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Eine Geschichte der Fußreisen

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© 1996 by
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR

 


Teil 1:

Reisen wie im Traum
Jäger und Sammler - Immer unterwegs
Nomaden - Die Weiden sind das Ziel
Die Reisen der Seßhaften
Pilgerfahrten
Fahrendes Volk
Auf der Walz
Straße als Ghetto

Teil 2:
Wissen ist Macht
Die Hexe auf dem Zaun
Wandern - Die kultivierte Fußreise
Literatur

  Reisen wie im Traum

Es war einmal ... ein Reisender, der aufbrach in eine unbekannte Welt. Jeder Tag war voller Wunder und Gefahren, hinter jedem Horizont lagen Paradies und Hölle, Märchen und Sagen, Götter und Dämonen, Angst und Hoffnung. Unserem wandernden Urahn schien die Welt unendlich. Tiere, Bäume, Landschaften ließen sich ein erstes und letztes Mal schauen. Niemals kehrten diese ersten Augen-blicke wieder. Tags zuvor noch waren Räume unbetreten, voll unendlicher Möglichkeiten, dann brach Realität hinein, Dinge wurden gesehen, gehört, getastet, gerochen und geschmeckt – erstmals wahrgenommen von einem Wanderer.

Zehntausende, vielleicht hunderttausende Jahre begann dieses Märchen immer wieder neu. Undenkbare Universen wurden Schritt für Schritt ins Bewußtsein geholt und auf ein menschliches Maß gestutzt. Je mehr Raum wurde, desto kleiner geriet die Erde. Sie unterwarf sich um einen hohen Preis: Tag für Tag starben die Träume. Unsere Ahnen durchschritten die Erde, nahmen sie wahr und schufen sie neu. Sie schauten links und gaben dem Neuen einen Namen und sie schauten rechts und gaben dem Neuen einen anderen Namen. Das Wissen wuchs, Glaube und Phantasie schwanden. Sie übten göttliche Taten. Namen lassen sich mitnehmen, der geheime Name eines Dinges ist identisch mit dem Ding, verleiht Macht. Sie machten sich die Erde untertan und blieben Wanderer mit dem Glauben an eine bessere Welt hinter dem Horizont. Es war die Zeit, als die Götter noch auf der Erde lebten.

Was ist die Welt für den heutigen Menschen, den modernen Wanderer? Zu wissen, woher der Fluß kommt, wohin er fließt, was hinter den Bergen liegt und wo die Küste beginnt ... die Erde ist eine Kugel, dort ist Norden, hier gibt es Elefanten, Einhörner existieren nicht ....

Zu Fuß reisen — heißt das, Nutzloses erobern? Erreichen Fußreisende etwas, das andere nicht früher haben könnten? War nicht immer schon jemand vorher da, wenn die berühmten Entdecker nach Columbus mühsam ihren Weg gefunden hatten? Vielleicht sind die Fußreisenden die Igel eines jahrhundertealten Wettlaufs.

Fußreisende suchen Erfahrung, nicht Erfolg. Sie leben ihren endlosen Traum zwischen Neugier und Angst. Was hält die Welt bereit, hinter dem Hügel, dort im Wald, unten im Fluß? Raum und Zeit werden spürbar, im Rhythmus eine dem Menschen gemäße Geschwindigkeit gefunden, die Bedingungen des Lebens direkt empfunden., das Reisen als eine conditio humana erlebt.

Der Mensch ist nicht nur ein reisendes, sondern auch ein soziales Wesen; er braucht die Gemeinschaft. Fußreisende bewegen sich aus der Gemeinschaft heraus und müssen das besonders legitimieren. Weshalb reisen, wenn es zu nichts nütze scheint, Zeit vergeuden? Für Seßhafte war es immer schon anrüchig, nicht-seßhaft zu sein:

Abdecker, Akrobaten, Athleten, Bacchanten, Bettler, Deserteure, Diebe, fahrende Schüler und Studenten, Gauner, Glückshafener, Hausierer, Heiden, Henker, Huren, Juden, Kesselflicker, Kriegsversehrte, Krüppel, Kunden, Landstreicher, Leirer, Lepröse, Misselsüchtige, Polizei- und Gerichtsdiener, Riemenstecher, Sackpfeifer, Scharfrichter, Schausteller, Scherenschleifer, Schinder, Spielleute, Tippelbrüder, Tramps, Trickbetrüger, Vaganten, Vagabunden, Walzbrüder, Wanderarbeiter, Wenden, Zigeuner…

Die Geschichte der Fußreisen will ich erzählen: Das Wissen darüber ist gering, Phantasie füllt die Lücken. Sie beschreibt nichts geringeres als die Geschichte der Menschheit, seit sich der homo habilis erhob. Zweibeinig weitete sich ihm der Horizont, Perspektiven öffneten sich gehend.


