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Mit Knotenstock und Ränzel

Pilger, Walzbruder oder Globetrotter?

Die Fußreise des Friseurs Franz Heinrichs 1896-1898

von Münster nach Jerusalem

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
 
 

Inhaltsübersicht

Vorbereitungen   

Unterwegs   

Besonderheiten der Reise   

3.1  Geld 

3.2  Reisen zu Fuß & Übernachtungen   

3.3  Beziehungen   

3.4  Essen und Trinken   

3.5  Ausrüstung  

Zusammenfassung   

Literatur   

 
 
 
Der wahre Reisende weiß nicht, wohin die Reise geht, der wahre Abenteurer weiß nicht, was er erleben wird. Seine Reisen führen ihn nicht eher in eine Richtung als in eine andere. Seine Neugierde ist nicht auf einen bestimmten Punkt gerichtet.
Tschuangtse
1 Vorbereitungen 

Knapp 18-jährig verläßt Franz Heinrichs am 16. Juni 1896 sein Münsteraner Elternhaus. Ihn treibt die Reiselust auf den Weg nach Jerusalem: "Schon in der frühesten Jugendzeit war mein sehnlichster Wunsch, zu reisen. Nicht per Bahn oder per Schiff, nein, auf Schusters Rappen wollte ich die Welt durchwandern. Durch meiner Hände Arbeit wollte ich mir mein Brot verdienen. Abwechselnd arbeiten und weiterziehen war mein Vorhaben. Darum erlernte ich auch das Handwerk, das mir, obgleich meinen Wünschen nicht ganz entsprechend, zum Wandern am vortrefflichsten schien: ich wurde Friseur, oder, wie es unter Walzbrüdern heißt, `Doktor der Schaumschlägerkunst´."  

Akribisch plant er seine Reise: "Die Mußestunden meiner Lehr- und Gehilfenzeit, und deren gab es nicht wenige, füllte ich damit aus, Landkarten zu studieren, Ansichten der Hauptsehenswürdigkeiten zu durchmustern und Reisebeschreibungen zu lesen. Jede Straße, jeder Weg, die durchqueren, jedes Dorf und jede Stadt, die ich berühren wollte, war längst im voraus aufgeschrieben. Großes hatte ich nämlich vor. Das südliche Europa, Kleinasien und einen Teil Afrikas wollte ich bereisen; doch das Ziel meiner Sehnsucht war Palästina, Palästina mit seinen heiligen, historischen Orten. ... Bayern, Tirol, Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Rumelien und die Türkei sollten zuerst die Länder meines Aufenthaltes sein. Von Konstantinopel aus wollte ich sodann meine Schritte weiter lenken durch die Salzsteppen und Sandwüsten Kleinasiens, bis hinunter nach Palästina, das Ziel meiner Wanderschaft. Auf meiner Rückreise hatte ich dann noch Ägypten, Tripolis und Algerien zu durchlaufen, um darauf nach der Insel Sizilien überzusetzen, hinauf nach Messina, Neapel, Rom, Florenz, Mailand und Venedig. Endlich, nach Übersteigung der Schweizer Alpen, wollte ich durch Baden und Württemberg meine heimatlichen Gefilde wieder betreten." 

Er spricht nur deutsch und weiß, "daß man in jenen Ländern fremde Sprachen sprach", doch solch praktische Erwägungen schrecken ihn nicht: 14-15.000 Kilometer warten auf ihn. 

2 Unterwegs 

Der Abschied fällt ihm schwer, er fühlt den Abschiedsschmerz, fürchtet das Heimweh. Von Freunden oder gar einer Freundin, einer Braut ist dabei nicht die Rede. Bereits einen halben Tag später, in Düsseldorf, ist er stolz auf sich: "Hoch schwoll mir die Brust, als ich so, kaum achtzehn Jahre alt, im Hochgefühle meiner eigenen Selbstverantwortung, vor dem Kruge [Bier] saß. Ich fühlte mich als Mann." 

Ihm, der bislang nicht aus Münster herausgekommen ist, begegnet bald Neues: der Kölner Dom ("Staunend bemaß ich den vor mir ausdehnenden Raum, ... Wohl eine Stunde verweilte ich so ..."), der Rheinländer ("...Nochmals fesselte der hier [im Vereinshause] herrschende rege Verkehr meine Aufmerksamkeit, und die größte Freude fand ich an dem Kölner Humor." ), der Rhein ("Noch niemals hatte ich einen Dampfer gesehen, geschweige denn auf ihm gefahren. Zum ersten Male durfte ich erstaunt das Spiel der dahinrollenden Fluten des Vaters Rhein betrachten, dessen Lob ich so patriotisch in der Schule gesungen.") 

An den Ufern des Rheins 

Von Bonn wandert er nach Königswinter ("Am 20. Juni begann also meine eigentliche Reise." ). Die weitere Route führt in Begleitung von fünf Handwerksburschen über Linz, Andernach, Neuwied, Koblenz, über die Feste Ehrenbreitstein, Bad Ems nur aus der Ferne erblickend, nach Oberlahnstein, Boppard, St. Goar, Lorch, Bacharach, Bingen nach Rüdesheim. Dabei empfindet er schon die Unruhe, die einen Reisenden, einen Globetrotter erst recht, antreibt: "Wie oft sehnt sich der immer etwas Neues anstrebende Wanderer nach irgendeinem Orte, und hat er ihn erreicht, so will er weiter, immer weiter." Und noch etwas stellt er sehr realistisch fest: "Kein Wandern war´s gewesen, nein, ein erquickender Spaziergang durch Berg und Tal, durch Wiese und Feld, ein Spaziergang, der nicht getrübt wurde durch den alltäglichen Gedanken, was werden wir essen? Wo werden wir schlafen? Sorgenfrei setzte ich mich des Mittags und des Abends vor den reichlich gedeckten Tisch eines katholischen Gesellenhauses, das mir auch stets als gute Pflegemutter eine weiche Lagerstätte bereit hielt." 

Die Gesetze der Landstraße 

Einen ersten Reisefreund, Flammer. findet er bei Wiesbaden, und erkennt am Äußeren den vertrauten Geist: "Er mochte um einige Jahre älter sein als ich, doch das hielt mich nicht ab, denselben anzureden; trug er ja auch Ränzel und Knotenstock. Nicht lange währte es, und wir hatten Freundschaft geschlossen." Durch Flammer lernt Heinrichs erste Techniken des Unterwegs-Seins kennen: "...ich hatte in Flammer einen hervorragenden Fechtmeister gefunden. Doch nicht gefochten wurde mit Säbel oder Rapier, an irgendeinem verborgenen Ort, sondern unser Schlachtfeld war die Tür eines guten Landbewohners und unsere Waffen der Hut in der Hand, die ärmlichste, hungrigste Miene und das allbekannte Sprüchlein vom armen reisenden Handwerksburschen, der sechs Wochen keinen warmen Löffel mehr zum Munde geführt hat." Diese Methode funktioniert so gut, daß Heinrichs und sein Gefährte oft dreimal täglich zu Mittag essen. Gemeinsam führt sie ihr Weg über Bamberg, Nürnberg, Feucht, Neumark, Regensburg nach München. Auch dort warten neue Erfahrungen: "Zwei Tage wollten wir uns in dieser weltberühmten Bierstadt aufhalten, gab es doch hier manche Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Aber vierundzwanzig Stunden später hatten wir von München so vieles gesehen, und es lautet wohl nicht fremdartig, auch getrunken, daß wir mit einem Tage vollauf genug hatten. Der Schwerpunkt lag eben darin, daß bei jeder Sehenswürdigkeit, wie Museen, Gemäldegalerie usw. auch ein Bräuhaus zu finden war. So ging es aus dem einen heraus und in das andere hinein. Zuletzt sahen wir vor lauter Bräuhäusern überhaupt nichts mehr. Wir kannten München durch und durch." 

