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Reiseeindrücke von Sonja Roschy



Wie ich als Frau das Reiseland Iran erlebt habe

 

 

Eins vorweg: Für mich ist der Iran das bisher faszinierenste Land auf unserer Überlandtour nach China. Und das liegt sicher nicht nur an den vielen kulturhistorisch interessanten Sehenswürdigkeiten - vielmehr ist es die ungebändigte Lebensfreude, die wie ein Funke überspringt, wenn man offen dafür ist. Gerade Esfahan hat mir dieses Bild vermittelt: abends, sobald die größte Hitze nachgelassen hat, werden die Parks und Grünstreifen der Stadt sowie die Brücken über den Fluß von den Familien und Pärchen zum Picknick genutzt. Dann wird gegrillt, Tee aufgegossen, Decken ausgebreitet, gesungen, getanzt und gelacht. Die Brücken sind in ein orangefarbenes Licht getaucht und zusätzlich trägt der Sternenhimmel zu einer romantischen Atmosphäre bei. So verwundert es nicht, daß hier wohl der heimliche Treffpunkt der Liebespaare ist.

Öffentliches und privates Leben sind hier wirklich zwei Paar Schuhe: in der Öffentlichkeit halten Sie sich an die Spielregeln, die ihnen aufdiktiert wurden, aber im privaten Bereich leben sie ihre Vorstellung vom Leben, ohne Diktat. Da bekomme ich auch schon mal die Hand gereicht oder das Angebot, das Kopftuch abzunehmen. "Mann" entschuldigt sich bei mir, daß ich "das da", nämlich mein schwarzes Gewand - tragen muß. Dabei stelle ich fest, daß auch in dieser Beziehung die Frauen schon sehr viel mehr Freiheiten genießen. Modisch geschnittene, in hellen Farben gehaltene Mäntel, die manchmal gerade bis unter`s Knie reichen und ich lese, daß sogar Paris Mäntel für den iranischen Markt produziert. Farbenfrohe Kopftücher, unter denen frech der Pony herauslugt; Make up und Lippenstift und der letzte Schrei Sonnenbrillen sowie Handtaschen, Jeans und Nike-Turnschuhe oder Seidenstrümpfe und Pumps, die unterhalb des Mantels zu sehen sind, runden das Bild ab. Und mein Bild vieler Iranerinnen, wenn auch zum großen Teil von denen aus den Städten und vielleicht auch aus den besseren Schichten, ist das von selbstbewußten, stolzen und auf modischen chic Wert legenden Frauen. Im Gegensatz dazu sehe ich das Heer der schwarz verhüllten, nicht weniger stolz und selbstbewußt, aber das mehr auf Grund von Religion und Tradition. Und was tragen sie bei der Hitze unter dem Tschador oder Mantel? Wenigstens von einer weiß ich es bestimmt: außer BH und leichtem Rock nichts (das habe ich dann sogleich imitiert).

Etliche Male werden wir von freundlichen und hilfsbereiten Iranern (immer von Männern) angesprochen, die sich freuen, mal wieder in englisch oder französisch mit Fremden kommunizieren zu können. Natürlich wird in erster Linie Norbert angesprochen, denn es gehört sich hier nicht, die Frau eines anderen anzusprechen, geschweige denn zu berühren, weshalb sich erklärt, daß ich keine Hand bekomme, dafür aber einen Gruß, bei dem der Mann die Hände auf seine Brust legt und sich kurz verneigt. Finde ich auch sehr schön und zeugt in meinen Augen von Respekt. Es gibt aber auch Begebenheiten, bei denen sich meine Emanzenseele in eine Ecke zurückzieht. Da wird zum Beispiel Norbert von zwei englisch sprechenden Lehrern in einer Stadt im Osten des Iran angesprochen. Und sie fragen ihn, was ich in Deutschland tue, sicher bin ich Hausfrau! Nachdem er ihnen gesagt hat, daß ich auch englisch spreche, darf ich antworten und gleich danach geht das Gespräch aber wieder an den Mann. Es ist schwierig in so einer Situation, mit dieser Ignoranz der eigenen Person umzugehen, ohne das persönlich zu nehmen.

Ich würde den Iran als sicheres Reiseland bezeichnen, nur muß "Frau" sich eben an gewisse Vorschriften halten und darf ihre Emanzenseele nicht zu weit herausschauen lassen, da diese sonst in eine Krise stürzen könnte. Insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, daß die Frauen ganz gut mit ihrer Rolle und ihrem Dasein klar kommen. Und die, bei denen das nicht so ist, erkämpfen sich ihre Freiheiten Stück für Stück.