Jäger und Sammler - Immer unterwegs

Die Veränderung des Klimas rang dem afrikanischen Urwald trockene und weite Savannen ab. Südlich der Sahara durchstreiften sie Gruppen von 25-50 Frühmenschen auf der Suche nach Wasser und Nahrung, Tiere jagend, vor Raubtieren flüchtend, immer in Bewegung. Das karge Angebot auf einer Fläche von zwei mal zwei Kilometern ernährte gerade eine Person mit Obst und Wurzeln, Aasresten, erjagtem Fleisch. Ohne Milchviehhaltung wurden ihre Kinder 4-5 Jahre gestillt. Dabei legten sie etwa 5.000 Kilometer zurück, immer im Rhythmus des Gehens, an der Brust der Mutter oder auf ihrem Rücken. Diese Situation prägt das menschliche Verhalten bis heute. Babies schreien nicht, solange sie getragen und etwa fünfzig Mal pro Minute bewegt werden. Dieser Rhythmus läßt sich auch künstlich erzeugen und bewirkt gleiches: nur das liegengebliebene, vergessene Baby schreit - Bewegung ist richtig.

Heute lebende Jäger und Sammler pflegen die Muße – das dürfte früher kaum anders gewesen sein. Mit wöchentlich etwa 20 Stunden Jagd- und Sammelarbeit sichern viele dieser Ethnien ihren Alltag. Ein Territorium wird verlassen, sobald der Aufwand zur Nahrungsbeschaffung zu hoch wird - lange bevor ein Gebiet ausgebeutet ist. Weshalb sollten frühere Jäger und Sammler leistungsbewußter gewesen sein? Reisen hieß, einen Aufwand zur Ortsveränderung zu betreiben, um den Aufwand zum Lebensunterhalt zu minimieren. Ein Kampf ums Dasein war nur selten nötig.

Das geruhsame Wandern in sich langsam verlagernden Territorien war kaum jemals eine richtige Reise, Ziele lagen meist nah. Es mag 80.000 Jahre gedauert haben, bis "moderne" Menschen den Weg von Afrika nach Amerika über Land zurückgelegt haben, der mit vielfachen Kreuz- und Querwegen vielleicht 40.000 Kilometer betrug. Die "Eroberung" der Erde erfolgte jedenfalls zu Fuß. Sprachvergleiche, Gen- und Mitochondrienanalysen führen allesamt zu ähnlichen Ergebnissen: eine kleine Gruppe verließ vor etwa 100.000 Jahren Afrika über die Landenge von Suez, von Vorderasien gelangten Menschen schon früh nach Europa, vor 40.000 Jahren wurde Australien erreicht, Amerika in verschiedenen Wellen vor etwa 10-20.000 Jahren. Die langsame Wanderung täuscht durch ihre Durchschnittlichkeit, da auf Perioden schneller Wanderung, bedingt durch Bevölkerungsdruck, klimatische und geographische Gelegenheiten, Perioden der Stagnation folgten, bedingt durch eine günstige Umwelt. Warum eine Gegend verlassen, in der es alles gibt?

Die frühen Wanderer schätzten sichere Wege: entlang der Flüsse, in Klimazonen mit regelmäßigen Regenfällen und nicht zu kalten Wintern, mit Rückzugsmöglichkeiten in Höhlen, Alkoven oder auf Bäume. Wüsten, Gebirge, vereiste Gegenden erforderten einen hohen Aufwand: Bekleidung, Transportmittel für Wasser und Lebensmittel, die Technik des Feuermachens, Schutz gegen Kälte und Sturm waren nötig. Der Druck zur Wanderung mußte schon außergewöhnlich stark sein, um sich solchen Bedingungen auszusetzen. Zogen sich einzelne Gruppen in Nischen, in Täler, auf Almen, auf Inseln, in Oasen zurück, riskierten sie ihre Existenz. Ein einziges kaltes Jahr, ein einzige ausgefallene Regenzeit bedeutete ihr Ende. Der Abstand zu anderen Gruppen durfte nie zu groß werden: wer zu schnell war, begab sich in die soziale Isolation, förderte Krankheit durch Inzucht. Das erforderte den Kontakt zu weiteren 20-30 Gruppen.

