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Reisezeitschriften in Deutschland

Bedürfnisbefriedigung zwischen Appetizer und Nachrichtendienst

 

In der Zeitschriftenhandlung Ludwig im Kölner Hauptbahnhof nehmen die Reise- und Freizeit-Zeitschriften rund um Tauchen, Bergsteigen und Motorradreisen ... eine ganze Wand ein. Eine Vielzahl von Titeln, die etwa ab 1980 aus wenigen zarten Wurzeln gewachsen, ja: gewuchert ist. Jeder Quadratzentimeter dieser Wand ist heiß umkämpft. Im Januar 2002 ist die letzte Ausgabe der Zeitschrift Globo erschienen - ein Pflänzlein weniger. Setzt nun ein Konzentrationsprozess ein?

 

Der Trotter – Das Forum der Globetrotter seit 1974

von

Norbert Lüdtke

erstmals erschienen in einer Sonderausgabe zum Trotter 100 (2001), 6-11

12.000 redaktionelle Seiten in 27 Jahren – die Mitgliederzeitschrift der Deutschen Zentrale für Globetrotter ist klein und wenig bekannt. Die Besonderheiten des TROTTERs rechtfertigen es, bei einer Betrachtung über Reisezeitschriften mit imr zu beginnen:

  • DER TROTTER ist neben Merian die älteste Reiseführerzeitschrift im deutschsprachigen Raum.
  • ... ist zu 99,9 % werbefrei.
  • ... wird von engagierten Laien für leidenschaftlich Reisende erstellt.

DER TROTTER entstand als Mitteilungsblatt für eine kleine Gemeinschaft, in der nie jeder jeden kannte, in der es jedoch eine überschaubare Anzahl von Zirkeln gab: Jeder kannte einen, der einen kennt … Diese Zirkel waren Knotenpunkte eines Netzes, das sich über das ganze Bundesgebiet erstreckte: Berlin, Hamburg, dem Ruhrgebiet, Stuttgart, München … Diese Zirkel waren notwendigerweise offene Gemeinschaften, denn neue Informanten waren wichtig. Andererseits fluktuierten sie stark, weil das Ziel des Einzelnen natürlich die Reise war. Viele waren oft unterwegs und dann nicht erreichbar. Der Trotter als clubinternes Mitteilungsblatt war bestens geeignet, den Kontakt untereinander zu halten, Informationen zu speichern und verbreiten. Sein Stil glich der einer Anschlagtafel, wie man sie aus Traveller-Unterkünften kennt: kurz, knapp, präzis im lockeren Umgangston, bunt, etwas subversiv und immer per Du. Der Trotter deckt ein Grundbedürfnis, doch nur eine Institution kann ihn dauerhaft organisieren und gewährleisten.

Trotz ihrer Offenheit haftete dieser Gemeinschaft das Flair des Geheimnisvollen an. Einander zu helfen setzte entsprechende Reiseerfahrungen voraus. Wer da nichts zu bieten hatte, fiel schnell auf. Umgekehrt stieg das Ansehen mit der Dauer und Anzahl der Reisen, mit der Exklusivität bestimmter Reiseziele und Fortbewegungsmittel. Von Anfang an zog dieser Zirkel jedoch auch Leute an, die weniger gaben als nahmen. Bei persönlichen Begegnungen hatten sie da kaum eine Chance, aber über den Trotter ließen sich die Erfahrungen anderer absaugen. Manche dieser „Ausnuckler“ verwechselten die Mitgliedschaft mit dem Abonnement einer Zeitschrift und forderten regelmäßiges Erscheinen, gute Lesbarkeit, ausgewogene Berichterstattung … Umgekehrt forderte die Redaktion unentwegt Beiträge der Mitglieder ein. Solche Reibungen wurden im Editorial und in Leserbriefen immer wieder sichtbar.

Dennoch fanden sich immer ehrenamtliche Macherinnen & Macher für die Redaktion, überwiegend journalistische Amateure. Ludmilla Tüting erstellte zehn jahre lang den Trotter und wurde imLaufe der Zeit zum journalistischen Profi. Außerdem lagen bei ihr Redaktion und Vorstand „in einer Hand“.

