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Buchmarkt
Februar 2001
Norbert Lüdtke

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR
www.reisegeschichte.de
April 2002
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  Kuriose Exponate
   
  Der repäsentative Schloßplatz Alt-Saarbrückens hat schon viele Abenteurer gesehen: Rüdiger Nehberg, Werner Freund, Sahara-Willy … und auch den Nachwuchs aus der Deutschen Zentrale für Globetrotter. Meist bewundern sie die barocken Bauten nur kurz und blicken sich dann suchend um, denn der »König der Globetrotter« (Spiegel) muß hier irgendwo zu finden sein. Am Alten Rathaus findet sich schließlich eine kleine Tafel: » Abenteuermuseum«.

 

Der Aufbruch

„Wohin reitet der Herr?“
„Ich weiß es nicht,“ sagte ich, „nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“
„Du kennst also das Ziel,“ fragte er.
„Ja,“ antwortete ich, „ich sagte es doch. Weg von hier – das ist mein Ziel.“

Franz Kafka

Dort fällt der Blick zuerst auf eine malaiische Fahrradrikscha, von der Wand blicken warnend die Köpfe von Rhinozeros, afrikanischem Büffel, Wildebeest und in der Vitrine neben dem Eingang züngelt eine ausgestopfte Anakonda. Von einem mannshohen Plakat lacht ein Athlet mit weißem Bart und Haupthaar, ein Bambusfloß stakend: Heinz Rox-Schulz vor etwa 20 Jahren.

Im hintersten der vier Räume des Abenteuermuseums finden wir ihn schließlich. Lachfalten verraten seinen Humor und seine Lust an subtilen, manchmal derben Späßen. Unentwegt präsentiert er sein Museum, dessen Direktor und einziger Angestellter er seit 21 Jahren ist.

Heinz Schulz wurde am 23. März 1921 im ostpreußischen Königsberg als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren. Er lernte Spitzendreher, doch das Herz hing an Zirkus und Sport. Er segelte Regatten, war Rettungsschwimmer, ostpreußischer Jugendmeister im Federgewicht, nahm 1938 an den deutschen Jugendmeisterschaften im Geräteturnen teil und wurde für die Olympiamannschaft 1940 aufgestellt. Der Krieg kam dazwischen, Schulz wurde Bordfunker, war in Rußland und nach dem Krieg in einem englischen Gefangenenlager in Belgien.

Seine artistischen Fähigkeiten und bürgerliche Gelegenheitsjobs – fast wäre er Versicherungsagent geworden - halfen Heinz Schulz nach dem Krieg zu überleben. Er tingelte mit seinem Holzköfferchen durch Deutschland, lebte von Flic-Flacs und Clownerien in Revuen, Night-Clubs, im Zirkus, auf Winzerfesten und Jahrmärkten. Höhepunkt der Darbietungen war der einarmige Handstand auf zwei mit der Öffnung aufeinander gestellten Flaschen. Aus Heinz Schulz wurde Mr. Rox.

1950 folgte zunächst ein Engagement in Madrid, dann eines in Karthum, ein weiteres in Kairo. Aus dem deutschen Artisten war ein artistischer Globetrotter geworden. Es zog ihn nach Indien und schließlich um die ganze Welt: »Die Welt war meine Universität, die Völker waren meine Lehrer …« 1956 schrieb er Ohne Geld um die Welt, 1957 Himmel und Hölle Indien – Neue Abenteuer des Mr. Rox, beide wurden bei Bertelsmann zum Bestseller. Rox begann zu filmen. Seine Bolex mit Federwerk wurde energiesparend von Hand aufgezogen. Filmen wurde zur Faszination, später zum Beruf. Die Indische Rhapsodie war im Kino zu sehen und wurde ausgezeichnet.
Eine zweite fünfjährige Reise 1958-62, diesmal mit dem VW-Bus, führte ihn durch Südamerika. Hier hütete er Kühe mit Gauchos im Gran Chaco von Paraguay, geriet zwischen die Fronten amerikanischer Erdölsucher und Mojo-Indianer und stieß mit seinem Faltboot in die grüne Hölle Amazoniens vor, um dort einige Monate mit den Chacobo-Indianern zu verbringen. Ein weiteres Buch mit dem fast schon programmatischen Titel „Verrückter Gringo“ berichtete von diesen Abenteuern.