Ein früher Einzelreisender war der Bote, denn: sicher tauschten umherziehenden Gruppen Nachrichten aus. Die feste soziale Bindung an die Kleingruppe und eine lockere Bindung an eine größere Gemeinschaft ist ein Kennzeichen der frühen Fußreisen. Das Problem der Zugehörigkeit wurde durch das Bekenntnis zu einem gemeinsamen Ahnen gelöst. Mit dem Namen eines gemeinsamen Ahnen bewies man die Zugehörigkeit zum selben Stamm. Dieser Ahne konnte abstrakt sein, dennoch diente er über lange Zeiträume als Identitätsmerkmal. Erst die Seßhaften ersetzten dies durch eine geographisch definierte Heimat, einen Ort, ein Volk, eine Nation.

Dieser Zustand beschreibt 99% der kulturgeschichtlichen Vorzeit, noch um Christi Geburt lebte 50 % der Menschheit als Jäger und Sammler: "... die einzelnen Stämme [verließen] leicht ihre Sitze unter dem Druck der jeweiligen Übermacht. Denn da noch kein Handel war und kein gefahrloser Verkehr weder über das Meer noch auf dem Land, da alle ihre Gebiete nur nutzten, um gerade davon zu leben, und keinen Überschuß hatten, auch keine Bäume pflanzten bei der Ungewißheit ... und da sie die nötige Nahrung für den Tag überall gewinnen zu können meinten, so fiel es ihnen nicht schwer, auszuwandern ..." (Thukidides, ca. 5. Jh. v. Chr., zit. nach Leed)


Nomaden - Die Weiden sind das Ziel

Wandernden Sammlern mag es eines Tages, vielleicht vor der Durchquerung einer ausgedehnten kargen Gegend, zweckmäßig erschienen sein, sich lebende Nahrung mitzunehmen, vermutlich wildlebende Ziegen- oder Schafsarten. Sie waren genügsam, boten wohlschmeckendes Fleisch, gaben Milch und Wolle, vermehrten sich von allein, ließen sich einfach hüten und führen.

Sobald dem Wanderer die Tiere mehr bedeuteten als Nahrungsmittel auf eigenen Beinen, maß er ihnen einen dauerhaften Wert zu: sie wurden zu Kapital, Prestige, Altersvorsorge. Darin zeigt sich erstmals Sorge um die Zukunft, Sicherheitsdenken, langfristige Planung und Eigentum. Der wandernde Nomade gab etwas auf von der Freiheit eines Jägers und Sammlers und trug fortan Sorge auch für sein Vieh. Sein Lebensziel änderte sich: die Bedürfnisse der Tiere bestimmten künftig seine Wanderungen: Wasser, Nahrung, Klima mußten den Tieren zuträglich sein. Der Begriff Nomade, nomos, bedeutet Weideland - das war sein primäres Ziel.

Unwissentlich war ein erster Schritt zur Seßhaftwerdung getan - Viehwirtschaft betrieben, Güter produziert: Fleisch, Milch, Käse, Joghurt, Kefir, Leder, Felle, Haare, Hörner, Knochen. Wenn Nomaden ihren Herden Wert zumessen, und das tun sie bis heute, wird ein Wachstum der Herden angestrebt. Die Güterproduktion übersteigt den Bedarf der Sippe. Unvorstellbar, die Güter wegzuwerfen, nachdem sie Jahrzehntausende einen immensen Wert darstellten. Bei Jägern und Sammlern gab es kein Eigentum: Reichtum wurde geteilt oder vernichtet. Doch Nomadentum ist unvereinbar mit der Anhäufung von Besitz, Überschuß muß getauscht oder verkauft werden. Geld kommt von Geltung und ist sprachverwandt mit Zahlung, Opfer, Vieh.

Ein erster Beruf entstand: der fahrende Händler. Er bedurfte eines ortsfesten Warenlagers, eines Handelsplatzes. Dafür boten sich Treffpunkte der Nomaden an, dort, wo diese sich schon bisher einmal jährlich zusammengefunden hatten, zum Waren- und Informationsaustausch, zur Anbahnung von Lebensgemeinschaften, zur Durchführung von Ritualen, zum Fasten und Feiern. Fruchtbare Orte mußten es sein, mit genügend Wasser und Weiden für alle Herden und Nomaden. Mekka und Jerusalem waren solche Orte, entstanden aus Wegeskreuzungen, hier liefen die Wege zusammen. Während des heißen und trockenen Augustes wurde immer schon gerastet. Als Fastenmonat wurde er zum Ramadan. In jahreszeitlicher Folge werden Weide- und Ritualplätze immer wieder aufgesucht, Orte verbinden sich mit Jahreszeiten, Entfernungen werden in Tagesreisen gemessen, bestimmte Monate auf bestimmten Routen verbracht. Die Rundreise war immer schon bedeutender als die Auswanderung ins Unbekannte.


