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Heinz Rox-Schulz

 

 

 

 

Künstlername ROX.
Reisen in der Nachkriegszeit

Der erste deutsche Artist in Asien nach dem Krieg

 
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© 1996 by
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
 

Inhaltsübersicht

Vorbemerkung   

Kurzbiographie   

This is the german acrobat, nice guy   

Reisen nach dem Zweiten Weltkrieg   

Quellenverzeichnis   

 
 
Der Aufbruch
"Wohin reitet der Herr?"
"Ich weiß es nicht," sagte ich, "nur weg von hier.
Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen."
"Du kennst also das Ziel," fragte er.
"Ja," antwortete ich, "ich sagte es doch.
Weg von hier - das ist mein Ziel."
Franz Kafka
1 Vorbemerkung 

Heinz Schulz, allen Globetrottern besser bekannt unter dem Künstlernamen Rox, wurde am 23. März 1996 fünfundsiebzig. Der "König der Globetrotter", wie ihn der Spiegel vor etwa 20 Jahren nannte, ist trotz weißen Kopf- und Barthaares jung geblieben. Die Lachfalten verraten seinen Humor und seine Lust an manchmal subtilen, manchmal derben Späßen. Ihm ist dieser Beitrag gewidmet. 

1995 habe ich ihn in Saarbrücken besucht, bin mit ihm über den Markt gegangen, um Gemüse für seine Ziegen zu besorgen, und habe in seinem Domizil "Haus Rehwinkel", das er sich mit Ziegen und einem Eselchen teilt, ein langes Interview geführt. Daraus stammen die meisten der folgenden Zitate. Der zweite Teil dieses Beitrags beschreibt, wie sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, Europa und darüber hinaus reisen ließ. 

2 Kurzbiographie 

Rox wurde geboren am 23. März 1921 im ostpreußischen Königsberg als Sohn einer Handwerkerfamilie. Er lernte ebenfalls ein Handwerk, Spitzendreher, doch mehr begeisterte er sich für Zirkus und Sport. Er segelte Regatten, war Rettungsschwimmer, boxte, war ostpreußischer Jugendmeister im Federgewicht, nahm 1938 an den deutschen Jugendmeisterschaften im Geräteturnen teil und wurde für die Olympiamannschaft 1940 aufgestellt. Seine Spezialität: Turnen an Reck, Barren, Ringen, Pferd und am Boden. 

Der Krieg kam dazwischen, Rox wurde Bordfunker, war in Rußland und nach dem Krieg in einem englischem Gefangenenlager in Belgien. Seine artistischen Fähigkeiten nutzte er nach dem Krieg zum Überleben, tingelte mit seinem Holzköfferchen durch Deutschland und lebte von seinen Darbietungen in Revuen, Night-Clubs, im Zirkus, auf Winzerfesten und Jahrmärkten. 

1950/51 folgte ein zweiwöchiges Engagement in Madrid, von dort aus ging es dann über Ägypten nach Indien und die Serie seiner Engagements zog ihn um die ganze Welt, bis er 1955 wieder nach Deutschland zurückkehrte. 1956 schrieb er sein erstes Buch (Ohne Geld um die Welt), 1957 das zweite (Himmel und Hölle Indien). 

Es folgte eine zweite fünfjährige Reise, diesmal durch Südamerika und mit dem VW-Bus. Rox hatte begonnen, zu fotografieren und zu filmen. Das wurde nach der Rückkehr zum Beruf. Seine Einstundenfilme liefen erst im Saarländischen Fernsehen, dann in der ARD. Rox war ab 1962 freier Mitarbeiter des Saarländischen Fernsehens und blieb nun im Saarland. 

Die Reisen wurden kürzer: 8, 9, 10 Monate dauerten sie und dienten nun auch zum journalistischen Gelderwerb. Unter anderem durchquerte er mit Sahara-Willy die Nordafrika, war Gast bei den Achanty, ritt 1977 5000 Kilometer quer durch Amerika. 1971 erschien das dritte Buch (Verrückter Gringo). In den siebziger Jahren entstand das Globetrotter-Museum in Saarbrücken, das sich heute im Alten Rathaus befindet. 1981 wurde sein letztes Buch noch einmal unter neuem Titel aufgelegt (Der Ruf des Condor). Bis heute betätigt er sich journalistisch, doch meist findet man ihn in seinem Abenteuermuseum oder bei seinen Tieren. Und einmal im Jahr beim Jahrestreffen der Deutschen Zentrale für Globetrotter, dort führt er die Mitgliedsnummer 1000. 

