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Durch die Libysche Wüste

 

 

Dort war ich,

sage ich Dir,

Dies ist und das geschehn;

Du glaubst,

Selbst hättest Du’ s gesehn.

La Fontaine: Die Tauben

 

 

 

 

Das ganze Jahr über hatte ich Reisepläne entworfen, Details geplant: Nach Schwarzafrika sollte es gehen, ohne Frage. Auch die Wüste wollte ich erleben, intensiv und tagelang, und den Dschungel kennenlernen. Die arabischen Länder dagegen lagen mir fern, ihr Lebensstil war mir zu laut, zu schrill.

Eine Route durch Tunesien, Algerien, Niger zur westafrikanischen Küste war ausgearbeitet, einschlägige Literatur gelesen, erfahrene Freunde befragt und die Fährverbindungen über das Mittelmeer ausgekundschaftet, als ich von dem Plan eines Bekannten hörte, mit einem geländetauglichen Lkw die Libysche Wüste zu durchqueren und durch Ägypten, den Sudan, Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi, Tanzania, Sambia und Zimbabwe bis nach Kapstadt zu gelangen

Genau das war schon auf früheren Reisen mein Traum gewesen: Routen, Rastplätze und Richtungen selbst bestimmen zu können. Über die Deutsche Zentrale für Globetrotter nahm ich Kontakt zu Reinhold auf: die Planungen steckten in der Endphase, Teilnehmer wurden gesucht, ich war dabei. Adieu Westafrika, vielleicht beim nächsten Mal.

Einige dieser Länder kannte ich von früheren Reisen, war schon einmal dort gewesen mit dem Rucksack und unterwegs mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und doch blieb immer der Eindruck zurück, nur die Oberfläche ertastet zu haben, nicht eingedrungen zu sein ins Land und lediglich von Stadt zu Stadt getrieben worden zu sein, eingeengt durch die Pfade der Zivilisation, durch Buslinien und Fahrpläne, ausgeliefert der scheinbaren Willkür des Fahrers, dessen Sprache ich nicht verstand, an Plätzen vorbei, an denen ich bleiben wollte.

Afrika aber bedeutet für mich Natur, wild und unerschlossen: Damit wollte ich mich auseinandersetzen, meine Kräfte messen, Grenzen kennenlernen und überschreiten. Das Selbstverständliche in Frage stellen - Hunger, Durst, Erschöpfung, Hitze und Kälte erfahren. Was kommt danach? Welche Bedürfnisse entstammen der menschlichen Natur, welche der deutschen Konsumgesellschaft? Kann ich freie Entscheidungen treffen, wenn die Notwendigkeiten des Lebens in Frage stehen? Habe ich die Kraft, mein Leben selbständig zu führen, das Nötige im rechten Augenblick zu tun? Ich werde die Städte vermissen, weil sie für mich sorgen; von ihnen erhalte ich alles, was bisher mein Leben ausgemacht hat: Kultur, Bildung, Unterhaltung, im Überfluß leben, Menschen kennenlernen und vergessen.

Ich fliehe die Städte, weil sie meine Augen, meine Nase, meine Ohren beleidigen, sie sind kaum zu ertragen. Raus an den Fluß, in die Wüste, auf die Berge - die absolute Stille aufnehmen, im Licht der Sterne tagträumen, das ist meine Welt. Ein Lagerfeuer die Nacht über unterhalten, um die Löwen abzuschrecken, Pfade gehen, die kaum jemand vor mir ging, Plätze finden, an denen ich mich zuhause fühle, wie an jenem Wasserfall in Zentralafrika, 1000 Kilometer von der nächsten Stadt, den Tieren bei der Jagd und ihren Spielen zusehen, über den Gang trabender Giraffen lachen. Bleiben oder, gehen: die Wahl zu haben. Instinkt in die Tat umsetzen. Den geraden Weg gehen.

Das ist eine Welt, in tausend Büchern beschrieben, in keinem Buch zu finden.

Nun habe ich den ersten Schritt getan auf einem Weg, an dessen Ende ich mich entscheiden muß: soll die Lust aufs Abenteurer, das unbändige Reisen mein Leben erfüllen oder werde ich neue Möglichkeiten im Gewohnten entdecken?

Aufbruch

 

 

 

 

 

 

Köln verlasse ich zwei Monate später an einem sonnigen Morgen Anfang November im Zug nach Athen, von Bahnsteig 2. Ich liebe diesen Bahnhof aus erblindetem Glas und rostigem Stahl - er birst von Leben - selbst nachts, selbst an Sonntagen. Dies ist ein Ort, an dem eine Reise beginnen kann - er entläßt mich freudig und gern; doch ich freue mich auf ein Wiedersehen.

Das Abteil teile ich mit einem Griechen, der selbstversunken vor sich hin schweigt, und einer jugoslawischen Mazedonierin, die das Herz auf der Zunge trägt, gebürtige Griechin ungarischer Abstammung.

Wir einigen uns auf gebrochenes Französisch zur Verständigung. Ab und zu dolmetscht der Grieche. Bundesbahn-Kultur.

36 Stunden, Verspätung inclusive: das Rattern der Räder sinkt ab ins Unbewußte, durchzieht Wachen und Schlafen. Die kalte, klare Novemberluft, die durchs offene Gangfenster zieht, wird erst in Jugoslawien wärmer, bis weit hinter die Julischen Alpen bleiben Schneefelder sichtbar.

Das Abteil nimmt unseren Geruch an, wird voller. Schafskäse, Oliven, Knoblauch, Zwiebeln, Brot, Wein tun ein übriges - zweieinhalb Tage wohnen auf einem halben Quadratmeter. Bald sind auch die Gänge besetzt und schließlich belegt, es wird lauter und lebendiger, die Bewohner der Nachbarabteile sind bald vertrauter: Das Woher und Wohin ist schnell geklärt, Tips und Tricks sind Gegenstand endlosen Informationsaustausches, nur das Warum scheint ausgeklammert - Schlagworte wie Urlaub, Ferien, Abhauen tabuisieren eher. Enthüllendes bleibt im Privaten.

56 Stunden: Zeit, zu überlegen, wohin die Reise führt. Das Reisen der Anderen steckt an, der Unruhe-Virus breitet sich aus; im Unterwegs-Sein sind alle einander vertraut: Ja, das Studium ist nach endlosen Jahren abgeschlossen, ich nutze die Zeit danach. Vier Monate habe ich zuhause alles getan, was ich schon jahrelang tun wollte, nichts ist nun zu tun übrig. Leere. Das Geld verdienen um des Geldes willen hat mich angeekelt, nach einer Woche habe ich gekündigt, der Job war unerträglich.

Die Reise soll mir ein Spiegel sein; ein Teil meiner Erinnerungen wird sich im Tagebuch wiederfinden - Fotos sagen mir wenig. Selbst unbeschrieben ist das Tagebuch die Summe meiner bisherigen Beschäftigung mit Büchern; es steht für alle Bücher, die ich gerne gelesen habe, für mein Examen, meinen Beruf, es ist die Nabelschnur zur Heimat. Auf dieser Reise wird es einen Zweikampf führen müssen mit den niedergeschriebenen Erinnerungen und Erlebnissen: Wer wird stärker sein? Ich bin gespannt, ob ich des Reisens überdrüssig werden kann.

