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Der heilige Berg Kailash in West-Tibet (von Sonja Roschy)

 

 

 

 

Um den Kailash führt ein 53 km langer Pilgerweg, der unter anderem auch den 5630 m hohen Droelma-la Pass überquert. Zum grössten Teil sind es tibetische Pilger, die die Kora (=Pilgerweg) gehen, und manche schaffen das in schlappen 12 Stunden und machen den Weg gleich dreimal und öfter.

Eine einmalige Umrundung erlöst von den Sünden dieses Lebens; nach 13-maliger Umrundung ist man/frau zur Begehung des inneren Zirkels berechtigt und die magische Zahl von 108 Umrundungen führt direkt zur Erleuchtung. Bhuddisten umgehen den Kailash dabei im Uhrzeigersinn, Hinduisten hingegen entgegengesetzt. An der Kora liegen drei Klöster, die Übernachtungsmöglichkeiten für die Pilger anbieten sowie die überall anzutreffenden chinesischen Nudelsuppen! Natürlich gibt es auch leckeren Buttertee (d.h. lecker, wenn jemand auf ranzige Yakbutter steht) und Tsampa, darunter stelle man sich am besten Paniermehl vor, auf dem man lustvoll herumkaut oder es mit dem leckeren Buttertee vermischt, dann klebt es nicht ganz so lange am Gaumen. Übrigens: Yak sind die zotteligen weiblichen Hochlandrindviecher, die sich eh nur ab einer Höhe von 3500m fortpflanzen. Sie können eine Tonne wiegen, und der massige Körper wird von kurzen Stampfern (Beine) getragen. Die wirklich zottelige braune Behaarung hängt oftmals in Fetzen vom Körper, hält aber warm in diesen Höhen und dient den tibetischen Nomaden als Fell zum Tragen. Die immensen Hörner sind meist mit bunten (viel Rot) Stoffen geschmückt und Glocken (wie war das mit den Alpenkühen?).

Zurück zur Kora: Es gibt entlang des Weges vier sogenannte "Prostrationpoints" an denen die Pilger ihre besondere Ehrfurcht bezeugen. Dies geschieht in Form von mehrmaliger Umgehung, die sollte sogar mit dem Körper abgemessen werden. Ganz besonders ehrfürchtige Pilger messen gar die gesamten 53km der Kora mit ihrem Körper ab, d.h. sie legen sich der Länge nach zu Boden, stehen auf, gehen soviel Schritte, bis sie den Punkt an dem Ihr Kopf lag, erreicht haben und legen sich dann wieder hin. Die tiefe Gläubigkeit dieser Menschen ist kaum zu beschreiben. Ebenso die Freundlichkeit und das Lächeln, das sie ausstrahlen. Kaum einer der älteren Pilger/-innen ging ohne einen Gruss (=Taschi Delle) an mir vorbei.

Nun zu meinen eigenen Erfahrungen mit Mount Kailash und auf der Kora. Zunächst gingen Norbert und ich gemeinsam von Darchen, dem dem Kailash nahegelegensten Ort, los. Wir fragten uns jedoch schon bald, ob Kailash uns nicht will, denn erstens nahmen wir den falschen Weg von Darchen aus und zweitens hatte Norbert grosse Atemprobleme. Am Mittag kamen wir in einem Kloster an, welches weit oberhalb von Darchen liegt. Es gab Hagel, einen regelrechten Schneesturm, eine kuschelige Unterkunft in einem Mönchszimmer mit Bollerofen und viel heissem Wasser sowie Kerzenlicht. In dieser einfachen aber doch sehr romantischen Umgebung verbrachten wir die Nacht und zugleich Norberts Geburtstag. Die Mönche hier waren ausgesprochen nett und zuvorkommend, sie betüttelten uns gar. Von der Toilette hatten wir eine grandiose Aussicht auf den Manasarovarsee und die ihn umgebenden Gebirge - wo sonst ausser in Tibet kann man diese Geschäfte schon mit solch einer Aussicht geniessen?

