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Vom Affen zum High-Tech-Tragegestell

Ausrüsterläden in Deutschland – damals und heute

 
Autor:
Norbert Lüdtke - Copyright © 2002
Webquelle
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR www.reisegeschichte.de
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Europäische Überseekolonisten hatten neben der Bibel oft nur ein weiteres Buch, den Katalog des Ausrüsters. Darin befand sich neben Nützlichem auch alles, was die Heimat näher brachte. Kettner, Deutschlands ältester Ausrüster, rüstet noch heute in Köln zur Jagd aus. 1835 gegründet, verschickte er 1884 erste Kataloge.

Den Globetrottern unserer Zeit war nicht nach Fellen oder Elfenbein. Sie suchten ihre Ausrüstung in kleinen Läden für Gruppen mit oft völlig anderer Mentalität. Wolfgang Maas erinnert sich: »Die Räer, Südwest und so weiter waren Fachausrüster für Pfadis oder Bauarbeiter, boten Armeeklamotten, Hordentöpfe, »Affen«, Kotenzelte«. Zölzer bot in Essen Kanutenausrüstung, Fritz Berger führte Campingbedarf für den Urlaub an der Riviera, im Alpenland tummelten sich Bergsteigerausrüster. Die besonderen Bedürfnisse der Individualreisenden aber kamen zu kurz.

Wo gab’s Micropur und Katadyn Taschenfilter, Sandbleche, Buschmesser, Rettungsdecken, Schlangenbiß-Set, Moskitonetze? Die neuen Ausrüster nannten ihre Kunden beim Namen: Alles für den Tramper oder Globetrotter-Shop. Vor allem aber boten sie eigene, praktische Reiseerfahrung mit Rucksack, Motorrad, Auto. Diese Läden rochen anders, da gab’s Know-How und Geheimtips von den Autoren der selbstverlegten Reiseführer noch an der Ladenkasse und ein neues Lebensgefühl obendrein.

Bernd Tesch  wurde 1971/72 bekannt mit dem Afrika-Führer für Selbstfahrer, brachte als Ingenieur sein Know-How ein. 1974 kam er zum Gründungstreffen der dzg in Hagen und gründete 1975 in Kornelimünster die Internationale Globetrotter-Zentrale, erst als Versand für Reiseführer, ab März 1977 als Ladengeschäft. Besonders gut kamen seine umfangreichen Checklisten an. Er öffnete 1979 vorübergehend eine Filiale in Berlin, 1982 zog er nach Aachen. Auch Survival-Kurse führt er durch: »Ab 1978 wurden Erfahrungen der US-Army in Deutschland für Globetrotter verwendet. Literatur und Ausrüstungen für extreme Reisen boomten.«
 


 


 


 

 

Klaus, ebenfalls Dipl.-Ing., und Erika Därr (dzg) veröffentlichten 1975 ihren Autoführer Transsahara (derzeit in der 8. Auflage). Im Oktober/November 1975 eröffneten sie Expeditionsausrüstungen im 4. Stock einer Münchner Altbauwohnung und hatten damit das erste Ladengeschäft der Globetrotter-Szene.

Wolfgang Maas (dzg) und Gerhardt Lauche gründeten 1976 in München Expeditionsausrüstung Lauche und Maas, gaben das Studium auf und arbeiteten als Taxi- und Fernfahrer, um den Laden in der Anfangszeit über Wasser zu halten.

Klaus Denart, Rüdiger Nehberg und Horst Walther durchquerten zu Fuß die Danakil-Wüste in Äthiopien; Klaus gründete 1979 mit Peter Lechart Globetrotter-Ausrüstungen in Hamburg als ersten norddeutschen Ausrüsterladen. Seit 1984 versenden sie auch Kataloge.

Ab 1979 explodierte der Markt, 1983 gab es bundesweit etwa 80 Läden: Alles für Tramper AFT (Berlin), Eduard Kreutzer (dzg), G. Bannat (Berlin, dzg), Biwak/W. Gräder (Mannheim, dzg), Volker Lapp (dzg), Bernd Woick (Stuttgart, dzg), Pritz (Passau, dzg). Sahara spezial: Willy Janssen, Marianne Hümmeke (Gießen, dzg)…

Die ersten Ausrüster gründeten Filialen: Trans-Globe gründet Läden in Köln (1980) und Aachen (1981), Sine erobert 1983 von Mülheim und Duisburg aus das Ruhrgebiet, Äquator rüstet Schicki und Micki aus, zeigt in Schwabing Schaufensterpuppen im Expeditionslook. Der Boom regt Claus Rühe (dzg) an, einen »Outdoor-Gebrauchtmarkt« zu gründen, doch die Idee greift nicht.

Heute hat fast jedes Städtchen einen Ausrüsterladen: Wer braucht das alles? Der Däne Preben Mortensen (65) führt Schwedens bekanntestes Kanuzentrum; er äußert sich dazu in Outdoor (6/1998): »Während früher die Leute mit Jeans, Turnschuhen und einfachem Zelt auf Tour gingen, läuft heute ohne Gore-Tex … kaum noch was… Manchmal habe ich den Eindruck, als würde fehlendes Know-How hinter einer teuren Ausrüstung versteckt. Abenteuer kann man aber nun mal nicht kaufen«.

Sind mittlerweile Etikett und Farbe wichtiger als die Funktion? Welche Rolle spielen Ketten wie Wolfskin oder Karstadt? Werden Massenbedürfnisse nun mit Massenqualität bedient? 

Ausrüster Wolfgang Maas (dzg) meint: »Kauft daher bei den alten oder den kleinen Shops, da bekommt ihr nicht die Herstellerphilosophie nachgebetet, sondern eigene Erfahrungen.«

Wachstum und Konzentration verändern die Ausrüster-Landschaft, manche Pioniere ziehen sich zurück. Globetrotter-Ausrüstungen gründete eine Filiale in Dresden, hat Agenturen in der Schweiz und Dänemark, kaufte die Expeditions-Kiste in Hamburg sowie AFT in Berlin. Klaus Därr verkaufte 1998 sein Geschäft an Lauche & Maas, die sich auch nach Ulm und Jena ausdehnten. Bernd Tesch schloß das Aachener Ladengeschäft und spezialisierte sich auf Beratung und Ausrüstungsversand für Motorrad-Fernreisen. Trans-Globe expandierte im Rheinland: Mönchengladbach 1989, Düsseldorf 1992, Wuppertal 1994, Bielefeld 1996.

Wer sich für die große Tour ausstattet, sollte Augenmaß bewahren: die bescheidene Lösung ist oft auch die bessere. Für Wolfgang Post (dzg) ist ein »Affe« oder Tornister bei kurzen Reisen erste Wahl: »Aufgrund seiner Größe … kommt man erst gar nicht in Versuchung, zu viel unnötiges Gepäck mitzunehmen. Aufgeklappt liegt sein ganzer Inhalt leicht zugänglich vor uns … ein sinnvolles System von Lederschlaufen zum Aufschnallen von Kochgeschirr, Schlafsack, Zeltbahn, …«

Zu diesem Beitrag haben Bernd Tesch, Erika & Klaus Därr sowie Wolfgang Maas wertvolle Hinweise geliefert.

Norbert Lüdtke, Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens(AGIR)
 

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