KEINE PANIK - zwei Worte leiten mein Tagebuch ein, rot und dick und groß füllen sie die erste Seite. Eingeschlagen in derb-braunes Rindsleder, selbst gebunden und handgenäht, ist es in sieben Monaten quer durch alle Klimazonen und Jahreszeiten speckig geworden - unverwechselbar, schwer, mit abgeschliffenen, runden Kanten. Nur Kopf- und Fußsteg stehen ein wenig ab: Im siebten Monat mußte ich meine eiserne Geldreserve dem Buchrücken entreißen.

KEINE PANIK - das sollte mein Pol der Ruhe während etlicher Monate der Bewegung sein, außerhalb der Routine, bar alles Gewohnten: Das Schneckengehäuse des Alltags abgestreift und ausgesetzt dem Unbekannten eines fremden Kontinents. Es sollte mich daran erinnern, Besonnenheit zu üben und das Meine zu tun.

Ironie schwingt darin mit und stellt das ganze Unternehmen in Frage: Ja, besteht denn überhaupt Anlaß zur Panik? Könnte es geschehen, daß …? Ach wo, beruhige ich mich, schließlich wohnen Millionen Menschen in den afrikanischen Ländern, empfinden Busch, Wüste, Dschungel als Heimat, lieben und lachen, essen und trinken, und da komme ich, ein Fremder; mische mich ein in ihren Alltag, erzeuge Unruhe und Besorgnis, wecke Hoffnungen, Ängste, äußere Wünsche und stelle Erwartungen, bitte um Hilfe, sage danke und nein und gehe auf Nimmerwiedersehen von dannen. Mein Da-sein stellt ihr Da-sein in Frage (habe ich ein Recht, dort zu sein?) — Antworten habe ich nicht, komme und gehe als Suchender, zerre an ihren Wurzeln. Grund genug, finde ich, zur Panik für die Besuchten.

Was kann mir denn schon dabei passieren? Ich habe nichts zu verlieren; wenn ich heimkehre, besitze ich nichts mehr: Meine Wohnung habe ich aufgegeben, die Möbel verschenkt, meine Bücher liegen in Kisten verpackt in einem Keller. Das Studium ist abgeschlossen, ein Arbeitsplatz nicht in Sicht. Ein paar tausend Mark Gespartes wurde in Reiseschecks umgesetzt, alles, was ich noch besitze, trage ich am Körper. Zwei Dutzend Menschen vielleicht, die hin und wieder an mich denken, an die auch ich denke; sie werden dasein, wenn ich zurückkehre, geben mir Sicherheit.

Mein Schneckenhaus ist nun der Rucksack: 20 kg sind noch zuviel, behindern das Reisen mehr, als sie es erleichtern. Aber was soll noch raus? Die Kleidungsstücke sind doppelt, manche dreifach; zwei Töpfe und eine Pfanne, die auch als Teller dient. Salz, Bundeswehr-Besteck, Sturmstreichhölzer, Kaffee, Reis, Trockengemüse, ein Kuppelzelt (2,4 kg), ein Daunenschlafsack, Wanderstiefel und Sandalen, Geldgürtel …200 kleine und kleinste Dinge bis runter zur Nähnadel faßt ein Rucksack vielleicht, alles will abgesichert sein: Wärme, Schlafen, Essen, Trinken, Gesundheit und die kleinen Geschenke für die Augenblicke, in denen ich ganz unten bin: Ein Kaugummi, ein Schokoladenriegel, ein Mini-Radio … Ich bin doch kein Rüdiger Nehberg.

Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt, sagt Konfuzius. Mein erster Schritt ist Athen. Fast dreitausend Kilometer liegen hinter mir, alle Veränderungen auf dem Weg habe ich Stück für Stück geschmeckt, gehört, gesehen: Die Natur macht keine Sprünge.

Nun ist die Luft lau, ich habe ein T-Shirt an, das bald schwarz ist vom Smog über der Akropolis. Menschen, Sprache, Kleidung, Kultur sind mir vertraut, auch wenn ich sie nicht verstehe. Noch fühle ich mich zu Hause, bin Europäer.

In Ägypten

 

 

 

 

 

 

Zwei Tage später sitze ich im Flugzeug nach Kairo: Der zweite, größere Schritt. Drei Wochen habe ich jetzt Zeit, dann werde ich zum Hauptpostamt am Midan al-Ataba al-Chadra gehen und nach Post fragen. Dort wird dann ein Brief liegen, der den Beginn meiner bisher abenteuerlichsten Reise markiert, und ich werde den Ort erfahren, an dem sich unsere bunt gewürfelte Gruppe zur Abfahrt trifft.

Kairo war Treffpunkt für die Gruppe, dort führten unsere Wege zusammen; die Teilnehmer kannte ich aus verschiedenen Treffen flüchtig: Unsere Jüngste war Doro, 18 Jahre, Tierpflegerin aus Münster. Sie wollte endlich mal die ihr aus Käfigen bekannten Tiere in Freiheit sehen.

Theo, frischgebackener Jurist, war an Kultur und Geschichte der Länder stark interessiert. Georg, Flugzeugingenieur, querschnittsgelähmt und Reisender aus Leidenschaft seit 20 Jahren, tilgte weiße Flecken von seiner persönlichen Landkarte.

Ute, wenige Tage nach dem Apothekerinnenexamen zusammen mit den anderen auf dem Weg nach Venedig, sucht neue Erfahrungen für ihren Lebensweg. Ulrike und Mathias, Studenten, werden von der Neugier getrieben und von der Langeweile des Semesters. Beide werden nach der Reise Afrikanistik studieren. Hardi, beurlaubter Lehrer, geht nach der Karriere zum ersten Mal hemmungslos seinem größten Hobby nach. Detlev ist Finanzbeamter, Anna hat ein Studium abgeschlossen; was sie bewegt, weiß ich nicht. Rainer, Werner, Richard, Manfred und Mathias sind Reisende aus Berufung. Etwas anderes kommt für sie nicht in Frage, nur der Stil unterscheidet sie.

Fünfzehn Leute hatten sich so gefunden und einen Großteil ihrer Ersparnisse zusammengelegt zum Kauf des FAUN: Er war ein plattschnäuziges, sandfarbenes Ungeheuer mit senkrecht stehender Windschutzscheibe und zurückgeklappter Abdeckung der Fahrerkabine. Dahinter lag in Kopfhöhe des Fahrers der Achtzylindermotor über der ersten von drei Achsen. 12,5 Liter Hubraum waren gedrosselt auf 180 PS und vertrugen jeden brennbaren Treibstoff. Zehn Meter Länge und 21 Tonnen Gewicht machten daraus ein dampfendes, rauchendes, lärmendes Monstrum. Ein Kraftpaket, das niemals am Ende seiner Möglichkeiten schien.