Über die grüne Grenze nach Österreich 

Illegal reisen sie bei Oberammergau nach Tirol ein, erreichen Innsbruck und staunen die Berge an. Neugierig erklimmen sie ohne Bergführer den 3800 Meter hohen Groß-Glockner zu besteigen. Nach einigen Stunden wissen sie nicht mehr weiter. Rettung finden sie in einer englischen Bergsteigergruppe. Dieser schließen sie sich in einigem Abstand an, erst Stunden später kehren sie um, da ihnen Bergseile fehlen. Zurück im Gasthof belegen sie zwei Betten, die wenig später benötigt werden, als die zehn Engländer nach Betten fragen. Nach langen Verhandlungen räumen sie die Betten, erhalten das Doppelte des Preises zurück, dürfen die Nacht umsonst im Heu schlafen, und essen und trinken auf Kosten der Engländer. Sie nutzen das reichlich aus: "Die Engländer wußten in der tat, was gut schmeckte, und wir, ich muß es zum Lobe des Wirtes sagen, aßen dasselbe wie unsere Gastgeber, nur mit dem Unterschiede, daß die Engländer mit zwei Händen aßen und wir nur mit der rechten, und zweitens, daß wir beide fast so viel verzehrten wie die zehn Engländer." Am nächsten Morgen tauscht Flammer seine durchgelaufenen Stiefel gegen die Bergstiefel eines Engländers (ohne ihn zu fragen), dann machen sie sich auf den Weg ins Salzkammergut. Bei Hallein laufen sie einer Patrouille in die Arme und Flammer muß wegen fehlender Papiere das Land verlassen. Heinrichs reist allein weiter. Über Salzburg, am Wolfgangsee vorbei (dessen Ufer eine Tafel schmückt: "Baden verboten"), über Linz und St. Pölten geht es weiter. Hier bietet sich ihm die Gelegenheit, einen erkrankten Friseursgehilfen für vier Wochen zu vertreten: "...Ich hatte ein gutes Quartier gefunden und mithin konnte ich mich gut erholen von den erlebten Strapazen und stärken für die kommenden Tage. Wäsche, Schuhe, Kleider, alles wurde einer gründlichen Untersuchung unterzogen. Wo es etwas zu flicken und zu erneuern gab, wurde nicht gespart. ... Meine Börse, die schon arg zusammengeschrumpft war, gewann wieder an Umfang und Schwere. Endlich studierte ich auch neue, der Quelle schon nähergelegene Reisebeschreibungen, verbesserte meine Pläne und setzte nach reiflicher Überlegung fest, in diesem Jahre bis Budapest zu wandern, um dort zu überwintern." Nach dieser Episode besucht er kurz Wien, schaut sich den Besuch des Zaren an, und wendet sich dann nach Ungarn. 

Puszta und Zigeuner 

Bald schon wird Deutsch zur Fremdsprache. In Preßburg hat der dortige Gesellenverein kein Hospiz, jedoch bietet sich ihm noch am selben Abend die Möglichkeit, schauspielernd etwas Geld auf der Bühne zu verdienen. Anderntags fällt ihm das Gehen schwer, die Luft ist raus, und er sucht sich eine Mitfahrgelegenheit auf einem Floß die Donau hinab nach Budapest. Drei Tage dauert die Fahrt. "Dort fand ich ein imposantes Gebäude, es war das Vereinshaus des katholischen Gesellenvereins. In seinen Mauern fühlte ich mich so recht wie zu Hause. Hier hörte ich deutsche Laute, hier fand ich Landsleute." Hier findet er auch Gleichgesinnte, so einen Westfalen, der seit vier Jahren außerhalb Deutschlands reiste. 

Seine Suche nach einer Arbeit bei etwa 20 Friseurläden bleibt erfolglos, da er das Ungarische nicht versteht. Nach vier Tagen verläßt er die Stadt, zahlt seinen letzten Kreuzer als Brückengeld und will sein Glück in einer kleineren Stadt versuchen, in Stuhlweißenburg, Szekesfehrwar. "Zwei Tagesreisen brauchte ich, um mein Ziel zu erreichen; also zwei Tage ohne Brot und ohne Mittel. Rauhe Novemberwinde wehten und tobten durch die fast häuserlosen Steppen Ungarns." Solche Umstände heben die Stimmung nicht, Heinrichs fällt es gar schwer, zu "fechten". Beim zweiten Versuch hat er Glück, erhält Abendessen, ein Bett, Frühstück und Proviant geschenkt. Auch in Stuhlweißenburg findet er keine Arbeit, Kost und Logis gibt es jedoch im Gesellenverein umsonst. Noch immer hat er kein Geld. 

Also auf zur nächsten Stadt, nach Dunaföldvar, 60 Kilometer entfernt. Auf der ganzen Strecke findet sich kein Dorf und nach und nach wird der anfangs noch gute Weg zum aufgeweichten Landweg, der sich schließlich in einem unabsehbaren Wald verliert. Darin trifft er spät abends auf ein Zigeunerlager, erhält eine warme Mahlzeit, Unterschlupf und bleibt drei Tage. In dieser Zeit schneidet er allen männlichen Zigeunern die Haare und verdient nicht schlecht dabei, so daß er mit gut drei Gulden weiterzieht und mit einem neuen Bild über Zigeuner: "Hatte ich mir doch unter ungarischen Zigeunern nur Männer und Frauen wilden Wesens vorgestellt, die raubend und stehlend die Wälder Ungarns unsicher machten. Jetzt wußte ich es besser. Es war eine friedliebende Schar feuriger Ungarn, die, durch einen weisen Mann geführt, durch ihrer Hände Arbeit ihr Brot verdienten." 

Überwinterung in Dunaföldvar 

Als wäre ihm das ein gutes Omen gewesen, findet er in Dunaföldvar gleich beim ersten Versuch eine Anstellung und verbringt dort drei angenehme Monate. Dort zieht er Bilanz: "Bis jetzt hatte ich mein Programm getreulich ausgeführt. Zirka zweitausendvierhundert Kilometer in fünf Monaten. rechnete ich die Arbeitszeit in Wiesbaden und St. Pölten ab, so blieben mir außer einigen Rasttagen noch achtzig Reisetage; also durchschnittlich dreißig Kilometer pro Tag." 

Die Überwinterung dient auch der Erholung, die kommende Etappe wird schwieriger: "Aber jetzt wurde auch die Reise schon beschwerlicher, da ich in immer unzivilisiertere Gegenden kam. Das Schlimmste für mich war jedoch der Umstand, daß ich hier in Dunaföldvar zum letzten Male ein Vereinshaus des katholischen Gesellenvereins antraf. ... Diesbezüglich waren auch meine Reisevorbereitungen. Zuerst kaufte ich mir Waffen: einen sechsläufigen Revolver und einen scharfgeschliffenen Dolch zu meiner Verteidigung; dann ein Kochgeschirr, um mir im Falle der Not selbst etwas kochen zu können; ein paar starke lederne Gamaschen, zum Schutz gegen Schlangenbisse, und eine dicke Decke aus Schafspelz, welche mir vor Kälte schützen sollte, wenn ich unter freiem Himmel mein Lager aufschlüge."  

Ausgeraubt 

Durch Sparen und Schnorrerbriefe an Verwandte hat Heinrichs eine Reisekasse von 180 Gulden. Davon bleibt ihm nichts, da er bereits auf der Etappe von Dunaföldvar nach Belgrad Trickbetrügern in die Hände fällt. KO-Tropfen schicken ihn ins Land der Träume und er erwacht ohne Geld, jedoch mit seiner kompletten Ausrüstung. Der deutsche Konsul in Belgrad erzählt ihm, er sei bereits das fünfte Opfer in vier Wochen und schenkt ihm zwei Franken Unterstützung. Die Wut ist groß und er sucht einen Tag lang dem Ort seiner Niederlage, findet ihn aber nicht. Dann zeigt sich seine Stärke, aufgeben ist seine Sache nicht: "Jedoch als ich einsah, daß alles Suchen vergebens und an der ganzen Sache nichts mehr zu ändern sei, bekam ich wieder Mut. Ja, Mut, und den sollte mir keine Mensch rauben! Ohne Geld wollte ich weiterziehen, ohne Geld wollte ich mich durchschlagen, und mit diesem Vorsatz betrat ich ein serbisches Gasthaus, um dort die Nacht zu verbringen." 

