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Selbst reisen, schreiben und verlegen

Der folgende Text stammt von Peter Meyer (©) in Zusammenarbeit mit AGIR.

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Trotter 90 (1998), 37-40 (Deutsche Zentrale für Globetrotter e.V. dzg)

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR
www.reisegeschichte.de
 

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Versuch zur Geschichte der alternativen Reiseführer

 

Einiges scheinen die »Alternativen« den Urahnen heutiger Reiseführer abgeschaut zu haben: Murray in London mit seinen Red Books und dem Essener Baedeker, der ab 1827 in Koblenz 26jährig das Konzept der Handbooks for Travellers verfeinerte. Beide recherchierten die ersten ihrer Bände selbst und konzentrierten sich auf reisepraktische Hinweise, um das knappe Reisebudget ihrer Leser zu schonen. Selbst die Beziehungen der beiden zunächst kooperierenden Verleger scheinen ihren »Nachfolgern« Pate gestanden zu haben: Mit zunehmendem Erfolg und enger werdender Konkurrenz bekamen sie sich in die Haare.

Trotzdem, neue Aspekte gibt es schon, wenn zu Anfang der Siebziger Jahre hausgemachte Erfahrungsberichte und Reiseführer auftauchen: Während die Etablierten pauschal mit der Bahn nach Ruhpolding fahren, Intellektuelle eine Bildungsreise nach Paris unternehmen und junge Familien ihre Kinder im Käfer an die Adria schaukeln, werfen die Freaks eine Matratze in ihren VW-Bulli oder Ford-Transit und begeben sich - oft ohne Ziel - auf der Suche nach sich selbst an die Enden der Welt. »On the road« wird zum Lebensgefühl eines großen Teils einer ganzen Generation: Urlaub ist nicht der rechte Begriff, wenn es kein Zuhause gibt, die Reise wird zum Trip - äußerlich wie innerlich. Gemeinsamkeit und Autonomie des Individuums stehen gleichermaßen im Mittelpunkt dieses Lebensgefühls, das mit Gitarre, Bongo und Mundharmonika seine Ausdrucksform findet. In bürgerlichen Verlagen findet diese Bewegung kaum ihren Niederschlag, die Szene muß ihre »Er-fahrungen« selbst vermitteln. Außenstehende nennen diese Gattung bald »alternative Reiseführer«, obwohl die Macher selbst eher von Globetrotter-Handbüchern sprechen.

 
  Aus eigener Kraft

Bernd Tesch

 

Globetrotter-Selbstverlag

Heribert Seul

Ludmilla Tüting

Friedemann von Engel

Klaus & Erika Därr

 

 

Richtig Reisen

 

Anders Reisen

1971 gibt Bernd Tesch Aachen - Kapstadt heraus (Ludmilla Tüting schreibt dazu rückblickend im Globetrotter 2 auf S. 24: »Er war der erste Selbstverleger«). Ab 1972 erscheint das Werk unter dem Titel Afrika-Führer für Selbstfahrer, der die Abgrenzung zu Pauschalreisen ebenso deutlicht macht, wie seine Botschaft: »Es ist möglich, auch Du kannst es!«

Nur wenige Monate später erscheint Ludmilla Tütings Von Alaska bis Feuerland, 1973 dann Robert (und Gisela) Treichlers Der billigste Trip nach Indien, Afghanistan & Nepal und 1974 (?) Burkhard Dreyers Indien-Nepal-Ceylon.

Viele bieten handgeschriebene Tips an, so z.B. Dietrich Gorgs Tips für den VW in Afrika. Jürgen Bischoff (dzg) informiert ab Pfingsten 1974 im zunächst kostenlosen On the road Tramper-lnfo unter dem erhobenen Daumen über europäische Ziele. Im Arena-Verlag erscheint 1976 Wo die Welt noch wild ist« mit Beiträgen mehrerer dzg’ler.

