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Reise-Wissenschaften

»Mit Worten läßt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten« (Faust). – Einige umherschweifende Gedanken …

Wer kann denn auf Anhieb den Unterschied zwischen Ethnologie, Völkerkunde und Soziologie erklären? Völkerkunde darf man nicht mehr sagen – oder doch?

17 deutsche Unis bieten das Fach Völkerkunde an, etwa 10.000 Studenten belegen es. Die interessieren sich aber kaum für Friesen, Rheinländer, Bayern, selbst Basken, Schotten und Kroaten werden ignoriert. Dafür ist die »Volkskunde« zuständig; die Völker müssen schon recht weit weg sein: »Obwohl im Sinne unserer Wissenschaft unter Völkern alle Völker und auch kleinere nationale Einheiten wie Stämme verstanden werden, befaßt sich die völkerkundliche Forschung doch herkömmlicherweise aus praktischen und anderen Gründen bevorzugt mit den weniger komplizierten und daher der Untersuchung zugänglicheren Naturvölkern … mit geringen Mitteln zur Naturbeherrschung…« (Fischer-Lexikon Völkerkunde 1959).

Da hätten sie auch gleich von Primitiven reden können, nichts anderes ist doch gemeint! Auch der Begriff Stamm wird heute vermieden und durch Volk oder Ethnie ersetzt. Hinter der griechischen Begriffsfassade versteckt sich jedoch ebenfalls das »Volk«.

Eingeborene sagt man auch nicht, die »political correctness« bevorzugt derzeit indigene Völker. Die werden von der UNO definiert als Menschen, mit historischen und traditionellen Beziehungen zu ihrem Land. Doch das lateinische Indigen übersetzt Wahrig (1991) mit eingeboren.

Für den Großen Meyer ist die Völkerkunde noch 1979 eine »Wissenschaft der schriftlosen Völker«. Was wird denn daraus, wenn die »Naturvölker« alle Transistorradios haben und schreiben können? Oder sie können nicht schreiben und leben in Berliner, Dortmunder oder Frankfurter Ausländerghettos? Sind sie dann für die Völkerkunde interessant? Ein paar Unis betreiben bereits eine europäische Ethnologie und sind dabei, sie mit der Soziologie zu verschmelzen, die ja schließlich »die Formen des menschlichen Zusammenlebens und die dadurch hervorgerufenen Verhaltensweisen« untersucht. Auch das Völkerkundemuseum Basel suchte einen Ausweg und nennt sich nun Museum der Kulturen. Was ist damit gewonnen? Michel Leiris fand eine schöne Metapher für das Problem des Ethnologen: »Was man zu fassen bekommt, ist immer der Schatten und nicht die Beute.«

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