Nachdem einer weiteren Nacht in einer heruntergekommenen Schnapswirtschaft und einem Wandertag im strömenden Regen, nimmt er sich dreist und ohne Geld ein Zimmer in Semendria, bestellt Essen und Trinken. Wieder hat er Glück, denn der Wirt vermittelt ihm Arbeit, Kost und Logis bei einem versoffenen Friseur. 

Die Nächte in dessen Schmutzloch verbringt er in einem Bett zusammen mit ihm, dessen Frau, deren beiden Söhnen und wanderlustigen Herden von Stech- und Beißtierchen. Es ekelt ihn fort. Seinen Reisestil paßt er schnell den finanziellen Umständen an: übernachten im Freien, in Flüssen Fische fangen, in Dörfern Kaffee, Brot und Käse kaufen. 50 Centimes gibt er auf diese Weise täglich aus, 20 Franken hat er und das soll ihm bis Konstantinopel reichen; dort erwarten ihn Geldanweisungen aus der Heimat. 

Ein Reisegefährte 

Nach drei Tagen findet er wieder einen Reisegefährten, den deutsch sprechenden Hugo aus Belgrad. Hugo ist völlig mittellos und ohne Gepäck, doch Heinrichs drängt ihn mitzukommen auf seinem Weg, der Kroate willigt ein. Sie wandern nach Nisch und von dort in drei Tagen über Pirol zur bulgarischen Grenze. Hier erst erfahren sie, daß der griechisch-türkische Krieg ausgebrochen ist. Nach zwei weiteren Tagen erreichen sie Sofia, wo Heinrichs sich noch sechs Franken aus der deutschen Hilfskasse auszahlen läßt. Er läßt es sich etwas kosten, daß er wieder einen Reisegefährten hat, das ist ihm wichtig: "Hugo schlief schon bald ein, ich aber lag noch lange wach und dachte an meinen neuen Freund. ... Wie oft hatte ich mich, gerade in letzter Zeit, danach gesehnt, einen Menschen zu treffen, mit dem ich reden könnte." 

Einige Tage später zeigt sich, daß Heinrichs seine schlechten Erfahrungen aus Belgrad zu nutzen weiß: Ein Unwetter treibt sie in ein heruntergekommenes Gasthaus. Nachts versucht jemand in ihr Zimmer einzudringen, doch hat Heinrichs bereits sicherheitshalber die Strohsäcke vor die Tür geschoben und schlägt den Dolch entzwei, mit dem jemand versucht, durch die Türritze den Riegel aufzuschieben. Gewitzt, wie er mittlerweile ist, dient ihm der Vorfall zum Anlaß, am nächsten Morgen nichts zu bezahlen. 

Auf dem Weg in die Türkei 

Acht Tage später gelangen die beiden nach Phillipopel, der Hauptstadt Ost-Rumeliens, an die Maritza. Die Versuche, dort über die türkische Grenze zu gelangen, gewinnen schnell an Dramatik. Beim ersten Mal werden beide für 24 Stunden ins Gefängnis geworfen, erhalten weder Brot noch Wasser. Heinrichs soll zurück nach Sofia, sich seinen Paß vom türkischen Konsul abstempeln lassen - acht Tage hin, acht Tage zurück! Hugo könne das Land überhaupt nicht betreten, da er keine Papiere habe. Dann werden sie über die Grenze zurück gebracht. Schon am nächsten Tag starten sie ihren zweiten Versuch, diesmal abseits aller Pfade, durch Maisfelder schleichend. Erneut werden sie aufgegriffen und erhalten eine scharfe Verwarnung, bei einem dritten Mal als Spione behandelt zu werden. Die Abschreckung fruchtet nicht. Sie versuchen über eine Eisenbahnbrücke in die Türkei zu gelangen, berücksichtigen Mondaufgang und Fahrplan des Orientexpreß. Dennoch werden sie gesehen, dreimal angerufen. Ohne stehenzubleiben hasten sie weiter, ein Schuß fällt, Hugo bricht tot zusammen. Heinrichs befördert im anschließenden Handgemenge den Grenzwächter hinunter in den Grenzfluß und flieht in die Türkei. 

Auf der Flucht 

Drei Tage später steht er im deutschen Konsulat zu Adrianopel und sieht seinen Steckbrief an der Wand hängen: gesucht wegen Mißhandlung einer türkischen Grenzwache und Diebstahls militärischer Waffen. Vom deutschen Konsul hat er nichts zu erhoffen. Und wieder ist die Rettung nah: zufällig anwesende Patres erbarmen sich seiner und nehmen ihn als freiwilligen Krankenpfleger mit zu ihrem mehrmonatigen Einsatz auf dem Kriegsschauplatz in Griechenland. Die Fahrt führt über die Hafenstadt Degeaghatsch, dann mit dem Schiff nach Platamona und schließlich über Land nach Tyrnavos bei Larissa. Heinrichs übernimmt Hilfsdienste, gibt den Kranken Essen und Trinken und schaut morgens, wieviele in der Nacht gestorben waren - 2000 waren es in der Zeit seines Aufenthaltes. Ganz überrascht ist er, als er für seine Arbeit auch noch Lohn erhält, 150 Franken für einen Monat. 

Wieder unterwegs 

Als er glaubt, daß Gras über seine Grenzangelegeneheit gewachsen sei, fährt er nach Konstantinopel. Dort angekommen, holt er seine Post und sein Geld und zieht Bilanz: "Ich hatte in fünfzig Tagen von Dunaföldvar bis Konstantinopel 1200 Kilometer zurückgelegt; dabei kam die Zeit, die ich in Serbien gearbeitet, sowie die Zeit, die ich in Griechenland als Pfleger tätig war, nicht in Betracht." Insgesamt hat er nun 3600 Kilometer in elf Monaten zurückgelegt, von Münster bis Istanbul. Während seiner Besorgungen stößt er auf ein Gasthaus mit deutschem Namen: "Räuberhöhle". Darin findet er sechs Deutsche: "Eine kurze Zeit saß ich erst in ihrer Mitte, als ich schon erfahren hatte, daß es fünf echte deutsche Landstreicher waren, die ich vor mir hatte, und die schon jahrelang in Konstantinopel ihr Leben fristeten, ohne zu arbeiten. Sie wurden mir alle der Reihe nach vorgestellt ....Pulvermacher, Fleppenpanscher, Hochstabler und Dolmetscher. Der Dolmetscher hatte seinen Namen nicht umsonst, derselbe beherrschte fünf verschiedene Sprachen und lebte hier in Istanbul als Vagabund. Ich ..... wollte mich gerade aus dem Staube machen, als noch ein sechster dazu kam, der mir feierlich als "Wüstenkönig" vorgestellt wurde. Wie mir nun noch mitgeteilt wurde, daß dieser Mann seinen Namen deshalb trüge, weil er zu Fuß die Wüste durchquert hatte, um nach Palästina zu gelangen, da hatte ich meinen Mann gefunden. Und wirklich erfuhr ich hier vieles, was mir später von großem Nutzen sein sollte. Nur als er hörte, daß ich jetzt im Hochsommer diese Fußreise machen wollte, riet er mir ganz entschieden davon ab und sagte, daß solch ein Spaziergang wohl im Herbst oder Winter möglich sei, aber niemals um diese Jahreszeit. Doch gerade dies reizte mich und ich war nun fest entschlossen, das Wagnis auszuführen." 