Heribert Seul und Ludmilla Tüting präsentieren 1975 erstmals auf der Frankfurter Buchmesse unter der Bezeichnung »Globetrotter-Selbstverlag«. Friedemann von Engels Tips für Trips, Ludmilla Tütings Von Alaska nach Feuerland, Transsahara von Klaus & Erika Därr sowie Rolf Schettlers 100.000 km Orient.

Diese Entwicklung verläuft parallel mit der Gründung der Deutschen Zentrale für Globetrotter e.V. dzg und deren rasendem Mitgliederwachstum. Ihr Vorstand und die Aktiven im Umkreis sind identisch mit den Globetrotterautoren der ersten Phase.

Ludmilla Tüting erinnert sich: „Campingstühle und -tische bildeten unseren Stand. Unser erster Interessent, ein Buchhändler aus Hagen, fiel gleich durch den morschen Stoff ... Zu unserem ersten Geschäftsessen luden uns die Partner der Geographischen Buchhandlung München, Günter Nelles und Rainer Michels. Sie wollten unsere Titel kaufen und boten uns 1 DM pro Exemplar. Ich lehnte ab, Rainer tobte. Als er sich dann wieder zu uns setzte, wurde mir klar, daß wir auf einen neuen, wichtigen Trend gestoßen waren.“ Das merken auch andere; schon 1976 bringt der große Kölner Kunstbuchverlag DuMont seine ersten Richtig reisen-Bände heraus. Prompt unterliegt er damit auch gleich einem Mißverständnis. Den Globetrottern geht es zwar ums Selberreisen, vielleicht auch ums Anderssein, belehren hingegen wollten sie nicht; denn wie geht das: Richtig reisen? 1980 springt Rowohlt mit Anders reisen auf, als erster Band (7501) erscheint Tips und Tricks für Tramps und Travellers von Michael Cannain (dzg). Die Reihe beschränkt sich lange auf europäische Ziele.

 
  Professionalisierung

Globetrotter schreiben für Globetrotter

 

 

Martin Velbinger

 

Peter Meyer

 

Rolf Schettler

 

Conrad Stein

 

Gisela Walther

Udo Schwark

 

 

1975/76 erscheint im nachhinein als die Periode der Professionalisierung der Selbstverleger. Einige von ihnen vermarkten künftig in einer Autorengemeinschaft unter dem Sigel „Globetrotter schreiben für Globetrotter“ (GsfG) ihre Werke im Standardformat DIN-A5 und in der Einheitsschmuckfarbe HKS 13 – fast das Baedeker-Rot. Ein Werk wird nur in die Reihe aufgenommen, wenn alle bisherigen Mitglieder damit einverstanden sind.

Eine erste gemeinsame Werbeanzeige wird im Mai 1976 doppelseitig im Katalog zur Mainzer Mini Pressen Messe „Bücher, die man sonst nicht findet“ geschaltet, diesmal bereits mit Heribert Seuls legendärem Weltführer für Reisen mit dem Rucksack, wahrscheinlich der erfolgreichste Titel der Reihe. Im Sommer 1976 erscheint als GsfG-Band 6 von Ludmilla Tüting Nepal für Globetrotter mit Trekkingführer im Selbstverlag Berlin. Auf der Frankfurter Buchmesse vorn 16. bis 21.9.1976 präsentieren Ludmilla Tüting und Erika Därr am Stand 5a, 7041 die neue GsfG-Reihe.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Im Sommer 1976 erscheint Martin Velbingers Südamerika. Peter Meyer meldet am l. Juli 1976 seinen überdruck-verlag an und publiziert ein Alternatives Adreßbuch, später unter der Reihenbezeichnung Connexions. Nach einem Südasientrip nennt er den Verlag ab l979 mandala und bringt zusätzlich selbstgeschriebene „Reisebegleiter für Globetrotter« heraus: Anfang 1980 erscheint in der Reihe mandala unterwegs der erste Band Indien - Nepal - Sri Lanka von Peter Meyer und Barbara Rausch.

