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Tips für die Wahl des Reiseführers

 
Autor:
Norbert Lüdtke - Copyright © 2002
Webquelle
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR www.reisegeschichte.de
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Wozu dient ein Reiseführer im besten Fall?

 

Ein nützlicher Reiseführer für Individualreisen:

  • erleichtert die alltägliche Suche nach Verkehrsmitteln, Übernachtung, Essen & Trinken.
    Also: Bei allen Orten wird ein repräsentatives Angebot hinsichtlich der Kriterien Geld- & Zeitersparnis, Bequemlichkeit, Sauberkeit … vorgestellt.
  • erleichtert den Umgang mit dem Land und dessen Menschen.
    Also: Landesübliche Zustände und Verhaltensweisen, Strukturen und Funktionen werden dargestellt, Möglichkeiten zur Konfliktvermeidung und zur Anpassung werden empfohlen.
  • erleichtert es, ihn ständig zu nutzen.
    Also sind bei möglichst geringem Umfang (und Gewicht) möglichst viele Informationen möglichst einfach zugänglich. Alle Inhalte sind daran zu messen, wie klar und direkt sie diesen Zwecken dienen: Texte & Bilder, Karten & Register, Exkurse & Verzeichnisse …

Alles, was über dieses Notwendige hinausgeht, spiegelt die besonderen Interessen von Autor, Verleger und Lektor. Bezahlen und schleppen muß es der Reisende. Er hat daher das Recht zu erfahren, was ihm zwischen den beiden Buchdeckeln angeboten wird. Gut, wenn der Verlag es offen anpreist, als: Kulturreiseführer, Reiseführer für umweltbewußtes Reisen, Bildreiseführer …

Zusatzangebote machen die Reiseführerreihen unterscheidbar, sie entscheiden oftmals den Kauf. Aber liefern sie wirklich einen zusätzlichen Nutzen? Oder geht das erweiterte Angebot auf Kosten der grundlegenden Funktionen?

   
 

Geht's nicht auch ohne Reiseführer?

 

Ein Reiseführer ist sinnvoll, wenn

  • man Angst hat, ohne Reiseführer loszufahren - dann ist der Reiseführer eine Art psychologischer "Versicherung";
  • man die Reisezeit optimal nutzen möchte - dann ist der Reiseführer ein Handwerkszeug mit Adressen, Zeiten, Preisen ...;
  • man über Hintergrundinformationen verfügen möchte - dann ist der Reiseführer ein textorientierter Materialienband mit Fakten über Architektur, Land, Leute, Sprache, Kultur ...
  • man die Spannung steigern, den Genuß auf das zu Erwartende schon vor der Ankunft reizen möchte - dann ist der Reiseführer ein bildorientiertes Coffeetable-Buch zum Blättern, mit Bildern, Fotos, Anekdoten, Anregungen ...

Ein Reiseführer tut genau das: Er führt den Reisenden so, wie das Schienennetz die Züge führt. Man kommt nicht überall an, aber wenn man Glück hat, kann man umsteigen. Im Ausland und in einer neuen Umgebung birgt der Reiseführer eine jedoch eine besondere Gefahr. Manch ein Nutzer neigt zur Ansicht: Was nicht im Reiseführer steht, existiert auch nicht. Wer so reist, für den wird das Reiseziel zum Spiegelbild des Reiseführers. Er vollzieht ausschließlich nach, was der Autor des Reiseführers in Worte und Werte gefaßt hat.

Auf die Sicherheit des Reiseführers zu verzichten, eröffnet neue Räume. Ein Trost mag sein, daß die Sicherheit des Reiseführers eine trügerische ist, denn man findet ja nur eine Information, die

  • mindestens ein Jahr alt ist (Recherche plus Schreiben plus Verlegen ... - das dauert)
  • oft auf einer einmaligen Erfahrung beruht (und dann zufällig und willkürlich ist)
  • bewertet aus der besonderen Sicht eines erfahrenen, sprachkundigen, landeskundigen Autors (der vielleicht die Probleme eines unerfahrenen, sprachunkundigen, verängstigten Urlaubers nicht mehr versteht)

Weshalb also nicht gleich auf den Reiseführer verzichten und eigene Erfahrungen machen? Das erfordert natürlich eine abenteuerliche Einstellung! Dafür gibt es wertvolle Vorteile:

  • man macht eigene Entdeckungen und kann stolz darauf sein
  • man verläßt die Pfade, die alle Nutzer des Reiseführers wandeln
  • Neues erscheint unerwartet und wird zum tieferen Erlebnis

Entwickeln Sie eigene Reisesysteme, beispielsweise

  • das System der kleinstmöglichen Abzweigung: Wählen Sie von zwei Wegen immer den kleineren, unscheinbareren, den alle anderen nicht gehen.
  • Das System des Zufalls: Formulieren Sie jeden Tag mehrere Reisealternativen und würfeln Sie dann eine aus.
   