 
  3 This is the german acrobat, nice guy 

Von Kindesbeinen an war Bewegung sein Ziel, eine Tätigkeit als Handwerker oder gar sitzend im Büro für Rox völlig undenkbar. Die Liebe gehörte dem Zirkus, Clowns und Akrobaten faszinierten ihn. Doch in den Zirkus muß man hineingeboren werden, Außenstehende hatten (und haben) es schwer. "Das fahrende Volk... besitzt den Glanz und die Unnahbarkeit der Ausgepfiffenen und Verdorbenen." So blieb ihm die Akrobatik und ihr angesehenes Pendant, das Kunstturnen. 

Als Kind wollte ich Förster, Feuerwehrmann, Lokomotivführer werden, als Kind, wenn man mich fragte. Und als ich dann einen handwerklichen Beruf erlernte, da spürte ich schon, Fabrik und so, das ist nicht meine Blutgruppe. Nicht aus Arroganz, nein, nein, nicht aus Arroganz meinem Elternhaus gegenüber, die aus kleinem handwerklichem Milieu kommen, nicht deshalb. Nein, ich spürte, da muß doch noch etwas sein, das kann nicht alles sein. Ich machte auch die Gesellenprüfung als Spitzendreher, aber ich habe kaum als Geselle gearbeitet, da wurde ich schon einberufen, für die zweite Weltdummheit. 

Ich habe aber da schon gepeilt auf Sportlehrer, ich hab´ geboxt, gut, aber ich war kein Meister: gegen Polen, gegen Warschau hab´ ich immer verloren. Ich weiß noch: Mein erster KO, den ich erlebte - da ging das Licht aus, ich mach´ die Augen auf, da seh´ ich vor mir Schnürsenkel. Da wußte ich, du bist KO. [Lacht] Ich war technisch gut, im Schachspiel der Fäuste, aber ich hab´ nicht diesen Touch, dieses American Puncher-Temperament. Ich hatte mir auch die Schlaghand mal kaputt geschlagen, konnte nicht mehr aktiv sein.  

Dann stieß ich auf die Turner. Da hab ich gesehn, die echten Turner, wie die am Reck ihre Übungen machten - die Bogenübungen und die Handstände drückten und am Pferd, Flanken, Scheren, am Barren durch die Luft rollten - das gefiel mir! Und der Zirkus war ja sowieso schon für mich eine Faszination. Aber im Zirkus konnte ich nicht sein, also war für mich Turnen so ein Ersatz-Zirkus....  

Was ich wollte? - Ich war nicht so zielstrebig, ich meine, ich wußte immer, was ich wollte, das stimmt schon. Ich war schon einer, der einen Biß hatte für irgend etwas. Aber auf lange Sicht, so Zukunftsdenken, Sicherheiten... und dann steigste hoch zu dieser Position, bis zum elitären Fenstersims - das war nicht in meinem Pulsschlag drin.  

Ich war beim Amateurboxsport und ostpreußischer Jugendmeister im Federgewicht... Und wenn im Turnverein in Königsberg irgendwelche Festlichkeiten waren, Weihnachtsfest, Gründungsfest und so, hatten wir ein buntes Programm. Und dann brauchte man auch so ein paar lustige Darbietungen, turnerische, lustige, und da war ich ein kleines As. Ich bin oft in den Zirkus gegangen und habe mir da was abgeluchst, hatte schon so einen unerklärlichen Hang zur circensischen Kultur. Und an diesen Abenden vom Turnverein habe ich dann meine akrobatische Clownerie gezeigt. Zur Freude des ganzen Vereins. Und wenn andere Vereine Festlichkeiten hatten, wurde ich immer ausgeliehen, ich war sehr stolz darüber, da gab´s nen Schulterschlag, Händedruck, eine Tafel Schokolade als Gage. Das war alles, reichte doch.... Ich war Kunstturner und mit Helmut Banz war ich zusammen 1938 in Dresden, bei der Deutschen Jugendmeisterschaft im Kunstturnen." 

  

Die Ostsee vor der Tür, zog es ihn natürlich auch aufs Meer. Rox war Rettungsschwimmer bei der DLRG und segelte: 

Als junger Sportler hatte ich ja auch die Ausbildung im ostpreußischen Segelverein. Da haben wir Regatten gesegelt, ich war Vorschiffsmann." 