Nach dieser Zeit gab nie einen Chefredakteur. Aus den Redakteuren rekrutierte sich jeweils die Redaktionszentrale und die wechselnden Teilnehmer der Schlußredaktion – und immer wieder verschwanden die Aktiven auf lange Reisen. Ein kreatives Chaos organisierte sich selbst. Insbesondere die Redaktionszentrale stand meist unter Druck und im Zentrum der Kritik. Sie längere Zeit zu leiten, setzte eine gewisse Leidensfähigkeit voraus.

Man suchte Helfer, lernte einander an und schätzte den Trotter als unzensiertes Medium, das sich weder Markt- noch Machtinteressen anbiederte. Der Trotter verschrieb sich einzig und allein einer Idee des Reisens, die so stark ist, daß es ihn bis heute gibt: Man muß lange suchen, bevor sich auch nur annähernd Vergleichbares finden läßt.

 
  Individualisten auf der Suche nach einem Organ

Roberts Purple Mirror

 

on the road. Tramper-Info

 

 

 

Eine "Zeitschriften"-Geschichte begann 1965 in Tokio, im Cafe Fugetsudo. Dort trafen sich zwei Deutsche, ein Amerikaner, ein Japaner, zwei Österreicher, drei Engländer, ein Australier, ein Franzose, ein Niederländer, eine Französin und drei Japanerinnen. Man sammelte untereinander 123 Dollar für einen Krankheitsfond, um sich im Notfall unterstützen zu könenn.. Dann wurden Infos zusammengetragen, Nachrichten von der Straße. R.P.M., Roberts Purple mirror – the magazin for the restless, erschien zuletzt im Februar 1970 in Singapur (Auflage 750, gedruckt auf einem Kopierer von 1932). „Der Purple mirror war mehr als ein Magazin für einen bestimmten Typ von Tramper. Es war der Versuch einen Ausweg aus der Angst zu finden, die immer dann auftauchte, wenn Gedanken an die Zukunft auftraten“ (Via extra 1/1981, S. 50) Der RPM wurde in den Szenetreffs verkauft, vom Erlös wurde die nächste Auflage finanziert.

Etwa ab 1973/74 verschickte Jürgen Bischoff, später dzg-Mitglied, sein Tramper-Info on the road. Das Ein-Mann-Blatt erschien in loser Folge bis 1983; Szenezeitschriften wie Sounds wiesen immer wieder enthusiastisch darauf hin. Die etwa 15 Nummern im Umfang von 20 - 60 Seiten enthielten Jugendherbergskritik, Tips für Tramper, Alternativen Tourismus, Mit dem Rucksack durch Osteuropa, Frankreichs Autobahnen, auch eine frühe dzg-Kritik gab’s zu lesen …

Das einzige dauerhaft funktionierende Vorbild fand sich in London: der Globe, das Mitteilungsblatt des bereits 1948 gegründeten Globetrotter Club. Es wurde betreut von Bryan Hanson und von ihm holte sich Ludmilla bei Besuchen in London auch die ersten Tips für Club und Trotter. Bryan Hanson war später wiederholt Gast auf den dzg-Jahrestreffen; er starb vor wenigen Jahren. Doch mit dem Globetrotter Club kooperieren wir bis heute.

  Ahnen und Urahnen

Der Kunde. Zeit- und Streitschrift der Vagabunden

Wandervogel

Das Lagerfeuer

Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins

National Geographic


Aus einer anderen Quelle erwuchs Der Kunde – Zeit- und Streitschrift der Vagabunden: »Was sie alle mitbrachten von unterwegs, von den Strassen und Asylen der Welt, erschien im Kunden: … Über miserable Pennen und geizige Wohlfahrtsämter, freigebige Pfarrer und gemeine Konsuln genauso wie über Francois Villon, Arthur Rimbaud, Walt Whitman und Maxim Gorki, die grossen Brüder der Landstraße … Die Zeitschrift … verlor nie ihren handwerklichen, wenn man so will, dilettantischen Charakter.« (Trappmann: Landstraße, Kunden, Vagabunden, S. 18) Der Kunde erschien von 1927 bis 1930, dann noch ein Jahr als Vagabund.

Ab 1904 erschien der Wandervogel, die Zeitschrift der in den 1890er Jahren entstandenen Wandervogelbewegung, ab 1911 verlegte der Atlantis-Verlag Das Lagerfeuer, eine Pfadfinderzeitschrift.