Unter der grünen, halbtonnenförmigen Plane verbargen sich Ende November vermummt und frierend zehn der Reisenden und begaben sich nach Venedig, zur Einschiffung auf die Fähre nach Alexandria. Sturm, hoher Seegang und kalter Wind machten die Anreise zu einer Strapaze, alle Gedanken waren auf das warme Afrika gerichtet. In Alexandria angekommen, wurde das deutsche Zollkennzeichen gegen ein ägyptisches ausgetauscht: Die Reise auf afrikanischem Boden konnte beginnen. Nur noch 223 Kilometer auf einer guten Asphaltstraße bis Kairo.

Dorthin waren auch die übrigen fünf Reisenden unterwegs. Georg flog aus Deutschland ein, Hardi war schon einige Monate unterwegs und mit Ulrike und Mathias machte ich nun schon seit drei Wochen in Ägypten einen richtig erholsamen Urlaub — vor dem großen Abenteuer.

Eine Woche badeten und tauchten wir im Roten Meer; in der Nähe von Sharm ei Sheik gibt es einsame Sandstrände und kleine Dörfer, in denen wir uns mit Fisch, Zucchini, Auberginen, Zwiebeln und Linsen versorgten. Der Strand, an dem wir schliefen, war sauberer als alle Hotels und morgens ging die Sonne über dem Meer auf; beim allmorgendlichen Strandlauf fand ich angetriebene Holzreste für das Frühstücksfeuer.

Ausgedehnte Spaziergänge .führten uns durch die großartige Landschaft im Landesinnern: Roter Granit, von der Erosion zerfressen, bildet die sichtbare Oberfläche der Berge und Hügel, in den breiten Schluchten zeigt sich nur hier und da eine Akazie, manchmal Palmen, öfter Dornsträucher. Wenige Beduinen durchziehen das Land mit Kamelen und Ziegenherden, leben in grob gewebten Zelten. Einige Tage lang bekamen wir einen Eindruck von diesem Leben; zusammen mit einem Beduinen als Führer zogen wir auf Kamelen von Brunnen zu Brunnen.

In der letzten Woche brachen wir auf zum Dschebel Musa, dem Berg Moses, an dessen Fuß das älteste christliche Kloster, das Katharinenkloster, steht. Wir wollten den Sonnenaufgang erleben von diesem zweithöchsten Berg der Sinai-Halbinsel, und stiegen in der abendlichen Dämmerung auf, um unterhalb des Gipfels zu übernachten. Mehr als dreitausend Stufen führen auf den 2283 Meter hohen Berg, angelegt von einem Mönch aufgrund eines Gelübdes. Die Stufen bestehen aus grob behauenen Felsen und sind dem Gelände angepasst, nicht aber der Schrittweise eines normalen Menschen; hin und wieder ging der Aufstieg in eine leichte Kletterei über. Unterhalb des Gipfels befindet sich eine Opferstätte, an der gewaltige Zypressen einen Brunnen beschirmen. Zwei karge Hütten stehen leer. Fellstücke und Knochen deuten auf eine rege Opfertätigkeit hin.

Hier verbrachten wir eine ruhige Nacht, erwachten noch vor der Dämmerung und erreichten die Kapelle auf dem Gipfel noch vor den Touristengruppen, die in den frühen Morgenstunden auf den Weg nach oben gebracht werden. Berge und Hügel tauchen aus der Schwärze der Nacht auf, mit einer Tünche aus rotem Licht überzogen, sobald das erste Licht der Sonne den Horizont färbt; das Gewirr der Täler und Schluchten bleibt vorerst tiefschwarz, hellt erst langsam auf, bis die Sonne voll sichtbar ist. Dann verblasst langsam das allgegenwärtige Rot und weicht der Lichtfülle des Tages, die Welt wird weiß und blendet die Augen. Ich glaubte mich auf dem Dach der Welt: Der Blick ging endlos und bis zum Horizont tastete er sich an den immer kleiner werdenden, aber deutlich unterscheidbaren Strukturen dieser Landschaft entlang.

Kein Wunder, schoß es mir durch den Kopf, daß dieser Berg schon in vorchristlicher Zeit heilig war, dieser Anblick allein kann Erleuchtung sein; und die Zehn Gebote hat Moses sicher hier bekommen — schließlich liegt einem die ganze Welt zu Füßen.

Der Abstieg ging in die Knochen, 3000 harte Stöße mußten die Knie abfangen und erholten sich nur langsam auf dem drei Kilometer langen Weg vom Kloster zu dem kleinen Dorf am Ende der Straße; wir blieben über Nacht und nahmen am nächsten Morgen den Bus nach Kairo. Es tat mir leid, die Sinai-Halbinsel zu verlassen - sie zählt zu den schönsten Gegenden, die ich bisher gesehen habe. Licht, Farbe, die ganze Atmosphäre des Sinai strahlt eine gewaltige Ruhe aus, eine Zeitlosigkeit, der ich mich gerne hingegeben habe. Einer meiner vielen kleinen Träume hat hier seinen Ursprung: Drei oder vier Wochen auf einem Kamel die Täler des Sinai durchstreifen, hin und wieder auf die Berge steigen, Brot im Lagerfeuer backen und lange Abende genießen.

Die Ruhe und Weltabgeschiedenheit wich schnell. Kaum erreichten wir die Straße nach Suez entlang der Küste des Golfes, wechselten die Düfte verschiedener Industrien ab mit Paßkontrollen durch Militärposten, draußen auf See standen ölplattformen, Tanker befanden sich auf dem Weg durch den Suezkanal, die Strände sahen schmutzig aus. Ein Tunnel brachte uns unter dem Kanal hinüber auf die afrikanische Seite Ägyptens und lange Zeit noch blieb die Straße gesäumt von den Zeugen des Krieges mit Israel: Panzer, Wälle, Militärlager, Flughäfen.

Mir wurde deutlich, daß Ägypten auch eine moderne Geschichte hat, Menschen, die heute leiden und Kämpfe austragen - Pharaonen, Pyramiden und 5000 Jahre Kultur sind dafür nur Voraussetzung. Von all dem ist Kairo voll: Ob 10 oder 12 oder 14 Millionen Menschen hier leben, weiß wohl niemand.