Die Reisen der Seßhaften

Dem Händler folgten Helfer, Verpflegung war nötig, Herden mußten am Standort gehalten werden. Obst- und Ackerbau wurden zur Notwendigkeit. Arbeitsteilung war unvermeidlich, Berufe entstanden. Nicht länger hielten familiäre Bande oder ein gemeinsamer Ahne die Gruppe zusammen - gemeinsame und handfeste Interessen traten an ihre Stelle. Die frühen Seßhaften müssen aus Sicht der Nomaden ein asozialer Haufen gewesen sein. Interessenkonflikte erforderten Entscheidungen, Hierarchien entstanden, Gesetze, Gerichtsbarkeit. Mag sein, daß die Seßhaften zweifelten, sich aus dem Paradies verstoßen fühlten. Jedenfalls fällt auf, daß sie die Nomaden vor allem negativ definierten: sie haben keine Häuser, keinen Grundbesitz, bauen keine Bodenfrüchte an und können daher auch kein Brot backen, sie haben keine Regierung, keine festen Bindungen, akzeptieren keine Grenzen, haben weder Tempel, noch Moscheen oder Kirchen, sind wenig religiös und haben kaum Rituale .... Ein Nomade dagegen sieht sich als selbstbestimmt innerhalb seiner Sippe, frei in der Ortswahl, Teilhaber riesiger Territorien, im Besitz von Vieh und Zelt, von Muße und Freizeit ...

Alle weiteren Motive und Möglichkeiten der Reisen zu Fuß resultieren aus der Seßhaftigkeit. Ist die Bindung an einen Ort für den Nomaden ein Unglück, so wurde der Verlust der Heimat dem Seßhaften Fluch, Schande oder gottgesandtes Schicksal. Heimat ist ortsgebundener Be-sitz im Rahmen fester sozialer, materieller und geographischer Bindungen. Eine folgenschwere Festlegung: Arbeit wird zum Wert an sich, Religion ebenso. Erstere manifestiert sich in der Anhäufung von Besitztümern (Im-mobilien) und im Ansehen achtbarer Berufe, die zweite in Gotteshäusern (dem Turm zu Babel), Statuen (das goldene Kalb) und Bildern (der Islam verbot sie). Die großen monotheistischen Weltreligionen wurzeln im Nomadentum (Buddha, Jesus und Mohammed waren Wanderer), doch die Seßhaften schufen sich einen reich bevölkerten Götterhimmel. Arbeit kompensierte den Verlust an Freiheit, Religiosität die Entfremdung von der Natur. Das eine oder andere in Frage zu stellen hieß, am Vertrag der Seßhaften zu rütteln. Christliche Sekten, die Besitzlosigkeit zur Grundlage des Glaubens machten, verfolgte die Kirche als Ketzer (Katharer). Wer die Arbeit scheut, wird zur sozialen Randfigur, zum Künstler oder Landstreicher. Seßhafte haben nun einmal ausgeprägte Ge-wohn-heiten.

Kain erschlägt Abel, der Bauer den Nomaden. Im Schweiße seines Angesichts, den Rücken gebeugt, die Hände in der Erde sichert der Bauer sein Leben. Der seßhafte Hirte zäunt seine Weiden ein, sein Zelt erstarrt zu festen Mauern, die Siedlung erhält einen Wall. Dörfer und Städte brauchen Wasser und fruchtbares Land. Macht wurde ausgeübt: verfügen über ... und besitzen von ..., Grenzen gesetzt, Anspruch erhoben, selbst auf Nomaden. Die wurden verdrängt in unfruchtbare Rückzugsgebiete. Der Konflikt wurde unausweichlich. Die Bibel erzählt, daß Nomaden Städte angreifen (Jericho) und die Stadtgründer verfluchen. Noch 1690 beschlossen die wandernden Don-Kosaken die Todesstrafe für jeden, der den Boden bebauen wollte. Kolonialismus hieß fast immer Krieg mit Nomadenvölkern. Und heute? Die Tuareg in Mali, die Polisario in Mauretanien wehren sich mit der Waffe gegen Grenzziehungen.

