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Deutsche Zentrale für Globetrotter

Der weite Weg zum Globetrotter-Club

Die Kinder von Torremolinos auf der Magical Mystery Tour

So um 1968 hatten die Nachkriegskinder genug von den Caprifischern: Der Traum vom guten Leben beherrschte bis dahin den Alltag der meisten Deutschen. Der Freßwelle folgten Auto-, Camping- und Reisewelle, Neckermann macht’s seit 1960 möglich. 1968 urlaubten erstmals mehr Deutsche im Ausland als in Deutschland. Mit Urlaub ließ sich protzen, Konsum und Karriere waren »in«. Sicherheit, Ruhe und Ordnung hießen die Zauberwörter.

Erster Protest imitierte verspätet amerikanische Vorbilder: Jack Kerouac, der »Latrinen-Laureatus der Penner-Bohème« (Times) schuf das Bild der Beat Generation, sein On the Road berührte die reiseromantischen Gefühle einer ganzen Generation. Im Benzedrinrausch verherrlichte Kerouac alles, was anstieß: den »heiligen« Neal Cassidy als sexbessenen Autodieb, den Heroin-Junkie William S. Burroughs, den schwulen Ekstatiker Allen Ginsberg. Außer Atem vom Bebop der Beatniks mutierte der Sound zum Rock der Sechziger. Spätestens die Magical Mystery Tour der Beatles stimmte die Jugend Deutschlands ein auf Patschouli und Sitar, ließ sie den blumenbekränzten Wandervögeln folgen, auf dem Trip nach Indien und Nepal. Unterwegs trafen sich die Hippies der Welt in den Bussen von Indigo Overland, auf Suntrekkers dachlosen Doppeldeckern, im Magic Bus (20 Tage bis Nepal), im Pudding-Shop Istanbuls, auf Kabuls Markt, an Goas Stränden, im Kathmandu Guesthouse. James Micheners Kinder von Torremolinos spiegelt das Feeling jener Epoche – auch wenn es mehr Kitsch ist als Kunst, mehr Abziehbild als Porträt. Die indische Sicht beschreibt Captain F. D. Colaabavala in Hippie Dharma: »they come to India, spread, stink and leave a lot of dirt…«.

Einer von ihnen ist Tiny Stricker. Er trampt 1968 nach Kuwait, gerade 19 Jahre alt. Ist Dolmetscher bei der persischen Luftwaffe, Bademeister in Karachi und gründet die Kambudu Rock Gang. Sein Reisebericht über Trips, Drogen und Homosexualität, über ein Leben zwischen Realität und Phantasie wird auf der Mainzer Minipressenmesse 1970 zum Alternativbuch des Jahres gewählt.

Wenig später begegnet Ulrich Günthner den Narren des Glücks auf seinem Weg durch Indonesien, Thailand, Malaysia, Indien bis nach Istanbul. Distanziert beschreibt er »Heilssucher und Hoffnungslose, Abenteurer und Ausgestoßene, Drogensüchtige und Daseinskünstler«. Das Bild der Gammler überwiegt, die angeblich auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung herumlungern. 1972 entsetzt sich die Indologin Vera Vuckovacki über das »Leben der Hippies, die in die Länder, wo die Drogen wachsen, pilgern, um eine Traumwelt zu suchen, aber eine Hölle finden« in der »Endstation Kathmandu.« Sie fallen auf als Schaumkrone einer stetig sich vergrößernden Welle – andere finden sich infiziert vom Unruhe-Virus. Es sind Reisende aus Berufung, ihre Pfade liegen »off the beaten track«, und es sind Realisten, ihre Droge heißt »Unterwegs-sein«. Heimgekehrt suchen sie nach einer Reede für die Seele, wollen ausruhen, Geld verdienen, Kraft tanken für die nächste Reise. So entsteht die Idee eines Zentrums gleich mehrfach: Die 1. Deutsche Zentralstelle für Globetrotter ziert bereits 1972 das Impressum des Globetrotter-Handbuchs Von Alaska bis Feuerland, dadurch »…schrieben mich [Ludmilla Tüting] viele Leute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an und so kam es zum Fest 1974 in Hagen und zur Gründung der dzg.«

Von der Anziehungskraft dieses Clubs erzählt Christiane Grefe in einer Kleinen Philosophie der Passionen (Reisen, dtv 1998): »Die besten, die allerspannendsten [Dönekes] hatte mit weitem Abstand der Reinhold drauf … Da sitzt ein kurz und stämmig gebauter Mann um die dreißig, schweißgebadet, der Bademantel ist vorne nur allzu locker geschnürt, in duftenden Kiefernaufguß-Schwaden … und wirft mit Inbrunst Dias aus Nepal und dem Amazonasgebiet an die Wand… Wie sich herausstellte, war der exotische Saunabesucher ein Mitbegründer des "Globetrotter-Vereins". Auf der Stelle traten wir ein, um ein wenig von seiner Exotik einzufangen, und verschlangen fortan gierig die unregelmäßig erscheinenden, auf gelblichem Papier hektographierten Rundbriefe mit Erlebnisberichten … von Udo aus Guatemala oder Ludmilla aus Madagaskar.«

Etwa zur gleichen Zeit gründet Bernd Tesch in Aachen die Deutsche Globetrotter-Zentrale. Wegen der zu ähnlichen Namen wird daraus wenig später die Internationale Globetrotter-Zentrale – Interglo. Klaus Därr ließ die Industrie- und Handelskammer prüfen, ob der Name irreführend sei, und ein Hamburger Busunternehmer hatte Globetrotter als Warenzeichen schützen lassen. Schließlich blieb es bei der heutigen Globetrott-Zentrale.

 Norbert Lüdtke, Archiv zur Geschichte des Reisens (AGIR)
 


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