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Autor:
Norbert Lüdtke - Copyright © 2002
Webquelle
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR www.reisegeschichte.de
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»Die Tierchen, die nicht fliegen, leicht zu Fuß, doch schwer zu kriegen.«

Wie erkenne ich einen Globetrotter?

   

 

 

 

 

 

 

 

 

Der uns unbekannt gebliebene Dichter hat’s getroffen: Globetrotter reisen mit offenem Ende, die Reisedauer bleibt unbestimmt. Ziele werden mitunter bedeutungslos, die Reise führt darüber hinaus. Reinhold Korte, einer der dzg-Gründer, meint:

»Für Globetrotter ist Reisen kein befristetes Nebenbei oder ein Urlaub, sondern eine Leidenschaft, die sich als roter Faden durch ihr ganzes Leben zieht und die, wenn es zur Konfrontation kommt, stärker ist als der Wunsch nach beruflichem Erfolg oder nach sozialer Sicherheit.« (Trotter 16/17, 1978)

Ernsthaft angezweifelt wurde diese Definition nie in den 25 Jahren dzg, doch lassen Zeittypisches und Persönliches die Umrisse des Idealtyps verschwimmen, unterschiedliche Reisestile werden erkennbar:

Für mich ist ein Globetrotter ein ewig Suchender, ein Forscher. Jemand, der mit Lust auf eigene Faust 'Fremdes' entdeckt, sich dabei ohne die Hilfe von Reiseleitern /-gruppen wohler fühlt und stets neue Fragen hat, die es zu beantworten gilt. Nie wird er mit dem Gefundenen ganz zufrieden sein, trotzdem empfindet er viele glückliche Momente. Aber er muß immer wieder hinaus und weitersuchen, mehr erleben, das Herz klopfen spüren, alle Sinne aktivieren, die sonst zu Hause zu wenig genutzt werden! Reisen, die zu leicht sind, Wege, die er sich nicht mühselig erarbeiten muß, werden diesen Abenteurer nicht zufriedenstellen. Im Grunde ist ein Globetrotter ein großer Genießer und ein sehr glücklicher Mensch!! (Peter Materne und Elene Erat)

»Für mich ist das Globetrotterdasein mehr als Reisen! Das Merkmal eines weltoffenen und weitgereisten Globetrotters ist die freundliche und unvoreingenommene Toleranz und der liebevolle Umgang mit Mensch und Natur.« (Bert Simon, 1994, Trotter 74)

»Ein Globetrotter ist meiner Meinung nach jemand, der nicht nur andere Länder, sondern auch deren Menschen, Lebensweise, Geschichte, unterschiedliche Weltanschauungen, Religion, Pflanzen- und Tierwelt kennlernen möchte, und zwar individuelle und auf eigene Faust und unabhängig, soweit das geht. Er setzt seine Pläne um, wie seine Mittel es ihm erlauben, und träumt doch immer wieder von neuen Unternehmungen… Er ist nicht zuletzt jemand, der sich über die kleinen Dinge noch freuen kann, und mit Lust und Liebe bereit ist, seine Vorurteile zu berichtigen. Jemand, der den Menschen gegenübertritt und zumindest versucht, für die Verständigung aller Menschen auf unserem Globus etwas zu tun. Kurz gesagt: Ein Globetrotter möchte unsere Erde, nicht nur die Oberflächlichkeiten sehen.« (Bernd Böwe, 1978, Trotter 16/17)

»Globetrotter bereisen die Welt mit Hautkontakt, mit Liebe im Herzen für Land und Leute, mit viel Neugierde und ein wenig Mut, Ungewohntes einzugehen.« (Dr. Ludwig Römhild, 1978, Trotter 13)

»Ein Globetrotter ist ein anspruchsloser Individualist, der auf eigene Faust mit viel Zeit und Muße durch die Welt reist, vorzugsweise in Entwicklungsländer und abgelegene Gebiete.« (Ludmilla Tüting, 1978, Trotter 13)

Nur wenige folgen mutig den Vorbildern. Der Kern des Globetrotter-Daseins läßt sich als Essenz aus allen Definitionen destillieren:

Dem Globetrotter ist in einem bedeutenden und längeren Abschnitt seines Lebens das Reisen wichtiger als alles andere. Diese Erfahrung prägt seine Persönlichkeit für sein weiteres Leben – auch wenn er nicht reist, ist er immer unterwegs.

