====== 1850 Kohl Episode über reisende Welt- und Menschenbeobachter ====== * **1850** ''Johann Georg Kohl''\\ //Eine Episode über reisende Welt- und Menschenbeobachter.//\\ S. 389−458 (Band 1) in: ders.: Aus meinen Hütten: Oder Geständnisse und Träume und Träume eines deutschen Schriftstellers.\\ Leipzig 1850: F. Fleischer. [[https://mdz-nbn-resolving.de/details:bsb10064325|Online]]\\ → [[figuren_typen_rollen#Typologien von Reisenden|Typologien von Reisenden]] ===== 391 ===== VII ''Ovid'', indem er spricht: //„Nescio qua natale solum dulcedine cunctos ducit",// wundert sich über die unwiderstehliche Anziehungskraft welche das Vaterland und der heimathliche Boden auf alle Sterblichen ausübt. Nicht weniger wunderbar aber ist der in der Seele der Menschen fast ebenso mächtige [[fernweh|Trieb in die Ferne]], der zu allen Zeiten, insbesondere aber in der Neuzeit, sich so stark offenbart und so folgenreich gezeigt hat. Ich sage: insbesondere in der Neuzeit. Denn trotz ihrer zahlreichen und in alle Welt hinausgehenden Handelscolonien muss man die alten Griechen, und trotz ihrer bis ans Ende des Orbis terrarum marschirenden Legionen die alten Römer mehr für sendentäre als für wandersüchtige Menschen halten. Sie waren in weit höherem Grade für die Heimath als für die Fremde begeistert. Die Fremde erschien ihnen mehr abschreckend und barbarisch als anziehend und interessant und wenn nicht Gewinnsucht oder Eroberungslust sie in die Weite trieb, so blieben sie in der Heimath, die ===== 392 ===== der leuchtende Centralpunkt alles ihres Denkens und Thuns war. Erst die Nachkommen derjenigen wanderlustigen Völker, welche das römische Reich zerstörten, haben, wie es scheint, denjenigen hohen Wander- und Reisetrieb in die Welt gebracht, der sich jetzt so oft mächtiger zeigt als die Liebe zur Heimath, der Ferne so lockende Farben verleiht und seit dem Auftreten jener Barbaren zu verschiedenen Zeiten zu so grosartigen Umwälzungen in der Geschichte der Menschheit den Impuls gegeben hat. Zuerst zu den zahllosen Raub- und Eroberungszügen, die unserm Erdtheil eine neue Bevölkerung gaben, zu der Völkerwanderung, den Normannenzügen und Wikingerfahrten, dann zu den Kreuzzügen, welche den [[Orient|Orient]] und [[okzident|Occident]] zugleich entzweiten und verknüpften, darauf zu den Entdeckungsreisen zur See, durch welche die alte und die neue [[Welt|Welt]] und alle Theile des Globus mit einander in Rapport gesezt wurden; endlich dann zu diesen zahlreichen harmlosen [[Reisen|Reisen]] und [[Wandern|Wanderungen]], welche zunächst von [[Wissen|Wissen]]sdrang, Forschungsgeist, [[Neugier|Neugierde]] und Mode veranlast scheinen, denen aber als tiefer liegende Ursache wohl ebenfalls jener unwiderstehliche germanische Wandertrieb zu Grunde liegt. Die normannischen Seeräuber, welche sich im Auslande ein Königreich eroberten, die fahrenden Ritter, die in der Fremde eine Statthalterschaft suchten, die christlichen Pilgrime, welche Reliquien, die Kreuzherren, welche Spolien und Narben, die Indienfahrer, die das goldene ===== 393 ===== Vlies, die Weltumsegler, welche die Kunde von irgend einer neuentdeckten [[Insel|Insel]] heimbrachten und endlich diese allerneuesten [[Reisende|Reisenden]], welche Kenntnisse und Tagebücher heimbringen, auf deren Fahne statt des Kreuzes die Eule der Minerva steht, deren Thaten Schriften sind, die statt Schwertstreiche nur Federstriche üben, und die begieriger nach wissenswürdigen [[Ding|Dingen]] sind als nach Goldstaub und Pfefferkörner ― ich sage: sie alle sind mehr oder weniger directe oder indirecte Kinder und Nachkommen jener Westgothen, Franken, Burgunder, Angeln, Sachsen und Allemannen, deren Blut und Geist noch in ihnen waltet. Es hat zwar seit des in Afrika, Asien und [[Europa|Europa]] wandernden und forschenden ''Herodots'' und seit des in den Wäldern Germaniens und Scythiens ein Tagebuch führenden ''Pythias'' Zeiten immer einzelne Menschen gegeben, die auf Reisen ihre Erfahrungen zu Papier brachten und sie ihren Zeitgenossen mittheilten. Aber wie bedauerswürdig dürftig sin d bis auf die neuesten Tage herab diese Mittheilungen stets gewesen. Alle jene hunderttausende von Pilgrimen und Kreuzfahrern des Mittelalters theilten mit wenigen Ausnahmen über ihre so beneidenswerth interessanten Reisen der Mitwelt nichts mehr mit, als was sie davon etwa den Ihrigen bei der Heerdes-Flamme in dem engen Raume ihres schlosses mit flüchtigen Worten erzählten. Ja, selbst die für die ganze Menschheit so wichtigen Entdeckungsreisen und Weltumseglungen sind zum Theil so unvollständig beschrie- ===== 394 ===== ben, das wir ihre Geschichte in schwer zugängliche Archiven, in zerstreuten Documenten und Berichten oft mühsam zusammenlesen müssen. Und selbst die, welche Dinte und Feder nicht sparten, die ihre Reise wirklich zu Papier zu bringen trachteten, wie wenig war es doch im Ganzen, was sie schwarz auf Weis nach Hause trugen. Es wurden ehemals Reisen unternommen, welche tausende von Meilen umfasten, die unbekanntesten Länder berührten und die publicirten Berichte über solche Reisen ― ich denke hier z. B. an Marco Polo's Berichte ― füllten noch nicht einmal ein kleines Bändchen und dies enthielt noch dazu häufig nur allerlei allgemeine Bemerkungen, Anekdoten und Curiositäten von Königen, Völkern und Ländern, über die wir jetzt im stande wären, ganze länderreiche und detaillirte Werke mit Begierde zu verschlingen. Der Mönch Rubruquis, der zu sehen bekam, was Millionen seiner Zeitgenossen nie erblickten, die Mongolei und den Groschan der Tartaren; der Freiherr v. Herberstein, der zuerst in Europa über ein Land schrieb, was noch jetzt mit einem nicht leicht zu hebenden schleier bedeckt ist, über das Land der Moskowiter; Kämpfer, der das erste bedeutende Werk über Japan am Ende des stebzehnten Jahrhunderts publicirte und die Meisten ihrer Zeitgenossen, sie waren in ihren Berichten über so anregende Gegenstände so lakonisch, als hätten sie es darauf abgesehen, das uns Nachkommen jedes ihrer Worte golden, kostbar und orakelartig erscheinen möchte. ===== 395 ===== Das vorige Jahrhundert hat man der vielen systeme und Theorien wegen, die es in allen Zweigen des menschlichen Wissens und Denkens ersann, das philosophische genannt. Wie der Lehre und Regel die Beispiele zur Erläuterung folgen, so folgt unser Jahrhundert, das man füglich das beobachtende, experimentirende und illustrirende nennen könnte, dem vorigen nach. Während der Geist der gebildeten Menschheit im vorigen Jahrhunderte mehr für die ideale Welt geweckt war, sind wir jest mehr für die Anschauung der Erfahrungswelt erregt. Die sinne der Menschheit haben sich in diesen neuesten Tagen auf eine wunderbare Weise geschärft und unsere Lust an praktischer Ausführung des Gedachten, an detaillirter Darstellung und Nachweisung der allgemeinen Wahrheiten ist jest ebenso lebhaft, wie früher die Freude an allgemeinen speculationen und Idealen. Wir haben unser Auge mit Teleskopen und Mikroskopen bewaffnet, wie sie keine Vorzeit kannte. Mit jenen entdeckten wir nun die sichtbare und physische Centralsonne, während unsere Vorfahren eine unsichtbare Centralsonne suchten, und mit diesen spüren wir der structur der Körper und Organismen bis ins Verborgenste nach. Unsere teleskopischen und mikroskopischen Arbeiten gehören sicherlich zu den vornehmsten Ausflüssen des Geistes unserer Zeit und der Kosmos, den wir studiren, ist das Gebäude dieser äusern Welt. Von allen Wissenschaften haben in unserer Zeit diejenigen ===== 396 ===== welche vorzugsweise ― wenn ich mich so ausdrücken darf ― auf dem Gebrauche der sinne beruhen, die sogenannten Erfahrungswissenschaften, die physikalischen und historischen Wissenschaften, die Geographie, die Chemie, die Naturhistorie, die Naturlehre, die Ethnographie c. mehr Fortschritte gemacht und einen allgemeinern Anklang als die speculativen und metaphysischen gefunden. Dabei haben sie mehr an Reichthum der Facten durch eine ungeheuere Anhäufung von Material als durch zweckmäsigere Anordnung dieses Materials und durch Organisirung des systems gewonnen. Man kann diese Tendenz fast bei jedem einzelnen Zweige der Wissenschaften nachweisen, z. B. in der Geschichte. Auf dem Felde der Geschichte sind alle jest thätigen Arbeiter bemüht, neue historische Data ans Licht zu bringen und die Geschichtsforschung blüht mehr unter uns, als die Philosophie der Geschichte und ihre classische Darstellung. Die statistik ist eine erst von uns begründete Wissenschaft und die lezten Jahrzehnte haben jetzt mehr statisti schen stoff zusammengebracht, als alle früheren Jahrhunderte zusammengenommen. In der Jurisprudenz liesen wir es mit dem Naturrecht beim Alten, dagegen aber werden hundert alte Rechtsquellen aus dem staube hervorgezogen, die Rechtsgeschichte wird vielfach behandelt und das positive Gesch in allen Details mehr ausgearbeitet, und wie in den historischen und politischen Wissenschaften die statistik, so hat in der Medizin die Anatomie und in Folge dessen auch die Chi- ===== 397 ===== rurgie bedeutendere Fortschritte gemacht, als andere Branchen der medizinischen Wissenschaften. Die sogenannten angewandten mathematischen Wissenschaften haben in neuer Zeit eine Entwickelung und dazu eine so grose Menge von schülern und Anhängern erhalten, wie sie nie vorher gehabt und in Folge dessen behandeln, formen und bemeistern wir die irdischen stoffe und Kräfte zu unsern Zwecken mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit. Neben den Mikroskopen und Teleskopen haben wir noch eine zahllose Menge anderer Instrumente erfunden, die unsere sinne verstärken und ihnen auf tausendfältige Weise zu Hülfe kommen und der wissenschaftliche Forscher der Neuzeit, der mit allen diesen Instrumenten wie ein Held gewappnet der Natur gegenübertritt, erscheint als ein mit Riesenkräften begabtes Wesen, im Verhältnis zu dem Beobachter aus früheren Zeiten. selbst auf dem Gebiete der philosophischen Wissenschaften offenbart sich dies streben unserer Zeit nach dem Naheliegenden, dem Fasbaren und Begreiflichen. Und von allen Branchen der Philosophie sind keine bei uns beliebter und, so zu sagen, mehr in Mode, als die, welche sich mit dem Zustande der menschlichen seele, so lange sie hienieden in dem irdischen Körper weilt, beschäftigen, die Anthropologie und Psychologie. Wie Experimentalphysik, so ist auch die Erfahrungsseelenlehre eine unserer Lieblingsbeschäftigungen, die unsere Tendenzen charakterisiren. Unsere speculative Philo- ===== 398 ===== sophie ist eklektisch. so wie auf die sophistik und aristotelische Weisheit, so sehen wir auch auf die dogmatischen streitigkeiten früherer Zeiten mit Gleichgültigkeit hinab und von der Bibel erscheint der Masse unserer Zeitgenossen der Theil, welcher die Gesezgebung unserer Moral und unserer Handlungen enthält, als der bei weitem wichtigere, da hingegen unsern Vätern die Glaubenslehre das Vornehmste war. Wir sind, möchte ich sagen, in so hohem Grade Menschen der Erfahrung und der sinnlichen Wahrnehmung geworden, das wir dem Thomas gleichen, der seine Finger in die Nägelmale zu legen verlangte. Daher haben auch unsere Forscher in den lezten Jahrzehnten so viele alte Traditionen, an welche die Völker glaubten, verworfen und als Fiction erwiesen ((Gedenke der schriften Niebuhrs, Dahlmanns, straus's u. A. )). Daher haben die lekten funfzig Jahre, seit dem preusischen Landrecht und dem Code Napoleon bis auf den,,swod sakonnow" des Kaisers von Rusland, mehr geschriebenes Recht und gedruckte Gesezgebungen und papierene Constitutionen producirt, als irgend welche funfzig andere Jahre der Weltgeschichte und daher ist das Gewohnheitsrecht, das man nicht sehen und fassen kann, an welches man glauben mus, so hinfällig unter uns geworden. In diesem Allen sehe ich nur eine und dieselbe Tendenz, die ― wenn ich es platt ausdrücken soll ― darin besteht, das wir unsere Augen und Ohren besser gebrauchen und überall ===== 399 ===== zuerst die Erfahrung, die Grundlage aller speculation, berichtigen und bereichern wollen, ehe wir von dieser Basis aus in höhere metaphysische Regionen uns versteigen. Und in diesem Allen nun sehe ich auch endlich den Grund, warum die neuere Zeit nach Reisen theils so begierig ist, theils auch die Reisen so nöthig hat, warum sie in so hohem Grade verkehrs lustig zugleich und verkehrsbedürftig geworden ist. Unsere vielen