  

Durch die Wüsten Kleinasiens 

Die Wüstendurchquerung bereitet er gewissenhaft vor und kauft ein: "Zuerst eine starke Hose aus englischem Leder, einen breitrandigen Strohhut, einen Brotbeutel und einen Wasserschlauch, aus einem einfachen ungegerbten Ziegenfelle hergestellt. Dieser Schlauch enthielt, wenn er ganz gefüllt war, zweiundzwanzig Liter Wasser und war so zusammengenäht, daß an einem Fuße ein Mundstück sich befand, durch welches man ihn füllen und aus dieser kleinen Öffnung trinken konnte. Dann kaufte ich zwei Pfund Kaffee, ein Pfund Tee, vier Pfund Zucker und zwei Pfund gekochtes Fleisch. Alles war in Büchsen eingeschlossen. Dann verschaffte ich mir noch zwei neue Hemden, sechs Paar Strümpfe, ein Paar neue Schuhe und zum Schluß noch einen Karawanenstock, d.h. einen Krückstock mit einer faustdicken Bleikugel am unteren Ende; es ist die beste Waffe der Wüste. ... Von dem mir verbleibenden Kapital hätte ich ganz gut eine Dampferreise nach Jerusalem bestreiten können, doch dann wäre ich mir selber wortbrüchig geworden; denn ich hatte mir ja vorgenommen, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Selbst wenn ich eine Fahrkarte geschenkt bekommen hätte, so wäre ich doch meinem Vorsatz treu geblieben. ... Mittags um zwei Uhr verließ unser kleiner Dampfer die Ufer Europas, um mich eine halbe Stunde später am Gestade Kleinasiens [in Skutari] abzusetzen. Das war am 1. Mai 1897." 

Drei Wege kamen in Frage: "Der dritte [Weg] war der Karawanenweg, der über Angara, Kaisari, durch das Antitaurusgebirge nach Halep führte. ... ein solcher Weg ist nur zu erkennen an den Fußspuren, welche die Tiere der Karawane hinterlassen, und ab und zu verlassene, ausgebrannte Feuerstellen, wo gerastet worden ist. ... Ebenfalls findet man an einem solchen Wege vielfach die Gerippe von gefallenen Tieren der Karawane, wie zum Beispiel Kamele, Maulesel, Pferde und Esel. ... Doch ein gutes hat letztgenannter Weg noch, da derselbe gewöhnlich zu Wasserstellen hinführt. Dieses sollte drum die Straße sein, worauf ich die nächsten zehn Wochen hinziehen wollte." 

Er zieht ein Stück am Ufer des Marmara-Meeres entlang, kommt an den schon fast ausgetrockneten Fluß Sakaria und durch das Städtchen Adabazar. "Jeden Abend wurde erst Kaffee oder Tee gekocht und dazu ein Stück Büchsenfleisch und Brot gegessen. Jeden dritten Abend kochte ich eine Erbswurst-Suppe, von denen ich 25 Stück in Konstantinopel gekauft hatte. Nach dem Essen ging dann die Reise weiter." 

Heinrichs läuft während der Nacht, schläft vormittags, geht in der Mittagszeit, schläft wieder von vier Uhr bis in den Abend hinein. Das Programm war eintönig, schlimm, wenn man dann noch alleine ist: "In solcher Stille haben die Gedanken freien Lauf; ist es doch die einzige Beschäftigung, um den Weg zu kürzen. Denken, immer denken, je weniger der Mensch spricht, um so eifriger sind die Gedanken beschäftigt. ... Die schönste Erholung in dieser Wildnis war immer mein Pfeifchen. Wenn dasselbe dampfte, ging es noch einmal so gut. Tabak hatte ich genügend mitgenommen, auch einige Zigarren, diese wurden jedoch nur des Sonntags geraucht. Die Lektüre, die ich bei mir führte, hatte ich in den ersten vier Wochen so oft durchgelesen, daß ich schon alles auswendig konnte. Jeden Abend nahm ich mein Notizbuch zur Hand, um einzutragen, wieviel Stunden ich an dem betreffenden Tage gelaufen war und was ich erlebt hatte." 

Das Wasser des Tüs-Tüschely 

Nach sechzehn Tagen und 500 Kilometer erreicht er Angara. Und weil es so gut ging, ändert er seine Route, geht nicht über Kaisari, sondern zum Steppensee Tüs-Tüschely, um 200 Kilometer zu sparen. Frisch versorgt mit Brot, Kaffee, Zucker und 30 Zitronen geht´s dann weiter, am nächsten Fluß fängt er noch einige Fische und füllt den Wassersack für acht Tage auf. Tage später lädt ihn eine vorüberziehende Karawane ein, auf einem Kamel mitzureiten. Die Gelegenheit ergreift er gern, wird jedoch innerhalb von zwei Tagen von den Sitten der Karawanenteilnehmer abgestoßen: "Wieder wurde ein Feuer angezündet und wieder wurde Maisbrei gekocht. Als ich aber sah, daß der Topf wirklich, ohne erst ausgewaschen zu werden [nachdem ihn zuletzt der Hund sauber ausgeleckt hatte], benutzt wurde, da zog ich es vor, an dieser Mahlzeit nicht teilzunehmen. ...als das Abendessen vorüber war, machten mir die wohl sittlich ganz verwahrlosten Menschen Anerbieten, die mir die Schamröte ins Gesicht trieben; ich will die Sache deshalb hier auch nicht erörtern. Schleunigst wollte ich das Lager verlassen, doch die Kurden wollten mich mit Gewalt festhalten; als ich dieses jedoch merkte, griff ich zum Revolver. Vor dieser Waffe mußten sie doch wohl einen heillosen Respekt haben, denn sie ließen mich jetzt in Ruhe ..." "Nachdem ich ungefähr eine halbe Stunde marschiert war, merkte ich plötzlich, daß der Hund, welcher die Karawane begleitet hatte, mir gefolgt war. Dieses war für mich eine große Freude ..." Am 29. Marschtag seit Konstantinopel erreicht er den See, die letzten 24 Stunden ohne Wasser, bei Temperaturen zwischen 30 und 40 °C. 

Die Überquerung des Antitaurus 

Zwei Tage später macht er sich auf den Weg nach Dandarly, in Richtung Antitaurus. Nach einigen Tagen findet er das Gerippe eines Kamels mit dem danebenliegenden Holzsattel und kommt auf die geniale Idee, diesen als Gepäckschlitten zu benutzen. Die Methode funktioniert hervorragend, doch den Weg nach Dandarly hat er wohl verpasst. Erst am 16. Tag entdeckt er den Höhenzug des Antitaurus am Horizont. In einem kleinen Zeltdorf versorgt er sich mit Brot, findet aber keinen Anhaltspunkt für eine Orientierung. Nach 70 Tagen in der Wüste erreicht er den Euphrat, mit 100 Kilometer Abweichung von seiner geplanten Route. Wenige Tage später nuitzt er ein verlassenes Boot am Ufer, steigt ein und läßt sich drei Tage lang den Euphrat herabtreiben, bis nach Balis. Von dort aus rechnet er noch 200 Kilometern durch die Syrische Wüste bis zur Küste des Mittelmeers. 

...und wieder ausgeraubt 

Fünf Tage in der Sandwüste hat er hinter sich, als Beduinen auftauchen, die ihn kurzerhand ausplündern. Einem Beduinen schießt er in den Oberschenkel, ehe er selbst von einem Dolch am Kopf getroffen wird; seinen Hund erschlägt man. Papiere, Briefe und Karten erhält er zurück, dann darf er sich noch einmal satt trinken, erhält ein Stück Brot und die Richtung gezeigt: "Um neunzig Pfund erleichtert, konnte ich weiterziehen. Doch wenn ich aufrichtig sprechen soll, so muß ich bemerken, daß der Verlust meiner Habe mich nicht gar zu sehr schmerzte; hatte ich doch in Jerusalem eine ganz neue Ausrüstung zu erwarten. Nur meine Uhr und mein Kompaß vermißte ich in dieser Einöde schmerzlich, jedoch mußte ich ja nun bald in bewohnte Gegenden kommen." Zwei Tage später erreicht er Habasch, bekommt Brot und Feigen von freundlichen Bewohnern, sieht nach Überquerung des Ansarije-Gebirges das Mittelmeer vor sich liegen und hat dann noch vierhundert Kilometer bis Jerusalem: "Die kurze Strecke sollte mir keine Sorgen mehr machen, hatte ich doch keine Wüste, sondern bewohnte Gegenden vor mir." In Lakakie läd ihn ein deutsch sprechender jüdischer Geschäftsmann zum Essen ein, schenkt ihm Kleidung und läßt ihn auf einem seiner Schiffe bis nach Jaffa fahren, wo er nach fünf Tagen eintrifft. 