Am kommenden Tag ging's weiter hoch, aber Norbert fühlte sich immer schlechter und hatte grosse Luftprobleme. Bis zum Selung Kloster ging er noch mit, entschied sich aber dann für den Rückweg. Inzwischen hatten wir auch 'rausgefunden, wie falsch wir gegangen waren und daher wusste ich zumindest die ungefähre Richtung. Aber die netten Mönche zeigten mir ganz genau, wo lang zu gehen und genau diesem Weg zu folgen. Wäre ich auf dem Weg geblieben, hätte ich ihre Anweisung genau befolgt - wäre ich nicht vom Weg abgekommen! Nachdem ich die Bergkuppe erreicht hatte, konnte ich den weiteren Verlauf des Weges - oder eines Weges - sehr wohl erkennen, aber das kam mir zu unwahrscheinlich vor. Führte doch jener Weg über den nächsten Hügel nach unten ins Tal. Ich wusste ja von dem hohen Pass und dachte bei mir, warum erst nach unten, nur um dann wieder nach oben zu müssen? Obwohl mein eingeschlagener Weg als solcher gar nicht zu erkennen war, es über ein Geröllfeld ging, über Hügel hoch und runter und ich innerliche Zweifel an der Richtigkeit meiner Entscheidung hatte, blieb ich stur und lief und lief.

Dann kam ich schliesslich an den Rand einer Schlucht. Was ich sah war gleichermassen faszinierend und frustrierend: nach rechts fiel mein Blick auf den sagenhaften Mount Kailash, in die von Bergen umrahmte und von einem Fluss durchzogene Tallandschaft; den Blick fast geradeaus gerichtet, sah ich das Erste der drei Klöster am Hang kleben und direkt unter mir im Tal den ersten der vier Prostrationpoints. Der Felsen, auf dem ich stand, ging senkrecht bergab, wie all die anderen, die ich erblicken konnte, auch. Erst in diesem Moment wurde mir die Fehlerhaftigkeit meiner Entscheidung wirklich bewusst. Ich meine, mir wurde schlagartig klar, dass ich den ganzen Weg zurück gehen musste. Daran änderten auch meine verzweifelten Versuche, doch irgendwie am Felsen runterzukommen, nichts, denn sie scheiterten an der Unmöglichkeit der Ausführung. Ich ging nicht exakt denselben Weg zurück, sondern folgte einem kleinen Flusslauf, der zwar recht schön war, aber durch das dauernde Gehopse über die Steine auch recht beschwerlich.

Am Nachmittag gegen 17 Uhr kam ich dann endlich an der Kora an. Aber noch hatte ich die Hoffnung, vor der Dunkelheit das zweite Kloster zu erreichen, ja, ich rechnete mir gute Chancen aus. Dies sollte sich dann als fürchterlicher Irrtum herausstellen. Mount Kailash zu meiner Rechten und am linken Flussufer entlang, lief und lief und lief ich - aber jede Wegbiegung und jeder Hügel lieferte die gleiche Enttäuschung - kein Kloster in Sicht weit und breit! Langsam aber sicher wurde ich immer wütender und empfand das Ganze nur noch als reine Tortur. Was tat ich mir da eigentlich an und vor allem warum?

Als es begann zu dämmern, konnte ich zwar drei Zelte auf der anderen Flussseite entdecken, aber es war unmöglich, den Fluss zu überqueren, es sei denn, ich wäre geschwommen. Und bekanntlich sind Gebirgsflüsse nicht die wärmsten. Noch unentschlossen, was zu tun, ging ich noch ein Stück weiter, aber die einsetzende Dunkelheit zwang mich, etwas zu unternehmen. Ohne weiter viel nachzudenken (ausser vielleicht vor Hunden sicher sein zu wollen), stiefelte ich durch den Fluss zu einer Sandbank mit Steinen. Es war gerade genug Platz für die Unterlegmatte, den Schlafsack und Rucksack und mich. Nachdem ich mich der klatschnassen Schuhe und Socken entledigt hatte,zog ich alles an, was ich im Rucksack finden konnte. Den Rucksack selbst stellte ich als Windschutz vor meinem Kopf auf, denn es wehte ein recht zugiges Lüftchen. Eingemummt lag ich nun im Schlafsack so da und betrachtete den sternenklaren Himmel und den Mond, der Mount Kailash in ein verwunschenes Licht tauchte. Zum Glück schlief ich vor Erschöpfung bald ein. Als ich am kommenden Morgen erstmalig gegen 5.15 Uhr aufwachte, waren die ersten Pilger schon wieder unterwegs.