In der zweiten Hälfte des „Jahrhunderts der Vereine“ entstanden zahlreiche Gebirgs-, Mittelgebirgs- und Wandervereine mit ihren meist regionalen Mitgliederzeitschriften und Jahrbüchern. Der Deutsche und Österreichische Alpenverein (seit 1869 bzw. 1862) war einer der ersten bürgerlichen Naturvereine. Auch hier waren die Briten mal wieder schneller: 1857 wurde der britische Alpenverein gegründet, 1875 der Campingclub von London. Freie Zeit und finanzielle Mittel waren immer schon Voraussetzung für frei gewählte Freizeit- und Reiseaktivitäten. Die Naturfreunde waren die ersten, die das Reisen gezielt für proletarische Schichten zugänglich machte. Ihre erste Gruppe wurde 1885 in Wien von Georg Schmiedl gegründet, aus den Sektionen erwuchsen zahlreiche regionale Nachrichtenblätter.

Schon 1788 gründete Sir John Banks in London die Association for promoting the Discovery of the Interior Parts of Africa.Sie überlebte Sir John nicht, der 1820 starb. Die Lücke wurde von der 1830 neu gegründeten Royal Geographic Society gefüllt, die National Geographic Society entstand erst zwei Generationen später in den USA, ihre Mitgliederzeitschrift ist heute an jedem Kiosk zu haben. Ihr gelang es allerdings, viele Expeditionen mit dem Erlös aus dem Zeitschriftenverkauf zu finanzieren.

 
  "Konkurrenz" auf dem Zeitschriftenmarkt

Merian

Traveller’s World

Reisemobil Magazin

Via

Tramper

Fernweh

Abenteuer & Reisen – Das Magazin für Globetrotter

Geo special

fliegen & sparen

Reisefieber

Reise & Preise

Holiday

Outdoor

Saison/Geo

Globo


Gab es vor 1980 überhaupt einen Markt für Reisezeitschriften? Mit Reisezielen beschäftigten sich Merian (1948 gegründet) oder die englischsprachige Ausgabe des National Geographic Magazine. Sie waren jedoch beide keine Reisezeitschriften imheutigen Sinne, insbesondere fehlten ihnen reisepraktische Informationen für Budget-Traveller. Selbst am anderen Ende des Preisspektrums regte sich erst 1978/79 etwas: Traveller’s World erschien auf dem Markt – Das Magazin für exklusives Reisen.

Wenig später folgten die ersten Zielgruppenzeitschriften: Christian Pehlemann gab im Berner Verlag bereits seit 1977 das Reisemobil Magazin heraus, Auflage 42.000. In seinem Editorial deutet sich die Richtung an: „Globetrotterberichte, Reports von Fernreisen, ferne Regionen …“

Der Berner Verlag startet 1980 mit tours eine Zeitschrift für den motorisierten Fernreisenden, mit dzg-Mitglied Christian Pehlemann als Chefredakteur.

Ein Jahr später folgte im gleichen Verlag Via – Das Magazin für Tramper, Trotter, Traveller erschien ab Januar 1981 alle zwei Monate (T 28, 45). Hinter dem Herausgeber-Pseudonym Mike Ziegler finden wir erneut Christian Pehlemann.

Ende 1981 versucht es der Berner Verlag zusätzlich mit der Tramperzeitung und Herausgeber Michael Cannain. 1982 ist der Berner Verlag pleite, Via und Tramper werden eingestellt (Globetrotter/Ch 1, 23). „Mit treuem Blick, unermüdlichen Zahlungsversprechen und der stets von neuem beschworenen Aussicht auf geldspendende Kaufinteressen narrte der Jungverleger Claus-Peter Berner monatelang eine Kompanie von Gläubigern: freie Mitarbeiter, Litho-Anstalten, Drucker, Anwälte – möglicherweise auch Richter, jeweils begleitet von den dumpfen Schlägen geplatzter Wechsel. Lt. Bescheid des Gerichtsvollziehers war am 13. Mai keine pfändbare Ware mehr vorhanden. Am 12. Februar stellte der Geschäftsführer der Atlas Verlag und Werbung Antrag auf Eröffnung eines Konkursverfahrens. Das Verfahren wurde jedoch erst im Juni eröffnet.“ (Kress-report, zit. nach T 32, 6) Tours wechselt mit dem Herausgeber zum Lützeverlag und erscheint bis heute.