In Palästina 

Der deutsche Vizekonsul versorgt ihn mit Essen und mit 20 Franken aus der deutschen Hilfskasse. Nur noch 55 Kilometer fehlen Heinrichs bis nach Jerusalem. 93 Tage ist er seit Konstantinopel unterwegs, als er am 3. August sein Ziel erreicht. 

In Jerusalem erwartet ihn ein Paket mit Kleidung, Post und Geld aus der Heimat. Im deutschen Hospiz kommt er kostenlos unter, soviel Eindruck macht seine Geschichte. 25 Tage schaut er sich Jerusalem, Bethlehem, Jericho, das Tote Meer an und beschreibt alles ausführlich: das Leben ist nun Luxus, kein Abenteuer mehr. 

Malaria in Ägypten 

Sein weiterer Weg führt zurück nach Jaffa, dann mit dem Schiff nach Port Said in Ägypten, von dort läuft er über Ismailia in vier Tagen nach Kairo. Kaum angekommen, erwischt ihn die Malaria so stark, daß er die Reise abbricht. Der deutsche Konsul in Alexandria leiht ihm 120 Mark für die Überfahrt nach Brindisi und er verläßt Ägypten. 

"Ich arbeitete mich hinauf zum Deck, rollte mich in eine Decke und ließ mich hier oben an einem abgelegenen Plätzchen nieder. Traurig saß ich dort, sah hinüber nach den flachen Sandufern Afrikas und träumte von dem, was ich nicht sehen sollte." Nach fünf Tagen geht es ihm etwas besser, nach sechs Tagen ist Brindisi erreicht und er macht sich zu Fuß auf den Weg nach Neapel: "...sieben Kilometer legte ich in zwei Tagen zurück. Doch wie der dritte Tag kam, waren auch meine letzten Kräfte dahin. Stundenlang lag ich seitwärts der Landstraße und wälzte mich im Fieberwahn." Im Fieberwahn merkt er, wie ihn zwei Bauern finden. Acht Tage später erwacht er in einem Hospiz, eine österreichische Schwester pflegt ihn, und weitere zwei Wochen bleibt er, um dann gesundet nach Neapel zu wandern. 

Wanderungen in Italien 

Wieder erhält er Wäsche, Post, Geld. Erstmals seit langer Zeit trifft er auf deutsche Handwerksburschen: "Der eine dieser munteren Burschen war Bildhauer. Der andere war Bäcker, war von Deutschland mit dem Rad heruntergekommen und gedachte nach Sizilien durchzuradeln." Mit dem Bildhauer klettert er auf den Vesuv, dann wandern sie nach Rom. Das Haus des Gesellenvereins ist belegt, doch findet er einen Platz in der Deutschen Herberge. Nach acht Tagen Rom fährt er mit der Bahn nach Florenz, läuft von dort in acht Tagen über Modena, Reggio, Parma, Piacenza, Pavia nach Mailand: "Doch trotz der vielen Schönheiten hielt ich mich nirgendwo lange auf. Ich kam, ich sah, ich ging! Geradezu genug hatte ich in den letzten Jahren gesehen. oft drehte sich alles in meinem Kopf herum, wenn ich zu den alten Gedächtnisbildern noch neue Sehenswürdigkeiten hinzufügen wollte. Mein Verlangen, fremde Länder und stolze Städte, fremde Menschen und andere Sitten kennen zu lernen, war gestillt. Ich war satt, übersatt. Drum nur immer vorwärts, doch vorwärts meinem Vorsatz genüge: zu Fuß vorwärts."  

Nach Hause 

Monza Como, Lugano, Airolo, dann versucht er sich zwei Stunden an der Gotthardstraße, ist erschöpft, kehrt um und nimmt die Gotthardbahn: "Hier besteht nun die hochlöbliche Einrichtung, einem jeden Handwerksburschen, der von Italien kommt und nach Deutschland will, eine Freikarte für die Gotthardbahn zur Verfügung zu stellen. ... Doch welch eintönige Fahrt! 15 Kilometer ohne auch nur die Felsen zu sehen, die einen umgeben ..." Von nun an eilt er der Heimat zu, nimmt in Straßburg gar die Eisenbahn und macht in Düsseldorf mittags Halt, weil er sich in seinem Aufzug nicht im Hellen in seiner Heimatstadt zeigen möchte: "Als Jacke benutzte ich einen alten abgeschnittenen Überzieher, dessen Futter teils mit Streichhölzern festgesteckt, teilweise herausgerissen und als Fußlappen benutzt worden war. Eine Weste trug ich schon lange nicht mehr. Meine Hose war reif für die Lumpenecke und mein Hut glänzte in allen Farben, nur nicht mehr in seiner ersten.." 

3 Besonderheiten der Reise 

3.1 Geld 

Heinrichs bricht mit achtzig Mark von zu Hause auf, die er sich während seiner Lehrzeit gespart hat. Geld verdienen überläßt Heinrichs in der ersten Phase dem Zufall, glaubt er doch, daß seine achtzig Mark lange reichen werden. Er gönnt sich in Wiesbaden einen 14tägigen Aufenthalt, verdient etwas, ergreift in Bamberg die Gelegenheit, sich mit der Bewirtung von Gästen im Gesellenverein reichliches Trinkgeld zu verdienen, sechzehn Mark fielen dabei ab. 180 Gulden verdient er sich als Friseur während des ersten Winters, den er in Dunaföldvar verbringt. Die werden ihm jedoch schon bald gestohlen und den Rest seiner Reise ist er oft auf Überweisungen von zuhause und auf Zuweisungen aus der Deutschen Hilfskasse seitens der Konsulate angewiesen. Über die Beträge läßt er sich nicht weiter aus, aber an einer Stelle klingt Empörung durch: Einen Kredit in Höhe von 120 Mark, den er in Alexandria beim Deutschen Konsulat erhielt, soll er zurückzahlen: "...eine Summe, die ich auch wirklich drei Jahre später habe einsenden müssen." Nur einmal noch verdient er Geld, als Krankenpfleger in Griechenland, das bringt 150 Franken. Doch oft genug schlägt er sich durch ohne Geld, hungert, läuft in abgerissener Kleidung herum. Sei es, daß er Glück hat, sei es, daß er Talent hat: immer findet er im richtigen Augenblick Unterstützung und Hilfe. 

Bis zum ersten Weltkrieg bestand eine Währungsgemeinschaft zwischen Frankreich, Schweiz, Italien und Griechenland. Daher kommt es, daß Heinrichs immer wieder von Frank oder Franken spricht. Zur Zeit von Heinrichs Reise erhielt man für eine Mark 1,23 Lire. Lira und Franken standen im Wert eins zu eins und auch zu den österreichischen Kronen war das Verhältnis ungefähr eins. Ein Lira hatte 100 Centesimi und ein Betrag von fünf Centesimi wurde als ein Soldo bezeichnet. Auch ältere Bezeichnungen waren noch gängig: ein Gulden (oder fiorino, Florin) gab 2 Kreuzer, ein Kreuzer wiederum zwei Heller. 

3.2 Reisen zu Fuß & Übernachtungen 

Heinrichs hat für sich die Fußreise als seine ihm eigene Reiseform gefunden, Verkehrsmittel nutzt er nur selten und wenn es die körperliche Verfassung gebietet. 

Auch wenn es anstrengende Tage und Wochen gibt, Tagesmärsche von 60 Kilometern und mehr, so sorgt Heinrichs für sich: "...gleich am Anfang meiner Reise hatte ich beschlossen, am Sonntage nicht zu wandern. Mithin richtete ich es so ein, daß ich den Sonntag in einem größeren Verein verbringen konnte." 

