Stunden ab 9 Uhr morgens, die offizielle Fahrzeit von 4,5 Stunden wird ziemlich gut eingehalten, | ||
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+ | Dafür ist der Basar von Yecheng wunderschön, | ||
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+ | ==== Die Suche nach einem Truck ==== | ||
+ | Im Bewusstsein, | ||
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+ | Die Abzweigung ist sehr belebt, Dutzende kleiner Stände mit Ess- und Trinkbarem, Tankstelle, Werkstätten – eben alles, was Truckfahrer so brauchen. Doch wie erkennt man einen Truck, der nach Tibet fährt? Wenn sie von dort stammen, werden sie wohl andere Kennzeichen haben und so sprechen wir erst einmal die Trucks mit einem " | ||
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+ | Andererseits war bisher unsere Vorsicht unnötig: Es gab keinen Checkpoint und die Uniformierten haben uns alle ignoriert. Dann finden wir das Guesthouse der Truckfahrer: | ||
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+ | Hier findet man nicht jeden Tag eine Mitfahrgelegenheit, | ||
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+ | Auf einen vertrauenswürdigen, | ||
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+ | ==== In acht Tagen von Yecheng nach Ali ==== | ||
+ | Bei km 10 auf der Strasse nach Ali sollen wir uns ducken, dort sei manchmal ein Checkpoint aufgebaut, aber heute ist alles leer. Bei km 50 endet die Asphaltstrasse, | ||
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+ | Bei km 210 der 2. Pass, die Regenschäden nehmen ab, dafür erwartet uns ausgeprägtes Wellblech, das die Strassen auch in den nächsten Tagen prägen wird. Nun ist es eher flach, wir scheinen auf einer Hochebene zu sein und fahren lange einen Fluss entlang. Siedlungen gibt’s kaum, Menschen fallen in dieser Einsamkeit sofort auf. Bei km 240 stossen wir abends auf eine breite Strasse: links geht es nach Ali, rechts nach dem nur wenige Kilometer entfernten Mazar. Bei km 390 halten wir nachts um 24 Uhr an einer Ruine, der Fahrer ist völlig übermüdet. Doch ein barackenförmiger Anbau der Ruine ist teilbewohnt, | ||
+ | Es ist eisig kalt, im September friert es nachts, manchmal fällt Schnee. Bergstiefel, | ||
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+ | Bei km 440 durchqueren wir ein Militärlager (für uns interessiert sich niemand, obwohl wir illegal hier sind!), der Fahrer kauft Benzin aus 60-Liter-Fässern von Soldaten und saut beim Tanken mächtig rum: Eine halbierte Plastik-[[wiki: | ||
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+ | Die [[wiki: | ||
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+ | Am frühen Nachmittag verliert ein Reifen Luft und wir halten wieder an teils halb, teils ganz zerfallenen Gebäuden, doch manche sind bewohnt. Wer sich auskennt, findet hier eine Kleinigkeit zu essen und eine spartanische Unterkunft. In erster Linie suchen allerdings Soldaten nach Gelegenheiten, | ||
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+ | Draussen ist mittlerweile der [[wiki: | ||
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+ | Anderntags warten wir auf einen Lastwagen, der den gestern gewechselten Reifen aufpumpen kann, der platte Ersatzreifen kommt aufs Dach. Wir surfen auf dem Wellblech durch eine wüstenähnliche | ||
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+ | Der ärgste Abschnitt führt 150 Kilometer auf über 5200 Meter Höhe, meist sandige Piste. Zwei Mal trafen wir europäische Radfahrer – für die ist das besonders schlimm und im Sand schieben sie die schwer bepackten Räder oft kilometerweit. Unsere [[wiki: | ||
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+ | Zwei Stunden arbeiten wir keuchend, dann ist der Mantel von der Felge, der Schlauch draussen. Nun aber entschliesst sich unser Fahrer anders und fährt mit dem zerrissenen Reifen die zehn Kilomter zum letzten Militärlager zurück. Es begrüssen uns wütende Hunde und geldgierige Soldaten. Unser Fahrer erhält ein Zimmer, für uns ist angeblich keins mehr frei, doch schliesslich gewährt uns unser Fahrer Unterschlupf für die Nacht. Wir teilen uns ein Bett, das kostet dann immer noch 30 Yuan. Nachts verlasse ich das Zimmer, die volle Blase treibt mich raus, doch komme ich nicht weit: Kaum habe ich die Aussentür geöffnet, schießen kläffende Hunde auf mich los. Wieder ist Kreativität gefragt. | ||
