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Briefe zur Beförderung der Humanität

Johann Gottfried Herder

 

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Dabei aber gingen nicht sofort auch die Erzählungen selbst, jene Heldensagen zugrunde, die gleichsam die Seele dieser Völker, ihr Trank und ihre geistige Speise waren. Sie konnten nicht zugrunde gehen, weil diese Völker (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist) abenteuerlich dachten und entweder gar nicht oder im Abenteuer lebten. Ein Volk, von wenigen, aber starken Begriffen und Leidenschaften geregt und getrieben, hat wenig Lust zu ordnungsmäßigen, gewöhnlichen, ruhigen Geschäften; es bleibt gegen sie kalt und träge. Dagegen flammet’s auf, wenn ein Abenteuer ruft, wenn wie ein Jagd- und Kriegshorn die Abenteuersage ertönet. In eingepflanzten Trieben, in angebornen Begriffen und Neigungen ging diese Liebe zum Abenteuer auf Geschlechter hinab; der geistliche Stand, in dessen Händen die Bildung der Menschen nach Begriffen der Zeit war, bemächtigte sich dieses Triebes; er fabelte, dichtete, erzählte.

Von Erzählungen fängt alle Kultur roher Völker an; sie lesen nicht, sie vernünfteln nicht gern, aber sie hören und lassen sich erzählen. So Kinder, so alle Stände, die, insonderheit unter freiem Himmel, ein halbmüßiges Leben führen. Wo sie auch leben, Norweger und Araber, Perser und Mogolen, der Gote, Sachse, Frank und Katte des Mittelalters, noch jetzt alle halbmüßige Abenteurer, Krieger, Jäger, Reisende, Pilger haben hierin einerlei Geschmack, einerlei Zeitkürzung Unwissenheit ist die Mutter des Wunderbaren, unternehmende Kühnheit seine Ernährerin, unzählige Sagen seine Nachkommenschaft und ihr großer Mentor der Glaube. Wenn Mönche dergleichen Erzählungen in ihre Chroniken aufnahmen und ihre Legenden selbst darnach schrieben, so taten sie es nicht immer aus Lust zu betrügen. Es war Geschmack und sogar Kreis des Wissens, Denkart der Zeit; eine echte Mönchschronik mußte vom Anfange der Welt anfangen und in bestimmten Zeiträumen durch Fabel und Geschichte der Griechen und Römer (Geschichte und Dichtung auf einem Grunde betrachtet) bis zum Ende der Welt fortgehn; das war der gegebene Umriß. Eben nach den Begebenheiten der Zeit, die allesamt geistliche und weltliche Abenteuer waren, formte sich der Umriß der Erzählung, bildete sich der Ton des Ganzen. Mehr als eine Chronik der mittleren Zeiten ist wie ein zyklisches Gedicht zu lesen.

Wenn aber und wie wird aus diesen vermischten Sagen und Abenteuermärchen so verschiedner Völker in so verschiednen Gegenden und Umständen eine »Ilias,« eine »Odyssee« erwachsen, die allem gleichsam den Kranz raubte und jetzt als Sage der Sagen gelten.


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