Zeit wurde kostbar, Reisen schien gefährlich, erodierte Bindungen – Warum die mehrfach gesicherten Grenzen von Heim, Haus, Hof, Dorf und Land aufgeben, vertraute Bindungen lösen? Die Fußreise, vordem Bestandteil des Alltags, stand dem Einzelnen nun zur Wahl, konnte Notwendigkeit sein oder Weltanschauung. Existentieller Zwang zu reisen wurde durch den Zwang zur sozialen Legitimation ersetzt. Peinlich genau achteten Seßhafte darauf, daß Reisen sozial begründet und zeitlich begrenzt wurden. Legitim waren die Walz der Handwerksgesellen, der wandernde Krieger, der fahrende Händler, der Pilger. Vereinzelt hielten sich Rituale der nomadischen Kultur: Könige reisten von Pfalz zu Pfalz, Bischöfe von Diözese zu Diözese, Pilger zu den heiligen Stätten.


Pilgerfahrten

»Ach Fremde, du bist wahrlich hart; du bist sehr schwer, das sage ich dir in Wahrheit. Mit Mühsal leben, die der Heimat entbehren. Ich habe es an mir erprobt: Ich fand nichts Liebes in dir, ich fand in dir nichts als Jammer und ein schmerzerfülltes Herz und vielfältige Trauer.«

Otfrieds Evangelienbuch
Helena, Mutter des römischen Kaisers Konstantin, reiste 326 nach Palästina und wurde zum Vorbild der entstehenden Pilgerbewegung — es waren meist Frauen, die in den nächsten Jahrhunderten pilgerten. Die Wanderungen Jesu nachvollziehend, wurden dessen unsichtbare Spuren zum Objekt der Anbetung. »Lasset uns beten an den Stellen, wo sein Fuß gestanden hat.« Bereits in der griechisch-römischen Antike war ein Philosoph kaum anders als wandernd vorstellbar. Strabon (griechischer Historiker und Geograph, 63 v. - 23 n. Chr.) fand die, die nach dem Sinn des Lebens suchen, in jenen, die die Berge durchstreiften. Erst im 6. Jahrhundert verpflichtete die sogenannte Benediktinerregel die Mönche zur Seßhaftigkeit, zur stabilitas loci. Entvölkert wurden die Straßen dadurch nicht, sorgten doch Scholaren nach den Universitätsgründungen des 12. und 13. Jahrhunderts für weltlichen Nachwuchs. In den Liedern der Carmina Burana spiegelt sich der Geist der gelehrten, doch armen Vaganten, denen sich im nachfolgenden Humanismus die Bacchanten, fahrende Schüler mit schlechtem Ruf, zugesellten, und denen Goethe mit dem Mephistopheles ein Denkmal setzte.

Im Itinerarium Burdigalense, dem ältesten bekannten Pilgerführer (333 n. Chr.), wird die Reise von Bordeaux nach Jerusalem über Toulouse, Narbonne, Mailand, Padua, Belgrad, Sofia, Adrianopel, Konstantinopel, durch Syrien nach Palästina, beschrieben. Neben Jerusalem und Rom entstanden weitere Ziele: Santiago de Compostela, Canterbury, Einsiedeln, die Heilige Linde in …, Lourdes. Waffenlos und barfuß im einfachen Gewand mit breitkrempigem Hut, Umhängetasche und dem Kürbis als Wasserflasche wanderten die Pilger; warme Bäder und weiche Betten sollten gemieden, Haare und Fingernägel durften nicht geschnitten werden. Als Ziel für Überfälle waren sie wenig attraktiv.

Mit Bischof Gunther von Bamberg zogen 1064/65 n. Chr. 7000 Pilger ins Heilige Land, auch Peter dem Einsiedler folgten im Jahre 1096 Tausende. Diese Massenbewegungen kündigten die Kreuzzüge als bewaffnete Wallfahrten von Armeen an. Kreuzfahrern versprach Bernhard von Clairvaux die gleichen Verdienste für das Jenseits, die auch für einfache Pilger galten. Höhepunkt der Bewegung war das vom Papst erstmals 1300 ausgerufene Heilige Jahr. 20.000 Pilger besuchten Rom, etwa so viele wie die Stadt Einwohner hatte. Im Spätmittelalter wurde Santiago de Compostela als Pilgerziel bedeutender als Rom. Hunderttausende zogen Jahr für Jahr dorthin, auf etwa 2500 schlechten Wegkilometern quer durch Mittel- und Westeuropa. Man erkannte sich an der Jakobsmuschel, an Umhang (Pelerine) und Wanderstab; Jakobsbrüderschaften waren überall anzutreffen. Hospitale, Herbergen und Klöster boten Unterkunft, den Weg säumten kleinere Heiligtümer.