Die Morgendämmerung hinter den Bergen liess diese noch dunkler und gewaltiger erscheinen. Etwas später verhiessen erste Sonnenstrahlen Wärme - welch ein trügerisches Bild, mein Schlafsack war befroren und ich traute mich gar nicht heraus. Aber was half es, Sachen zusammenpacken und frohgemuts wieder durch das eiskalte Wasser ans Ufer. So stapfte ich vor mich hinschimpfend weiter und stellte mir ein leckeres Frühstück bei Ankunft in dem Kloster in Aussicht. Nur war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, dass ich dieses erst drei Stunden später erreichen würde. Vorher waren noch zwei Flüsse - wieder nasse Füsse - zu überqueren und der Hunger zu stillen in Form von äpfeln.

Nach mir scheinbar endlosem Laufen, die Landschaft überhaupt nicht mehr geniessend, kam ich am Kloster an. Die Mönche waren nett und baten mich hinein, gaben mir heisses Wasser für die heissgeliebte Nudelsuppe und wollten mich zum Bleiben bewegen. Ich aber (Frauen hart wie Kruppstahl) wollte unbedingt weiter und schleppte mich sozusagen bis zu dem Ziel, das ich mir gesetzt hatte für den Tag, nach Shiva-Tsal. Das ist ein Hügel, der den Punkt markiert, an dem die Pilger Dinge aus ihrem alten Leben zurücklassen um ein neues Leben anfangen zu können. Der Hügel ist mit Gebetsfahnen geschmückt und überall liegen die zurückgelassenen Gegenstände: Kleidungsstücke, Kämme, Schuhe, Haare...

Nachdem ich mir schon einen Schlafplatz etwas unterhalb von Shiva-Tsal an einem Felsen gesucht hatte und nun in einem entspannteren Zustand das Tal betrachtete (ich hatte mir mittlerweile erlaubt, mir für die Kora "meine Zeit" zu nehmen), beobachtete ich die soeben angereiste Pilgerfamilie. Sie entlasteten zuerst die Pferde von den Lasten und stellten ihre Zelte auf. Schon bald qualmte Rauch vom entfachten Feuer aus den Zelten. Dann kamen drei der Männer hoch zu mir und wir unterhielten uns mit Händen und Füssen. Ich fragte sie, ob es möglich sei, dass eins der Pferde am kommenden Tag meinen Rucksack über den Pass und bis zum letzten Kloster tragen könne. Kein Problem, wir vereinbarten 100Yueann (knapp 23DM, das war es mir wert) und sie luden mich in ihr Zelt ein für die Nacht. Das nahm ich auch dankbar an, wurde es doch schon wieder kalt. In der Mitte des hohen, runden Zeltes stand ein Bullerofen, der nicht nur mächtig gut einheizte sondern auch jeden und alles mächtig gut einräucherte. Es gab obligatorischen Buttertee, der gar nicht so schlecht war und Tsampa. Neben mir schnarchte Opa, dann kam der Mann, der wohl das Sagen hatte, daneben zwei jüngere Frauen mit kleinen Babies und noch eine im mittleren Alter, deren Gesichtsausdruck und Augen mich an Whoopi Goldberg erinnerten.