mechanischen Erfindungen, durch die wir die Materie jest leichter handhaben als zuvor, und unsere wunderbar grosartigen Verbindungsmittel, unsere Eisenbahnen und Dampfschiffe, durch die wir unser Körperliches so mobil gemacht haben, mögen eine Folge jener Richtung des Zeitgeistes sein. Zugleich aber sind sie auch wieder eine Ursache, die jener Richtung nun von neuem Vorschub leistet. Alle jene unsere Lieblingswissenschaften und Lieblingskünste, die Naturgeschichte, die Weltkunde, die Völkerkunde, die statistik 2x. bedürfen der Reisen mehr als andere. Alle Arten von Forscher sind daher beweglicher geworden, selbst die Gelehrten pflücken nun mehr als sonst vom goldenen Baume des Lebens und diejenige Classe von Gelehrten, welche die Welt sonst stubengelehrte nannte, wird täglich geringer. sogar die Poëten, die sonst so subjectiven und mit sich selbst beschäftigten, lassen sich vielfach zur objectiven Beobachtung der Welt heran. Haben wir doch jest kaum einen mehr oder minder bedeutenden Dichter, der nicht zugleich auch ein Rei ===== 400 ===== sender und Reisebeschreiber geworden wäre. Der gröste Dichter der Neuzeit, Byron, lieferte uns in seinem „Childe Harold" die dichterischeste Reisebeschreibung, die irgend eine Litteratur aufzuweisen hat. Die grösten lebenden Dichter Frankreichs, Chateaubriand, Lamartine, Victor Hugo ― sie haben ebenso viele wirkliche Länder, Meere, Flüsse, städte und Menschen in poëtischer Prosa, als blose Ausgeburten ihrer Phantasie in metrischer Rede verherrlicht. Und selbst von den dichterischen Genies zweiten und dritten Ranges in Frankreich, Deutschland, England, schweden, Dänemark oder Italien ist fast keines, von dem man nicht dasselbe sagen könnte. George sand, Alexander Dumas gaben geistreiche Romane und unterhaltende Reiseschilderungen in Menge von sich; die deutschen Heine, Laube und zahllose Andere lieferten Drama's und Reiseschilderungen, der Däne Andersen Märchen und Reiseschilderungen, die schwedin Frederike Bremer häusliche scenen und Reiseschilderungen, der Engländer Dickens und mehrere andere Engländer Novellen und Reiseschilderungen. Man denke an welche Epoche der europäischen Literatur man will, so wird man in keiner diese Erscheinung so allgemein finden, wie in der jezigen. Auch selbst in die übrigen nicht reiseschildernden Productionen unserer Dichter ist, so zu sagen, etwas Touristisches gekommen. Ein groser Theil der Romane von Dickens und Eugen sue scheinen das Resultat von Beobachtungen und Anmerkungen zu sein, wie sie ein Reisender auf seinen Ausflügen in den ===== 401 ===== strasen der städte und in den verschiedenen Theilen eines Landes zu machen pflegt. sie schildern die sitten und Gebräuche aller stände, der Reichen und Armen, der Verbre cher, der Vagabunden, Gamins, mauvais sujets und Bettler mit so mikroskopischer Genauigkeit, wie Professor Chrenberg die Gestalt und Bewegung der Infusorien. Man hat sogar eine Art Novellen erfunden, die man,, Reisenovellen" genannt hat. Unser trefflicher Dichter Platen sang in Venedig, in Nom und Neapel,,, Reisesonetten". Victor Hugo bereiste spanien und Griechenland und seine,, Orientales" enthalten Gedichte, die zum Theil nichts weiter sind als Reiseimpressionen in metrischer Form. Lamartine versuchte es, sich mit einem französischen Childe Harold Byron an die seite zu stellen. Einige Dichter sogar, welche in persona nicht reisen konnten, schwangen sich auf ihren Pegasus und begaben sich wenigstens auf Gedankenreisen, wie z. B. der Deutsche Freiligrath, der sich in das Innere von Afrika versetzte und imaginäre Reiseimpresstonen in Verse brachte. Ein Racine, ein Voltaire, ein Rousseau hätten es gewis ― ganz anders als Chateaubriand und Lamartine ― völlig unter ihrer Würde gefunden, die schilderung einer ihrer Reisen zu publiciren und ebenso hätte wohl jeder Gelehrte des vorigen Jahrhunderts geglaubt, er treibe,,Allotria", wenn er sich zu einem solchen Geschäfte herablassen wolle. Jest unternehmen nicht nur sehr viele Männer der Wissenschaft Reisen und Reisebeschreibungen in demjenigen Fache, welches ===== 402 ===== gerade das ihrige ist, die Botaniker botanische, die Mineralogen mineralogische Ausflüge, die Theologen reisen zur Untersuchung des Zustandes der Kirche ((Von mehreren preusischen Theologen sind z. B. solche Reisen ausgegangen )), die Kunstkenner zur Untersuchung der Künste ((Rumohrs, Wagners und anderer Männer Reisen in England, Italien 20 )) in fremden Ländern ― sondern viele ausgezeichnete Gelehrte haben auch Reisewerke publicirt, bei denen sie ganz allgemeine Zwecke leiteten. Man denke an Gans, Mittermaier, Raumer und viele Andere. Auch dies mögen wir noch als charakteristisch bemerken, das, so wie die Notabilitäten und Koryphäen der gelehrten Welt, eben so auch die, welche Rang, Geburt und politische Macht zu Notabilitäten erhoben, in neuerer Zeit es nicht verschmäht haben, Reisen zu unternehmen und Reisewerke zu publiciren. Die berühmten Reisenden früherer Zeiten waren fast alle arme und politisch unbedeutende Pilgrime. Die Fürsten und Könige gingen nur an der spike ihrer Heere auf Reisen. Unsere Zeit sah lernbegierige Königsöhne bis in die entlegensten Welttheile forschend vordringen. In Deutschland giebt es mehr als einen Fürsten, der, von seinem Throne steigend, zu Zeiten entlegene Länder zu seiner Belehrung durchpilgert. sogar aus Egypten und Afrika sind Herrscher zu uns gekommen, um die Merkwürdigkeiten unserer städte zu beschauen. Unter der höchsten Aristokratie ===== 403 ===== in England, unter den Marschällen und staatsmännern Frankreichs zählen wir jetzt Männer, welche Reiseschriftsteller geworden sind. sogar in Rusland haben einige der reichsten Grosen des Landes Reisewerke publicirt. Man kann mit Recht behaupten, das die Reisebeschreibung dasjenige Feld der Literatur sei, auf welchem sich jest als thätige Arbeiter zusammenfinden Philosophen, Politiker, Fachgelehrte, Dichter, Dramatiker, Lyriker, Männer und Frauen, Junge und Alte, Vornehme und Geringe, Begabte und Unbegabte. Es ist jenes Feld, wenn man so sagen will, der allgemeine Tummelplaz aller Gattungen von literarischen Talenten geworden, der dem grösten Geiste gros genug und dem beschränktesten Genie bequem genug zu sein scheint. Wie wir das Interessante, was uns zunächst liegt, gewöhnlich zulest entdecken, wie wir über die Gestalt und Bewegung der Gestirne Vieles wusten, ehe uns die unseres eigenen kleinen Globus klar wurden, so hat auch unsere Reisefreude und Beobachtungslust zuerst ihr Augenmerk auf die entferntesten Dinge geworfen. Marco Polo glaubte sich erst zu der Publicirung eines kleinen Bändchens Reiseschilderungen berechtigt, nachdem er dem Groschan einen Besuch abgestattet, und Mungo Park, nachdem er das Innere des geheimnisvollen Lybiens geschaut. Ihre Berichte, die so kurz find wie die Novellen des Decamerone, verhalten sich zu unseren jezigen Reiseberichten wie diese Erzählungen des Boc- ===== 404 ===== caccio zu einem Walter scott'schen Romane. Im vorigen Jahrhunderte erschienen fast nur Schilderungen von solchen Reisen, auf denen man neue Inseln und Völker entdeckt hatte, und das man auch in Europa oder gar in der Heimath noch Entdeckungsreisen machen könnte, war nur Wenigen klar. Erst nachdem wir uns an den tättowirten Wilden, den Neuseeländern, Nukahiwern c. satt geschaut und gehört, haben wir unsere Augen nun auch für das Näherliegende geöffnet. Erst nachdem wir, weitausschweifend unsere Neugierde befriedigt und die Grenzen der bewohnten Erde überblickt haben, ist unsere Wisbegierde auch für die Detaillirung des in seinen Umrissen bereits Bekannten erwacht und von den Grenzen der Welt zurückgeworfen, wenden wir unsere Augen nun auf das Nächste. In unserer Zeit erst entdeckte Madame staël für die Franzosen Deutschland, zu welchem Lande unsere transrhenanischen Nachbarn, in die Fustapfen jener berühmten Frau tretend, nun eine Menge anderer Entdeckungsreisen gemacht haben. Iekt erst begeisterte Goethe für das Land, wo die Citronen blühen, die Deutschen, und Lady Morgan ihre Landsleute, die Engländer. Da erst konnte Herr v. Beaumont den Weg nach Irland und der Marquis de Custine den Weg nach Rusland finden. Unsere Eisenbahnen machen jest auch den Massen der Bevölkerung täglich ein neues Gebiet unseres eigenen Vaterlandes zugänglich. Und so ist denn nun, während in einer frühern Periode die Füse und Geister aller Pilgrime bloß nach dem ===== 405 ===== gelobten Lande gerichtet waren, oder in einer anderen Periode alle Reisenden die strase nach Indien suchten, oder wieder zu einer anderen Zeit Alles darauf gespannt war, was man bei den Antipoden des stillen Oceans finden möchte, eine so auserordentliche Allseitigkeit der Bewegung eingetre ten, wie sie keine Zeit gekannt hat. Man reist nach allen seiten, nach Nord oder süd, nach Ost oder West, gerade aus, um die Welt, in einem Kreise im Vaterland, im Zickzack in Europa herum, in die Weite, in die Nähe, Ieder nach seinen Kräften. Und wer völlig immobil ist, der reist doch in seinem Zimmer, statt von Land zu Land, von stuhl zu stuhl und publicirt „un voyage autour de ma chambre". In Folge dessen hat denn nun jedes Land, jedes Ländchen, jede Provinz und jedes städtchen eine Reiseliteratur erhal ten, wird so häufig und genau beschrieben, wie sich dessen ehemals kaum die Wohnorte und Heimathen der Esquimaux und Hottentotten rühmen konnten, und die Anzahl der Menschen, welche sich mit diesen Beschreibungen abgeben, ist denn auf diese Weise erstaunlich angewachsen. Alle jene zahlreichen, mit der Beobachtung und Darstellung des Lebens beschäftigten Federn und Talente üben nun ihr Geschäft und die damit verbundenen Pflichten nur nach einer Art von Instinkt, ohne sich die ihrer Kunst zu Grunde liegenden Principien und Regeln deutlich gemacht zu haben. Noch Niemand versuchte es, für sie einen rathgebenden Katechismus zu schreiben, da doch für die Dichter, ===== 406 ===== die Redner, die Geschichtsschreiber und andere Gattungen von Autoren in mannichfaltigen ästhetischen Werken längst schon solche Katechismen gegeben wurden. Was hat es mit der Kunst der Beobachtung der Welt auf sich? Inwieweit giebt es eine solche Kunst? Aus welche Gegenstände muss sich auf Reisen unsere Aufmerksamkeit vorzugsweise richten? Wie können wir zur Vervollständigung unserer eigenen Erfahrungen die Berichte Anderer und namentlich die Bücher benüzen? Inwiefern trägt Unterricht und Kenntnis dazu bei, unsere natürliche Beobachtungsgabe zu schärfen oder abzustumpfen? Welches ist die beste Weise, gemachte Beobachtungen und Erfahrungen zu fixiren? Welches ist die passendste Form für einen Bericht über solche Erfahrungen, die wir Andern mittheilen? Welche eigenthümliche Rücksichten hat der reisende Beobachter des Lebens zu nehmen, wenn er seinen Bericht durch den Druck publiciren will? Eine vollständige Erläuterung und Beantwortung aller dieser Fragen müste in unserer Zeit eine auserordentliche Menge von Menschen interessiren, nicht blos die Jugend, die man auf Reisen schickt zu ihrer Belehrung, nicht blos die vielen Berichterstatter für unsere Tageblätter, nicht blos jene Dichter und Gelehrten, die in's Leben und die Wirklichkeit neue Ideen zu schöpfen und Kenntnisse zu sammeln hinausgehen, nicht blos jene Fürsten und Prinzen, die Dafselbe thun, sondern auch eine Menge anderer Menschen, die ganz ähnliche Geschäfte wie der publicirende Reiseautor, ===== 407 ===== wenn gleich minder geräuschvoll, betreiben. Ich denke hier namentlich an die Diplomaten, die unsere staaten in jedem Lande unterhalten, um Berichte über das Leben und die Verhältnisse in der Fremde abzustatten, an zahllose andere Beamte, die in Diensten jedes staates stehen, und deren Berichte aus entlegenen Provinzen beständig in die Centralbureaus des Landes einlaufen; an die vielen Commissionäre, welche grose commercielle oder religiöse oder andere Gesellschaften (wie z. B. die Herrnhuter, die Gesellschaften dieser Art in Holland und England, in Rom 2c.) in alle Welt hinaussenden, um durch sie Nachrichten einziehen zu lassen, und auser ihnen noch an viele andere fast unzählbare Männer, welche vornehmlich mit ihren Augen und Ohren und darnach mit ihrem Verstande und der Feder thätig sind, um das Leben zu beobachten und zu copiren. Die Poeten beschäftigen sich mit ihren dichterischen Einbildungen und Idealen, die Philosophen