  

Der zweite Weltkrieg, die "Weltdummheit", wie Rox ihn nennt, nahm ihm nicht nur die Entscheidung aus der Hand, sondern zerstörte eine Jugend, wie sie viele Jugenden zerstörte und Leben auslöschte. Rox gehörte der großdeutschen Turnermannschaft an, die 1940 bei den Olympischen Spielen in Japan antreten sollte. Doch die Spiele fielen aus und Rox fand sich in Uniform. 

Und dann hab ich Helmut Banz wiedergetroffen im tiefen Winter in Rußland in Chargoff. Wir konnten uns erinnern, und da haben wir eine Doppel-Recknummer gemacht. Gibt es noch Fotos davon. Aus zwei Recks aufgebaut, und da waren noch russische Turner dabei, die in Gefangenschaft waren, die da mithalfen. Da hatten wir ein Programm für die verwundeten Soldaten. Wir mußten so ein buntes Programm zusammenschustern, und da meldete ich mich. Ich hatte `ne Fußverletzung, aber am Reck konnte ich schon was machen. Nur keinen guten Abgang. 

  

Aufgrund seiner seemännischen Ausbildung kam er zur "Flugsicherung See" und war Bordfunker beim fliegenden Personal. Nach dem Krieg verbrachte er einige Zeit in einem Gefangenenlager in Belgien, war Sparringspartner für englische Soldaten. Und wieder unterhielt er die Gefangenen mit clownesken Einlagen und akrobatischen Darbietungen. Sein Künstlername entstand in dieser Zeit, als "Schulz" war ein Auftritt einfach unmöglich. Ausgelöst durch eine XOX-Keksdose fand er zu Rox. In Hongkong, als er sich einen Paß ausstellen ließ, fand dieser Name auch offiziell Eingang in die Papiere. Gefragt, was er dann nach seiner Entlassung bis zum Beginn seiner Weltreise so gemacht hat, antwortet er: 

Hier in Europa getingelt, als Artist. Ich war Mitglied der Internationalen Artistenloge. Meine Nummer wurde im Palmengarten in Frankfurt von einem Gremium gecheckt, von Fachleuten aus Amerika. Ich bekam dann ein Permit. Da wurde klassifiziert: ich bekam sogar die A1. A1 war eine ziemlich hohe Standardnummer, das ging bis B und C, und ich hatte die Nummer A1, die Karte ist noch in meinem Besitz. Und dann tingelte ich von Hamburg nach München, in der französischen Zone, hier in Saarbrücken war ich auch, im Johannishof, oder im Kino, Night-Clubs, Revuen. Und ich hatte nur ein Zettelchen, da stand druff, der Heinz Schulz ist ein netter Mensch, laßt den laufen, laßt ihn ziehen, ungefähr so.  

  

Im Zirkus bin ich auch gelandet, aber erst später, als meine Nummern ein bißchen stabil wurden. Zuerst war ja das nichts, was ich zeigte, als Turner. Aber dann packte mich der Ehrgeiz und ich wurde eine ernstzunehmende Darbietung auf dem internationalen Artistenmarkt unter dem Künstlernamen ER O IKS, Rox. Ich mußte ja einen Künstlernamen haben, wie man so sagt, einen Artistennamen, und dachte, mit was für einem Namen soll ich dann tingeln: Chapinelli, Kakidelli und Ox, Mox, Nox, ach, da blieb ich beim R hängen, Rox. So entstand das Er O IKS. 

Aber ich hab´s auch mal geschafft, als Solonummer im Zirkus in der Manege zu arbeiten und das war in München der Fall, das war in Frankfurt der Fall, das war in Augsburg bei Holzmüller und und und.

Mein Trick waren ja die zwei Weinflaschen Hals auf Hals übereinander gestellt, einarmiger Handstand. Und ich hab gearbeitet als, wie man so sagt, Dandy mit dem Koffer mit der Flasche. Eine akrobatische Exzentrik-Komödie nannte ich mich. Also nicht muskelbepackt. Dann hab ich den Gummitanz gemacht, Grotesk-Tanz, und dann die Akrobatik mit den zwei Flaschen. Und das war gerade sowas für Night-Clubs, auch für die amerikanischen Varietés und Clubs. 

Und so kam ich von einer Stadt zur anderen und die Gagen konnte ich nicht so hoch treiben, weil, man merkte ja, die Agenten, daß ich aus keener Artistenfamilie komme. Die alten Artisten da, mit denen ich zusammen war, wußten ganz genau: ein Turnerchen kommt wieder zu uns. Es waren ja viele Artisten zur damaligen Zeit, die aus dem Turnerleben kamen, da war ich nicht der erste. Und da hat man das auch akzeptiert, nach dem Krieg. 
  

weiter mit Teil 2

  


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