Das Streben nach Aufbruch, Unrast und die Sehnsucht nach dem Anderen stören die gutgeölten Mechanismen zu Hause, in Beruf und Familie. Es provoziert und erscheint oft als Flucht, was ein zutiefst ehrliches Ja zum Trieb ist. Unbedingte Leidenschaft findet sich darin, jenseits der Vernunft liegen die wahren Gründe und etwas Verworfenes scheint ihnen anzuhaften. Geheuer ist das den Zurückbleibenden nicht:

»… jemand, der durch die ganze Welt zieht und ein unstetes Leben führt…« (Duden, Bedeutungswörterbuch, 1970)

»Allzugerne wurde man Anfang der Siebziger Jahre noch als "Drückeberger und Faulenzer" bezeichnet… Bilden wir uns es ein oder ist "ein Globetrotter" heute tatsächlich "gesellschaftsfähiger" als früher? Wir meinen, daß die dzg ihren Teil zur "Klimaverbesserung" beigetragen hat… Oder wer wird heute noch von wem "Edelgammler, traurige Erscheinung, Nichtstuer, Drückeberger, Nassauer, Schnorrer, Zigeuner, Nomade, Spinner, Hippie, Halbhippie" o.ä. genannt?« (Ludmilla Tüting, 1980, Trotter 25)

Globetrotter sind oft sensible Minimalisten mit Improvisationstalent, rasant pendelnd zwischen Genuß und Verzicht. Das Unbekannte suchen sie sinnlich zu erfahren. In New York oder im tibetischen Grenzdorf, bei Nomaden oder arabischen Händlern ist es ihnen ein Vergnügen, sich zurechtzufinden. Pleite, das Gepäck im falschen Flugzeug, krank, die Papiere unleserlich, vor geschlossenen Grenzen: Je kniffliger die Aufgabe, desto befriedigender die Lösung für die Experten in lebenspraktischer Selbstbehauptung.

»Im Menschen ist etwas, das stärker ist als er, das ihn Wege gehen läßt, die ohne Ziel scheinen. Dennoch ist glücklich, wer auf ihnen geht.« (Alexandra David-Néel)

In fremder Umgebung erbitten sich Globetrotter Anstöße des Schicksals. Manche reduzieren asketisch ihre Bedürfnisse, andere meiden Bindungen wie Eremiten. Dennoch suchen alle des Lebens Fülle: das Originale will erlebt sein, möglichst unberührt; authentisch soll die Erfahrung sein, ungedämpft und direkt: »Neu zu begehren, dazu verhilft die Lust der Reise« (Bloch). Globetrotter sagen Ja zu Dingen und Beziehungen, um sich selbst neu zu erfahren. Reisen heißt, existenziell ausgesetzt sein in allen Bereichen des Lebens: Das zerstört Gewohnheiten und erzeugt manchmal Sonderlinge. Ebenso wie der Extrembergsteiger ausgesetzt ist zwischen den Bergen, findet sich der Globetrotter ausgesetzt zwischen den Menschen.

Wer alles verloren hat, lernt das Seine zu schätzen. Globetrotter lernen es, loszulassen. Mitunter verlernen sie aber auch anzunehmen. Wen die Angst treibt, lebt unter dem Fluch der Unrast, verliert sich in der Welt. Nicht bei sich zu sein, heißt mit dem Leben zu spielen. »Manche Reisen sind … von einer eigenartigen Dynamik, die den Tode zum Ziel hat« (Ariane Barth, Spiegel).

Copyright by Norbert Lüdtke (AGIR, Archiv zur Geschichte des individuellen Reisens)
Stand: April 2002, Printversion in TROTTER 27 (2001) 100 , 118-119

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