mit ihren metaphysischen speculationen, die Historiker mit längstentschwundenen Ereignissen, über welche sie die Zeugnisse von Zeitgenossen abhören müssen, die ebenfalls längst todt sind, alle Gelehrten mit dem Ausbau von systemen, zu denen sie das Material gröstentheils aus den Werken Anderer schöpfen. Der Reiseschriftsteller dagegen beschäftigt sich meistens uur mit Dingen, die er selber erfahren hat. Auf die Frage, die wir so gern an Ieden, der uns etwas vor- ===== 408 ===== trägt, richten, auf die Frage: „Waren sie selbst dabei"? kann weder der Poet, noch der Metaphysiker, noch der Historiker mit „Ia" antworten. Der Reisende aber kann es. Dies ist ein groser Vorzug, den er vor jenen voraus hat. Es liegen zwei grose Bücher in der Welt aufgeschlagen: zuerst drausen das prächtige Buch der Natur und des Lebens und dann neben ihm unter dem Dache der Menschen das obwohl papierne, doch auch köstliche Buch der Literatur, das die Menschen als eine Copie von jenem entworfen haben. Es ist zwar etwas schönes, um eine gute in dieser Copie uns überlieferte Lehre, aber es ist noch etwas viel Wundervolleres um eine nuzbare, schmackhafte Frucht, die wir selber im Garten der Welt pflückten. „Grau, theurer Freund, ist alle Theorie, grün ist des Lebens goldener Baum". Eine solche Lebensfrucht halten wir fest in Händen und glauben mehr an sie als an Alles, was Lehrer und Bücher uns sagten. Ihr Gesäme schlägt die tiefsten Wurzeln in uns und wir halten uns daran wie an einem sichern stab und stecken. Daher denn auch seit sokrates' Zeiten bis auf Reimarus und Engel's,,Philosophen für die Welt" alle weisen Männer und hundert sprüchwörter der Nationen die selbsterlebnisse, die Erfahrungen, das schauen mit eigenen Augen und was zu diesem Allem vorzugsweise führt, das Reisen, als eine der allervornehmsten Quellen der Belehrung gepriesen haben. „Die sinne", sagt Burdach,,,sind so wesentlich, das es ===== 409 ===== ohne sle gar kein menschliches Wesen geben kann". Einen Reisenden kann es aber ohne sie noch viel weniger geben. In der That sind die fünf sinne diejenigen fünf Thore, durch welche ursprünglich alle schäse des Wissens in die scientifischen Vorrathskammern der Menschheit eingewandert sind. Die, welche sich blos mit der Anordnung und Verarbeitung der bereits gesammelten schäse beschäftigen, können in einem gewissen Grade der sinne entbehren. Dem Reisenden hingegen, der in die sinnenwelt hinausgeht, um an jenem Baume des Lebens neue Früchte zu sammeln, sind scharfe sinne, ein helles Auge, eine rasche Auffassungsgabe und ein energisches Talent der Beobachtung mehr als irgend Iemandem nöthig. Was dieses Talent eigentlich sei, worin es bestehe, wie es zu üben sei, ob man aus dieser Uebung eine Kunst machen und in wie weit man diese Kunst Andere lehren könne, ist schwer zu sagen. Ein berühmter schriftsteller und Arzt aus dem vorigen Jahrhundert, Dr. Zimmermann, hat ein treffliches Werk,über die Erfahrung, insbesondere über die Erfahrung in der Arzneikunst" geschrieben. Dieses Werk, obwohl zunächst für eine besondere Classe von Beobachtern entworfen, behandelt eine Menge Fragen, die den Beobachter jeder Gattung und namentlich auch den Reisenden interesstren müssen. schwerlich ist indes je durch dies Werk ein Mensch zum scharfen und aufmerksamen Beobachter gemacht worden, wenn er es nicht von Haus aus war. ===== 410 ===== Es giebt Leute, die Augen und Ohren haben und doch nicht beobachten. Es scheint, als ob zwischen ihren sinnen und ihrem Geiste sich eine grose Kluft befände. Ihr Körper steht und hört, aber es kommt ihrem Geiste nicht zum Bewustsein. Wenn du mit solchen träumerischen Menschen, deren seele gleichsam wie der seidenwurm in ihre eigene seide eingesponnen ist, in Gesellschaft warst und du fragst site hinterdrein: Bemerkten sie wohl die sonderbare Toilette, die A. hatte "? ― „sahen sie, wie verändert B. heute in seinem Benehmen war"? ― „Hörten sie wohl die Aeuserung, die C. fallen lies"? ― „Verstanden sie wohl den Wink, den D. an E. gab"? ― so antworten sie auf alle diese Fragen mit nein, und sind ganz erstaunt, das so viele Dinge rund um sie her vorgegangen sind, von denen sie nichts erfahren haben. sie sahen, ohne das ihnen etwas auffiel, sie hörten, ohne frappirt zu werden. ― Umgekehrt giebt es andere Leute, die gleichsam ihre seele in ihren Augen und Ohren siyen haben, denen nichts entschlüpft, denen Alles, was sie wahrnehmen, so zu sagen, auf der stelle zu Herzen geht; die von Allem, was charakteristisch und eigenthümlich und anders als gewöhnlich ist, sofort frappirt werden. Die meisten Menschen haben weder eine so allgemeine und allseitige Empfänglichkeit, noch eine so allgemeine Unaufmerksamkeit, vielmehr bestimmen sich die Beobachtungsgaben der Meisten nach ihren hervorragenden Geistesanlagen und ihren herrschenden Neigungen. Es ist, als wenn es ===== 411 ===== eine Menge Kanäle gäbe von den sinnen zu unserer seele, und als wenn bei dem einen dieser, bei dem andern jener Kanal völlig verstopft wäre. Dieser hat einen sehr scharfen sinn für die Beobachtung des Menschen, jener für die der Natur. Der Eine fast das Komische auf der stelle auf, der Andere das Poëtische oder Erhabene, das sich in den Gegenständen und Personen um uns her offenbart. Der Eine scheint ganz todt für die äusere Welt, der Andere scheint sich mit Augen und Ohren ganz an diese äusere Welt zu hängen und ist abgestorben für die inneren Phänomene! Der Reisende, dessen Zweck es ist, die Eigenthümlichkeit sowohl der Natur als auch des Menschen in allen ihren Phasen zu erkennen, sollte eine möglichst allgemeine Empfänglichkeit und eine allseitige Aufmerksamkeit besizen. Er sollte Neigung und sinn für Alles haben. Combination, Vergleichung ist die eigentliche Grundlage aller Beobachtung, da wir eben durch sie erkennen, welche Besonderheiten sich in den Erscheinungen darbieten, die uns jetzt vor Augen treten. Es giebt Leute, die immer gerade das, was sie eben vor Augen haben, für ganz natürlich und in der Ordnung halten, und denen nichts dabei auf-und einfällt, weil sie nicht daran denken, wie es früher war oder wie es anderswo ist. Dem, welcher seine ersten Impressionen lebhaft in seine seele aufnahm, werden bei neuen Erscheinungen gleich jene alten Impressionen hervortreten und zur vergleichenden Parallele sich darbieten und er wird so zu Beobachtungen ge- ===== 412 ===== langen. Dem rechten Beobachter sind gleichsam alle seine frühern Erfahrungen zur Hand; omnia sua secum portat", kann man von ihm sagen. Iene hingegen haben ihre schäse an einem abgelegenen Orte wohl verwahrt und ehe sie ste finden, ist der Zeitpunct, eine Beobachtung zu machen, vorübergeschlüpft. " „Pas doch auf! sagen wir zu unsern schülern und Kindern.,,Träume nicht"! „Halte Augen und Ohren offen"! „Denke einmal ein wenig nach"! „Erinnere Dich an dich und das!" Wir glauben mit solchen Aufforderungen sie zu aufmerksamen Beobachtern machen zu können, und es läst sich nicht leugnen, das, sowie ein ungeschickter Lehrer gerade mit solchen Aufforderungen viel verderben, ein Weiser doch wohl zuweilen einem träumerischen Wesen dadurch nüzlich werden kann. Und ebenso ist es gewis, das, wenn wir später für uns die Rolle dieses ermahnenden Lehrers selber übernehmen müssen, das wir dann durch energischen Willen uns am Ende gewöhnen können, uns in jedem Augenblick zu besinnen, in jedem Augenblick die verlornen Zügel unserer Aufmerksamkeit wieder in die Hand zu nehmen und eine Fertigkeit im Beobachten zu erlangen. Das Wichtigste dabei ist, das wir uns vor allen Dingen gewöhnen, die conditio sine qua non aller Beobachtung zu erfüllen, ich meine die Dinge wirklich einer sinnlichen Wahrnehmung zu würdigen. Dies ist für den Beobachter der wichtigste schritt zu seinem Zwecke und er ist ein so natürlicher, das man kaum glau- ===== 413 ===== ben sollte, das es noch nöthig wäre, ihn besonders anzuempfehlen. ,,Alle Menschen und Dinge", sagt sainte-Beuve in seiner trefflichen Geschichte von Port Royal, sollten so nahe als möglich beobachtet werden. Was wir von Weitem und in Masse sehen, mögen wir vielleicht richtig beurtheilen, vielleicht aber auch falsch; wir sind gewis in Bezug auf Das, was wir nahe zur Hand und vor Augen haben". Es ist also für jede Beobachtung die Hauptsache, das wir uns immer vis à vis der Dinge stellen. Wer da glaubt, das mit dieser Aufforderung und Lehre etwas Triviales und Neberflüssiges gesagt sei, der weis wohl nicht, wie ost wir uns in allen Lebensverhältnissen, bei allen Arten von Beschäf tigungen mit einem Gerüchte oder mit einem flüchtigen Blicke begnügen, wie oft wir es versäumen, uns in jedem Falle selber aufzumachen und mit eigenen Augen zu überzeugen, wie oft wir einen dazu auffordernden Mentor auser oder in uns nöthig haben und wie gut es wäre, das uns zuweilen Jemand am Arm nähme und uns an Ort und stelle brächte, um selber zu schauen. Nur Wenige giebt es, die gleich von Haus aus das streben haben, alle Dinge, wie Thomas, selber mit der Hand zu berühren, die entweder so wenig Glauben und Phantaste, oder so viel Verlangen nach dem Gewissen und Unzweifelhaften bestyen, das Alles, was sie nicht selber sahen und erfuhren, gleichsam gar nicht für sie existirt. Menschen mit einer solchen Disposition werden es ===== 414 ===== zwar in keiner Branche der Wissenschaft, wo man immer die Erfahrung seiner Vorgänger sich aneignen mus, weit bringen; denn das Leben ist, wie das sprüchwort sagt, kurz und die Kunst der Beobachtung und Erfahrung ist die längste von allen Künsten. Aber zu Reisenden werden solche Menschen besonders geeignet sein. Denn die wahre Bestimmung und der eigentliche Vorzug aller Wissenschaften besteht ja eben, wie Bacon sagt, in der Verkürzung der verwickelten und langen Wege der Erfahrung. Die wahre Tugend und Bestimmung des Reisenden besteht in der Ansammlung neuer Beobachtungen und Erfahrungen, welche die schäse des Wissens vermehren sollen. Die Talente und der sinn für Beobachtung und Erfahrung stehen sogar mit den Anlagen und dem sinn für Wissenschaftlichkeit in gewisser Hinsicht in Opposition und schliesen sich, wie es scheint, in gewissem Grade einander aus, so das der Kundigste oft eben am wenigsten zur Beobachtung geeignet erscheint. Man hat daher auch zuweilen die Frage aufgeworfen, ob und inwiefern einem reisenden Beobachter vorbereitende Kenntnisse nüsen oder schaden? Ein längst verstorbener trefflicher und berühmter Lehrer der Mathematik pflegte seine Vorlesungen über die reine Geometrie damit zu eröffnen, das er den Wunsch aussprach, seine neuen schüler möchten alles Das, was sie je über Geometrie gehört, wieder vergessen können. Wie eine Kreidezeichnung mit einem schwamm, sagte er, so würde er, wenn er dazu ===== 415 ===== im stande wäre, alle unsere Reminiscenzen an Triangel, Quadrate und Pythagoräische Lehrsäse auf unserer Gedächtniftafel weglöschen, damit er dann auf diese tabula rasa mit ganz neuem und frischem Material das schöne harmonische und nach der Ansicht der Griechen musikalisch ertönende Gebäude der reinen Mathematik so aufführen könne, wie er selbst es für richtig gebaut halte. Wer da weis, wie gros die Vorurtheile sind, die sich von Jugend auf in Bezug auf alle Dinge, über die wir be lehrt werden und namentlich in Bezug auf fremde Länder und Völker gleich Wolken an den Gipfel eines Berges in unserem Kopf festsehen, der möchte zuweilen geneigt sein, auch einem Reisenden geradezu eine ähnliche tabula rasa in seinem Geiste zu wünschen, auf welcher sich ein deutlicher und bestimmter, durch keine frühere Zeichnung gestörter Umris des Landes und Volkes, das er bereisen und beobachten, kennen lernen und schildern will, gestalten könnte. Man möchte einen solchen Mann gar nichts über jenes Land und Volk lehren, ja sie ihm bis auf ihre Existenz und ihren Namen verschweigen, man möchte ihn wie Caspar Hauser hermetisch davon abschliesen und ihm die Augenbinde erst abnehmen, wenn er mitten drinn sei, um dann zu beobachten, wie nun alle Dinge auf sein unverfälschtes Naturgefühl wirken möchten, wie die schönheiten und welche schönheiten des Landes ihm sich darstellen, was ihm als vorzügliche Tugend, was als besondere Thorheit des Volkes erscheinen würde. ===== 416 ===== Gleich wie eine Dellampe ihre Flamme zwar, zugleich aber auch eine Rauchsäule hat, so werfen auch alle die Kenntnisse, welche unsere