Von 1982 bis 1984 versucht es Fernweh – Das andere Reisemagazin zweimonatlich, Chefredakteur ist dzg-Mitglied Michael Cannain, Art Director und Cartoonist bilden das gleiche Gespann wie bei tramper (Hans Moser, Walter Voigt). Gesamtauflage 70.000 (GT-CH 2/27). „… frech und fröhlich …“ (Tüting T 32, 21) mit Beiträgen der dzg’ler Robert Treichler, Udo Schwark, Helmut Hermann, Ludmilla Tüting, Michael Kadereit … Bald schon gingen Verlag und Redaktion getrennte Wege. Tüting: „Der Verlag hatte seine Gründe, das Team aus den Verträgen zu entlassen. Auch ich und noch andere Autoren haben ihre Gründe, nicht mehr mit Michael Cannain zusammenzuarbeiten. Zum einen, weil er bis heute keinen Finger krumm gemacht hat für seine Autoren, die von dem Pleitegeier Berner mit „tramper“ ihre Honorare nicht bekamen. … Zum anderen, weil er unglaublich viel – inkl. meiner eigenen Fehler – aus dem Trotter abgeschrieben hat, aber u.a. behauptet, es sei umgekehrt. Und vieles mehr. Forget it.“ (T 33, 10) Nach einer mehrmonatigen Pause erschien es 1984 in neuer Aufmachung (T 37, 39) Verantwortlicher Redakteur ist unter anderem dzg-Mitglied Thomas Milde (T 39, 61). Nach zwei Ausgaben ist jedoch Schluß. Fernweh war für seine Zeit das beste, interessanteste und lebendigste Reisemagazin und richtete sich an globetrottende Individualreisende. 1997 erschien erneut ein Reisemagazin namens Fernweh, das jedoch mit dem damaligen Magazin lediglich den Namen teilt - oder besser: teilte, denn die letzte Printausgabe erschien mit Heft 2/2001.

Die Zeit war reif für Publikumszeitschriften auf dem Reisesektor, auch wenn das Marktsegment kaum Konkurrenz vertrug. Ab Juni 1981 erscheint im Strebel Zielgruppen Verlag alle drei Monate Abenteuer & Reisen – Das Magazin für Globetrotter (T 28, 45), Geo special folgt 1982.

Eine Zeitschrift namens Globo – Mädchen, Länder, Abenteuer floppt 1986 mit der Nullnummer (T 45, 41): »Auch für uns gibt es nichts Schöneres als Reisen, Länder kennenlernen, Bekanntschaften schließen. Denn … die Bewohner eines Landes sind uns wichtiger als seine Kirchen und Museen … weil ich glaube, daß nicht zuletzt seine Bewohnerinnen ein Land interessant machen.« Herausgeber Martin Kaupp bietet in Globo: Zwischen Tangas und Travestis – Isabella zeigt, wo’s lang geht – Paula auf dem Weg nach oben …

Dem touristischen Boom der 80er Jahre und dem Wachstum des Reiseführermarktes folgen zeitverzögert die entsprechenden Zeitschriften: fliegen & sparen (1986), Reisefieber (1987), Reise & Preise (1988), Holiday (1988), Outdoor (1988), Saison/Geo (1989), Globo (1989) und viele andere mehr. Abenteuer & Reisen hat seinen Untertitel: Das Magazin für Globetrotter schon lange gestrichen; im Jahr 2001 änderte Globo den Untertitel in Reisen, erleben, genießen. Dies ist symptomatisch für die Entwicklung vieler dieser Zeitschriften: Der Kunde, sprich: Leser, will Abenteuer – aber ohne Risiko; will Nervenkitzel – aber den Tag genießen; will sich erholen – aber all inclusive; will sich pflegen – aber mit Wettergarantie. Globo hatte nichts mehr davon - die letzte Ausgabe erschien im Januar 2002.

Der Trotter füllt nach wie vor eine Lücke, im Dezember 2001 erschien die Jubiläumsnummer 100, ein Ende ist nicht erkennbar. Sein Untertitel müßte lauten: selbst reisen & immer unterwegs sein …

 
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