Die religiöse Einsicht, daß im Leben alles vorübergeht, es keinen bleibenden Wert gibt, will der wandernde Pilger in der Fußreise erfahren. Er geht an allem vorbei, mißt den Dingen keinen Wert zu, ist besitzlos, heimatlos, bindungslos. Aus dem lateinischen peregrinus für den Fremden von außerhalb Roms wurde das deutsche Wort Pilger. Verloren in der Fremde, muß er sich selbst genug sein. Äußerer Weg und Ziel bleiben symbolisch – die unerfüllbare Sehnsucht nach einem inneren Ziel erfordert ewiges Pilgern, der homo viator ist auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, schöpft Stärke aus Hoffnung. Langsam nur, Schritt für Schritt auf einer langen Fußreise, ist das erfahrbar. Andere Pilgerarten gelten als weniger verdienstvoll, der Erfolg ist unsicher, Gottes Lohn geringer. Norbert von Xanten (1085-1134), Pilger und Wanderprediger, forderte »auf der Erde zu leben und nichts von der Erde zu wollen«. Er war zeitlebens unterwegs, fühlte sich in die Fremde getrieben und akzeptierte sein Leben als Schicksal.

Bereits das Alte Testament erwähnt den Pilger (Ps. 39,13), in Judentum, Buddhismus, Christentum und Islam wird gepilgert. "Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege." (Mat. 8,20) Heimatloses Sein und zeitlose Wanderschaft als Prinzip des Menschseins stellte Jesus der Seßhaftigkeit gegenüber – Ideale des Nomadentums? Die Umstände des fußreisenden Pilgers erforderten Bescheidenheit: ein breitkrempiger Hut schützte gegen Sonne, Regen und Kälte, ein weiter Umhang diente nachts als Decke, das Leibgewand gegürtet, eine Umhängetasche enthielt: Messer, Lederbecher, Feuerstein und Schwamm, ein Netz für Fisch- und Vogelfang, Empfehlungsschreiben, etwas Geld. Ein ausgehöhlter Kürbis oder ein Lederschlauch fassten den Wasservorrat, Brot, Käse, Nüsse verhüteten den ärgsten Hunger.

Die Pilgerreise als Kniefall der Seßhaften vor dem ursprünglichen Leben, dem noch kaum entfremdeten, natürlichen Dasein? Spiritualität, Suche nach Erfüllung und Gottesnähe, Askese und Armut - immer wieder finden sich diese Aspekte in Berichten der Pilger und Wandermönche: Fremdling sein und Gast auf Erden. Tugenden, die seit je mit dem Nomadentum verbunden sind. Die seßhafte Jahreszeit der Nomaden war erzwungen durch saisonalen Mangel an Wasser, Futter, Reisemöglichkeiten. Aus der Not wurde Tugend, aus Hunger eine Fastenzeit, die festlich abschloß. Fasten und feiern wurde auch an den heiligen Stätten, in Mekka und Jerusalem, von den Pilgern gefordert. Eines war wie das andere Pflicht.

Wer wandert, lernt das Nötige schätzen und ist bereit, Überflüssiges loszulassen. "Die Wüstenvölker sind dem Gutsein näher als seßhafte Völker, weil sie dem Urzustand näher sind und ferner von den üblen Gewohnheiten, die die Herzen der Seßhaften verdorben haben." (Ibn Chaldun, 1332-1406, zit. n. Chatwin). Die Pilgerfahrt als Reinigung, Katharsis, das heißt, das Land von Ungeheuern befreien. Wer ins Unbekannte aufbricht, befreit den bereisten Raum von der Angst vor dem Unbekannten, von imaginären Ungeheuern, selbstgeschaffenen. Wer das Land von Ungeheuern befreit, befreit auch sich, schafft keine Ungeheuer mehr, verliert die Ängste. Darin findet sich ein immer wiederkehrender Topos des Reisens: Lösen der Bindungen, Aufbruch ins Unbekannte, Konfrontation mit Angst, Sieg über die Angst, Rückkehr, Weitergabe des Wissens.

Am Adam’s Peak auf Ceylon wird den Pilgern ein heiliger Fußabdruck gezeigt, für die Christen ist es der Fuß Adams, für andere der Fuß Buddhas oder Shiwas. Verdienste für das Jenseits erwirbt, wer auf den Spuren der Religionsstifter wandelt, nach Mekka, Medina, Gom, Jerusalem, zum Kailash. Die Fußreise wurde religiös verbrämt zum Mittel schwärmerischer Bewegungen und zeitweise als »Laufsucht« abgetan, als »currendi libido«. Noch heute messen tibetische Pilger den zurückgelegten Weg mit ihrem Körper ab. Sie fallen auf die Knie, strecken sich lang am Boden aus und gehen nach dem Aufstehen soweit, wie der Körper zuvor den Boden bedeckte, um dann erneut eine Körperlänge abzumessen.