Lehrer, Bücher, Zeitgenossen uns von Jugend auf einflösen, ein erhellendes Licht zwar, aber auch einen kleinen schatten auf unsern Geist und die Urtheile, die wir von unsern Lehrern vernahmen, sehen sich in uns nur allzuoft als Vorurtheile fest. Bei der auserordentlichen Ausbreitung unserer Kenntnisse von der Erde und ihren Bewohnern, bei der eifrigen Betreibung des ethno-und geographischen Unterrichts und studiums giebt es jest fast kein Land und Volk, über das wir nicht Urtheile und Vorurtheile hegten. „sogar die Eskimos und Grönländer", äusert schon der alte Kranz in seiner Beschreibung von Grönland,,,verfolgen wir von Jugend auf über Alles in der Welt aufgeklärten Europäer mit unsern Urtheilen und Vorurtheilen, mit unsern sympathien und Antipathien". Unsere falschen und vorgefasten Meinungen pflegen um so gröser zu sein, je näher uns die fremden Nationen und Länder liegen, weil dann zu dem Mangel an genauer Kunde noch streitende Interessen und daraus hervorgehende Abneigungen hinzukommen. Und so ist denn in Europa kein Volk, bei welchem sich nicht über jedes andere europäische Volk eine gewisse eigenthümliche und allgemein verbreiteten Ansicht festgescht hätte. Und diese Ansicht scheint so unvertilgbar wie der eigenthümliche Charakter der Nation selbst, so das Alle, welche dieser Nation angehören, fast ohne Ausnahme ===== 417 ===== eben so in das allgemeine Urtheil einstimmen, wie sie an den charakteristischen Eigenschaften ihres gemeinsamen Völkerstammes Theil nehmen. Alle Engländer z. B. sprechen in demselben Lone über die Träumereien der Deutschen, und ziehen aus ihrer Ansicht von unseren Träumereien, der allerdings etwas Wahres zum Grunde liegt, so zahllose Consequenzen, das sie damit fast Alle zu denselben Irrthümern und Einbildungen gelangen. Alle Deutsche Hegen eine tiefwurzelnde Abneigung vor der Leichtfertigkeit der Franzosen und der Treulosigkeit der Wälschen und erklären, in jenen Ländern reisend, aus diesem Gesichtspuncte so viele Dinge, das die Wahrheit, welche ihm allerdings zum Grunde liegt, eine Quelle zahlloser Irrthümer wird. Die Reisenden, welche in der Atmosphäre ihrer Nation erwachsen sind, tragen ihrerseits oft viel dazu bei, die alten ausgetretenen Bahnen, auf denen alle unsere Urtheile sich bewegen, noch breiter und bequemer zu machen, da doch sle gerade zur Aufnahme neuer Richtungen bestimmt wären. Trägheit, Furchtsamkeit und Mangel an geistiger Gewandtheit mögen dabei in uns am meisten wirken. Es ist bequemer, das Alte noch einmal zu wiederholen, als neue Resultate an den Tag zu bringen, es ist gefährlich, gegen den strom der allgemeinen Meinung zu schwimmen und es ist schwierig, in gewissem Grade fast unmöglich, sich von seinen vorgefasten Ansichten loszusagen. ===== 418 ===== Wie ein Flus in seinem Laufe zwar die schranken, welche ihn hemmen, durchbricht und fortschafft, sich selber aber zugleich auch wieder Hindernisse seines Fortschrittes ― steinwälle, sandbänke ― aufführt, so schafft zwar die allgemein sich verbreitende Literatur und Kunde Dunkelheit hinweg, aber sie häuft sich zu den seiten zugleich auch wieder Dunkelheit auf. Dadurch, das über ein Land, z. B. über die schweiz, so viele belehrende Werke geschrieben sind, sind nun zwar gewisse schönheiten dieses Landes, einige Gletscher, manche Thäler, mehrere Wasserfälle, viele Berge in aller Meuschen Mund gekommen und ein allgemeiner Gegenstand der Bewunderung geworden. Allein eben daher auch sind viele andere unbekannte und unbeschriebene scenen und eigenthümliche schönheiten dieses Landes in ein Dunkel versunken, aus dem sie nun um so schwerer zu retten sind. Wir Autoren sehen, wie die Leute, die einen neuen Weg durch den schnee austreten, immer unsere Fusstapfen in die Fusstapfen unserer Vorgänger. Wir traben hinter einander her, wir reden und schreiben einander nach. Wir tadeln nicht, was Alle preisen, wir loben selten, was Niemand kennt. sollte man nun nicht wünschen, es käme einmal Iemand nach der schweiz, der gar nichts von alle dem wüste, was in allen Büchern steht, und schilderte dies schöne Land ganz so, wie es ihm erschiene, lobte auch nur das, was ihm herrlich vorkäme, und machte uns so auf eine Menge neuer schönheiten aufmerksam, die wir nicht beach ===== 419 ===== ten, weil wir uns zu viel mit Dem zu schaffen machen, was schon ein Merkzeichen erhalten hat? sollte man nicht wünschen, es bereiste Iemand auch andere fremde Länder, der gar nicht wüste, was die grose Fama in seinem Vaterlande von diesen Ländern spricht, und der daher von den Absonderlichkeiten derselben um so eigenthümlicher frappirt würde und um so unparteiischere und ursprünglichere Zeugnisse ablegen würde? In der That scheinen wir Alle diesen Wunsch sehr natürlich zu finden, denn wir greifen fast Alle mit mehr Begier nach einem Werke, welches sogenannte „unbefangene" und ,,unparteiische Fremde" über uns schreiben, als nach den Werken unserer einheimischen Landsleute, selbst wenn diese besser unterrichtet und gründlicher sein sollten. Wir trauen uns selbst nicht so recht und scheinen zu fühlen, das Gewohnheit unsere Empfänglichkeit vielfach abstumpfte, und Parteilichkeit aller Art, so wie die Verslechtung unserer Privatinteressen in die des eigenen Landes, ein freimüthiges Urtheilen vielfach hindert, und je ferner daher der Fremde uns selber steht, je uneingeweihter er ist, desto lieber sind uns oft seine AeuFerungen, desto mehr Neues und Lehrreiches vermuthen wir in seinen schriften. Ein in Europa reisender Astate könnte sich demnach, wie es scheint, weit nüslicher machen als ein Europäer. Ja, stiege erst gar ein Mond oder Uranusbewohner zu uns herab, so würden wir Menschen noch mehr ===== 420 ===== Neues über uns erfahren, als die Griechen aus dem Munde des scythen Anacharsis erfuhren. Natürlich müsten wir dabei verlangen, das jene Fremden, wenn auch völlig unbekannt mit allen Angelegenheiten Europa's oder unseres Globus, doch eben so geistreich und originell seien wie Barthelemy's scythe oder wie der reisende Muselmann eines anderen französischen Autors. Je origineller, je geistreicher, je naiver und je impressionabler Reisende sind, um so mehr könnte man ihnen eine Ignorirung nicht nur ihrer Vorgänger, sondern auch Beiseitesezung alles vorbereitenden studiums des zu bereisenden Landes aus anderen Quellen anzurathen geneigt sein. Denn so wie jene Vorgänger ihr Urtheil befangen machen, so würde auch dieses studium sie schon im Voraus auf Alles gefaster machen und durch Gewöhnung die frische Lebendigkeit ihrer Auffassung lähmen. Allein wenn schon, nach dem was ich oben sagte, nicht einmal das Licht ohne Rauch ist, so hat denn natürlich die Finsternis und Unwissenheit selber ihre noch viel gewaltigeren schattenseiten. Erstlich sind solche starke, naive, geistreiche, wizige und für alles schöne und Erhabene, für alles Charakteristische und Eigenthümliche, für alles Bizarre und Ungewöhnliche in hohem Grade empfängliche originale Menschen eine wahre seltenheit und der gröste Theil von uns Reisenden ist nur mit mittelmäsigem Verstande und Talente begabt. solche Mondbewohner oder Kaspar Hauser, deren ===== 421 ===== von Natur starker Instinkt durch gar keine Art von menschlicher Kunst und Belehrung geschwächt ist und die man gleichsam als Orakel über die Menschen reden lassen möchte, sind im jezigen Zustand der Welt fast gar nicht zu haben, denn mit mehr oder weniger Belehrung und vorgefaster Ansicht ist fast Jeder von uns ausstafsirt. Und zweitens ist es klar, das trotz aller Stärke ihres Instinktes alle Reisenden bei völliger Unwissenheit häufigen Misgriffen nicht entgehen werden, Misgriffen, die man jenen Orakeln und Originalen als ein kleineres Uebel vergift, weil sie dafür so viel Auserordentliches in die Waagschale legen, die aber beim grösern Theile von uns gewöhnlichen, mittelmäsig begabten Reisenden durch nichts aufgewogen werden. Nur wer die ganze Welt im Zusammenhang zu sehen sich bemüht, kann auch jedem einzelnen Volke und staate seine rechte stellung anweisen und nur wer dieses Volk und diesen staat in seiner ganzen Entwickelung zu überschauen strebt, kann auch jedes Besondere, was er innerhalb der Grenzen desselben findet im rechten Lichte sehen und nach seinem wahren Gewichte würdigen. Nur wer das weis, was längst publicirt und bekannt geworden ist, kann auch, von da ausgehend, neue Entdeckungen machen und ein Werk liefern, das sich wie ein neuer Ausbau an die früheren anschliest. Und eben wer Alles kennen lernt, wer alle Quellen benust, nicht nur die, welche in seinem Vaterlande fliesen, sondern auch vor allem die, welche das Land seines studiums selber ===== 422 ===== liefert und auch die, welche in jedem der andern Länder zu Gebote stehen, der wird dann, eben dadurch, das er sich von diesem studium gleichsam die Betrachtungsweise vieler Menschen aneignet und seinen Gegenstand aus allen möglichen Gesichtspuncten sicht, durch seine Allumsichtigkeit und seine vollständige Wissenschaft gerade so vorurtheilsfrei werden, wie es die oben citirten Originale durch ihre völlige Unwissenheit waren. Und demnach können wir daher für den Reisenden keine bessere Regel aufstellen, als die, das er seiner Reise entweder gar keine oder eben eine möglichst allseitige und vollständige Verbreitung vorhergehen lasse. Und zu diesem Entweder Oder ist für die Meisten das Lektere das Empfehlenswertheste. Fast Alles, was auf dem moralischen Gebiete der Völker grünt und blühet, schlägt aus uralten Wurzeln. Wie wollte Iemand die Blüthe und Frucht richtig erkennen und würdigen, der den stamm und die Wurzel nicht kennt? Die Phystognomien der Nationen zeigen und tragen Charakterzüge, die uralt sind, und sind wie ihre sitten und Gewohnheiten Erzeugnisse von Begebenheiten und schicksalen, die zum Theil in frühester Vergangenheit, zum Theil in jüngster Gegenwart sich ereigneten. Wie könnte man den Grund und Urtypus des Charakters eines Volks von späteren Modificationen, wie alte Erscheinungen von den neuesten unterscheiden, ohne genaue Kenntnis des Ganges der geschichtlichen ===== 423 ===== Entwickelung. In tausend Wechselbeziehungen stehen die Völker mit ihren Nachbarn und jezt seit dem Aufschwung des Weltverkehrs auch mit den entferntesten Bewohnern der Erde, die sie entweder beherrschen oder von denen sie Colonien empfangen oder mit denen sie doch in Handelsverbindungen stehen. Dadurch werden bei ihnen nicht nur neue Gewohnheiten geschaffen, nicht nur neue Ideen erweckt, sondern auch ganz neue Klassen und Mischungen der Gesellschaft erzeugt. Der Boden und die Natur des Landes steht mit den Leuten, welche es bewohnen, in groser Wechselwirkung, und zwar in weit gröserer als die, welche in den Banden dieser Wirkung liegen, es selber sich bewust sind. Je genauer die Kunde des Reisenden von dieser Naturbeschaffenheit und von jenen Völkerbeziehungen ist, desto besser wird er im stande sein, den Ursachen aller Erscheinungen auf den Grund zu kommen, und desto mehr wird seine Beobachtungsgabe sich steigern für solche Dinge, an denen er sonst wohl arglos vorüberginge. Man kann sagen, alle und jede Dinge in einem Lande tragen das Gepräge und die Färbung seiner Geschichte, seiner kosmischen und politischen stellung, die wichtigsten, wie die unwichtigsten, die Geseze, die staatsverfassung, die Hofceremonien, die Privatgebräuche, die Hauseinrichtungen, die Kleidungen. Kurz, wir finden Geschichte und Politik, Weltanklänge und Völkerbezichungen bis in die verborgensten Winkel, wo sie aber nur Der entdeckt, der seine Augen ===== 424 ===== und Ohren durch studium schärfte und mit Kenntnis bewaffnete. In unsern alten Welttheilen, deren Boden das Menschengeschlecht schon seit Jahrtausenden bewandelt, ist wenigstens kein Fleck mehr, der nicht in irgend einer Beziehung classisch genannt werden könnte. Bei uns, die wir unsere Religion aus dem Orient, unsere Civilisation aus Egypten und Griechenland, unser Blut aus Transkaukasien und den Himalajah Ländern, unsere Manieren und Toilette aus Paris und was wir sonst noch haben, aus einer tausendjährigen, vielfach selbstständigen, vielfach von ausen bedingten Entwickelung empfingen, ist fast gar nichts, keine Tendenz, kein Princip, ja kein einzelnes Gesez in unsern Gesezgebungen, kein Wort in unsern sprachen, keine sitte und Gebrauch, deren Untersuchung uns nicht entweder nach Rom oder zu einer in Jerusalem versteckten