Gisela Treichler (dzg) eröffnet im Januar 1977 in Zürich den Travel Book Shop. Im gleichen Jahr veröffentlicht Jens Peters (dzg) sein Südost-Asien mit öffentlichen Verkehrsmitteln; ’79 erscheint erstmals sein bis heute erfolgreiches Philippinen-ReiseHandbuch. Der Backpacker mit der Schreibmaschine ist sein Markenzeichen. 1978 gründet in Berlin Stefan Loose den gleichnamigen Verlag, der inzwischen über sein Spezialgebiet Südost-Asien weit hinausgewaxchsen ist. 1980 trennt sich der Velbinger-Autor Michael Müller von seinem Verleger und gründet eine eigene Reihe, bis 1998 auf Europa beschränkt. Heute hat sie mit mehr als 75 Bänden diejenige des einstigen Brötchengebers weit überflügelt.

Conrad Stein veröffentlicht 1980 »Südsee“ bei Rolf Schettler (dzg) und meldet gegen Ende des Jahres in Kiel einen eigenen Verlag an, Australien von A - Z ist der erste Band einer Reihe Von Globetrottern geprüft. Er gilt heute als Spezialist für Outdooraktivitäten und Survival.

Gisela Walther (dzg) gründet 1981 einen Buchvertrieb. Die blauen Bände mit vielen Übersetzungen der erfolgreichen australischen Serie lonely planet betreut dort heute Udo Schwark (dzg). Sie verlegen ’83 zusammen mit Erich Bauer (dzg) unter dem Pseudonym Anton Schneeblind einen Reiseführer der 3. Generation über die Antarktis in der Reihe Weise schreiben für Naseweise.

Man hatte wohl Abstand genug gewonnen, das eigene Tun zu persiflieren. Und neben Neugründungen spiegelt auch das Einstellen von Publikationen die Trends der Zeit wider: Jürgen Bischoff läßt sein Tramper-Info On the road 1983 nach 14 Ausgaben mangels Zeit (T 35/2) auslauten, ’87 hat Peter Meyer auf seine Connexions keine Lust mehr: »Da es keine Alternativszene mehr gibt, machen solche Adreßbücher keinen Sinn.«

 
Kommerzialisierung

Reise Know-How

 

Barbara Rausch

 

Peter Meyer

1984/85 folgt ein wichtiger Schritt in Richtung Kommerzialisierung: Da Rolf Schettler seine GsfG-Bände nicht mehr aktualisiert, dafür aber Manfred Wöbcke und Gerhard Heck unter seiner ISBN publizieren (sie waren also formal keine Selbstverleger mehr), beschließen einige andere Mitglieder der GsfG während der Buchmesse 1984 eine Neugründung. Vom 30.11. bis 2.12.84 diskutieren und beschließen die acht Buchverlage Brigitte Blume, Darr, Edgar Hoff, Rainer Lössl, Peter Meyer, Peter Rump, Heribert Seul, die Tondoks und Ludmilla Tüting die von Peter Meyer entworfene Satzung der Verlegergemeinschaft Individuelles Reisen e.V. (VIR): Im Gegensatz zu GsfG müssen die Bände der Reihe Reise Know-How nicht zwingend von den Verlegern selbst geschrieben werden; stattdessen müssen sie den strengen Maßstäben eines »Qualitätsausschusses« genügen (T 40/98). Peter Meyer baut 1985 bis 1989 eine effiziente Vertriebsstruktur auf. 1989 verläßt Ludmilla Tüting die VIR, im Sommer 1990 wird Barbara Rausch ausgeschlossen, im Herbst des gleichen Jahres beschließt die Mehrheit des Vereins die Übertragung der Rechte am Markenzeichen Reise Know-How auf eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts; Edgar Hoff und Peter Meyer bleiben davon ausgeschlossen. Der »Q-Ausschuß« wird abgeschafft. Die Welt ist zu klein geworden, der Produktionsdruck grenzt aus statt zu integrieren:

Barbara Rausch gründet sofort ein eigenes Label, das sich zunächst gut anläßt. Auf Dauer schafft sie es jedoch nicht, gleichzeitig Reisende, Rechercheurin, Autorin und Verlegerin zu sein. Im November 1996 nimmt sie sich das Leben.