"Wenn ich auch oft gewünscht hatte, mit dieser Eisenbahn [die Orientbahn von Berlin nach Konstantinopel] meinem Ziele zueilen zu können, so weiß ich doch heute, daß eine Fußreise manchen Vorteil für sich hat. Ich lernte Land, Leute und Sitten kennen; ich sah die großen Wunder der Natur; ich lernte aber auch, mich selber regieren und lenken; lernte auch, kalten Blutes den Gefahren, die mich umgaben, Trotz bieten." 

Ausnahmen gibt es einige, doch sind sie angesichts des Gesamtumfangs der Reise nicht bedeutend: drei Tage treibt er in einem Boot den Euphrat herab, ausgeraubt ergreift er die Gelegenheit nach Jaffa mit dem Schiff zu fahren; an Malaria erkrankt, fährt er mit dem Schiff nach Brindisi (doch dazu gibt es keine Alternative zu Fuß). Von Rom fährt er mit dem Zug nach Florenz, doch reut ihn das und er verschenkt seine (weiterführende) Fahrkarte; nur zweimal wird er sich untreu: die Überquerung des Gotthard-Passes zu Fuß bricht er ab, wähnt seine Kraft am Ende und nimmt stattdessen die Gotthardbahn, doch bedauert er das schnell. Daß ihm die Eltern statt Geld und Kleidung nach Straßburg nur die ultimative Aufforderung schicken, sich in die Bahn zu setzen und nach Hause zu kommen, ist ihm halb recht: "Den Wünschen meiner Lieben wollte ich nicht widersprechen; auch ich sehnte mich nach dem Augenblick des Wiedersehens." Und dennoch: 15.000 Kilometer in 455 Reisetagen, da spielen diese paar hundert Kilometer kaum eine große Rolle und zeugen nur von den schwachen Tagen, von Versuchungen, von Nöten, in denen man Prinzipien Prinzipien sein läßt. 

Eine wichtige Rolle spielen für Heinrichs die Unterkünfte des katholischen Gesellenvereins: "Erst auf meiner mühevollen Reise habe ich diese großartige Einrichtung kennen gelernt. ... Wie oft kam es nicht vor, daß ich abends ermüdet, ermattet, durchnäßt, ja oft mittellos in einer fremden Stadt ankam. Zeigte mir dann mein "Wanderbüchlein" die frohe Botschaft an, daß die Stadt der Sitz eines katholischen Gesellenvereins war, so wußte ich sofort, wohin ich meine Schritte zu lenken hatte." Dort gab es dreimal täglich Essen und eine Übernachtung umsonst: "Doch das Zahlgeld brauchte nicht aus der Börse geholt zu werden, es bestand in einem einfachen Dank an den Hausmeister und in dem schlichten, aber schönen Abschiedsgruße: "Gott segne das ehrbare Handwerk." Die Gesellenvereine begleiten ihn durch Österreich und Ungarn bis nach Dunaföldvar an der Grenze zu Serbien, dann gibt es sie erst wieder in Rom und in der Schweiz. Was Wunder, wenn sein Buch dem katholischen Gesellenverein gewidmet ist und mit dem obigen Gruß endet. 

3.3 Beziehungen 

Gleich zu Beginn der Reise plagt ihn der Abschiedsschmerz, doch das ist wohl verständlich, wenn man, achtzehnjährig, zu einer zweijährigen Reise aufbricht. Die Beziehung zu den Eltern durchzieht alle Stationen der Reise: Briefe, Pakete, Geld, gute Worte, Beschwichtigungen wechseln hin und her. Weder beim Aufbruch noch bei den Briefen werden allerdings Freunde erwähnt, geschweige denn eine Braut. Auch unterwegs ist kaum von Frauen die Rede: Bei den Zigeunern ist es das einzige Mal, daß er von der Beziehung zu einer Frau spricht, und sei es noch so vage: "Stolz war ich jetzt darauf, dieser schönen Zigeunerprinzessin einige Lieder aus meinem Liederbuche, das ich stets bei mir trug, vorlesen oder vorsingen zu dürfen. So verstrich die Zeit unter munterem Geplauder, bis uns die langsam untergehende Sonne daran erinnerte, daß es Zeit zur Heimkehr sei. Manch lächelndes Gesicht konnten wir sehen, manch scherzhafte Bemerkung vernehmen, als wir beide so vertraut durch das Lager schritten." Doch scheint das alles gewesen zu sein, die Holde wird nicht wieder erwähnt. 

Auch macht ihm später die wochenlange Einsamkeit die Beduinenfrauen nicht schöner: "Bemerken will ich noch, daß hier die Frauen nicht, wie in Konstantinopel, verschleiert waren, sondern sie trugen ihre schmutzigen Gesichter offen zur Schau." Tiefen Eindruck hat nur noch die Nonne auf ihn gemacht, die ihn in Süditalien pflegte: "Doch auch die schönen Tage gingen dahin und ich nahm Abschied von der lieben Schwester Klothilde ... Noch heute stehe ich in brieflichem Verkehr mit meiner guten Pflegerin." 

Wichtiger sind Heinrichs Reisekameraden, die er von Beginn der Reise an sucht und immer weniger findet. Flammer, dem er kurz nach Wiesbaden begegnet, kann ihn nur bis nach Österreich begleiten, wird dann ausgewiesen wegen fehlender Papiere: "Noch einmal schaute ich mich um; Flammer stand noch wie gebannt am selben Ort. Vor einem Hügel angekommen, schickte ich noch einen letzten Abschiedsgruß hinüber: Freund Flammer war für mich nicht mehr. Standhaft hatte ich mich gehalten, doch jetzt floß Träne auf Träne über meine Wangen. Im Geiste durchlief ich noch einmal die schönen Wochen, die ich mit dem guten Flammer verlebt hatte. Welch fröhliche Stunden waren es gewesen! Welch lustige Lieder hatten wir zusammen gesungen! Welch harmlose Streiche gemeinsam verübt! Niemals war es auch nur zur geringsten Zwistigkeit gekommen. ..." Auch Hugo, sein kroatischer Reisegefährte, gibt ihm nur wenige Wochen das Geleit, bevor er von einem türkischen Grenzbeamten erschossen wird: "Hugo, mein Freund, mein Bruder, war nicht mehr." Die nächsten Monate wurden einsam, lediglich ein Hund schloß sich ihm in der türkischen Wüste an und Pascha wird ihm so wichtig wie ein Freund. Und wieder währt diese Freundschaft nur wenige Wochen, bis Pascha von Beduinen erschlagen wird: "Tränenden Auges sÿÿÿÿÿÿÿÿÿÿÿÿÿÿÿÿeinem treuen Kameraden. ... Noch einmal strich ich das Fell meines lieben Pascha, den ich hier zum Fraß für Schakale ... liegen lassen mußte." Alle späteren Begegnungen bleiben flüchtig und auf wenige Tage beschränkt. Im katholischen Gesellenhaus zu Altdorf in der Schweiz bemerkt er: "Wie anders sind doch die Gefühle, wenn man sich so im trauten Freundeskreise bewegen kan, als drüben in bösen Spelunken oder fremden Gasthäusern. Hier war ich in der Familie; hier gehörte ich mit hinzu." 

3.4 Essen und Trinken 

Durch seinen Freund erlernt Heinrichs erste Techniken des Unterwegs-Seins: "...ich hatte in Flammer einen hervorragenden Fechtmeister gefunden. Doch nicht gefochten wurde mit Säbel oder Rapier, an irgendeinem verborgenen Ort, sondern unser Schlachtfeld war die Tür eines guten Landbewohners und unsere Waffen der Hut in der Hand, die ärmlichste, hungrigste Miene und das allbekannte Sprüchlein vom armen reisenden Handwerksburschen, der sechs Wochen keinen warmen Löffel mehr zum Munde geführt hat." 