Quelle oder zu einem vom Nil ausgehenden Impulse oder zu einer am Indus verborgenen Urursache oder zu einem noch nachhallenden Grundtone, der vielleicht in den Lagern der tartarischen Groschane zuerst erklang, hinaufführte. Und Tausendfältiges ist um uns und in uns, zu dessen Deutung wir bald nach China, bald nach der sahara, bald in anderer Richtung die Blicke, Antwort heischend, wenden, oder bald amerikanische, bald arabische Documente benügen müssen. Wie wunder-und bedeutungsvoll muss dem allseitig wohlunterrichteten und gewaffneten Reisenden jeder schritt, jeder Blick in eine solche Welt sein! ===== 425 ===== Wie ärmlich und hilflos steht dagegen mitten in diesem Reichthum der schlechtunterrichtete da. Wenn Pope in seinem in England so berühmten Ausspruche: „The proper study of mankind is man" schon Allen das studium des Menschen als das wichtigste zu empfehlen scheint, so ist eben das Menschenstudium ganz insbesondere das allervornehmste des Reisenden. Und zu diesem studium bedarf er keiner Kenntnis und Kunst in höherem Grade, als derjenigen, welche gerade das Entgegengesekte von der Beobachtung der Ausenwelt zu sein, und welche ganz andere Eigenschaften als diese zu erfordern scheint, nämlich der selbstkenntnis und der Kunst der selbstbeobachtung. Wenn zu einer fruchtbringenden Beobachtung der Ausenwelt, wie ich sagte, es erforderlich ist, das die seele des Beobachters gleichsam immer in seinem Auge und seinem Ohre, gleichsam vor den Thoren des Geistes residire, so ist dagegen bei der selbstbeobachtung eine Concentrirung nach Innen erforderlich. Es scheint nöthig, das man die äuseren Thore, durch die so viel störendes eindringt, verschliese, und das man gleichsam alle sinne auf das Innere richte. Die innere Welt ist von Natur geheimnisvoll und nur von einem zauberischen Dämmerlichte erleuchtet. Die Beobachtung der äuseren hellen Welt pflegt unsere Augen zu blenden und für die Betrachtung jener inneren Welt wenig geeignet zu machen. Es sind zwei Arten von Thätigkeit, die sich ganz ===== 426 ===== entgegengerekt zu sein scheinen, und von denen immer die eine um so mehr leiden zu müssen scheint, je mehr die andere sich ausbildet. so scheint es, sage ich. Allein man hat schon längst bemerkt, das die wahre selbstkenntnis nur aus einer umfangreichen Weltkenntnis fliesen könne, und das sie um so tiefer und mannichfaltiger werden müsse, je mannichfaltiger unsere Berührungen mit der Welt sind. Man kann eben so auch umgekehrt sagen, das wahre Weltkenntnis nur durch wahre selbstkenntnis erlangt und gefördert werden kann. Es ist nicht leicht, das will ich zugeben, die Augen nach Ausen zu gewöhnen und doch auch stets wieder nach Innen zu wenden. Es ist schwer, das die Lust und Liebe an der Betrachtung der äuseren Dinge nicht ganz unsere Freude an der Betrachtung der inneren Welt störe. Es ist sehr schwer, das wir mitten in dem hellen Licht und Geräusch des stromes des Lebens, als Reisende schiffend, noch fähig bleiben die leisen stimmen und die schwache Mondscheinbeleuchtung in unserem inneren seelenheiligthume wahrzunehmen. Und häufig sehen wir daher die Menschen, welche meditirend und sinnend in der Einsamkeit über ihrem Innern brüten, ganz unlustig und unfähig in die Welt hinausreisen, während umgekehrt die Menschen, welche sich so recht mitten auf der Oberfläche jenes stromes bewegen, ihrerseits wieder nicht geneigt sind, sich in die Liefen ihrer eigenen Brust zu versenken. Es ist schwer, sage ich. Allein es ist doch möglich, das wir Beides vereinigen und es giebt ===== 427 ===== und gab von jeher Menschen genug, die in ihrem Innern eben so fleisig beobachtend arbeiteten, wie in ihrer Umgebung, die in stetem Vergleich der inneren Phantasmagorien ber camera obscura ihres Herzens mit den Realitäten der Ausenwelt begriffen waren, die in dem Mikrokosmus ihres Wesens Alles zu finden wusten, was ihnen zur Deutung des Makrokosmus vonnöthen war. Diese Leute, die gleichsam wachend und träumend zugleich, klar sehend und innen brütend zugleich in der Welt umhergehen, werden die besten Beobachter und Reisenden abgeben. sie werden, da sie die inneren Bewegungen ihres eigenen Herzens, das den Hauptzügen nach dem Herzen aller anderen Menschen ähnlich sleht, kennen und stets vor Augen haben, die anderen Menschen ― Individuen sowohl wie ganze Nationen nicht nur zu beobachten, sondern, was noch mehr ist, sie auch zu errathen und in ihrem innersten Wesen zu erblicken im stande sein. sie werden mehr als alle Andern thun können, was Villemain in seinem Leben Plutarchs von diesem schriftsteller lobt: „qu'il prend l'homme toujours sur le fait, et qu'il le peint dans toute sa profondeur en le montrant avec toutes ses petitesses". Der Augenschein, das eigene sehen ist, sage ich, für den reisenden Menschenbeobachter das Wichtigste. Doch kann er auch eine andere Quelle der Belehrung, ich meine das Gerücht oder das Hörensagen nicht entbehren. Darum sagte ===== 428 ===== in seinem berühmten Werke über Grönland der alte, gute Kranz:\\ 1. ,,Ich will von dem Lande und den sitten der Grönländer genaue Meldung thun, so viel mir davon erstens durch den Augenschein und zweitens durch Erzählungen und Berichte der Leute durch Hörensagen bekannt geworden". Und ungefähr Dasselbe, nur mit orientalischer Ausschmückung sagt nach einer Anrufung Dessen, qui dirige aux voyages les pieds des hommés par sa volonté suprême", der Egypter sheik Mohammed, über dessen Beschreibung des soudan die Bibliothèque universelle de Genève vor einiger Zeit berichtete: „Les pléïades des sciences les plus difficiles se sont abaissées devant moi par mes efforts, et je me mis à extraire les paroles de la coquille de mon esprit, et à lever les voiles de toutes les choses belles et remarquables, que j'ai vues moi-même. Je rassemblai surtout les raretés, que je recueillis de gens véridiques et de confiance; ― et tout cela, afin que ce voyage pût être un parterre frais et fleuri pour qui y jetterait les regards, un jardin donnant des fruits pendans à portée de la main pour qui feuilleterait ces récits". Ja, man mag die Vorreden und Rechenschaftsablagen aller Reiseschriftsteller nachsehen und man wird immer finden, das sie sämmtlich als vornehmste Quellen ihrer Nachrichten neben dem Augenschein auch das Hörensagen angeben. ===== 429 ===== Im Ganzen, glaube ich, kann man behaupten, das das Hörensagen bei uns in nicht sehr groser Hochachtung steht. Denn was ist nicht blos bei unsern Kindern, sondern auch bei uns Erwachsenen, wenn uns Iemand etwas erzählt, gleich die erste Frage, die wir an ihn richten? Ich kenne keine häufigere als die, auf welche ich schon oben einmal anspielte: ,,Haben sie es selbst gesehen? Und was erfüllt uns nach einer solchen Erzählung mit einem lebhafteren Gefühle von Desappointement, Täuschung und Unglauben, als wenn der Erzähler auf jene Frage zögernd gestehen mus,,,er habe es nur von Anderen vernommen? Es ist uns fast zu Muthe, als wenn auf einmal eine volle Wirklichkeit vor unsern Augen zu einem leeren Trugbilde zerginge. Wer da spricht: „Ich habe es selbst mit diesen meinen Augen geschaut, ich habe es selbst mit diesen meinen Händen gegriffen", dem horchen wir Alle aufmerksam zu, wenngleich es wohl sein kann, das der Augenzeuge, der vielleicht ein Thor war, viel weniger Glauben verdiente als der Andere, der seinen Bericht aus dem Munde eines verständigen Mannes nahm. Den Reiseschilderern geht es wie allen andern Berichterstattern und man sekt ihre Nachrichten aus Augenschein zu denen aus Hörensagen fast in dasselbe Werthverhältnis, wie ächtes Gold zu Rauschegold. Bei genauerer Erwägung wird man indessen sehen, wie der Reisende die bezeichnete Quelle von Nachrichten, so trübe sie auch sein mag, nicht nur benügen darf, sondern auch muss und zugleich wie er bei rich ===== 430 ===== tiger Kritik im stande sein wird, sie so zu läutern, das er uns sehr werthvolle Kunde aus ihr zufliesen lassen kann. Die Hauptsache ist und bleibt es, dies ist wahr, das der Reisende uns nur den Weg schildere, den er selber durch die Labyrinthe der Welt gegangen ist, das er uns hier Alles deutlich vorführe, was sein Fus beschritten, was seine Hand betastet hat. Auf diesen Weg so helles Licht als möglich zu werfen, ist seine höchste Aufgabe. Es bleibt indes der Pfad, den eines Reisenden Füse in Person beschreiten können, immer nur ein sehr enger und schmaler. Es ist gleichsam nur ein einziger Faden aus dem grosen bunten Teppiche, den ein bevölkertes Land darstellt, ein Faden, durch dessen Anblick wir Leser in den stand gesezt werden sollen, auf die Beschaf fenheit des ganzen Gewebes zu schliesen. Dieser Faden ist gleichsam durch eine Menge Querfäden und durch viele parallel laufende Fäden mit dem Ganzen verwebt. Der Reisende kann daher den Faden, an dem er spinnt, nur dann unbeirrt verfolgen, den Weg, den er uns beschreibt, nur dann richtig darstellen, wenn er auch jene Verflechtungen erforscht und schildert. Da giebt es nun theils Vieles, was, obwohl es noch mit der Gegenwart zusammenhängt, der strom der Zeit längst dem Bereich der sinnenwelt entrückt hat, theils hat ja jedes Nachbarfeld auch wieder seine Nachbarschaft, mit der es seinerseits verwebt ist, und wollte man dem Reisenden nicht zumuthen, das er selber überall und ohne Ausnahme in jeden Winkel seine Augen bringen, auf jeden Fleck ===== 431 ===== seine tastende Hand legen sollte, wozu keines Menschen Zeit und Kräfte ausreichen, so ist es klar, das am Ende irgendwo die Grenze kommen mus, wo seine sinnliche und selbsteigene Wahrnehmung aufhört und wo er die Wahrnehmungen Anderer zu Hülfe rust, um über diese Grenze hinüberzublicken und zwar, wohlgemerkt, nicht hinüberzublicken der Dinge selbst wegen, die jenseits dieser Grenze liegen, sondern der Erläuterung und Beleuchtung derjenigen Dinge wegen, die er selber erblickte und durchlebte. Der Reisende steht gleichsam auf der schmalen strase seiner Erkenntnis und greift von da aus mit seinem Ohr in das trübe Reich des Hörensagens hinein, um aus ihm so viel strahlen als möglich für seinen Gegenstand aufzufangen. Er erweitert, vergrösert und vervielfältigt, möchte ich sagen, das Gesehene durch das Hörensagen.,,so wie sie es hier sahen", sagen ihm die Leute,,,so ist es da und dort und vielerwärts bei uns". Des Reisenden wenig zahlreiche Erfahrungen sind zu vergleichen dem Duhend Krieger, die shakespeare auf seine enge Bühne brachte und die er seinen Zuschauern als die französischen und englischen Heerschaaren zu betrachten bat. Wie die Phantasie dieser Zuschauer durch die wunderbare, vom Dichter und Theaterdirector geübte, Magie jene kleine Truppe vertausendfachte und ihr mageres WaffengeElirre auf den Brettern zu dem Echo eines schlachtgetümmels umschuf, so dient dem Reisenden die hundertäugige und tausendzüngige Fama dazu, seinen eigenen beschränkten Erleb ===== 432 ===== nissen das rechte Echo zu geben. Ein einziges Hagelkorn hält er in der Hand und obgleich er von den andern Millionen Hagelkörnern, die niederfielen nur den schall vernimmt, so kann er doch nun leicht von jenem einen, das er vor Augen hat, auf die Millionen und von diesen wieder auf die Bedeutsamkeit jenes einen zurückschliesen. Es wäre in der That sehr unpolitisch, wenn der Reisende sich seine Ohren auf der Reise verstopfen wollte, da er mit ihrer Hülfe seine Kraft gleichsam ins Unendliche steigert und durch sie eine Menge anderer nüslicher Beobachter und Augenzeugen, die oft sogar vielleicht besser sahen, als er selbst, in seinen Dienst nimmt. Mit ihnen geht er gleichsam vielgliederig durch die Welt, ohne sie nur zweiarmig. Von sehr vielen wissenswürdigen und interessanten Dingen kann man ganz Dasselbe behaupten, was Rumohr in seinem Geiste der Kochkunst von manchen guten Gerichten der Küche aussagt, das sie nämlich, so nachahmungswerth sle auch sein mögen, doch zuweilen nur auf die Mauern einer stadt oder auf die Grenzen eines engen Bezirks beschränkt bleiben, und das noch Niemandem eingefallen oder gelungen sei, sie nach andern Orten zu übertragen. Gelangt man z. B. an den schauplah eines Ereignisses, so wird man oft Gelegenheit finden, zu bemerken, wie dort an Ort und stelle gemeiniglich nur Wenige mit dem wahren Hergange der Begebenheit vertraut sind, und man wird kaum begreifen, wie nicht alle Welt mit so interessanten Umständen längst eben so bekannt ===== 433 ===== geworden