 

Erscheinungsjahr & Auflage - Maßstab für Qualität?

 

Was bedeutet die Jahreszahl »2003« auf den ersten Seiten des Buches? Den Zeitraum der Recherche durch den Autor? Den Redaktionsschluß? Den Abschluß der Redaktionsarbeit oder den Zeitpunkt der Drucklegung oder den der Auslieferung? Dazwischen können Monate oder gar Jahre liegen!

Test-Tip: Wurden touristisch bedeutsame Änderungen aus den letzten 12 Monaten berücksichtigt: ein neuer Flughafen, eine andere Währung, neue Vorwahlen, der Einreisebestimmung …? Bei Ländern mit deutlicher Inflationsrate läßt sich am angegebenen Wechselkurs der Aktualisierungszeitpunkt abschätzen.

Die erste Auflage kann ein Schnellschuß sein. Sie kommt immer unter Zeitdruck zustande, denn man möchte ja die aktuellen Rechercheergebnisse schnell nutzen und das noch vor der Reisesaison. Fehler sind dann kaum vermeidbar.

Die zweite Auflage erscheint bei einem erfolgreichen Band vielleicht schon im folgenden Jahr. Man wird ein wenig nachrecherchieren und die dicksten Fehler beseitigen, die seit der ersten Auflage aufgefallen sind. Der Verlag möchte Geld und Zeit sparen und versucht, Änderungen auf möglichst wenige Seiten (Druckbögen) zu beschränken, um Kosten zu sparen.

Die »verbesserte« Auflage hat mindestens die gröbsten Fehler ausgemerzt - daher ist die 2. Auflage oft besser als die erste! In der »aktualisierten« Auflage sollten alle Daten überprüft und angepaßt worden sein: Adressen, Telefonnummern, Preise, Zeiten…

Die dritte Auflage mag deutlich erweitert sein oder einen zusätzlichen Nutzen bieten, denn der Autor hat neue Ideen, rezensenten und Leser haben Kritik geäußert und der Verlag braucht ein zusätzliches Werbeargument.

Die »erweiterte« Auflage ist inhaltlich gewachsen; eine »überarbeitete« Auflage sollte strukturell und inhaltlich verändert sein. Aber was ist eine »durchgesehene« Auflage? Und hatte das »durchsehen« auch Konsequenzen?

Spätestens ab der vierten Auflage läßt sich wohl annehmen, daß ein Reiseführer vom Publikum dauerhaft wohlwollend beurteilt wird.

   
 

Wie unterscheiden sich die Reiseführer-Reihen und Verlage?

Heute preisen sich für jedes Reiseziel gleich mehrere Reiseführer an. Welcher mag der Richtige sein? Die Informationsflut verlangt den mündigen Leser, doch der suchende Käufer beschränkt sich meist auf das, was im Regal des Buchladens verfügbar ist. Er blättert hier und da und wählt schließlich, was ihn "irgendwie" anspricht. Eine Entscheidung, die sich wohl eher psychologisch als rational begründen läßt. Ein Beispiel: Auf dem Reiseführer Dominikanische Republik (Michael Müller Verlag) pappt ein Button: "Testsieger 1998 & 1999 - Reiseführer-Vergleichstest Globo - bester Individualreiseführer". Das muß ja was Tolles sein! Beim Blättern durch die 263 Seiten addieren sich die farbigen Fotos auf fast 70 Seiten. Mehr als 25% des Buches illustrieren anstatt zu informieren. Ist das im Interesse von Individualreisenden? Nach welchen Kriterien analysiert und urteilt die Globo-Redaktion?