Mit dem Körper die Strecke, mit der Tagesreise die Dauer großer Reisen messend — darin offenbart sich Demut, der Pilger respektiert die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Er versucht nicht, äußere Grenzen zu überschreiten, sie durch Technik und Training zu überlisten. Das bleibt seinem Zeitgenossen, dem Boten, vorbehalten, und seinem Nachfolger, dem Bergsteiger. So opfert der Pilger sein kostbarstes Gut, einen Teil seiner Lebenszeit.

In jener Hochzeit des Glaubens verlangte die Kirche mit ihrem »Vita mutandur, non tollitur«, (Das Leben ändert sich, aber es endet nicht). nach der Kunst, gut zu sterben. Der Tod selbst schreckte nicht und Pilgerreisen waren oft Reisen von Alten und Kranken, um an einem besonderen Ort zu sterben und auf dem beschwerlichen Weg dorthin einen letzten Verdienst für das Jenseits zu erwandern. Mit der Pest kam der Schrecken vor dem Ende, einem qualvollen Tod durch tagelanges Ersticken, und vor einer schwärzlich verfärbten Leiche mit aufgeplatzten Pestbeulen. Bei der Epidemie von 1347 starb ein Drittel der 36 Millionen West- und Mitteleuropäer. Keine Familie blieb verschont, Orte wurden entvölkert, Gebiete verödeten, betroffen waren Reich und Arm, der Tod wirkte als großer Gleichmacher. Wer überlebte suchte Trost im Leben. Die Anziehungskraft des Glaubens verblaßte, die Moderne erschien am Horizont.

1510 pilgerte Luther die 1300 km nach Rom in sechs Wochen, doch Pilgern ist nicht mehr »in«. 1786 begegnete Goethe bei Padua zwei Pilgern »hier ganz eigentlich am Platze«, doch schienen sie ihm befremdend, waren es doch die ersten, die er in der Nähe sah. Im Gespräch beklagten sie, allerorts wie Landstreicher behandelt zu werden. Das Pilgerwesen geriet aus der Zeit. Kostenlose Pilgereinrichtungen wurden von Fahrenden, Vaganten und Vagabunden genutzt, richtigen Pilgern wurde mißtraut. Italien, das Arkadien der Romantik, wurde dem Bürgertum zum Ziel weltlicher Pilgerreisen. Nicht mehr der Glaube an eine jenseitige Welt, sondern das diesseitige Schöne verführten zum Reisen. Andächtig betrachtet wurden Kunst, Architektur, Statuen; ein ganz bestimmtes Rombild wurde gesucht, dem die »Heilige Stadt« nur Rahmen war.


Fahrendes Volk

In der Renaissance schrumpft die Welt weiter. Wissen der Antike wurde wiedergefunden, die Sonne in den Mittelpunkt der damaligen Welt gerückt, die Erde zur Kugel. Denker erweiterten den geistigen Horizont, Entdeckungsreisende den geographischen. Gewonnenes Wissen ging auf Kosten von Phantasie und Glauben. Die christliche Vorstellung vom Erdendasein als kurzer Episode, vom Leben als Reise, von Abraham als idealem Pilger, verlor an Bedeutung. Die Vision des ewigen Lebens verblaßte gegenüber den greifbaren Werten diesseitiger Güter. Arbeit schaffte nicht nur Güter, sondern auch jenseitigen Wert. Sinn wurde synonym mit Schein, Glanz, Geld. Sich pilgernd von Überflüssigem befreien? Keine Zeit! Um sicher zu gehen, schickte man Stellvertreterpilger nach Santiago de Compostela, das kostete so viel wie zwei Ochsen. Im 19. Jahrhundert blieb nur noch Spott: "Ach! Da schaun sich traurig an/Pilgerin und Pilgersmann." (W. Busch).

Paradoxerweise wurde die Epoche zum Zeitalter der Entdecker und Erforscher hochgejubelt. Doch längst war die Welt zu Fuß entdeckt, viel gründlicher als "Eroberer" das vermochten. Es ging vielmehr darum, das Wissen über die Wege rund um den Globus zu nutzen – nicht die Welt wurde entdeckt, sondern Kunden, nicht Länder wurden erobert, sondern Märkte. Nach der Seßhaftwerdung war dies die zweite Hinwendung zum Materialismus.


