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Pressespiegel Selbstreise-Handbuch Autor

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Frankfurter Allgemeine Zeitung

Donnerstag, 8.10.1998 - 233/R 1

von Freddy Langer

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR
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  Selbst reisen
   
  Das Authentische, heißt es bei Adorno, sei ohne Schwellenangst nicht zu haben. Norbert Lüdtke widerspricht nicht; wenigstens nicht heftig. "Reisen Sie vorsichtig!" ermahnt er den Leser im Vorwort seines 432 Seiten starken Kompendiums "Das Selbstreise-Handbuch" und ein paar Seiten später: "Sie reisen auf eigenes Risiko." Das fängt ja gut an, denkt man da und begreift augenblicklich, daß offensichtlich nicht ganz und gar grundlos immerhin zwei Millionen deutsche Urlauber ihren Ferienfrieden in der nahezu hermetisch verriegelten Welt einer Club oder Hotelanlage suchen, fern der Realität, fern somit auch aller Gefahren. Ein bißchen Angst vor der großen Fahrt aber kann nicht schaden, mag sich der Frankfurter Verlag Peter Meyer Reiseführer überlegt haben, denn erst sie ist der Garant für dessen wirtschaftlichen Erfolg mit den "10 000 Ideen, Fakten und Adressen für Reisen auf eigene Faust", die im Untertitel für das "Selbstreise-Handbuch" werben. "Eine solche Fundgrube", schreibt Lüdtke, "hat es zuvor noch nie gegeben!" Man glaubt es gern. Einzigartig allerdings ist der Band nicht; im Gegenteil. Vom Prinzip her ist er sogar beispielhaft für eine Kategorie von Reiseführern, mit der momentan gleich mehrere Verleger glauben, eine Nische entdeckt zu haben: Einführungen in die Kunst des Reisens.

 

 

Der Reisebuchmarkt in Deutschland ist kaum noch zu überschauen, und wenngleich der Umsatz nur mäßig wächst, so geschieht dies doch immerhin kontinuierlich. Elf Millionen Menschen kauften im vorvorigen Jahr 23,7 Millionen Reiseführer und gaben dafür 454 Millionen Mark aus. Auf 462 Millionen Mark addierten sich die Einnahmen im Jahr 1997 eine Summe, die sich bescheiden ausnimmt gegenüber siebzehneinhalb Milliarden Mark für den gesamten deutschen Buchhandel; dennoch wird sie innerhalb der Branche als beachtlicher Erfolg gewertet. Dieser Erfolg hat vor allem mit jenen dünnen Stadt und Länderführern zu tun, die wenig kosten, schreiend bunt daherkommen und bei ihren knapp formulierten Empfehlungen Hotels und Restaurants, Einkaufszentren und Diskotheken mehr Raum geben als den kulturhistorischen Stätten einer Region. Mit ihnen wurde ein Publikum gewonnen, das bisher auf Reiseführer verzichtet hat. Er hat freilich auch zu tun mit einer geradezu ungeheuerlichen Diversifikation auf dem deutschen Reisebuchmarkt. Bei mittlerweile 260 Reiseführer-Reihen finden sich Titel für alle Aspekte des Unterwegsseins und selbst die ausgefallensten Wünsche und Liebhabereien der Urlauber.

Für Reisespezialisten stellt sich unweigerlich die Frage, ob es jenen Anfänger überhaupt noch gibt, an den sich nun solch neue Bände wie "Info-Guide USA" des Verlags terra magica, "Reisen in den USA" oder "Reiseknigge Asien" aus dem Koval Verlag, aber eben auch das "Selbstreise- Handbuch" wenden. Sie suchen den mündigen Touristen, der sich allein oder mit der Familie auf den Weg in die weite Welt machen will, jenseits aller Pauschal- und Gruppenarrangements: zugleich aber den unerfahrenen Urlauber, dem man meint erklären zu müssen, was ein Rückflugticket ist, welchen Vorteil eine zweite Kreditkarte hat, daß man bei Fernreisen dem Jetlag nicht entkommt und in Rucksäcke nie mehr hineinpacken sollte, als man später tragen kann. "Ist Ihnen klar, worauf Sie sich einlassen", wird der Leser des "Selbstreise-Handbuchs" in einer Checkliste zur Reisevorbereitung gefragt, die so umfangreich ist und so diffizil, daß diese Vorarbeit über einen Zeitraum von drei Monaten verteilt wird. Da möchte man am liebsten wieder zum Veranstalter-Katalog greifen oder sich gleich am Last-minute-Schalter anstellen.

Der Urlaub heute ist zu einer industriell gefertigten Massenware geworden, zusammengesetzt aus den standardisierten Teilen eines Baukastens. Das heißt keineswegs, daß darin kein Raum bliebe für individuelle Wünsche. Letztlich aber gibt dieses Prinzip selbst persönlichen Erlebnissen und Abenteuern den Anschein des Buchbaren eine Vorstellung, die auch immer mehr Reiseführer wecken, indem sie die Verfügbarkeit einer Welt voller exotischer Höhepunkte widerspiegeln, statt ein Bewußtsein für den Alltag, also die Wirklichkeit eines Reiseziels zu schaffen.

Diese neuen Bücher gehen einen anderen Weg. Sie machen nicht mit enggesteckten Regionen vertraut, sondern mit riesigen Kulturräumen. Statt Hoteladressen zu geben, informieren sie deshalb viel grundsätzlicher über die unterschiedlichen Arten von Unterkünften. Anstelle von Restaurantempfehlungen erhält der Leser einen umfassenden Einblick in die landestypische Küche. Und die sonst üblichen Listen mit günstigen Läden werden hier ersetzt durch eine Einführung in die wichtigsten Rituale beim Einkaufen, die sich teils auf Aberglaube stützen können, teils aber auch nichts anderes sind als geschäftstüchtige Höflichkeit. Dort, wo vom täglichen Miteinander die Rede ist, scheut sich der Koval Verlag denn auch nicht, die Kapitel gleich mit "Gutes Benehmen" zu überschreiben.

Was diese Bücher wollen, ist den Leser gleichermaßen zu sensibilisieren für das Gastland wie für seine eigene Rolle als Gast. Naturgemäß gelingt den Autoren dies mit unterschiedlichem Erfolg. Um Gemeinplätze kommen sie nicht herum, am Ende aber gehen sie weit über das hinaus, was man als den gesunden Menschenverstand bezeichnet.

Über den Erfolg solcher Absichten läßt sich nicht spekulieren und über den wirtschaftlichen Erfolg dieser Titel erst reden, wenn die erste Auflage vergriffen ist. Optimistisch mag man sie als Zeichen eines Trends lesen, der weniger mit Angst vor der Fremde zu tun hat als mit Respekt gegenüber dem besuchten Land pragmatisch als den Versuch einiger Verlage, den Reisebuchmarkt um ein Segment zu erweitern.

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