Die Bedürfnisse unterwegs sind so elementar, daß Zurückhaltung nicht gepflegt wird: oft essen Heinrichs und sein Gefährte dreimal täglich zu Mittag. Die Engländer, die ihnen in Österreich begegnen, nutzen sie weidlich aus: Nach langen Verhandlungen räumen sie die Betten, erhalten aber das Doppelte des Preises zurück, dürfen die Nacht umsonst im Heu schlafen und essen und trinken auf Kosten der Engländer. "Die Engländer wußten in der tat, was gut schmeckte, und wir, ich muß es zum Lobe des Wirtes sagen, aßen dasselbe wie unsere Gastgeber, nur mit dem Unterschiede, daß die Engländer mit zwei Händen aßen und wir nur mit der rechten, und zweitens, daß wir beide fast so viel verzehrten wie die zehn Engländer." 

Die Verhältnisse ändern sich in Serbien: Heinrichs ist pleite und muß sich selbst versorgen: mit Angeln fängt er reichlich Fische, Tee, Kaffee, Brot, Käse, Fleisch wird zugekauft. Während seiner Wüstenreise ernährt er sich von Erbswurst und Büchsenfleisch, nur an die Kost der Einheimischen kann er sich nicht gewöhnen: "Mehlteig mit Salz wird in fingerdicken, tellergroßen Stücken zwischen zwei heißen Steinen gar gebacken und dann an der Sonne getrocknet; gute Zähne gehören dazu, dieses Brot zu bezwingen, doch hat es das Gute, daß es nicht trockener wird und sich wochenlang hält. ... Da verging einem der Appetit, wenn man zusah, wie das Brot im getrockneten Kamelmist gebacken wurde. Doch was sollen die Bewohner machen, Holz gab es nicht ..." Oder etwas später: "Von gesammeltem Dung und dürrem Kraut wurde nun ein Feuer angezündet, ein Topf mit Wasser darauf gesetzt, worin gestampfter Mais gekocht wurde, genau so wie bei uns zu Hause das Schweinefutter zurecht gemacht wird. Tapfer aß ich von diesem Brei, den man nicht zwischen den Zähnen weg bekommen konnte ..." Da sind heimische Gerichte doch ganz etwas anderes, so wie in Jaffa: "Zum ersten Male bekam ich seit ungefähr zehn Monaten zum Mittagsmahl Kartoffeln. Das war für mich eine Delikatesse und schmeckte mir besser als Braten." 

3.5 Ausrüstung 

Heinrichs verläßt seine Heimatstadt mit einer Ausstattung, die es ihm erlaubt, gestützt auf feste Unterkünfte zu reisen. Er braucht sich weder um Essen noch um Trinken zu kümmern, für die Unterkunft ist in den Häusern des Gesellenvereins gesorgt. Erst im Balkan wird das anders: "Aber jetzt wurde auch die Reise schon beschwerlicher, da ich in immer unzivilisiertere Gegenden kam. Das Schlimmste für mich war jedoch der Umstand, daß ich hier in Dunaföldvar zum letzten Male ein Vereinshaus des katholischen Gesellenvereins antraf. ... Diesbezüglich waren auch meine Reisevorbereitungen. Zuerst kaufte ich mir Waffen: einen sechsläufigen Revolver und einen scharfgeschliffenen Dolch zu meiner Verteidigung; dann ein Kochgeschirr, um mir im Falle der Not selbst etwas kochen zu können; ein paar starke lederne Gamaschen, zum Schutz gegen Schlangenbisse, und eine dicke Decke aus Schafspelz, welche mir vor Kälte schützen sollte, wenn ich unter freiem Himmel mein Lager aufschlüge."  

Eine weitere Stufe der Selbstversorgung ist während der Wüstendurchquerung nötig. In Dunaföldvar, in Istanbul, in Jerusalem, in Neapel sind immer wieder Ergänzungen und Neuanschaffungen seiner Kleidung nötig. Während der Wüstendurchquerung wiegt sein Rucksack 90 Pfund, die in etwa heutigen 45 Kilogramm entsprechen dürften. Im Extremfall besteht die Hälfte aus Wasser (20 Kilogramm), außerdem je ein Kilogramm Kaffee und Fleisch, 2 Kilogramm Zucker, ein halbes Kilogramm Tee, 25 Erbswürste wiegen heute knapp 4 Kilogramm. Das sind schon 28,5 Kilogramm. Hinzu kommen Brot, Kleidung, Rucksack, Verpackungsmaterial, Stock sowie Kleinteile (Bücher, Karten, Kompaß, Uhr, Revolver, Messer). Es ist sicher nicht falsch anzunehmen, daß dies bei Temperaturen um 40 °C einen sehr robusten Menschen erfordert. Immerhin bringt Heinrichs es fertig, drei Monate in kleinasiatischen Wüsten zu überleben und dabei noch tausende Kilometer voranzukommen. 

4 Einordnung der Reise 

Das Ziel der Reise, die Aufenthalte in Jerusalem und Rom deuten auf eine Pilgerreise hin. Warum es dann gerade Jerusalem sein soll, wird nicht deutlich. Da mag die Prägung durch das `schwarze Münster´ und ein katholisches Elternhaus sicher eine Rolle gespielt haben. (" Wollte ich nicht betrachtend niederknien an den heiligen Stätten, dem Ziel meiner Wünsche?"

An beiden Orten erhält Heinrichs Pilgerscheine, der Jerusalemer ist im Buch abgebildet. In Rom erhält er im Rahmen einer Pilgergesellschaft eine Audienz beim Papst. Normale Pilger jedoch schifften sich in Venedig nach Jerusalem ein, suchten also den kürzesten Weg zu ihrem Ziel, pilgerten meist in Gruppen, erhofften himmlischen Lohn und Absolution von Sünden, Schuld und Strafe. Von alldem ist bei Heinrichs nicht die Rede. Wenngleich er bei den Beschreibungen über Erlebnisse in Jerusalem und Rom ins Schwärmen gerät, so spielen doch Gedanken ans Pilgern auf seinen restlichen Wegen keine Rolle. 

Nicht Pilgern will er, ihn treibt die Reiselust: "Schon in der frühesten Jugendzeit war mein sehnlichster Wunsch, zu reisen. Nicht per Bahn oder per Schiff, nein, auf Schusters Rappen wollte ich die Welt durchwandern. Durch meiner Hände Arbeit wollte ich mir mein Brot verdienen. Abwechselnd arbeiten und weiterziehen war mein Vorhaben. Darum erlernte ich auch das Handwerk, das mir, obgleich meinen Wünschen nicht ganz entsprechend, zum Wandern am vortrefflichsten schien: ich wurde Friseur, oder, wie es unter Walzbrüdern heißt, `Doktor der Schaumschlägerkunst´." Heinrichs stuft seine Reise selber als Walz ein, als Handwerkerreise. Seine Vorstellung entspringt alten Zeiten: "Den derben Knotenstock in der Hand und das Ränzel auf dem Rücken, wurde die Welt durchkreuzt. Frohgemut ging es von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort; bald allein, bald in Gesellschaft von mehreren lustigen Brüdern." Dieses Ideal verfolgt er und kennt nur drei Dinge, die es stören können: die moderne Technik ("Schnellfahrende Eisenbahnen haben das poesievolle Wanderleben verdrängt. Im Zeitalter des Treibriemens und Rädergerassels geht das Sehnen und Trachten so manchen jungen Mannes nicht mehr hinüber nach den Städten unbekannter Länder, wo ihm Gelegenheit geboten würde, sein Fach zu vervollkommnen."), die moderne Einstellung zum Leben ("Nur Geld erwerben und wiederum erwerben ist sein steter Gedanke, unbekümmert um das, was über die Heimatscholle hinausreicht.") und die Landstreicher oder Vagabunden ("Und wie oft gelingt es nicht leider jenen frivolen Brüdern, deren einziger Wahlspruch Betteln und Stehlen, aber nur nicht arbeiten heißt, den biedern und guten Handwerksburschen die Lust am Wandern zu nehmen." ). Für die Walz spricht, daß Heinrichs, soweit auf seiner Route möglich, die katholischen Gesellenvereine aufsucht, dort Gleichgesinnte findet und sich dort heimisch, in der Familie fühlt. 

