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Pressespiegel Deutsche Zentrale für Globetrotter dzg Autor

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Süddeutsche Zeitung, 13.6.2000

Nr. 134/V2-2 Rubrik: Nachgefragt

Interview: Jan-Frederik Valentin

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  Warum brauchen Abenteurer einen Verein
   

 

 

Ob auf eine Nacht ins Hotel in der eigenen Stadt oder für drei Jahre mit Rucksack und Fahrrad um die Welt: Für echte Globetrotter ist das Leben eine Reise, die erst an der eigenen Haustür endet. Doch irgendwann plagt das Heimweh selbst diejenigen, die die Neugier in die entlegensten Ecken der Erde getrieben hat. Um einander dabei zu helfen, zu Hause wieder Anschluss zu finden und sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, haben sich Deutschlands Weltenbummler vor 26 Jahren zur Deutschen Zentrale für Globetrotter (dzg) zusammengeschlossen. Inzwischen hat der Verein 750 Mitglieder. Norbert Lüdtke, seit 1980 Vereinsmitglied, ist mittlerweile zweiter Vorsitzender und wenn er da ist Pressereferent der Globetrotter. Der Asienliebhaber, der auch auf den anderen vier Kontinenten das Schöne sucht, über die Lust am Leben zwischen Koffern, persönliche Zäsuren und die Arbeit des Vereins, deren Mitglieder sich am vergangenen Wochenende getroffen haben.

SZ: Warum sind Sie schon zurück aus Tibet?

Lüdtke: Ich war insgesamt sieben Monate unterwegs, bin mit dem Auto über die Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Kirgisistan nach China und wieder zurück gefahren. Fliegen ist nichts für mich. In Düsseldorf ein und in Neu-Delhi aussteigen – da kommt die Seele dem Körper nicht nach, sagen die Indianer. Es waren trotzdem genügend neue Eindrücke, zumal ich Tibet bereits vor 14 Jahren schon einmal besucht habe. Außerdem kommt ein Globetrotter immer wieder zurück. Ich muss wieder Luft holen, mich im Leben hierzulande wieder einfinden. Und die nächsten Reisen vorbereiten.

Keine leichte Aufgabe?

Nein. Mein Haus habe ich aufgegeben, bevor ich gefahren bin, und wieder einmal meine ganze Lebenssituation. Aber das war gut so: Jetzt habe ich die Chance, eine neue Stadt kennenzulernen. Ich bin mit meiner Partnerin von Köln nach Saarbrücken gezogen, nachdem wir drei Monate durch Südwestdeutschland gefahren waren auf der Suche nach einer richtigen Umgebung.

Sie haben also schon Urlaub in ihrer neuen Heimat gemacht?

Einem Land und den Menschen dort kommt man nur langsam näher, auch den lebensfrohen Saarbrückern. Dazu braucht man mehr Zeit. Ich sitze hier ja noch zwischen Koffern und Kisten. Früher, in Köln, da bin ich schon mal ins Hotel gegangen, weil das ein ganz anderes Erleben der Stadt ermöglicht, das war aufregend. Man muss nicht nach Burma fahren, um eine spannende Reise zu unternehmen. Manche Globetrotter sind große Fans von Bus und Bahn-Fahrten, andere lieben Touren im Unimog oder mit dem Rad. Für mich war es das Tollste, zwei Wochen an der deutsch-tschechischen Grenze, einem Landstrich voller Urwald, entlang zu wandern.

Reicht so ein Ausflug, um Globetrotter zu sein?

Früher nicht. In den 70-er Jahren mussten alle Neumitglieder der Deutschen Zentrale für Globetrotter nachweisen, dass sie mindestens eine dreimonatige Reise ins außereuropäische Ausland hinter sich hatten. Aber heute, da jeder Pauschaltourist zwölf Wochen auf einer fernen Insel verbringen kann, wäre eine solche Regelung albern. Es gibt keine festen Aufnahmekriterien mehr. Selbstverständlich muss der Antragsteller nach wie vor Reiseerfahrung mitbringen sowie die Bereitschaft, sie an andere weiterzugeben und natürlich Fernweh.

Und Geld?

Das ist nicht das Entscheidende, wenn man beschlossen hat, als Globetrotter zu leben. Ich gebe auf meinen Fahrten weniger aus, als mich das Leben in Deutschland in der gleichen Zeit kosten würde. Manche nehmen auf ihren Reisen Gelegenheitsjobs an. Unter unseren Mitgliedern sind Handwerker, Künstler, Kaufleute, Frauen wie Männer, die meisten zwischen 40 und 50. Zeit zu haben ist wichtig, nicht Geld.

Wozu braucht ein Globetrotter überhaupt einen Verein?

Die Deutschen Zentrale für Globetrotter bietet die Möglichkeit, sich auszutauschen, in der Clubzeitschrift, auf unseren Jahrestreffen, durch das Selbstreise-Handbuch, das wir herausgeben. Außerdem kann jeder jeden anrufen, um sich Hintergrundinformationen über bereiste Länder zu verschaffen. Der Verein sammelt Wissen und gibt es weiter, er vermittelt Reisepartner und will zur Völkerverständigung beitragen. Und: Er erleichtert die Resozialisierung. Früher war das ein echtes Problem, denn wer zwei Jahre durch Zentralafrika gezogen war, bekam im heimatlichen Bergdorf vorgeworfen, er habe zwei Jahre nichts in die Rentenkasse eingezahlt. Globetrotter galten als Gammler, als Asoziale. Das hat sich zwar gewandelt, aber die Deutsche Zentrale für Globetrotter ist noch immer ein wichtiges Forum, das Menschen mit gleichen Interessen und ähnlichen Erfahrungen verbindet.

Finden Globetrotter auch im Ausland Ansprechpartner?

In Europa und Nordamerika gibt es zahlreiche Vereine, die die gleichen Ziele verfolgen wie wir und mit denen wir auch zusammenarbeiten. Auch in Tunesien oder Mexiko haben sich Globetrotter-Verbände gegründet. Wer aber auf Madagaskar oder in Pakistan unterwegs ist, ist auf sich alleine gestellt. Das will auch keiner anders. Globetrotter sind keine Herdentiere.

War es früher aufregender, Weltenbummler zu sein?

Rein technisch war es sicher schwieriger. Doch viele von uns reisen auch heute noch zu Fuß oder mit dem Rad und ohne Handy durch einsame Gegenden. Es ist noch immer ein Erlebnis, unterwegs zu sein. Daran hat sich nichts geändert.

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