ist, wie vielmehr so grose Unkunde und so falsche Vorstellungen sich darüber verbreiten konnten. Ich befand mich einst mitten unter den bedeutendsten Beamten eines wichtigen Zweigs der Verwaltung eines mächtigen staates. Ich hielt sie alle für tief eingeweiht in die Verfassung und den Geschäftsgang ihres Departements. Da ich mich aber nach einigen Gewohnheiten in der Procedur bei gewissen Unterabtheilungen ihres Departements erkundigte, wiesen fle mich, ihre Unwissenheit erklärend, an die einzelnen Bureauchefs, die allein im stande wären, mir solche Details mitzutheilen, der Eine diese, der Andere jene. Als Georg I. nach England kam, um von seiner Krone Bestz zu nehmen, und als der Regentschaftsrath den staatssecretär Addison beauftragte, ein Begrüsungsschreiben an den König auszusehen, gericth Addison in nicht geringe Verlegenheit, und nur mit Mühe konnten einige Unterbeamte gefunden werden, welche noch eine Kenntnis der alten Gebräuche, Floskeln und Formen, unter denen ein solches Regentschaftsrathsschreiben an einen neuen König aufgesezt werden muste, besasen. Wenn wir zu den Alpen reisend über die Grenzen der schweiz treten, bilden wir uns leicht ein, jeder schweizer müsse uns genaue Belehrung über die Beschaffenheit der Gletscher, über den Montblanc, über die Jungfrau, über die Alpenwirthschaft geben können. Kommt man aber zu den Gebirgsthälern am Fuse jener Berge selbst, so findet man selbst hier in der geringen Entfernung noch die unrichtigsten Vor ===== 434 ===== stellungen über jene Dinge verbreitet. Und sogar unter den Bewohnern der Gebirge muss man noch die Einzelnen wieder hervorsuchen, die als Kenner wirklich gute Auskunft über diesen oder jenen benachbarten Punct geben können. Nicht nur jeder Zweig jeder Wissenschaft, jedes gesellige oder staatsverhältnis, jede Frage der statistik, sondern auch jeder Fleck des Landes, jeder Punct seiner Naturgeschichte, ja jedes kleine Ereignis, jedes Histörchen hat seinen meistens sehr engen Kreis von eingeweihten und wohlunterrichteten Kennern. Ist dem nun so, wie dies Ieder weis, der die Welt einigermasen kennt, so kann man, sage ich, nicht leugnen, das es geradezu ein Hauptgeschäft des sich von Ort zu Ort bewegenden Reisenden sein mus, die Zeugnisse der Kundigen abzuhören und zu veröffentlichen, die Kenntnisse aus den schlupfwinkeln, in welchen sie sich verstecken, herauszuschaffen; denn es ist ja gerade seines Amtes, vorzugsweise das, wozu man nur durch Reisen gelangen kann, was man an Ort und stelle aufsuchen mus, ans Tageslicht zu bringen. Was aber ihm und seinen Lesern diesen Theil seines Geschäftes noch wichtiger machen mus, ist der Umstand, das zwar die Kreise der Eingeweihten für jedes Ding sehr eng sind, das dabei aber auch fast jeder Mensch zu irgend einem Kreise von Eingeweihten gehört, das jeder in irgend einer sache als ein Kenner und vollgültiger Zeuge zu betrachten ===== 435 ===== ist. Und dieser Umstand, den ich nun in ein etwas helleres Licht sehen will, macht dem Beobachter das Zusammentreffen mit fast jedem Menschen in der Fremde, ja ich mag behaupten, fast jede Ansicht und Meinungsäuserung jedes Menschen auf irgend eine Weise interessant. Es kommt dabei nur darauf an, den richtigen Gesichtspunct für jede Aeuserung herauszufinden, so wie die Kennerschaft und die starke seite jedes Individuums zu entdecken. Der Ausspruch des Plinius von den Büchern, das keines so schlecht sei, das der Leser nicht irgend etwas daraus lernen könne, möchte ich auch auf die Menschen anwenden und sagen, das keiner in wissenschaftlicher, intellectueller oder geselliger Beziehung so niedrig stehe, das man nicht irgend etwas von ihm nicht nur gut, sondern sogar viel besser als von sonst irgend einem Andern erfahren könne. Die Professoren der Naturgeschichte haben von den verschiedenen Branchen der Naturgeschichte die beste allgemeine Kenntnis; der eine kennt aber diesen, der andere jenen Zweig dieses unermeslichen Gebietes vorzüglich gut und selbst wenn er kein Koryphäe unter den Männern des Fachs ist, so hat er doch in dieser oder jener Branche Wahrheiten entdeckt, die selbst einem Buffon, Cuvier oder Humboldt unbekannt blieben. Welcher Doctor z. B. hätte nicht über irgend ein specielles Zweiglein der Wissenschaft eine Untersuchung angestellt, die ihn befähigte, selbst einen allumfassenden Aristoteles über diesen speciellen Punct zu belehren, und darüber eine Dissertation ===== 436 ===== geschrieben, die der stolz seines Lebens ist? Aber die Fischer, die Jäger, die Bergleute, die Landbauern haben wiederum den Fischen, dem Wilde, den Mineralien, dem Wetter oder anderen Naturerscheinungen seiten abgelauscht, die meistens blos ihnen bekannt blieben und oft, ohne für die Wissenschaft benügt zu werden, lange wie ein verborgener schas in ihren Zünften tradirt wurden. Die Vornehmen und Reichen wissen sehr gut, wie es in den hohen Kreisen der Gesellschaft ihres Landes hergeht; aber die Bettler wissen am besten, wie die Bettler leben. Die alten Leute eines Landes wissen am genauesten, wie es zu ihrer Zeit im Lande aussah und die alten Leute von 1780 werden für gewisse Dinge glaubwürdigere Zeugen sein als die von 1790, diese wieder glaubwürdigere für andere als die von 1800. Die alten Leute aller Gattung sind in Bezug auf unendlich viele Dinge für den Reisenden sehr wichtige Quellen der Erkenntnis, da er durch sie die lebhaftesten Eindrücke von dem Contraste der alten und neuen Zeit und von der Eigenthümlichkeit beider erhält. Fast instinktmäsig suchen daher auch die Reisenden überall die Alten gleichsam wie Orakel auf. Jünglinge wiederum leben in ganz anderen sphären als die Greise, kennen ganz andere Branchen des Lebens als diese, selbst wenn dieselben ihre nächsten Verwandten, ihre Eltern sind, und die Kinder wissen, treiben, erkennen und empfinden wieder Vieles, was die Jünglinge nicht wissen, treiben und empfinden. Es ist auffallend, das von den in fremden Landen Reisenden die Kinderwelt, dieser ===== 437 ===== saame, diese Baumschule der Zukunft, weit mehr vernachläsigt wird als das hohe Alter. Die Welt, sowohl die Naturals die Menschenwelt, ist unermeslich mannichfaltig und eben diese Mannichfaltigkeit ist die Ursache der Erscheinung, das jeder ein Kenner in einem besonderen Fache sein kann. Jedes Individuum steht auf einem besonderen standpuncte, hat seinen eignen ihm eröffneten Gesichtskreis und so klein dieser Gesichtskreis sein mag, so ist er immer von dem Horizonte des Nachbarindividuums verschieden. Ich möchte die Welt ein Labyrinth nennen mit zahllosen Gängen und Verstecken. In diesem Labyrinth haust die Menschheit, der hundertäugige Argus, der in jeden der Gänge und Verstecke einen forschenden Blick wirft. Bei seinen Bemühungen, sich zu seiner und seiner Leser Belehrung der Erfahrungen und Kenntnisse, welche Andere erlangten, zu bedienen, hat der Reisende nun natürlich insbesondere diejenigen Kenner zu beachten, die nicht schon ohnedies als literarische Personen ihre eigenthümliche Kunde auf die literarischen Märkte zu bringen pflegen; also alle die Leute, die nicht in Dissertationen dasjenige Zweiglein einer Disciplin, dessen sie sich bemächtigt haben, oder in umständlichen Lehrbüchern den grosen stamm oder Ast der Wissenschaft, den fie cultivirt haben, umständlich beschrieben, alle diejenigen Leute, die nicht Parlamentsmitglieder oder Berichterstatter für Journale sind und deren politische Meinung keine hinreichende und öffentliche Vertretung sindet, so wie alle die ===== 438 ===== Leute, deren Ansichten von den Einheimischen am meisten übersehen werden, während sie den Reisenden am meisten frappiren. Ich gehe aber noch weiter und behaupte: nicht nur jeder Mensch ist ein Kundiger in seiner Art, sondern auch jede Aeuserung, jedes Gerücht, jede Meinung, jede stimme, die der Reisende vernimmt, enthält irgend etwas Charakteristisches und hat irgend eine Bedeutung. Dieser Punct scheint mir noch bei weitem nicht genug von den Menschenbeobachtern anerkannt, denen man, ebenso wie man ihnen gerathen hat, möglichst Alles, was sie sehen, niederzuschreiben, auch zu ihrem grosen Frommen rathen könnte, möglichst Alles, was sie hören, sich zu merken und in ihrem Tagebuch zu fixiren und zwar ipsissimis verbis zu fixiren, dabei aber auch genau hinzuzufügen, von wem sie es hörten, unter welchen Umständen, in welcher stimmung des Redenden, in welcher Gesellschaft, ob laut oder leise gesprochen, mit welchem Ton, mit welchen Gebehrden c. Thäten die Reisenden dies immer, so würden sie dann zu Hause erkennen, welchen schas von interessanten Winken, Andeutungen und Anhaltspuncten fle sich dadurch verschafft hätten.,,schreiben sie wo möglich ganze Conversationen auf, die sie mit den Leuten hoch und niedrig haben werden", rieth mir ein alter vielerfahrner Freund, als ich einst einem interessanten Lande zureiste. Ich that es nicht und bereute es oft genug. Viele Beobachter ===== 439 ===== werden noch interessante Länder bereisen, jenen Rath verachten und es bereuen. Aber freilich müste, damit die Reisenden dies immer könnten, Daguerre uns noch eine ähnliche Maschine für die Firirung der Töne verschaffen, wie er sie für die strahlen erfand. ,,Aber die Lügen", wird man sagen, die sind denn doch auszunehmen. Und wie viele mögen eben deren nicht im Hörensagen stecken"! In der Regel, muss ich sagen, wird dem Reisenden, wenn er sich geschickt benimmt, weniger mit Absicht vorgelogen als man denkt. Es kommt zwar vor, aber nur ausnahmsweise, und diese Ausnahmen wird er leicht als solche erkennen. „Zugegeben! Nun aber die Täuschungen anderer Menschen, die falschen Gerüchte, die zahllosen Entstellungen, die alle das Hörensagen in so hohem Grade trüben"! Nun ja, dies ist die schwache seite derjenigen Quelle von Erkenntnis, von der wir reden und es versteht sich, das hier eine starke Kritik zu üben ist. In Erfahrung bringen, geduldig anhören muss der Reisende Alles, selbst das Falsche. In sein Tagebuch oder Gedächtnis schreiben muss er beinahe Alles. Was er aber in weiterem Kreise mittheilen will, muss er sorgfältig aussuchen und davon sogleich ausscheiden, was keine Art von Werth zu haben scheint und alle übrigen „On dits" muss er nach dem Grade ihrer Wahrscheinlichkeit classificiren und durch irgend einen Zusak, wie sie in diesen Fällen bei Autoren üblich sind, durch ein: ===== 440 ===== ,, man erzählt sich",,, man versichert",,,, von vielen glaubwürdigen Augenzeugen hörte ich", „der und der theilte mir mit", oder: „es geht ein Gerücht im Lande", oder: „es ist allgemein bekannt und ganz notorisch", und dergleichen die Leser jenen Grad der Wahrscheinlichkeit der mitgetheilten Nachrichten fühlen lassen. Unter Umständen kann sogar auch die Mittheilung falscher Gerüchte und offenbarer Lügen sehr interessant sein, entweder weil die sehr verbreiteten dabei heilsam widerlegt werden können, oder weil ste, wie weit verbreitete falsche Gerüchte immer thun, die moralische stimmung und Disposition des zu charakteristrenden Publicums bezeichnen. Ein Mann, der z. B. bei den lügenhaften Kretensern reist, wird mit Recht häufig Gelegenheit nehmen, die Lügen, welche sie ihm auftischten nachzuerzählen. Im Ganzen geniesen die Nachrichten, welche die reisenden Beobachter aus der Quelle des Gerüchts und Hörensagens schöpften, bei den Lesern nicht das Ansehen, das sie geniesen sollten und die zu Hause bleibenden Beobachter und Forscher, deren Mittheilung über die Welt und Natur aus dem studirzimmer doch fast noch in höherem Grade auf Gerüchte beruhen, werden vom Publicum offenbar auf eine höchst beneidenswerthe Weise bevorzugt. Hat man doch sogar die Hälfte dieser Nachrichten des stammvaters aller Reisenden, des ehrlichen Herodot, verwerfen wollen. Ich will glauben, das dabei einen Theil der schuld die Reisenden selber tragen; ein groser Theil dieser schuld aber ===== 441 ===== ist auf andere Umstände zu schieben. Die Reisenden sehen in der Fremde wirklich viel Neues und Wunderbares. Dies regt sie gewaltig an und macht sie geneigt, an noch viel mehr Wunderbares zu glauben. Die Eingebornen, welche dem Reisenden bald seine schwache seite abmerken, dienen ihm dann zuweilen, da sie ihn auf das Interessante und Auserordentliche, so zu sagen, Jagd machen sehen, um ihm gefällig zu sein, mit solcher Waare, wie er sie sucht. Kommt er dann nach Hause, so trifft er hier wieder seine des Alltäglichen