Acht Tage Aufenthalt sind nicht zuviel für Kairo oder El Qahira, die Siegreiche, wohl aber für den Reisenden. Denn wer nicht in einem der First-Class-Hotels wohnen kann, im Hilton, Sheraton, Meridien oder wie sie alle heißen, und sich nicht hin und wieder in eine dieser Oasen der Ruhe zurückziehen kann, der ist 24 Stunden täglich dem Lärm, dem Staub, der Hitze dieser Stadt ausgesetzt. Kairo ist ein Erlebnis für einen Tag — jede Stunde mehr bedeutet wachsenden Streß. Kairo erwacht, wenn sich in der Morgendämmerung ein weißer von einem schwarzen Faden unterscheiden läßt. Dann nämlich ist die Zeit des ersten Gebets gekommen und von 1000 Minaretts ertönt der Ruf des Muezzin: »Allahu akbar - Gott ist groß, und Mohammed ist sein Prophet.“ Scheppernd schallt und krächzt es aus Tausenden von Megaphonen, die den eigentlich melodischen Gesang verfremden. Dann füllen sich schnell die Straßen: Überfüllte Busse, Türöffnungen, selbst Stoßstangen sind mit kaftanbekleideten Ägyptern bepackt; kleine schwarze Taxis bewegen sich ameisengleich dazwischen; gemüsebeladene Eselskarren sind aus den Vorstädten unterwegs zum Markt; Lastenfahrräder schieben Passanten auf die Seite; Träger balancieren auf hölzernen Gestellen Hunderte von Fladenbroten auf dem Kopf - Autos hupen, Esel schreien, Menschen fluchen: Touristen kaufen Aspirin und Ohropax. Temperament des Orient und Technik des Okzident entfesseln ein Inferno.

Die Wüste

 

 

 

 

 

 

Am 10. Dezember trafen wir zufällig einige unserer künftigen Reisekameraden im Chan Al Chalili, dem größten Bazar Kairos. Das abgesprochene System des Nachrichtenaustausches hatte nicht funktioniert. Großes Hallo und Wie gehts und Was gibts Neues in Deutschland. Wir tranken einen Kef zusammen und verabredeten uns für den nächsten Tag in Gizeh, bei den Pyramiden.

Am Sonntagnachmittag, 15 Uhr. ging es los: Ich hatte meinen Rucksack gut verstaut, unerreichbar für alle Hände, die von außen über die Ladefläche tasteten, und mir einen Platz gesucht. Drei Leute konnten immer vorne sitzen, für weitere 16 boten die montierten Bussitze Platz. Die Pyramiden standen vor dem Hintergrund der Sandwüste, die hier am Rande von Kairo ihren Anfang zu nehmen scheint. Ägypter umstanden den Faun mit Kamelen und Pferden, sie wirkten klein, und wir schauten auf sie herab. Kalter Wind strich aus der Wüste, auch Kairo kennt manchmal eine Art von Winter, und wir verkrochen uns dick eingepackt in die Sitze. Der Motor dröhnte und alle Gespräche erstarben, als wir losfuhren. Die Straße führte uns um Kairo herum, dann am linken Nilufer über Sakkara bis nach Beni Suef. Freude erfüllte mich, obwohl Ungewißheit das Ziel war. Die Vibrationen des Motors waren für mich ein Maß für die unge heure Kraft, mit der ich diese Reise begann. Trotzig hielt ich dem Wind mein Gesicht entgegen.

Die Brücke, auf der wir bei Beni Suef den Nil überqueren wollten, existierte nicht. Dies war nur der Anfang. In den nächsten Wochen blieb kein Tag ohne Enttäuschung. Vorerst konnte noch einige Tage relaxt werden: Von der Töpferstadt Quena, 642 Kilometer südlich von Kairo, nahmen wir die breite Asphaltstraße nach Port Safaga am Roten Meer, fuhren dann weiter südlich bis Marsa Alama, dem südlichsten für Touristen erlaubten Ort, und genossen das Meer und die warme Sonne.

Erfahrungen wurden ausgetauscht. Wünsche geäußert und Erwartungen beschrieben — war es doch das erste Mal, daß die Gruppe vollständig zusammen war. Auf der riesigen Ladefläche stapelten sich fünf Ersatzreifen, jeder 250 Kilogramm schwer, acht Fässer für Treibstoffvorräte und acht Kunststofftonnen für Trinkwasser. In Holzkisten waren die mitgebrachten Vorräte verstaut: Margarine, Marmelade, Wurst, Käse, Brot, Mehl, Fleisch, Zucker, Suppen ... Darüber kugelten während der Fahrt unsere Rucksäcke, Schlafsäcke und Unterlegmatten. Die seitlich unterhalb der Ladefläche angebrachten Fächer enthielten Ersatzteile und Werkzeuge.

Pläne wurden gewälzt, jeder hatte noch Ideen für weitere Besorgungen, hier und da wurde Kritik an der Vorbereitung geäußert, doch insgesamt überwog bei allen die Freude am Aufbruch. Auch die Reiseroute wurde neu diskutiert, mußte geändert werden, da ein Gerücht, das schon heimkehrende Afrikafahrer im November in Deutschland verbreitet hatten und das sich hier im Gespräch mit anderen Reisenden bestätigte, wissen wollte, daß die Ägypter keine Einzelfahrten mehr in den Sudan genehmigten, allenfalls monatliche Konvois unter Militärbegleitung anboten. Doch wir wollten mehr, wollten die Wüste erleben abseits von allen Routen. Auch andere motorisierte Afrikafahrer hatten keinen Sinn für den Miliäarkonvoi, und so hatten wir uns mit vier anderen Gruppen außerhalb der Oase El Kharga verabredet, um uns von dort mit Karte und Kompaß auf eigene Faust durch die Libysche Wüste zu bringen, ägyptische Pisten und Militärstationen meidend.

Drei Tage Strand waren dann auch genug, alle fieberten der Wüste entgegen. Auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt nahmen wir uns nur wenig Zeit für die Sehenswürdigkeiten Ägyptens; einige von uns kannten sie von früheren Reisen, wollten Neues sehen, die Wüste. Das brachte erste Auseinandersetzungen: Theo und Detlev bestanden auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten; Gegenargument: Nach Ägypten könnt ihr doch immer noch mal reisen. Der Kompromiß: Wir fahren über Assuan, Luxor und Asiut zur Oase - während ein Teil der Gruppe Vorbereitungen trifft, gehen die anderen den Besichtigungen nach.

Einen halben Tag dauerte allein das Tanken: 1800 Liter Diesel wurden in die Fässer gefüllt, 200 Liter Motorenöl sollten den Motor schmieren. Den Markt in Luxor überfielen wir wie Heuschrecken: 100 Kilogramm Kartoffeln. 80 Kilogramm Orangen, 50 Kilogramm Tomaten, 40 Ki logramm Zwiebeln. 200 Eier ... wurden eingekauft. In Asiut schließlich bunkerten wir 1000 Liter Wasser.

Als wir fertig waren stellten wir fest. daß der Wagen falsch beladen war, das Gewicht lag zu weit hinten, nun mußte umgebaut werden. 10 Tonnen Ladung wurden bewegt und gesichert, denn selbst die schweren Tonnen heben bei einem Schlagloch ab und machen sich selbständig. Mit Seilen, Drähten, Eisenwinkeln, Knoten und Schrauben wurde die Ladung in der Wagenmitte so verzurrt, daß sie uns nicht mehr gefährlich werden konnte - zwei Tage dauerte der Umbau.

Am 23. Dezember verließen wir die Asphaltstraße, 25 Kilometer hinter der Oase El Kharga und zwischen zwei Militärkontrollen. Die vier anderen Wagen erwarteten uns bereits: Ein Magirus-Lkw, ein MAN, ehemals Sanitätsfahrzeug der Bundeswehr, ein Toyota Landcruiser und ein Unimog. 12 Kilometer fuhren wir südwestlich ins Gelände, um außer Sichtweite der Straße zu kommen, und schlugen unser erstes Camp auf. Wir waren in der Libyschen Wüste.