Wie nun die einzelnen der Sippe zusammengehörten, ist mir nicht ganz klar geworden. Jedenfalls hatte Whoopi wohl die Verantwortung für mich übernommen; von ihr bekam ich zu essen und zu trinken und ich glaube, sie wachte auch über meinen Schlaf, der mich ziemlich schnell überkam. Am kommenden Morgen, nachdem ich trotz tränender Augen vom Rauch recht gut geschlafen hatte, und nach Tsampa mit einem fruchtgefüllten Klumpen Irgendwas und Buttertee gings dann los zum Pass. Die Pferde wurden nur fuer das Gepäck und die Kinder benutzt. Ich war schon recht bald wieder erschossen und kämpfte mich im Gänsefüsschenschritt den Droelma-la Pass hoch. Die Familie war längst oben, als ich ankam, auch Opa. Eine Unmenge von Gebetsfahnen empfing mich und als ich so dazwischen umherirrte, ergriff mich plötzlich eine Hand. Es war die gute Whoopi, die mich eingefangen hatte und zur Familie führte.

Sie hatten in der Zwischenzeit gleich grosse Portionen von Süssigkeiten und Yakkäse für jedes Familienmitglied und auch für mich ausgelegt. Kleine Stücke vom Käse wurden in die Luft geworfen, daran konnten sich dann die Vögel erfreuen. Ich steuerte noch die restlichen Erdnüsse bei, die von allen gerne angenommen wurden. Und dann ging es nur noch bergab. Welch eine Wohltat für mich, wie leicht liess es sich plötzlich laufen - im neuen Lebensabschnitt. Lediglich der Hagel trübte dieses Vergnügen ein wenig. Es ging durch ein Tal, das von einem Fluss und vielen Rinnsalen durchzogen war. Moose bedeckten die Flussufer und es wurde im Ganzen doch merklich grüner.

Nach einer Unterbrechung in Form eines zweistündigen Picknicks am Fluss führt der Weg weiter durchs Tal, bis wir auf ein Seitental stossen, aus dem heraus ebenfalls ein Fluss kommt. Und genau das ist das Problem. Ob nun, wie die Familie, ans linke Flussufer oder wie ich, ans rechte, um zum Kloster zu kommen - einer der Flüsse will überquert werden. Und ich will keine nassen Füsse mehr haben. Nach einer längeren Aktion, während der die Familienmitglieder und Pferde sicher auf die linke Seite gelangt sind, macht sich der Mann mit mir und Rucksack auf den Weg zum Kloster, nachdem auch wir den Fluss überquert haben. Kurz vor dem Kloster bezahle ich und wir verabschieden uns, ich richte noch Grüsse an die anderen Familienmitglieder, da die Verabschiedung durch die Flussaktion recht knapp ausgefallen war.

In der Pilgerunterkunft des Klosters bin ich allein und geniesse es: nicht reden müssen, die Ruhe, das Alleinsein und das Gefühl, es bald geschafft zu haben. Nur sind meine Essensvorräte nun aufgebraucht, aber es gibt hier einen kleinen Vorrat an Nudelsuppen, da ist das Frühstück gerettet. Am letzten Tag brauche ich für den Rückweg nach Darchen vier Stunden. Norbert wird sicher schon warten und ich hoffe, er hat noch keinen Suchtrupp losgeschickt, immerhin bin ich einen ganzen Tag überfällig.

Landschaftlich gefällt mir dieses letzte Stück am besten. Das Tal ist saftig grün, einige Blumen recken sich der Sonne entgegen und das Gebirge spielt mit Farben: brombeer, orange, dunkelrot und ein mattes, metallisch wirkendes grün. Das letzte Stück des Weges ist langweilig und unspektakulär, das einzig aufregende ist der Anblick von Darchen, denn das bedeutet das Ende der Strapazen, einen Kaffee mit Zigarette und Schlafen! Um all die Eindrücke zu verdauen und zu verstehen, brauchte ich eine ganze Zeit und im Nachhinein ist es bei weitem nicht mehr nur eine Tortur, sondern hat mir einige interessante Einblicke gegeben.


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