überdrüssigen und nach dem Ausergewöhnlichen ebenso begierigen Landsleute, die immer disponirt sind von Dem, der aus der Fremde kommt etwas Unerhörtes zu vernehmen. Der Reisende seinerseits, vielleicht um seinen Landsleuten zu gefallen oder um den Vorwurf, er habe nichts Neues auf seinen Fahrten gelernt, von sich abzuwenden, dient ihrer Neugierde nun wieder in derselben Weise, in welcher seine eigne Neugierde von den Fremden befriedigt wurde, trägt hie und da die Farben etwas stärker auf und der endliche Erfolg davon ist dann, das er, wie Herodot oder Marco Polo, als eine signore Millione verschrieen wird. Der zu Hause bleibende Forscher, sage ich, muss zwar auch dem Hörensagen vielfach trauen, ja er schöpft sogar noch mehr oder, wenn er selber nie reiste, Alles aus dieser Quelle. so z. B. der Historiker der Vergangenheit, der bei keinem der von ihm erforschten und dargestellten Freignisse selber zugegen war; so der Naturforscher, der selten nur ===== 441 ===== einmal eines von den Thieren oder Pflanzen, die er schildert, in ihrem Geburtslande zu sehen bekam; so der sprachforscher, der seine sprache blos aus den Büchern kennt. Und so viele Andere, unter denen wir natürlich Diejenigen, welche, wie der Poët oder der speculative Philosoph, Alles aus ihrem Herzen und Kopfe schöpfen und bei denen von einem Augenzeugnis gar nicht die Rede sein kann und ebenso Diejenigen, die sich wie der Chemiker, der Anatom 2c. jenes Augenzeugnis auch in ihrem Cabinet selber verschaffen können, nicht begreifen. Allein der stille forschende stubengelehrte hat dabei den Vortheil der gröseren Nüchternheit, die er sich zu Hause in seinem Cabinete besser erhält als der Reisende inmitten seiner vielfachen Anregungen. Auch sind seine Zeugnisse Bücher, die er jeden Augenblick wieder vornehmen und deren Angaben er lange überdenken und kritisch erwägen kann, während der Reisende es mit flüchtigen Personen, mit rasch verhallenden Worten zu thun hat, die nie so sorgfältig überdacht werden als die geschriebenen. Das gesprochene Gerücht, das der Reisende belauscht, ist ein viel unsichtbareres, unfasbareres, feineres und flüchtigeres Wesen als das gedruckte Gerücht des stubengelehrten. Die Auffassungsgabe des Reisenden muss daher viel zarter und empfänglicher sein, sein kritischer Geist subtiler und prompter, wenn er sich nicht betrügen lassen will. Das grose Ansehen, welches sich das gedruckte Wort über das gesprochene, die todte und vergangene Welt über ===== 442 ===== die gegenwärtige, das Typenbuch über das Buch des Lebens angemast hat, ist ein anderer Umstand, der den Resultaten, zu welchen der aus den Quellen der Bücher Forschende gelangt, ein gröseres Gewicht in den Augen des Publicums verschafft als denen des Reisenden. Die nicht literarische Welt spricht zuweilen wohl etwas spöttisch von den stubengelehrten, oder macht Reime wie diese: „Die Gelehrten, die Verkehrten". Aber im Ganzen schadet dies dem Ansehen der Gelehrten so wenig, wie die englischen Karicaturen auf die Königin des Landes dem Ansehen der „royalty". Das grose Publicum behält dennoch immer einen grosen Respect vor Dem, was ihm schwarz auf Weis vorgelegt wird. Und die Versicherung der Gelehrten, sie hätten die sache gedruckt gesehen, ist in seinen Augen meistens mehr werth als die eines Reisenden, er habe es Leute sagen hören. Der Reisende citirt Hans und Kunz, der stubengelehrte Plato und Aristoteles. Nun ist es zwar ausgemacht, das Hans und Kunz in ihrer Art und in ihrem Fache eben so kluge Leute sein können als Plato und Aristoteles in ihrer Art und ihrem Fache, und Manches, wie ich oben zeigte, sogar noch besser wissen können als diese. Allein Jene haben nichts drucken lassen und die Aussagen dieser sind seit Jahrtausenden hundertmal gedruckt worden. Ein groser Theil der naturgeschichtlichen Nachrichten und Kenntnisse über die Thiere und Pflanzen beruht blos auf den Aussagen von Jägern, Hirten oder Wilden, die häufig ===== 443 ===== allein im stande waren, jene zuweilen sehr schwer zugänglichen Kenntnisse mit Mühe und Gefahr zu erlangen. Die Naturforscher bedienen sich oft der Vermittlung jener Leute, um, so zu sagen, manche geniesbare Kastanien aus den Kohlen zu holen; allein man steht nicht selten, das sie ihnen den Dank abzustatten vergessen, indem sie ganz anders denken als Montaigne, der in einem sehr geistreichen Essay ,,über das Citiren" sagt, das er sich nicht schäme, in manchen stücken laut und vor aller Welt lieber das Zeugnis seines Gänsejungen als das Eines der sieben Weisen zu citiren. Die Historiker machen es nicht anders. Denn obwohl wir eine zahllose Menge höchst wichtiger Ereignisse in der Geschichte haben, von denen nur unliterarische soldaten oder Bauern oder eben so unliterarische Hofleute Zeugen waren, so steht man doch höchst selten die Aussagen dieser Leute selber angeführt. Alles z. B., was wir über die schlacht bei den Thermopylen und über das so interessante Betragen des Leonidas und seiner Dreihundert wissen, und was seitdem von Thucydides, von Plutarch und von tausend ansehnlichen Gelehrten und Autoren hierüber wiederholt ist, beruht fast einzig und allein auf der Aussage jenes einfachen ungebildeten Kriegers, der als einziger Augenzeuge aus jener schlacht entkam. Auch die schweizer haben in ihrer Geschichte einige höchst denkwürdige schlachten, aus denen nur ein paar Reiter oder Bogenschützen entkamen und Alles, was die Tschudi, die Johannes von Müller und die ganze Welt seitdem über ===== 445 ===== diese schlachten geglaubt, gelernt, nachgesprochen, nachgepriesen und nachgesungen haben, beruht blos auf der Autorität jener Reiter und Bogenschützen. Nichts desto weniger aber steht man weder diese schweizer noch jenen Krieger des Leonidas irgendwo citirt. Wir wissen gar nichts mehr davon, wie und von wem diese Leute zuerst in Verhör genommen sind, obgleich dies Verhör eben das Wichtigste bei der sache gewesen wäre. Auch giebt man sich keine Mühe, wenigstens bis zu den Berichten, die man gleich aus dem Munde dieser Leute niederschrieb, vorzudringen, sondern citirt gleich Tschudi und Müller, welche die Kunde erst durch allerlei krumme Kanäle empfingen. Der reisende Beobachter des Lebens citirt noch jest lebende Personen, und man kann ihm zuweilen noch nachweisen, von wem er dieses, von wem er jenes vernahm. Der Büchergelehrte wendet sich an die ehrwürdigen Todten, und wenn er diese den Mund aufthun läst, so ist Alles mäuschenstill, auch wenn diese guten Todten zuweilen etwas faseln. schon durch das blose hohe Alter ihres Umlaufs bekommen die Nachrichten und Gerüchte ein groses Ansehen; dies ist sehr wunderlich, da man eigentlich glauben sollte, das man ihnen um so weniger Gewicht beizulegen geneigt ===== 446 ===== Adel und Ruhm verdankten, in der Vorzeit zu suchen sind. Man kann daher sagen, das der Büchergelehrte es mit lauter geadeltem, der Reisende aber mit sehr plebejischem Hörensagen zu thun habe, und das zum Theil auch daher diese Quelle seiner Belehrung in eine Art von Miscredit gekommen sei, den sie nicht völlig verdient. ,,Auch ohne Dich zu sehen, weis ich genau, was Du den ganzen Tag hindurch in Deiner Einsamkeit beginnst. Durch den Gesang der Vögel erweckt, erhebst Du Dich mit der ersten Morgenröthe, besteigst die vom Thau benesten Hügel Deines Thales und durchirrst die romantische Wildnis, den Kopf voll Ideen und Dein Herz überströmend von Empfindungen. Immer hast Du Deine schreibtafel zur Hand und jeden Augenblick stehst Du still und holst sie hervor, um Deine Gedanken aufzuzeichnen, die Du dann später nach Hause bringst, um für uns so wundervolle Dichtungen daraus zusammenzuschmelzen". so schrieb Pastrengo an seinen Freund Petrarca im Thale von Vaucluse. Ueber die Thätigkeit seines eignen Calamus giebt uns Plinius selber in einem liebenswürdigen Briefe einigen Ausschlus. Es geht aus seinen Aeuserungen hervor, das er einen solchen Calamus, wie auch eine Wachstafel, auf seinen spaziergängen stets bei sich führte und das, wenn ihn etwas Merkwürdiges frappirte oder ihm eine neue Idee durch den sinn fuhr, er sich gleich auf den ersten besten stein oder an das hohe Ufer ===== 447 ===== eines Baches sekte und seine spaziergangsimpresstonen niederschrieb. Montaigne, der, wie er selbst oft genug klagt, ein sehr schwaches Gedächtnis hatte, machte es ebenso und zuweilen, wenn ihm unterwegs etwas aufoder einsiel und er gerade kein Papierchen bei sich hatte, ritt er spornstreichs nach Hause, um in seinem studir-und Bibliothekzimmer, das sich in einem Thurme seines schlosses befand, sofort in stiefeln und sporen, wie er war, seine Einfälle zu Papier zu bringen". Ich stelle die Beispiele dieser hochgefeierten Männer und ihrer Tagebücher voran, um dasjenige Instrument des Reisenden, durch welches er seine Anschauungen und Gedanken firirt und das man in der Regel mehr fürchtet als hochachtet, ja, bei dessen Gebrauch sogar den Reisenden selbst eine gewisse Beschämung überfällt und von dem ich jetzt reden will, nämlich sein Memorandumbuch und seinen Bleistift, gleich von vornherein in etwas bessere Gesellschaft zu bringen. Der berühmte, treffliche Reisende Burckhard berichtet, die Leute in Arabien und Egypten hätten eine grose Furcht vor seinem Griffel gehabt und er habe ihn daher immer möglichst verborgen gehalten. Um indes seine Bemerkungen nicht zu verlieren, habe er sich, in seinen weiten arabischen Mantel gehüllt, hinter sein Zelt oder sonst an einen abgelegenen Ort gesezt und habe sich gestellt, als wenn er den Koran lese, insgeheim aber seine Notizen aufgeschrieben. „Die Araber", sest er hinzu, glaubten immer von einem Reisenden, ===== 448 ===== den sie Notizen sammeln sehen, er bezaubere das Land oder bringe doch sonst Unglück über sie". Der Marquis de Custine, als er sein berühmtes Tagebuch in Rusland schrieb, verriegelte sogar die Thüren seines Zimmers und legte ein paar geladene Pistolen neben sein Dintenfas, weil, wie er sagt, die Russen ihn überall mit spionen umgeben hätten, um zu sehen, ob er auch ein Tagebuch und einen Griffel habe. Die Araber und Russen denken in dieser Beziehung nicht viel anders als die Bewohner fast aller andern Länder. Alle fürchten den reisenden Beobachter mit dem Griffel und Tagebuch. Ein solcher, wenn er seine Instrumente z. B. in einem Postwagen hervornimmt und etwas niederschreibt, ist zuweilen im stande, die lebhafteste Conversation zum schweigen zu bringen. Die Reisenden, selbst wenn sie Niemandem wehe thun wollen und das beste Gewissen von der Welt hahaben, empfangen doch ebenfalls eine unangenehme M wirkung von diesem Eindruck, den sie auf Andere hervorbringen und haben daher meistens eine gewisse schamhafte scheu im Gebrauche der genannten Hilfsmittel ihres Gedächtnisses und man steht Wenige, die ihr Tagebuch, so lange es noch blos geschrieben war, nicht mit Geheimnis umhüllten, selbst wenn sie sogar zugestanden, das dieses Tagebuch für die gröstmögliche Deffentlichkeit ― für den Druck ― bestimmt sei. Nur die Engländer sind in der Fremde etwas unbefangener bei dem einem Reisenden so nöthigen Geschäfte des ===== 449 ===== Notizensammelns und einmal begegnete ich einem berühmten Reisenden dieser Nation, der sich folgendermasen gerüstet hatte. Wie ein Krieger sein schwert an den Gürtel hängt, so hatte er sich einen schreibstist um den Hals befestigt und zwar an einem zierlichen Goldkettchen. Der Griffel, der ihm beständig vor der Weste baumelte, war so eingerichtet, das er ihn nie zuzuspiken brauchte und der Reisende schämte sich dessen so wenig, wie ein Elegant der ihm vor der Weste baumelnden Lorgnette. Vor der Brust hatte er in seinem Ueberrock eine besondere Tasche, in welcher nichts als sein Tagebuch stecken durfte, anbringen lassen und zwar auf der linken seite, so das er mit der rechten Hand jeden Augenblick das Buch ergreifen konnte. Das Tagebuch war von so solider Arbeit wie man sie nur in demjenigen Land kennt, welches den Reisenden und Touristen Alles, was sie nöthig haben, aufs Trefflichste liefert. so sah ich ihn durch mehcre Museen einer der Hauptstädte Europa's schreiten und sofort Alles, was ihn durch seine Brille und Augen frappirt hatte, verzeichnen. Und in der That, er hatte ganz Recht, sich so schlagfertig zu halten. Ieder Reisende, der etwas Züchtiges heimbringen will, sollte sein Muster nachahmen. Der Flus unserer Gedanken und Geistesanschauungen, selbst