Ab 1962 war Rox freier Mitarbeiter des Saarländischen Fernsehens. Er filmte mit Sahara-Willy in Nordafrika, war Gast bei den Achanty an der westafrikanischen Goldküste, begleitete mit seiner Kamera saarländische Reiter 1977 beim Great American Horse Race, einem Marathonritt quer durch Nordamerika streifte immer wieder durch Asien und suchte auch das Abenteuer vor der Haustür, so der Titel einer Filmserie. Seine Einstundenfilme liefen erst im Saarländischen Fernsehen, dann in der ARD. Sie sind filmische Besonderheiten, denn Rox arbeitete immer spontan. Für ein Drehbuch gab es keine Zeit. Es zählte einzig die Unmittelbarkeit des Erlebnisses.

Das Abenteuermuseum

1980 überzeugte er den damaligen Saarbrücker Oberbürgermeister Oscar Lafontaine, mit ihm gemeinsam das Abenteuermuseum zu gründen. Ein Kuriositätenkabinett entstand, wie man es so nirgends in Deutschland findet. Das Saarland ist dafür der passende Ort: mal bayrisch, mal preußisch, mal französisch, mal deutsch. Das Hauptanliegen von Rox ist es seit jeher, sich für fremde Völker zu engagieren und Verständnis für andere Menschen zu wecken. Die Exponate sind einzigartige »Souvenirs« – Einzelstücke, gesammelt entlang eines lebenslangen Reiseweges: die Mumie grub Rox im Ica-Tal in Peru aus, den Schrumpfkopf erhielt er als Gast der Jibaro-Indianern im Amazonasquellgebiet erst nach tagelangem Handeln … Zu jedem dieser Kuriosita weiß der Reisekünstler eine authentische Story zu erzählen. Seine Sammlung ist der sichtbare Ausdruck seines Reiselebens.

Am 23. März 2001 feiert Rox seinen 80. Geburtstag. Hierzu wird ihm der Kultusminister des Saarlandes, Jürgen Schreier, gratulieren. Die Deutsche Zentrale für Globetrotter (DZG) überreicht zu diesem Anlaß eine Galerie der Reisenden mit 50 individuell gestalteten Objekten von leidenschaftlich Reisenden.

Das Saarländische Fernsehen widmet Rox am 24. März die aktuelle Sendung des Reisemagazins Tele-Tour, live mit den Mitgliedern der DZG.

Der Oberbürgermeister von Saarbrücken ehrt Rox am 1. April im Rathausfestsaal der Stadt durch einen Empfang und eine Lesung aus seinen Büchern.

Die Deutsche Zentrale für Globetrotter (DZG), deren Ehrenmitglied Rox ist, initiierte im vergangenen Herbst die Gründung eines gemeinnützigen Fördervereins, um das Fortbestehen des Museums im neuen Jahrtausend zu sichern. Die Sammlung hat ihre Probleme, die Stadt kein Geld, Vitrinen sind überfüllt, Räume zu eng – vor allem für Sonderveranstaltungen mit Schulklassen, Reisenden, Journalisten, Wissenschaftler oder eben Abenteurern.