Samarkand

Den schönsten Platz in Samarkand, neben der Gräberstadt Shak-e-Sende, ist Bibi Hanin. Sie galt schon im Mittelalter als schönste Moschee des Orients. Und auch jetzt, inmitten der Restaurierungsarbeiten und Baukräne, thront sie neben dem Basar. Von schweren Mauern und Toren umgeben, den Basar und Straßenlärem draussen lassend, hüllt sie uns mit einer entspannten Stille ein. Wir setzen uns und lassen Architektur, Innenhof und Ornamente auf uns wirken. Mein Blick geht in die Höhe zu den Minaretten und in meiner Phantasie ruft der Muezzin, treiben Händler ihr Vieh zum Tränken in den Innenhof, bieten Marktfrauen ihre Waren zum Kauf, aneinandergereiht entlang der Mauer. Oder sind es hier die alten Mauern, die mir diese Geschichte erzählen aus längst vergangenen Zeiten? Vielleicht aber spielt die wohltuende Stille hier eine Rolle, die meine Gedanken zur Ruhe kommen läßt und so Platz für die Bilder schafft.

Dieser Ort erscheint mir wie eine Oase in der Stadt und hat noch einen Hauch von Vergangenheit innewohnend, den er gerne an jene abgibt, die sich ein wenig Zeit dafür nehmen.


Kirgisistan:

Fahrt von Osh zum Toktogul Reservoir
Der erste Eindruck von Kirgisistan und was wir sehen, sind kleine Bauerndörfer, deren weiß getünchte Häuser sich wie Perlen an einer Schnur an der Straße und den davon abzweigenden Wegen entlang aufreihen. Oft sind die kleinen Fenster von kunstvoll geschnitzten Holzumrandungen, in himmelblau oder grün angestrichen, umgeben. Viele Männer tragen hier die traditionelle Kopfbedeckung, die wir auch später auf dem Basar im Ort zuhauf sehen: weiße Filzhüte, mit schwarzer Stickerei und in Tütenform, bei der der Rand umgeklappt wird. Pferde- und Eselskarren sind auf der Straße unterwegs, Kinder spielen in den Gärten oder Innenhöfen der Häuser. Heile Welt? Auf dem Basar in Osh werden sogar Holzkinderwiegen und -betten angeboten, aufwendig gedrechselt, die sicher einen Blickfang darstellen. Auch die kniehohen schwarzen Stiefel gibt es hier, von Bauern ebenso getragen wie von den Reitern in Steppe, Feld und Bergen. Interessant auch das Pferdegeschirr und die teils kunstvollen Sättel.
Bei der Abfahrt in Osh beobachte ich einen Jungen, wie er sich die Welt am Straßenrand sitzend durch eine grüne Glassscherbe betrachtet. Kurz darauf regnet es in Strömen.

Zu Toktogul Nature Reservat und See
Die Landschaft, die diesen riesigen See umgibt, ist einzigartig schön. Von tiefblau über türkis bis zu smaragdgrün an einigen Stellen ruht der See inmitten einer abwechslungsreichen Gebirgswelt. Die unteren Hügelketten haben sich in Falten gelegt, was interessante Schattenspiele zuläßt. Darüber wachsen dann die Hügelketten zu schneebedeckten "Erwachsenen" heran. Ein paar Boote tummeln sich auf dem Wasser und die ganze Szenerie ist in ein warmes Morgensonnenrot getaucht. Eine wirkliche Idylle, die sich in der flachen Ebene leise von uns verabschiedet, bevor wir zum Paß hochfahren. Auch von hier oben, über 3600 m hoch, ein berauschendes Bild: im Spätnachmittagslicht vermischen sich Braun- und Grüntöne und scheinen ineinander zu verlaufen. Wolken werfen Schatten auf die Gebirgskette im Hintergrund und die am höchsten herausragenden Spitzen tragen ein weiß-braunes Kleid. Unten im Tal sind die weißen Filzjurten der Nomaden zu kleinen Punkten zusammengeschrumpft. Durch den unbeleuchteten Tunnel am Paß verlassen wir diese liebliche Landschaft, um auf der anderen Seite ihr Gegenteil kennenzulernen: Rauhe Gebirgsriesen setzen sich scharfkantig und abweisend gegen den stahlblauen Himmel ab. Die Serpentinen hinabfahrend scheinen wir in das gähnende Maul einer kalten Schlucht zu sehen. Ein Fluß strömt hindurch, windet sich und verformt ganz langsam mit der Zeit die ihn begrenzende Felswand.

Am Ende der Schlucht, wo sich das erste Dorf wieder ausbreiten kann, verabschiedet sich der Tag in einer sehr unwirklichen Art und Weise: Am Himmel ziehen violette, lila und orange-rote Streifen ihre Bahnen unterhalb einer dicken, blau-grauen Regendecke. Schnell geht die Sonne unter und für eine kurze Weile bleibt das Farbenspiel noch am Horizont, bis auch dieses von der Nacht eingeholt wird.


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