wenn er verhältnismäsig so ruhig dahinfliest, wie dies meistens in der Heimath der Fall ist, gleicht einem strome, der viele kostbare Perlen und schöne Wellen vorüberführt. Wir selbst styen gleichsam wie Perlenfischer am Ufer dieses stro ===== 450 ===== mes. sind wir träge, so wird uns allmälig Vieles entgehen, denn keine Perle, keine Welle kehrt wieder, oder kehrt wenigstens nie in der Gestalt wieder, wie wir sie gerade jest erblicken und ergreifen können. Bei dem Reisenden, der mitten auf dem wogenden Ocean des Lebens hinausfährt, bewegt sich nun jener innere strom der Gedanken, der Gefühle, Anregungen und Impressionen mit der schnelligkeit eines Waldbachs und kaum hat der Postwagen einige Meilen die Grenze des Heimathlandes überschritten, so hat der Fahrlässige schon viel Versäumtes zu beklagen. ,,Aufschub", sagen die Weisen, ist der Tod der Geschäfte", und dieser spruch gilt für den Reisenden noch mehr, als für viele Andere. Er darf nichts verschieben und mus, wenn er seinen Zweck erreichen und etwas Lebendiges und Nügliches, sei es für sich, sei es für Andere, erreichen will, stets so viel als möglich seine Erfahrungen und Anschauungen durch den Griffel fixiren, wie der Entomolog seine schmetterlinge durch die Nadel. Ich gebe zu, das der Eine seine Eindrücke länger bewahrt als der Andere. Allein im Ganzen sind wir Menschen erstaunlich vergeslich und bilden uns noch dazu unglücklicherweise gewöhnlich dabei leicht ein, das uns, was wir gerade jetzt vor Augen haben, unvergeslich sein werde. Wer erfahren will, in wie hohem Grade vergeslich wir sind, der stelle sich einmal, ich will nicht sagen dem Angesichte eines Menschen, einem bunten gothischen Thurm oder sonst einem ===== 451 ===== sehr componirten Gegenstande, sondern etwa nur einem Berge mit einfachen Umrissen, einer simpeln strohhütte oder sonst einem Dinge mit wenigen Theilen und von einfacher Bildung gegenüber, fasse die Figur scharf in's Auge, betrachte sie so lange, bis er überzeugt ist, er könne sie nie wieder vergessen. Und dann drehe er ihr den Rücken und versuche es, eine Zeichnung davon zu entwerfen. Es wird sich dann zeigen, wie viel während des Umdrehens sich bereits von den empfangenen Eindrücken verwischt hat. In der That, man kann fast von allen unsern Eindrücken sagen, das sie nur so lange lebendig sind, als wir dem Impuls gebenden Gegenstande gegenüber stehen. sie fallen in dem Augenblick, wo wir unsere sinne diesem Einflus entziehen, einer wunderbar raschen Verwesung anheim, wie gewisse sehr zarte Fische des Baikalsee's, die in demselben Moment, wo man sie aus dem Wasser hebt, sterben und zu verfaulen beginnen. Wer gewohnt ist, jeden Abend seines Lebens sein Tagebuch zu schreiben, der weis dies wohl, und er findet dann kaum einen einzigen Gegenstand, zu dem er nicht gern noch einmal sich hinbegeben möchte, um dies und jenes genauer anzusehen. Die Hauptsache mag wohl lange in der Erinnerung bleiben, aber die so charakteristischen Details, auf die es bei allen Dingen so sehr ankommt, entschlüpfen uns immer so leicht. Man überwinde daher jene scheu und scham, wo sie im Wege stehen sollte, und ahme so viel als möglich den von mir als Muster eines Welt ===== 452 ===== gängers und Menschenbeobachters citirten Engländer nach, zeichne die Gegenstände an Ort und stelle selbst in das Tagebuch, so lange man sie noch vor sich hat, fixire seine Einfälle und Ideen, so lange sie noch lebhaft sind, die Impresstonen, so lange sie gleich unabgeriebenen Münzen noch scharfe Gepräge haben, und die Begegnisse und Ereignisse, denen man beiwohnte, auf dem Theater der Ereignisse selbst. Es ist allerdings nicht leicht, dieses Verfahren zu befolgen, dessen Nuzen man, sobald man von der Reise nach Hause kommt, erkennen wird, und dem man blindlings wie einem Glaubensartikel anhängen sollte. Die Lust zum Aufschieben ist auf Reisen, wo so Vieles auf uns eindringt und wo uns manchmal, wie an einer reichbesekten Tafel, ein Ueberdrus befällt, oft sehr gros. Es gehört eine nicht unbedeutende Energie und Ausdauer dazu, alle petites misères der Reise standhaft zu ertragen, alle kleinen Unbequemlichkeiten, welche unsere schreibende Hand lähmen, zu überwinden, die Beobachtungslust stets in spannung zu erhalten und den Geist stets neu zu elektrisiren. Vieles von dem, was man in fremden Landen steht und hört, versteht man nicht gleich. Da scheint es dann sehr natürlich, das man nur Dasjenige beachte und dem Gedächtnis überliefere, was uns klar geworden ist, und das andere davon ausschliese. Hundert Mal überredet man sich, das Dies oder Ienes keiner Beachtung werth sei, obwohl es einer richtigen Politik gemäs wäre, das man nichts von dem Tage- ===== 453 ===== buche ausschlösse, auch nicht das, was zuerst als unbedeutend, uninteressant oder unverständlich sich darstellt. Die Reise ist noch nicht die Zeit der Kritik und Auswahl, sie ist wie unsere Jugend die Zeit der saat. Der Botaniker sammelt viele Blumen, ohne zu wissen, ob er sie alle der Aufbewahrung werth finden wird. Und unsere Kinder lassen wir eine Menge Dinge auswendig lernen, die ihnen jest noch gar nichts nügen, die aber später in ihrem Geiste oft auf eine höchst wunderbare Weise Wurzel schlagen und Frucht bringen werden. Dem Reisenden geht die Bedeutung der Dinge, die er anfangs mit blöden Augen ansah, später wenn er sie zu combiniren und zu überdenken anfängt, oft eben so wunderbar auf. Wie oft ereignet es sich nicht, das wir bei einem andern schriftsteller eine Ansicht oder Vermuthung ausgesprochen finden, und das wir uns dann dunkel erinnern, auch schon einmal eine Erfahrung zur Unterstützung dieser Vermuthung gemacht zu haben. Nun fangen wir an, zu bedauern, das wir nicht genauer hörten und nicht schärfer sahen, die sache nicht niederschrieben, weil wir dann jene Vermuthung durch neue Bestätigung vielleicht zu einer einleuchtenden und unbestreitbaren Wahrheit erheben könnten. Der Reisende soll auf der Reise so viel als möglich weiter nichts als eine aufnehmende Maschine sein. Das Nachdenken, wie es das Wort schon andeutet, kommt nach her. Wollte der Reisende eigensinnig nur alles das annehmen, dessen volles Interesse ihm gleich klar wäre, so würde er sehr ===== 454 ===== wenig zu verzeichnen finden; dagegen wird er dann nach der Reise, wenn er Alles, was er sah und hörte, einfach und trocken verzeichnete, sehr Weniges finden, was er nicht deuten, combiniren und als einen charakteristischen Beitrag benüzen könnte. Nicht blos die Dinge, die wir in einem fremden Lande sehen und vernehmen, sind sehr eigenthümlich, sondern gewöhnlich nehmen auch unsere Gedanken diesen Dingen gegenüber eine ganz eigenthümliche Färbung an. Die Dinge selbst reden oft eine wunderbare sprache zu uns und regen Ideen und Ansichten in uns auf, die uns früher nie gekommen sind. Jeder hat z. B. gewis schon unzählige Male sich die Phramiden Egyptens vorgestellt, sie auch häufig schon im Bilde gesehen, und doch hat er bei dieser Vorstellung und Nachbildung nie diejenigen Empfindungen, sensationen, Einfälle gehabt, die ihm kommen werden, wenn er einmal selbst die Pyramiden in Egypten erblickt und sie selber besteigt. Da diese Gedanken, die uns von selbst an Ort und stelle kommen und die durch das Land und seinen Anblick hervorgerufen werden, gleichsam eine Localfarbe des Landes tragen, so ist es natürlich, das auch über sie im Tagebuch eine möglichst genaue Rechenschaft abgelegt werden sollte und das sie nicht zu jener Gattung von Nach gedanken gehören, die wir aus dem Tagebuche verweisen. Da das Tagebuch nur für den Reisenden selber bestimmt ===== 455 ===== ist, so kommt es nicht darauf an, das sein Inhalt eine hübsche ästhetische Form erhalte. Es sei lakonisch, es nehme oft statt langer schilderung eine deutlicher redende Zeichnung auf, es möge Hieroglyphen enthalten, die dem Verfasser selbst zuweilen viel sagen. Es ist besonders dazu bestimmt, dem späteren Reisebericht Treue, Wahrheit und locale Färbung zu erhalten. Die schöne Gestalt, die poëtische Färbung kann ihm erst später in dem Frieden der Heimath gegeben werden. schon Viele haben bemerkt, das uns häufig erst nach beendigter Reise die eigentliche tiefe Bedeutung und das wahre Interesse der Reise aufgehe. Was wir auf der Reise brockenweise aufnahmen, sest sich in unserm Geiste nun erst zu einem gefälligen Ganzen zusammen. Das schöne, an dessen Genus uns die mancherlei kleinen Unbequemlichkeiten der Reise Vieles abknappten, erscheint uns, von der Erinnerung verklärt, nun doppelt reizend. Das wir aber nun in der verschönernden Erinnerung nicht auf der anderen seite zu viel thun, davon hält uns unser treues und prosaisches Tagebuch ab. Wir sind in dem Fall von Malern, die mit dem Crayon ein skizzenbuch füllten und im heimathlichen Atelier die Landschaft in Lon und Farbe sexten. Ich möchte behaupten, das gerade die Zeit kurz nach der Rückkehr in die Heimath die geeignetste zur Ausarbeitung unseres Reiseberichtes sei. Auf der einen seite sind unsere Erinnerungen und Eindrücke aus der Fremde noch frisch, zugleich wird uns eben dann auch die ===== 456 ===== Heimath selbst etwas neu erscheinen, da wir ihr ein wenig entwöhnt wurden, und es wird daraus ein abermaliges Licht auf die Eigenthümlichkeit der geschauten Dinge fallen. Auf der Reise selbst hatten wir uns schon ein wenig an das Fremdartige gewöhnt; bleiben wir länger zu Hause, so wird uns die Heimath wieder alltäglich. Jene Zeit der Gährung, der Contraste in uns wird also am besten benutzt werden, um Alles auf's Lebhafteste und Lehrreichste darzustellen und nach keiner seite hin zu viel zu thun. Allerdings giebt es viele Arten von Reiseberichten, mit denen man ihrer Bestimmung nach nicht bis zur Heimkehr warten darf und bei denen ihre Verfasser alle die nöthige sammlung, Uebersicht, Combinationsgabe und Promptheit des styls gleich an Ort und stelle haben sollen. Zur Abfassung solcher Berichte sind ganz eigenthümlich begabte Geister, eine besondere Geistesgegenwart, eine hohe Energie des Auges, des Gedankens und der Hand von nöthen. Die Feldherrn oder ihre secretäre sind zuweilen genöthigt mitten auf dem noch rauchenden schlachtfelde oder während des Marsches einen klaren und zugleich umfassenden Bericht über die Ereignisse und Operationen an ihre Ministerien aufzusehen. Bei den Berichten, welche andere Arten von Unterbehörden, z. B. Polizeimagistrate über diese oder jene Vorfälle abfassen, werden ähnliche Talente erfordert. Unsere grosen Tageblätter haben Männer nöthig, welche im stande sind, über ihre Reisen, ihre Erlebnisse und Anschauungen ===== 457 ===== einen vollkommen lesbaren, vollständigen, klaren, übersichtlichen, auch möglichst geschmackvollen und zugleich mit Meditationen begleiteten Bericht abzufassen. In England begegnet man häufig den sogenannten Reporters der grosen Tagesblätter auf schiffen oder Eisenbahnen, wo sie auf ihrem schoose solche Berichte aussehen und von da durch die Vermittelung des ersten besten Postbureau's am Wege in die Druckerei wandern lassen. solche Männer haben etwas von Cäsar, der einen Theil seiner Kriegsmemoiren in seinem Zelte schrieb. Vor einigen Jahren bewunderte ich das Talent eines englischen Advocaten im Parlament, der alle Abende im Auftrag der Times kurze Berichte über die Verhandlungen, die vor seinen Augen und Ohren vor sich gingen, aufsekte. Er hatte eine Menge Blätter zurecht ― geschnittenen Papiers vor sich liegen. Er blickte beständig in's Parlament hinab, sah, horchte, faste die Dinge zusammen, schied das Unwesentliche aus und schrieb nieder. so wie ein Blatt beschrieben war, sandte er es fort in die Druckerei und am andern Morgen konnte jeder Leser der Times aus seinen Berichten, die in nuce alles Wesentliche enthielten, sich einen leichten und schnellen Ueberblick der Verhandlungen verschaffen und war sicher, das, so lakonisch der Bericht auch schien, nichts Wichtiges übersehen sei. Es gehört ein besonderer Blick dazu, so auf der stelle alle Worte und Vorfälle eines Parlamentsabends in der rechten Perspective zu sehen und auf einer gerechten Wage zu wür- ===== 458 ===== digen. Es ist etwas von dem veni, vidi, scripsi darin, welches sich der schwerfälligere Reisende, der erst selber schaut, ― dann andere Leute hört, ― dann Tagebücher anleg darauf Bücher excerpirt, ― -und darnach endlich selbst ein Buch von sich giebt, nicht leicht aneignet.