Andererseits: Im Verlauf der Reise schildert er nur drei Situationen, in denen er sein Handwerk einsetzt: einmal zum Geldverdienen, während er überwintert, einen weiteren kleinen Job, dem er aber bald entflieht und als Dank für die Gastfreundschaft von Zigeunern, denen er die Haare schneidet. Von Vervollkommnung des Faches ist da nirgends ein Hauch zu spüren. 

Auch ist die Walz im allgemeinen durch die Suche nach einem Arbeitsplatz gekennzeichnet - bei Heinrichs dient sie jedoch nur als Mittel zum Zweck, die Reise fortführen zu können. Gleich zu Anfang hatte er ja betont, daß er bereits seine Berufswahl der künftigen Reise untergeordnet habe. Dennoch akzeptiert er die äußeren Kennzeichen der Walz, bezeichnet sich selbst als Kunden, benutzt ihre Sprache. Die Handwerksburschen, mit denen er von Bonn nach Königswinter aufbricht, bezeichnet Heinrichs als "Kunden" . Noch öfter taucht die Kundensprache auf: ein Hufschmied wird als Flammer bezeichnet, der Friseur als Doktor der Schaumschlägerkunst . 

Heinrichs bewertet im Nachwort des Buches seine Reise, dreizehn Jahre nach seiner Rückkehr, vorsichtig: "Das war eine gewaltige Leistung. ... Doch trotz Entbehrungen und Gefahren darf ich noch heute auf die jetzt schon in der weiten Ferne der Vergangenheit liegenden Tage zurückdenken. ... Doch offen muß ich es heute gestehen, heute, wo das reifere Alter des Mannes den Jugendübermut gebändigt und die Phantasie untergeordnet, daß ich nicht mehr - nein, für nichts mehr in der Welt - die schweren Zeiten meiner Wanderjahre noch einmal erleben möchte. ... Zwar einem jeden wünsche ich das Glück, Jerusalem besuchen zu können; doch, ich wiederhole es, von Serbien bis Palästina benutze keiner den gefahrdrohenden Fußweg." 

Die Empfehlung mag verschiedenen Interessen dienen. Dafür spricht auch ein Anzeigentext aus dem Anhang des Buches: "Während meiner 7 1/2-jährigen Amtstätigkeit [als Missionspriester] habe ich mich notgedrungen viel auch mit den Freuden und Leiden der Brüder von der Landstraße befassen müssen. Was F. H. erzählt, haben viele in ähnlicher Weise erlebt und erlitten ... Wie er [Heinrichs] das selbst am Schluß tut, so rate ich jedem Handwerksburschen ab, sich auf Heinrichs Pfade zu begeben. (Pfarrer Steinwald)" Wenn der Autor dreizehn Jahre nach der Reise dieses Buch vorlegt, so beschäftigt ihn die Reise sicher immer noch in hohem Maße, erzählt er doch auch von zahlreichen Vorträgen, die er immer noch hält. Er hat seine Reise nicht abgebrochen, weil sie ihm überdrüssig war, sondern weil die Malaria ihn dazu zwang. Nach allen überstandenen Strapazen, die er bis Jerusalem zu ertragen hatte, reicht es ihm noch nicht, er will weiter und genießt die Reise nach Port Said: "Welch herrliche Nacht! ... Die Beleuchtung ist so zauberisch; das Farbenspiel des Meeres so feenhaft; die Stille so träumerisch! - Drei Stunden nach Mitternacht entzog ich mich diesen Träumen und Bildern, um mich noch einige Stunden der Ruhe hinzugeben." Selbst als er todkrank sich nach Italien einschifft, blickt er zurück: "Traurig saß ich dort, sah hinüber nach den flachen Sandufern Afrikas und träumte von dem, was ich nicht sehen sollte." 

Der Überdruß am Unterwegs-sein ist erst in der Nähe der Schweizer Grenze zu bemerken, verständlich, wenn die Heimat nahe ist. 

Andererseits erscheint das Buch in einem Verlag, der, seinem Verlagsprogramm nach zu urteilen, der katholischen Kirche nahesteht, und es ist dem katholischen Gesellenverein gewidmet. Da liegt es nahe, Lesern die Reise nach Jerusalem zu empfehlen, jedoch vor den Gefahren der Reise zu warnen, um kein schlechtes Vorbild zu geben. 

Vielleicht können wir Franz Heinrichs als einen romantischen Burschen mit klaren Zielen ansehen, der einen ausgeprägten Willen mit entsprechender Durchsetzungskraft hat, langfristig plant und trotz aller Reiselust völlig in die damalige bürgerliche Welt integriert ist. Seine Reiselust legitimiert er einerseits über die Arbeit, er will sein Fach vervollkommnen, andererseits über das Reiseziel Jerusalem, verleiht ihr den Anschein einer Pilgerreise. 

Vielleicht besteht ein subjektiver oder objektiver Zwang für ihn, sich vom sinn- und zweckfreien Reisen abzugrenzen, wie es die Landstreicher, die Vagabunden verkörpern? Versetzen ihn deshalb die Landstreicher dermaßen in Rage? Auch in Konstantinopel äußert er sich verächtlich über sie, doch nutzt er ihr Wissen. 

Heinrichs Reise hebt sich hervor durch seine Lust am Unterwegs-sein, durch Ferne und Dauer, als Fußreise und durch Abenteuerlichkeit. Sie stellt eine eigene Reiseform dar, unterscheidet sich deutlich von Pilger- und Handwerkerreisen und ähnelt mehr heutigen Globetrotterreisen. 
 

5 Zusammenfassung 

Franz Heinrichs, * ca. 1878 in Münster, war 18 Jahre alt, als er am 16. Juni 1896 aufbrach nach Jerusalem, getrieben von Reiselust, nachdem er eine Lehre als Friseur abgeschlossen hatte. Bis zum Oktober 1898 durchquerte er zu Fuß, meist allein, Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Rumelien, die Türkei, Syrien und Palästina. Zweimal wird er ausgeraubt, doch immer findet er neue Wege, weiterzukommen und erreicht am 3. August 1897 Jerusalem. Nach Hause will er nur langsam und begibt sich daher zunächst nach Ägypten. Dort holt er sich aber eine schwere Malaria, mußte das Land verlassen und sich in Italien lange Zeit erholen. Wieder halbwegs genesen, marschierte er weiter Richtung Heimat, denn auf andere Verkehrsmittel will er nach wie vor nicht zurückgreifen. 15.000 Kilometer legte er in 455 Reisetagen zurück. Erspartes, unterwegs Verdientes, Hilfen der deutschen Konsulate und Überweisungen aus der Heimat ermöglichten ihm die Reise. Doch oft bettelte er, kämpfte ums Überleben. Hilfreich war ihm die Mitgliedschaft im katholischen Gesellenverein. Zwei Jahre nach seiner Abreise kehrt er nach Münster zurück und hält zahlreiche Vorträge über seine Reise; erst dreizehn Jahre später schreibt er seine Erfahrungen in einem Buch nieder. 

  

6 Literatur 

Franz Heinrichs 
Mit Knotenstock und Ränzel. Erlebnisse eines Handwerksburschen auf seiner Reise von Münster i. Westfalen durch den Orient nach Jerusalem 
Essen/Ruhr: Fredebeul & Koenen o.J. (ca. 1911) 10.-20. Tsd., 321 p., V (Anz.), 13x18 cm, Frontispiz, bedrucktes OLn 

Franz Heinrichs 
Sollen wir auswandern? Erlebnisse e. Kolonisten in Südbrasilien 
Essen/R.: Fredebeul u. Koenen 1920 
69 p, 8°. (2. Aufl.) 

A. de Waal 
Der Rompilger 
Freiburg: Herder 1904 
OPrägeLn, 423p, Frontispiz, 110 Abb. i. Text, Eisenbahnkarte u. Stadtplan. 

K. Baedeker 
Italien. Handbuch für Reisende. 1. Teil 
Leipzig: Baedeker 1902, 16.A. 
OPrägeLn, 553p, 29 Ktn., 30 Pläne, 9 Grundrisse 
 


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