Die ersten Schritte auf einem uralten Karawanenweg waren getan. Darb el Arbain, die Straße der 40 Tage, war eine der großen Verbindungwege durch die Sahara, zwischen dem schwarzen und dem arabischen Afrika. Schneller als in 40 Tagen war die Strecke vom sudanesischen El Fasher über eine Kette von Oasen bis nach Asiut am Nil nicht zu schaffen. Insgesamt 1800 Kilometer Wüste mußten Menschen und Tiere ertragen, bei eiserner Karawanendisziplin: Wer es nicht schaffte, blieb zurück. Der einzige Europäer, der jemals eine dieser Karawanen begleitete, war der Brite William Brown. 1793 ritt er diese Strecke mit einer Karawane von 500 Kamelen, die beladen waren mit allem, was Schwarzafrika zu jener Zeit zu bieten hatte: Sklaven, Elfenbein, Affen, Papageien, Nashorn ...

Seit Beginn dieses Jahrhunderts gibt es keine große Karawanen mehr, nur selten fahren geländegängige Lkw, meist mit militärischem Auftrag. Häufiger noch werden Kamelherden aus dem Sudan zum Schlachten nach Ägypten geschmuggelt. Hin und wieder werden sie gefaßt, müssen zwei oder drei Tage sichtbar vor der Autorität des Militärs zittern und kaufen sich schließlich mit einigen Kamelen frei.

Die Spuren der alten Reisenden zeigen auch heute noch den Pistenverlauf an: Zahllose, von der Sonne gebleichte Kamelgerippe, in den Sand gesteckte Holzpflöcke, Steinhaufen und seit einigen Jahrzehnten auch Öltonnen, manche davon aus dem Krieg. Verläßt man aber die Piste und zieht tiefer in die Libysche Wüste auf den Dschebel Uweinat zu, dem umstrittenen Drei-LänderEck zwischen Ägypten, Libyen und dem Sudan, so begibt man sich in die letzte völlige Einsamkeit der Sahara.

In den Zwanziger und Dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gelangten erstmals Expeditionen hierher: 1925 Prinz Kemal ei Din Hussein mit Citroen-Kettenfahrzeugen. Reifenspuren bleiben jahrzehntelang erhalten, alte Fässer und Kisten fanden wir, manchmal Papierfetzen an ehemaligen Lagerfeuern. Seit Jahren, Jahrzehnten unberührt liegende Wein- und Whiskyflaschen sind von Sand und Wind blind geworden, Metallstücke aber blank poliert, rosten nie.

Selbst genügsame Tiere: Schlangen, Skorpione, Käfer … sind in diesem Teil der Sahara selten, hin und wieder sahen wir ihre Spuren im Sand; größere Tiere bekamen wir niemals zu sehen. Nicht einmal trockenes Gras fanden wir. Wasservorkommen beschränken sich auf wenige Brunnen, die meist als Militärstützpunkte dienen. Im Winter aber ist es in dieser Wüste erheblich kühler als in anderen Jahreszeiten, die Hitze weicht tagsüber angenehmen Temperaturen, nachts wird es bitter kalt. Der Wasserbedarf eines Menschen sinkt auf unter fünf Liter täglich, im Sommer kann er auf 10 bis 20 Liter steigen! Der stetig wehende Wind bringt tagsüber angenehme Kühle, doch Sand in die Mahlzeiten und in den Kaffee - nichts geht hier ohne Sand und Wind.

Felsige Erhebungen, nur einige hundert Meter hoch, lassen die Berge erahnen, die Hitze und Kälte und Wind im Laufe von Jahrtausenden zerrieben haben. Bizarre Steinformationen und Farbkontraste verschiedener Gesteinsarten charakterisieren die Wüstengebiete: Die weiße, schwarze, rote Wüste werden sie genannt. Die seltene Sandwüste verläuft oft in weiten, flachen, sanften Wellen mit einer Oberfläche ähnlich der eines sandigen Meeresbodens. Den Horizont bilden mehrere hundert Meter hohe, sichelförmige Dünen; ein prachtvoller Anblick besonders bei Sonnenauf- und Untergang.

Während der Hitze eines Mittags lassen Luftspiegelungen sie am Horizont schweben, scheinbar ohne Kontakt zur Erde. Überwältigend und kaum vorstellbar angesichts des Lebens im dichtbesiedelten Europa ist das Gefühl der völligen Stille und Einsamkeit: Kein Tierlaut, nicht einmal Wasser- oder Blätterrauschen, kein Windhauch ist zu hören. Jedes dann doch ans Ohr dringende Geräusch gewinnt an Eindringlichkeit und Bedeutung. Unsere Gespräche sind in Windrichtung kilometerweit zu hören und das Motorengedröhn zerreißt die Stille schmerzhaft, zu hören noch in 10 bis 15 Kilometern Entfernung.

Auch das Gesehene gewinnt an Tiefe, ich erlebe es neu in der Monotonie der Sandwüste: Schon ein einzelner Stein oder ein Kamelknochen ist ein Ereignis in der Gleichförmigkeit des gerippten Sandes, Grund genug zur Richtungsänderung und zur näheren Betrachtung. Entfernungen zu schätzen, wurde mir unmöglich: oft wurden Felsstücke, durchs Fernglas betrachtet, zum weit entfernten Hügel.

Der Darb ei Arba’in wollen wir in weitem Abstand folgen, aus Furcht vor Kontrollen. So schlagen wir einen weiten Bogen durch die Wüste, Richtung Libyen. Vom ersten Tag an fallen wir gegenüber den anderen zurück: Der Lkw ist zu schwer für den Sand der Wüste, die Reifen taugen nur auf normalen Böden. Wir lassen Luft ab, um die Auflagefläche zu vergrößern.

Heilig Abend: Das erste Erwachen in der Wüste ist begleitet vom kalten Wind, der es mir schwer macht, den Daunenschlafsack zu verlassen. Wer zuerst wach ist, kocht Kaffee. Heißer Kaffee ist an diesen Morgen das Wichtigste. 93 Kilometer zeigt der Tacho nachmittags an; die Konvoipartner sind schon lange nicht mehr in Sicht, den ganzen Tag sind wir ihren Spuren gefolgt. Die Gegend ist felsig, unübersichtlich, unüberschaubar. Hügelauf- und abwärts kämpft sich der Faun wie ein urweltlicher Saurier. Felsstufen und Steine erschüttern die Ladefläche; täglich müssen wir jetzt die Seile spannen, Knoten erneuern, Schrauben anziehen. Hinter Kurven erwarten uns Sandverwehungen, bremsen die Fahrt und mildern die Erschütterungen.

Noch sind die Spuren unserer Partner eindeutig: Auch sie hatten zu kämpfen - wir sehen tiefe Löcher, es wurde geschaufelt. Schleifspuren der Sandbleche führen bis auf festen Untergrund und wurden dort wieder verladen. Der Wüstenboden hat ein gutes Gedächtnis.