Die Freunde des Abenteuermuseums Saarbrücken (FAMS) wollen unter anderem einen Computerarbeitsplatz mit Internetanschluß einrichten. Rox‘sche Texte, Filme und Fotos sollen mit modernen Methoden erfaßt und neu publiziert werden. Damit die Filme für Besucher und Schulklassen gezeigt werden können, soll ein Videobeamer angeschafft werden. Dafür werden Sponsoren gesucht. Eine Besucherbefragung läuft, ein Schulkonzept ist in Arbeit. Zur Zeit inventarisiert Dr. Heribert J. Leonardy die Exponate des Museums und kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit. Der Kulturwissenschaftler wurde im Auftrag der Stadt Saarbrücken Rox zur Seite gestellt. Für den Saarbrücker, der das Museum seit seiner Teenagerzeit kennt, ist es ein intellektuelles Abenteuer mit Rox, dem Förderverein und den sich hier begegnenden Globetrottern zusammenzuarbeiten. Ab Januar 2001 treffen sich im Abenteuermuseum Globetrotter und Reiseinteressierte am letzten Freitag eines Monats zum Erfahrungsaustausch in geselliger Runde.

Die Perspektive:

Ein Reisekulturzentrum

Die langfristige Perspektive beschreibt der erste Vorsitzende der Freunde des Abenteuermuseums, Norbert Lüdtke: »Das Abenteuermuseum könnte der Keim eines deutschen Reisekulturzentrums sein. Es repräsentiert schon jetzt das individuelle Reisen nach 1950. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Deutschen Zentrale für Globetrotter (DZG) und dem Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens (AGIR) kann daraus eine Institution der Reisekultur erwachsen, in der Reisende und Reisejournalisten, Reiseverlage und Akademiker einander begegnen.« Über AGIR wurde bereits im Buchmarkt berichtet (siehe …). Im Vordergrund des Archivs stehen Zeugnisse von Individualreisenden: Reiseberichte, Manuskriptdrucke, Selbstverlage, Zeitschriften der Globetrotterclubs … 6000 Bücher, 150 Meter Archivalien sind unterzubringen, ebenso Möglichkeiten zum Schmökern, Recherchieren und Studieren.

Vom Pauschalreisenden unterscheiden sich Individualreisende wie Gourmands von Gourmets. Die 800 Globetrotter der DZG pflegen eine vielfältig geprägte Reisekultur. Die Reise zu planen und zu organisieren ist ihnen Lust, nicht Last. Alexandra David-Néel: »Im Menschen ist etwas, das stärker ist als er, das ihn Wege gehen läßt, die ohne Ziel scheinen. Dennoch ist glücklich, wer auf ihnen geht.« Die DZG ist Herausgeber des Selbstreise-Handbuches (Peter Meyer Verlag, Frankfurt am Main), von Freddy Langer in der FAZ bezeichnet als »Einführung in die Kunst des Reisens …«. Das Selbstreise-Handbuch erscheint im Frühjahr in dritter Auflage. Das alles kann die DZG in das Reisekulturzentrum einbringen.

Doch wie soll dieser Ort aussehen? Sonja Roschy, stellvertretende Vorsitzende der DZG, weiß das genau, denn sie beschäftigt sich schon lange mit den unterschiedlichen Wohn- und Lebensformen der Völker: »Ich stelle mir eine Fernwehoase vor, in der sich Reisende begegnen. Darin würde ich (T)Raumlandschaften und Gästezimmer im Stil verschiedener Wohnkulturen der Welt schaffen, die dazu anregen, sich die Ferne nach Hause zu holen, zum Träumen & Reisen, Begegnen & Informieren, Entspannen & Genießen … Also ein lebendiges Haus, das dem Reisen gewidmet ist.« Richtig rund wird ein solches Zentrum in einer naturnahen Umgebung, die Projekte und Exkursionen ermöglicht. Die Konzepte dazu sind fertig, erste Pläne ausgearbeitet. Jetzt sind Politik und Öffentlichkeit gefragt, denn solch ein Projekt kann nur gemeinsam mit Stadt und Land , mit Sponsoren und Stiftern verwirklicht werden. Doch stünde dem »Reiseweltmeister« Deutschland ein solches Kleinod gut, zumal es dem Standort ein charakteristisches Profil verliehe. Und was wäre passender als das Dreiländereck bei den reiselustigen Saarländern und ihrem König der Globetrotter …

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