Auch im Buchmarkt, einer Fachzeitschrift für Buchhändler, schneiden die Reiseführer von Michael Müller sehr gut ab, sie gefallen den Buchhändlern, man empfiehlt sie gern. Technisch gesehen ist ein Reiseführer ein Werkzeug: Ein Messer ist ein Messer ist ein Messer. Oder doch nicht? Kauft jemand ein Taschenmesser, weil es einen Korkenzieher hat oder eine Nagelfeile, auch wenn das Messer kein Messer mehr ist? Das Wesen eines Reiseführers ist es, den Reisenden Sicherheit zu geben, sie durch ein für sie unbekanntes Gebiet zu führen, ihnen das Reisen zu erleichtern. Das setzt Unsicherheit voraus, Angst vielleicht. Viel aufregender ist es jedenfalls ohne Reiseführer. Vielleicht, mag sich mancher Verleger denken, läßt sich den Leuten Sicherheit ja auch anders vermitteln. Vielleicht genügt es, ihnen ein sicheres Gefühl zu geben. Der umfangreiche, eng bedruckte Reiseführer mag ja vielleicht bucherfahrene Vielreisende anlocken. Aber ist es nicht die massenhafte Information, die viele Reisende erst recht verunsichert? Wer hilft ihnen, unter zehn angegebenen Hotels das "richtige" auszuwählen? Wer kümmert sich um diese viel zahlreicheren, unerfahrenen Leser? Kann man ihnen die Welt nicht leichter verdaulich servieren? Suggeriert ihnen ein überschaubarer, dünner Reiseführer, daß die Welt ebenso überschaubar ist? Daß Reisende, die sich auf den wenigen Seiten zurechtfinden, sich auch am Reiseziel nicht verlieren können? Und können nicht auch Bilder ein Gefühl der Vertrautheit schaffen? Vorausgesetzt, die Bilder zeigen nicht Unheimliches und Unerwartetes, sondern reproduzieren das Erwartete. Dann wird die Information von der Präsentation verdrängt. Ein Fanfarenstoß für jeden Info-Happen!

Die Globetrotter der 60er und 70er Jahre hätten sich gerne mit zuviel Information herumgeschlagen. Stattdessen schrieben sie sich ihre Reiseführer selber. Heute hat das wachsende Angebot und die Konkurrenz zwischen den Verlagen die Individualreiseführer professionalisiert und damit meist verbessert.

Doch viele kleine Verlage haben aufgegeben. Die Geschichte der Individualreiseführer zeigt, daß die Verleger selbst die Meßlatte für ihre Produkte immer höher gelegt haben. Wer da nicht mithalten kann, fliegt raus: Reiseführer erscheinen im Zweijahresrhythmus und werden von Landeskennern überarbeitet. Vierfarbumschläge, Fadenheftung, Klappenbroschur, Griffmarken, Farbtafeln prägen den Auftritt. Es gibt farbige Karten, eine Vielzahl von Stadtplänen, detaillierte Inhaltsverzeichnisse und vielerlei Register … Sicher gibt es mal einen Flop, einen Schnellschuß oder ein flüchtiges Lektorat. Doch das sind Ausnahmen. So werden die perfektionierten Produkte immer austauschbarer. Eine neue Idee ist nach drei Jahren marktüblicher Standard und als Alleinstellungsmerkmal verbraucht. Profilbildung durch programmatische Inhalte erfordern engagierte Verleger, ein aufwendiges Lektorat und richten sich an einen mündigen Käufer - aber ist das der Normalfall?

   

Reiseführer und Karten

 

Ein Reiseführer ohne Karte ist wie ein Surfboard in der Wüste. Doch was genau sollen Karten in Reiseführern? Sie

  • vermitteln dem Reisenden zunächst eine abstrakte Vorstellung der Region oder des Ortes;
  • ermöglichen zweitens das Planen einer Fahrt oder Wanderung und
  • erleichtern drittens die Orientierung.

Nicht jede Karte erreicht diese Ziele. Dazu muß sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen, übersichtlich bleiben und zu den Angaben im Text passen. Es ist mühsam und langwierig, solch eine gute Karte zu zeichnen. Einige Tests helfen, gute und schlechte Karten zu erkennen:
Ø Lassen sich die im Text erwähnten Orte, Straßen, Sehenswürdigkeiten … in der Karte finden?
Ø Ist die Bedeutung von Straßen erkennbar, z.B. als Autobahn, Haupt- und Nebenstraße? Helfen Namen oder Nummern sie zu finden?
Ø Ist am Kartenrand angezeigt, wohin die Straßen führen, z.B. in welche Stadt?
Ø Sind Nordpfeil und Maßstab angegeben, damit Richtungen und Entfernungen gefunden werden können?
Ø Ist der Reisealltag berücksichtigt: Bank, Bahnhof, Busbahnhof, Post, Information, Hotel, Buchhandlung, Geschäfte, Parkplätze …?
Ø Sind wichtige Orientierungspunkte eingezeichnet: Kirchen, Gipfel, Funkturm, Brücken, Bahnlinien, Märkte, Plätze …?
Ø Sind Farben, Schriften und Signaturen deutlich zugeordnet, übersichtlich angeordnet und entsprechend ihrer Bedeutung gewichtet?
Ø Enthält die Karte Legenden mit Nummern sowie größere leere Flächen? Dann ist der Maßstab unangemessen oder man hat sich eine Ausschnittkarte gespart.
Ø Und schließlich: Hilft die Karte, sich den Ort oder die Region vorzustellen?

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