Um vier machen wir Schluß. In zwei Stunden geht die Sonne unter, dann wird es sofort dunkel, ohne Dämmerung. Bis dahin haben wir Zeit, es uns gemütlich zu machen: Ein Zelt aufzuschlagen oder uns hinter Kisten in den weichen Boden einzugraben, geschützt vor dem ewig andauernden Wind. Die Aufgaben sind geteilt. Eine Gruppe entlädt den Lkw, eine andere beginnt mit den Vorbereitungen zum gemeinsamen Essen, Ulrike und Mathias bereiten ein Brot vor. Sie backen es noch kurz vor Mitternacht in einem Blechkasten auf dem Benzinkocher; es schmeckt von Tag zu Tag besser — eine Scheibe erhält jeder, ein größeres Brot paßt nicht in den geölten Bräler.

Heilig Abend: In Deutschland wird Weihnachten gefeiert, mehr oder weniger gleich bei all unseren Verwandten. Aus Eiern, Milchpulver, Zucker und Rotwein kochen wir eine Art Pudding und feiern auch. Die Stimmung am klapprigen Tapeziertisch schwankt zwischen Euphorie und melancholischer Nachdenklichkeit. Der ehemals eingepackte Dresdner Christstollen hat mir schon vor drei Wochen den Rucksack vollgekrümelt, jetzt hätte ich ihn gerne.

Sonntag mittag fahren wir weiter, nach sechs Kilometern treffen wir auf das Camp unserer Konvoipartner. Wir bleiben heute in diesem Camp und besprechen abends den weiteren Weg. Dabei orientieren wir uns an Gerüchten, Vermutungen, Annahmen; einzig solide Basis sind die alten englischen Militärkarten im Maßstab l: l 000 000. Aber auch darauf überwiegen die weißen Flecken; Gebiete von der Größe des Saarlandes werden beschrieben als: Uneven plateau of very sharp rough limestone oder eine Aussicht: Hills visible to NNW oder die Kennzeichen einer Piste: Camel route one mile wide marked by white bones.

Montag morgen stehen wir um fünf Uhr auf, damit wir um acht fahrbereit sind, schneller geht es wohl nicht mit so vielen Leuten. Wir schaffen 71 km und überqueren am Nachmittag eine markierte Route, breit und voller Spuren. Um Entfernung zu dieser Piste zu bekommen, schwenken wir dienstags auf Kurs West und halten uns erst nach 30 Kilometern wieder südlich.

Unser Erstaunen ist unglaublich, als wir nach weiteren 90 Kilometern eine zweispurige Asphaltstraße überqueren, die in Ost-WestRichtung verläuft und auf keiner Karte zu finden ist. Militärische Nutzung in Richtung Libyen ist unsere einzige Erklärung, denn für Touristen ist dieser Teil der Wüste verboten.

Erschreckt fahren wir weiter bis zur völligen Dunkelheit und halten erst, als wir die Spuren der Konvoipartner nicht mehr erkennen können. Die Geräusche und Lichter von drei Autos vernehmen wir in dieser Nacht auf der Asphaltstraße. Aus Angst, erwischt zu werden, bleiben wir den ganzen Abend im Dunkeln, Taschenlampen und Petromax bleiben außer Betrieb, der Feuerschein des Kochers wird abgeschirmt.

Allein

 

 

 

 

 

 

Ich erlebe in dieser Nacht erstmals den Schrecken der Wüste, als ich, den Wagenspuren unserer Konvoipartner folgend, in die Wüste hinausgehe. Nur mit den Füßen kann ich die Spuren im Sand tasten, sehen kann ich sie nicht. Es ist Neumond, unterhalb des Horizonts herrscht einheitliches Schwarz, den Hügel vor mir erkenne ich nur als schwarzes Loch ohne Sterne, Eine Stunde vielleicht folge ich den Spuren, der Boden wird langsam fester, Sand weicht Stein, dann kann ich die Spuren vom Untergrund nicht mehr unterscheiden. Nur noch einige Meter trennen mich von der Hügelkuppe, so scheint es mir, und ich möchte feststellen, ob ich von dort nicht die Lichter unserer Reisekameraden sehen kann. Der Weg war weiter als ich dachte, und als ich die Kuppe erreiche, dehnt sich nur endlose Schwärze vor mir, ob Hügel folgen oder Tal, oder sich eine Ebene vor mir ausdehnt - ich kann es nicht ausmachen. Langsam taucht ein Gefühl der Verlorenheit auf. Ich glaube, mich im absoluten Nichts zu befinden. Meine Sinne weiten sich, sind bereit, jeden Ton, jeden Funken aufzunehmen — doch da ist nichts. Kein Rascheln, kein Tierlaut unterbricht diese Stille. Einzig die Sterne stehen unbeweglich, der kalte Wind streicht gleichförmig um mich herum, Zeit hat keine Bedeutung mehr. Das Bedürfnis entsteht, mich dieser Natur anzupassen, mich hinzusetzen und zu Stein zu erstarren, den Wind teilnahmslos und gleichmütig zu ertragen, das Licht der Sterne zu schlucken.

Im Laufe der Jahrhunderte würde ich schmelzen: Die Erosion macht alles zu Sand. Es liegt eine unbestimmbare Großartigkeit in dieser Form der Hingabe. Die Entscheidung, den Weg zurück zu finden, zerreißt den Zauber des Augenblicks. Vielleicht war es nur ein vom Wind herübergewehter Gesprächsfetzen aus dem Camp, der mich aufrüttelte, oder es war meine fehlende Demut vor der Natur, die in mir den Gedanken an das Ziel meiner Reise und an die Lust am Leben aufkommen ließ.

Zwar weiß ich noch nicht wie, aber ich werde meinen Sinnen eine Orientierung bieten, die mich zurückführt. Ob es nun die schwarze Silhouette des Horizonts oder ein mir eingeprägtes Orientierungsmuster des Hinwegs war, das mich die Spuren im Sand finden ließ, weiß ich nicht, doch mir schien die halbe Nacht vergangen, als ich mich auf dem sicheren Rückweg wußte und Stunden später zurück ins Lager fand.

Morgens fuhren wir früh wieder los und trafen unsere Konvoipartner nur acht Kilomter entfernt. Sie wollen jetzt strikt 210° halten, das ist Südsüdwest, um alle Oasen und eventuell befahrene Gebiete zu meiden. Gemeinsam fuhren wir weiter und schon nach wenigen Kilometern hatten wir die anderen bereits wieder aus den Augen verloren. Gegen Mittag begann der Boden sandiger zu werden, die wenigen Hügel wichen bis zum Horizont zurück und was blieb, war eine scheinbar endlose flache Sandlandschaft, strukturlos, ohne jede Abwechslung. Hügelketten schienen sie ringsherum am Horizont zu umgeben, entschwanden aber bei der Annäherung ins Nichts, flimmerten nur noch ein wenig in der Sonne. 64 Kilometer schafften wir heute.