Parallel entwickelt Peter Meyer zusammen mit seiner Frau Annette Sievers die Peter Meyer Reiseführer. Erstmals strukturieren sie den Inhalt nach Griffmarken, was danach weltweit als willkommene Anregung aufgegriffen wird, bis hin zu lonely planet. Sie haben seither mehr als 40 Titel verlegerisch betreut, alle auf 100%-Recyclingpapier mit s/w-Abbildungen. Das Selberschreiben ist nur noch ein kleiner Teil der Arbeit, um so gründlicher betreiben sie Lektorat und Kartografie – eine für viele kleine Reiseführerverlage typische Entwicklung.

 
  Marktsättigung
 

In den 90ern zeigt sich, daß ohne konzentriertes Marketing Führer aus dieser Szene kaum noch in die Regale der Buchhandlungen gelangen. Zwar brummt nach der deutschen Vereinigung und dem Ende des Golfkriegs zunächst auch bei den Globetrotterverlagen das Geschäft, aber der Wettbewerb wird zusehends härter. Einige wenige Reihen wie die nun von Peter Rump dominierte Reihe Reise Know-How werden immer größer, Großverlage erobern sich mit zumeist oberflächlichen billigen Massenprodukten ihre verlorengegangenen Marktanteile zurück. Einzelkämpfer haben in den 90ern kaum noch eine Chance, denn die Ansprüche des Reisenden an die Ausstattung sind mit dem zu erzielenden Preis kaum noch zu verwirklichen. Die Flut der Publikationen verwischt für die Leser die Tatsache, wieviel Mühe in vor Ort recherchierten Bänden steckt. Heute macht die Touristikliteratur samt Landkarten 11 % des Buchhandelsumsatzes aus. Die Globetrotterverlage aus dem Umkreis der dzg haben dazu beigetragen.

Wie die Nachfrage und das Angebot gewachsen sind, zeigt ein einfaches Beispiel: In dem Nachschlagewerk »GeoKatalog« von 1980 finden sich unter dem Stichwort »Kalifornien« 5 Titel, heute sind es 78 Einträge! Es gibt derzeit 4.500 deutschsprachige Reiseführer in 150 Reihen und zusätzlich 1.500 Special-Interest-Führer (von Wandern bis Tauchen) in 100 Reihen. Insgesamt also 6.000 Titel, die in etwa 200 Verlagen erscheinen, von denen jedoch weit mehr als die Hafte ausschließlich Bildbände, Regionalia und themenzentrierte Führer anbieten. Reisebeschreibungen und Länderkunden sowie Kartenwerke sind in diesen Zahlen nicht berücksichtigt. Wer sich da noch zurechtfinden will, findet Anleitungen zur Beurteilung von Reiseführern und Karten im Selbstreise-Handbuch.

 
  Ausblick
  Globetrotterhandbücher kosteten in den 70ern bei einfachster Ausstattung mit Schreibmaschinensatz und handgezeichneten Kartenskizzen etwa 10 Pfennig die Seite, heute sind es bei gesunkenen (!) Auflagen und gestiegenen Kosten, aber enorm verbesserter Ausstattung oft sogar weniger. Dieser Kostendruck wird zur weiteren Konzentration im Reiseführersegment führen, die Vielfalt abnehmen, bis schließlich wieder pfiffige Jungverleger mit neuen Ideen ihre Mitreisenden als Bedarfsgruppe entdecken. Ich bin gespannt, wer dann wieder »selbst reist«. Die dzg geht seit 1998 dieser Entwicklung wieder voran: Wie in den Gründerjahren der „alternativen Reiseführer“ wagt sie mit dem Selbstreise-Handbuch erneut den Versuch »eine[r] Einführung in die Kunst des Reisens« (FAZ). Norbert Lüdtke verfaßt sie, Peter Meyer verlegt sie und läßt dazu seine alte Connexions-Idee wieder aufleben: Back to the roots?
 
  Bei der Suche nach Individual-Reiseführern empfehlen wir unsere Linkliste.
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