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+ | Am nächsten Morgen beschließt der Fahrer aufzugeben. Wir zahlen die Hälfte des vereinbarten Fahrpreises und müssen uns nun eine andere Mitfahrgelegenheit suchen. Also legen wir uns an den Strassenrand der zwei Kilometer entfernten Hauptstrasse. Der Boden ist eisig, von oben brennt die Sonne. Nach 3 Stunden kommt der erste Truck, ein zweiter gleich dahinter. Die beiden gehören zusammen und sind bereit, uns mitzunehmen, | ||
+ | Gegen Abend erreichen wir wieder einen Pass, über 5600 Meter hoch, kurz darauf einen kleinen See mit Barackensiedlung und Garküche. Nach dem Abendessen geht es weiter, die Trucks kommen von Khotan und fahren ohne Pause Tag und Nacht durch. | ||
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+ | Diesmal nicht. Mitten in der Nacht bleiben wir stecken. Hinter einem Pass, auf einem ausgedehnten lehmigen Quellhang. Der zweite Truck will's besser machen – und bleibt ebenfalls stecken. Langsam sackt unser Truck rechts immer tiefer ein. Bei fast 45 Grad Schräglage frieren wir auf der Rückbank, draussen vereisen die Pfützen, der Regen geht langsam in Schnee über. Die warmen Sachen sind in den Rucksäcken auf der Ladefläche. Doch die Seile sind eisüberzogen und nur schwer mit klammen Fingern zu lösen. Mit der einzigen verfügbaren Schaufel versuchen draußen die Besatzungen der beiden Lkws die 20-Tonner freizubekommen. Das führt irgendwann gegen Morgen beim ersten Wagen zum Erfolg. Der zweite Lkw wird abgeladen, freigeschaufelt, | ||
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+ | Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fahren wir wieder los. Gegen Ende der Nacht passieren wir Rutok, einen Ort mit bedeutendem Checkpoint. Wir halten, sollen uns ruhig verhalten, der Fahrer zeigt seine Papiere – doch nach uns fragt wieder niemand. Natürlich sind wir froh, aber ein wenig enttäuschend ist es doch, daß illegales Reisen so einfach ist. | ||
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+ | ==== In Ali bzw. Shiquanhe ==== | ||
+ | Morgens sehen wir in der Ferne die ersten Zelte tibetischer Nomaden. Es gibt wieder Flüsse, die Berge rücken enger zusammen. Mittags erreichen wir Ali. Kurz vor der Stadt quetschen wir uns zu fünft auf die Rückbank und ziehen die Vorhänge zu. Auf einer links abzweigenden, | ||
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+ | Ali ist recht klein und so erreichen wir unser Ziel schon nach wenigen Minuten. Dieses Guesthouse bildet einen weiteren Abstieg auf der nach unten offenen Trotter-Skala, | ||
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+ | In unserem Zimmer stehen drei Betten, die Bettwäsche ist glattgezogen, | ||
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+ | Aber zurück in den hellen Tag und zu den angenehmen Erlebnissen. Nachmittags suchten wir das " | ||
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+ | Bei der konkreten und detaillierten Reiseplanung für die Südroute waren alle Quellen kaum brauchbar, zu vieles bleibt unklar oder wird verschwiegen. Das in Deutschland erhältliche Kartenmaterial für das tibetische Hochland kann man fürs Lagerfeuer verwenden. Fünf Pässe über 5000 m gibt es zwischen Yecheng und Ali – kein einziger war auf unserer Karte eingezeichnet. Das beste Kartenmaterial enthalten japanische Reiseführer – da gibt’s natürlich ein Leseproblem. Dort finden sich Pässe, kleinste Siedlungen, Flüsse, Berge, Entfernungen … zuhauf und wirklichkeitsgetreu! | ||
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+ | Teil 1 siehe Trotter 93, S.52-58: Mit dem Escort bis zur chinesischen Grenze | ||
+ | Teil 2 siehe Trotter 94, S. 68-75: Eine literarische Reise ins Innere Asiens | ||
+ | (Hinweis zu den Preisangaben: | ||
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