Am Donnerstag verzeichnet das Tagebuch: In acht Stunden auf 220° fuhren wir 25 Kilometer, wir verbrauchten 150 Liter Diesel. Bei dieser Reisegeschwindigkeit gehen viele zu Fuß, der Lkw gräbt sich hinterher. Einzige Abwechslung sind hin und wieder Reifenspuren, die links aus dem Nichts erscheinen und rechts im Nichts verlaufen. Hin und wieder ein Kieselstein, öfter noch Kamelgerippe. Die Abwechslungen werden überlagert von gleichförmiger Kälte, Wind und Sand - in genau dieser Reihenfolge. Wir schimpfen auf die Konvoipartner, die uns davon gefahren sind, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Ich genieße diese langen Spaziergänge im Sand und verbringe meine Zeit damit, meine Phantasie spielen zu lassen angesichts der Formen kleiner Steine, die ich auf meinem Weg finde. Manches erinnert an steinzeitliche Klingen oder Pfeilspitzen, kein Stein in dieser Gegend ist größer als eine Streichholzschachtel.

Ebenso wie ich meiden auch einige andere auf diese Weise die Auseinandersetzung mit dem Kriechgang des Faun, der sich mit zwei Stundenkilometern im ersten Geländegang durch den Sand gräbt und uns nur selten überholt, wenn der Untergrund etwas fester wird, um nach wenigen hundert Metern wieder einzusinken. Auf dem Wagen könnte ich das nicht ertragen, auch Manfred, der meistens fährt, läßt den Druck hin und wieder unter lauter Flucherei ab. Jeder dürfte jetzt fahren, keiner will. In der Ladefläche sind bereits einzelne Bohlen gebrochen: 10 Tonnen Ladung werden ständig in die Höhe geschleudert und fallen wieder auf die gleiche Stelle. Die Belastung ist auch für den Wagen enorm.

Freitag, 30. 12.: 35 km. Richtung 220°. Eine Dünenkette verschwindet im Laufe des Tages am Horizont hinter uns, eine neue wird im Südwesten sichtbar. Zum ersten Mal müssen wir tagsüber nachtanken - 200 Liter Diesel haben nicht ausgereicht. Es werden ständig Witze über den vielen Sand und die Belebung des ägyptischen Dieselabsatzes durch unseren FAUN ausgetauscht.

Der zweite Samstag in der Wüse: 41 km, Richtung 210° - 220°. Die Ebene verläuft jetzt in schwachen Wellen, gerade hoch genug, um nicht weiter als bis zur nächsten Welle schauen zu können. Hin und wieder läuft jemand vor: Das Gefühl wird stärker, daß hinter der nächsten Welle etwas Neues erscheinen muß. Das Gefühl täuscht jedes Mal. Wir werden matt und schlaff, hin und wieder flippt jemand aus, ist genervt.

Neujahr. Neun Flaschen Rotwein, die noch von Weihnachten übrig waren, sind jetzt auch leer. Wir fahren bis zu einem markanten Hügel, dem ersten seit langer Zeit, der im Südwesten sichtbar geworden ist. Den vierten Tag folgen wir nun den Spuren unserer Konvoipartner ohne auf Anzeichen eines Camps gestoßen zu sein; ihr Vorsprung muß riesengroß sein. Wir vermuten uns mittlerweile im Sudan, in der Gegend der Selima-Oase, da wir im Osten einige schwache Hügelzüge ausmachen, die mit ähnlichen Merkmalen auf der Karte übereinstimmen. Auf dem Hügel angekommen, können wir aber das 310 Meter hohe Selima-Massiv nicht ausmachen.

Gefunden haben wir nur eine Steinpyramide auf der Spitze des Hügels, umgeben von viel Gewöll, vielleicht von Greifvögeln. Am Fuße des Hügels lagen 10 alte Shell-Benzinkanister, leere Flaschen ohne Etikett mit blindem Glas, unter einem Stein steckt ein Papierrest, auf dem nur noch das Wort Expedition zu lesen ist.

Die Enttäuschung ist groß, alle Hoffnungen hingen an Selima. Erstmals tauchen Ängste offen auf: Die Konvoipartner sind scheinbar auf Nimmerwiedersehen verschwunden, wir sind allein und kennen unseren Standort nur ungefähr.

Der FAUN verbraucht zwei bis sechs Liter Diesel pro Kilometer! Das liegt weit oberhalb aller Planungen. Der Motor versagt hin und wieder seinen Dienst, meist weil die Treibstoffleitung verschmutzt ist oder die Treibstoffpumpe wieder mal einen Aussetzer hatte. Mit wechselnder Unterstützung beschäftigt sich Manfred täglich 3 bis 4 Stunden mit der Wartung und Pflege des Wagens. Den Reifendruck haben wir fast täglich verringert, mittlerweile auf drei statt sieben atü, um besser auf dem Sand zu liegen. Wir müssen dabei vorsichtig sein, weil wir die Reifen nicht mehr aufpumpen können: der Reifenfüllschlauch verschwand schon am ersten Tag.

Die einzuschlagende Richtung wird eingehend diskutiert: Die Spuren der ehemaligen Konvoipartner auch weiter zu folgen, fehlt jedes Vertrauen, sie fahren immer noch südwestlich. In Richtung Süden erwarten uns noch 1000 Kilometer Wüste. Schätzungsweise 250 Kilometer in östlicher Richtung müßten wir auf die Ufer des Assuan-Stausees stoßen, Straßen und Versorgungsmöglichkeiten gibt es dort aber nicht. Wir entschließen uns, in südöstlicher Richtung zu fahren. Das gibt uns jederzeit die Möglichkeit, zum Nil abzuschwenken, bringt uns andererseits aber auch näher an bewohnte Ortschaften im Sudan. Es gehört ein gutes Stück Mut zu dieser Entscheidung, und fortan war die Hälfte der Gruppe intensiv mit Karte und Kompaß und Dreiecksberechnungen beschäftigt.

Nach 12 Kilometern in Richtung 140° stießen wir auf eine viel befahrene Piste mit zahlreichen alten und neuen Reifenspuren, markiert durch senkrecht im Sand steckende Holzstangen. In der Hoffnung, auf Menschen zu stoßen, Wasser und Diesel auftanken zu können, folgten wir ihr 12 km in Richtung 110°, wo sie jedoch an einer aufgegebenen Baustelle endete, vermutlich Reste einer Explorationsbohrung nach Öl oder Wasser. Weitere 29 Kilometer Richtung Südost führten uns erst in steiniges Gebiet, der Faun kam gut voran, dann wieder in Sand, aber mit festem Untergrund, so daß es nur geringe Schwierigkeiten gab. Dafür brodelte es in der Gruppe: Kleinigkeiten entfesselten Gemütsausbrüche, nur die Ladefläche hält uns zusammen.

Cliquen bildeten sich und diskutierten intensiv die verschiedenen Möglichkeiten unter dem Aspekt „Was wäre, wenn...“ Die noch vorhandenen Vorräte an Diesel, Wasser, Nahrungsmitteln wurden geschätzt und auf Tagesreisen umgerechnet. Rationierungen standen im Raum, beruhten aber vorerst auf Freiwilligkeit; Ansätze zum Hamstern waren zu beobachten, Fähigkeiten zur Bewältigung von Notsituationen wurden gehandelt.

Montag, der zweite Januar: Allen Berechnungen zufolge muß heute der Nil in Sicht kommen. Der Ost-Anteil unserer Route wird stärker, wir schaffen sogar 100 Kilometer, dennoch keine Anzeichen des Flusses. Galgenhumor schlägt in vielen Gespräche durch und wir übernachten in einer passenden Gegend: Aus einem Gebiet mit runden Hügelkuppen, die an stark miniaturisierte Vulkane erinnerten, kamen wir zwischen schlanke, spitze Hügel aus schwarzem Gestein, die Landschaftsformation erinnert an Ausschwemmungen durch abfließendes Wasser.

Dienstag. Aus dem Galgenhumor wird Panikstimmung, nachmittags fahren wir direkt Richtung Ost. 111 Kilometer und immer noch kein Fluß. An jedem Hügel wird Halt gemacht, Angst in Aktion umgesetzt und von der Hügelkuppe Ausschau gehalten. Beim Abstieg von einem dieser schwarzen Hügel bei Kilometer 50 findet Werner zwischen dem Geröll unter einem Felsvorsprung ein menschliches Skelett mit einem Fetzen Tuch, daneben einen Stock und das Gerippe einer sehr kleinen Schlange. Schon bei der ersten Berührung fällt der Schädel auseinander. Mir wird die Gegend unheimlich, die Stille wirkt zunehmend bedrohlich, und ich gäbe was drum, diesem ständigen Wind nur eine Stunde entkommen zu können. Manchmal habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich muß hier weg.

Pro Kopf haben wir noch 20 Liter Wasser, gewaschen hat sich schon seit Tagen niemand mehr, allmählich trinke ich meine Rationen bewußter. Zähneputzen ist Luxus. Beim Tanken wechseln wir uns ab. Da die Pumpe defekt ist muß der Diesel über einen Schlauch mit dem Mund angesaugt werden. Der Dieselgeschmack bleibt tagelang im Mund, einige Tropfen geraten immer bis in den Magen und melden sich noch lange. Irgendwer hat einmal nach dem Tanken das Faß nicht verschlossen, seither schmecken auch die Kartoffeln nach Diesel. Wurst, Käse, Marmelade, Zucker. Fett, Kaffee werden in zwei Tagen alle sein, aber Mehl und Kartoffelpüree reichen noch Wochen, verhungern werden wir nicht.

Heute haben wir nur 100 Liter Diesel verbraucht, gestern noch 200 Liter; je nach Bodenbeschaffenheit reicht der Rest für l bis 3 Tage. Diesel wird für uns wichtiger als Wasser und Nahrung; bei jedem Tanken mischen wir MotorÖl und Waschbenzin bei, der Vielstoffmotor kann’s vertragen.

Mittwoch. Ein Teil der Gruppe versinkt in Lethargie, die anderen halten weiterhin Ausschau nach dem Nil; im Osten sind jetzt größere Erhebungen sichtbar geworden, schroff und schwarz erscheinen sie aus der Entfernung. Irgendwann fahren wir stur drei Kilometer nach Süden, weil wir als Nil erkannt haben, was sich als Luftspiegelung erwies. Fata Morgana im Kopf. Panik kommt auf. Jeder stachelt mit seiner Angst die anderen auf — gemeinsam läßt sie sich besser ertragen.

Detlev wird hysterisch und redet ununterbrochen; Anna verkrampft sich auf ihrem Sitz und macht sich ganz klein; Hardi redet ständig von Notsituationen und stellt Verhaltensregeln auf. Wer eine Aufgabe hat, vertieft sich darin. Der Kurs wird immer flatteriger und richtet sich bald nur noch nach der Bodenbeschaffenheit, ein Fahren nach Kompaß ist nicht mehr möglich, da wir Schlangenlinien zwischen Sandverwehungen und Dünen fahren. Einmal bleiben wir fast stecken, zum ersten Mal, daß der FAUN es nicht zu schaffen scheint. Einige wollen zu Fuß weiter gehen.

Dann schaffen wir es doch, schaufeln Sand, legen Steine unter und kommen wieder frei. In dieser Situation erscheint uns der Anblick des gemächlich dahinströmenden Flusses, der sich uns nach Umfahren der nächsten Düne, 100 Meter weiter, eröffnet, als schiere Illusion: Kann das der Nil sein? Warum hat er sich nicht angekündigt mit Vögeln, Sträuchern, Gras oder dem Rauschen eines Wasserfalles? Nach einer Schrecksekunde läuft jeder los, auf dem kürzesten Weg zum Ufer. Sogar Manfred steigt aus, der ewige Fahrer verläßt zum ersten Mal den Wagen.

Dieser Fluß ist mir zum Symbol geworden für Sicherheit und Geborgenheit. In Kairo, 1500 Kilometer nilabwärts, habe ich ihn mit Respekt betrachtet, aber auch mit Ekel bei dem Gedanken an den Schmutz der 40 Millionen Menschen an seinen ägyptischen Ufern, nicht einen Finger hätte ich hineingetaucht aus Furcht vor der Bilharzia, dem parasitären Wurm, unter dem in Afrika 200 Millionen Menschen leiden. Jetzt könnte ich hineinspringen, ihn umarmen, kein Gedanke mehr an Krokodile, und lasse meine Arme umströmen von diesem Überfluß an Wasser.

An diesem Tag blieb jeder für sich. Aus der Reise war in den letzten Tagen eine Fortbewegung geworden unter dem Zwang, ein Ziel zu erreichen, das wir nicht kannten. Die Wüste erschien mir immer mehr als Gegner, der überwunden werden mußte. Reisen als Genuß war das nicht.

Und obwohl ich meinen Optimismus behielt, niemals aufgeben würde, solange ich eine Möglichkeit für mich sehe, weiterzukommen, so wurden doch alle damit verbundenen Tätigkeiten zur Last, zur harten Arbeit, erschwert und belastet durch die zunehmende Aggressivität in der Gruppe.

So war die Erholung dieser ersten Tage am Nil geprägt durch die Entgrenzung der zuvor erfahrenen Notwendigkeiten. Das Gehen empfand ich wieder als Lust, nicht als letzte Möglichkeit, der Wüste zu entrinnen, und machte Spaziergänge den Nil entlang. Das Waschen wurde zur Freude — nicht weil es Sauberkeit brachte, sondern weil es einen freien Umgang mit Wasser bedeutete.

Sogar die Nacht brachte Erholung, da ich den nächsten Morgen genießen konnte: Frei von dem Druck eines endlosen Tages voller enttäuschter Hoffnungen.

Lust am Abenteuer empfinde ich nur da, wo es zwar unmittelbar in Reichweite meiner Möglichkeiten und Entscheidungen liegt, ich aber auch die Chance habe, es durch Einsatz meiner Fähigkeiten bewältigen zu können.

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