Auf der Walz

»Schon in der frühesten Jugendzeit war mein sehnlichster Wunsch, zu reisen. Nicht per Bahn oder per Schiff, nein, auf Schusters Rappen wollte ich die Welt durchwandern. Durch meiner Hände Arbeit wollte ich mir mein Brot verdienen. Abwechselnd arbeiten und weiterziehen war mein Vorhaben. Darum erlernte ich auch das Handwerk, das mir, obgleich meinen Wünschen nicht ganz entsprechend, zum Wandern am vortrefflichsten schien: ich wurde Friseur, oder, wie es unter Walzbrüdern heißt, Doktor der Schaumschlägerkunst.« So dachte der walzenden Friseur Franz Heinrichs 1896.

Die Zünfte des ausgehenden Mittelalter modernisierten das wirtschaftliche Leben in den wachsenden Städten und schufen neuen sozialen Halt. Zunft kommt von ziemen – Sicherheit und Geborgenheit waren mit Disziplin und Gehorsam gegenüber den strengen Zunftregeln zu bezahlen. Die Zunft bot Ehrbarkeit, Außenstehende blieben ohne Ehre, unehrlich: Fahrende, Schausteller, Bader, Scharfrichter, Abdecker …

Der Zwang, zwischen Ausbildung und Meisterprüfung zu wandern, bewegte nicht nur den Arbeitsmarkt, transportierte nicht nur Wissen und Know-How. Die Walz prüfte auch das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft. Sie war die letzte Möglichkeit, die Welt kennenzulernen, dem Wandertrieb und dem Fernweh nachzugeben, zu entscheiden zwischen Seßhaftigkeit und Nomadentum, Zugehörigkeit und Ausgestoßensein. Wer sich danach niederließ, wußte, was er wollte. In den drei bis sechs Jahren der Walz durften sie nicht länger als etwa drei Monate an einem Ort verweilen. Walz bedeutete auch »wälzen, rollen, sich bewegen«.

August Winnig, Schriftsteller und Maurer auf Wanderschaft sieht das so: »Die Wanderschaft war vom Menschen her gesehen eine Probe seines Mutes und seines Selbstvertrauens. An jeden jungen Gesellen war mit der Wanderschaft die Frage gestellt, ob er den Mut hatte, auf den Rückhalt der Heimat zu verzichten, auf die Behütung und Sicherung im Elternhause, auf Rücksicht und Beistand, wie die heimatlichen Verbundenheiten sie gaben, und ohne jeden Rückhalt, ohne Behütung und ohne Schonung zu leben. Denn das hieß Fremde. Die Fremde war grundsätzlich nur Verneinung der Heimat. Wer in die Fremde ging .... mußte alles, was er an Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Wärme brauchte, neu erwerben. ... und wurde er mit der Fremde fertig, so kam er mit Kräften zurück, die er vorher nicht gehabt hatte und die ihn nicht nur im Beruf über die Daheimgebliebenen hinaushoben. Es war der Sinn der Fremde, daß man sie annahm und verstand.«

Die Walzgesellen erkannten einander in der Schar der Reisenden: Im »Berliner«, einem Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Tragegurten, oder dem Felleisen (lateinisch-italienisch valisa), einer Gepäckrolle aus Leder, steckten die wenigen Habseligkeiten. Ihre Kleidung konnte die Zunftzugehörigkeit ausdrücken, Werkzeug wurde oft sichtbar getragen, und wie die Meister trugen sie im Mittelalter eine Wehr. Fachliches Wissen, Spracheigentümlichkeiten und festgelegte Riten mit bestimmten Fragen und Antworten waren die Eintrittskarte zu Gesellenhäusern und Gesellenverbänden überall im deutschen Sprachraum. Schilder mit Gewerksymbolen zeigten die Herbergen für Maurer, Zimmerer, Schneider, Sattler an. Wer eintrat, mußte die Regeln kennen: »Die Tür zur Herberge stand offen, aber das hielt mich nicht ab, nach Vorschrift zu klopfen, nämlich dreimal; nach dem ersten Schlag gehört sich eine kleine Pause, der dritte aber folgt schnell auf den zweiten.« Der Wirt in seiner blauen Schürze begrüßt August Winnig: »Mit Gunst und Erlaubnis!«

Die machtvolle Zeit der Zünfte war spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg vorbei —Armut und Hunger trieben eher mehr Gesellen zur Walz, erst nach der Biedermeierzeit sah man sie seltener. 1839 öffnete der türkische Sultan Mahmehd II. die Grenzen für westliche Besucher; seither reisten die Gesellen vermehrt in den Nahen Osten. Der Wunsch, zu pilgern, und der Glaube, durch Gott beschützt zu wandern, verbanden sich mit der Idee der Walz. In Jerusalem ließ das preußische Konsulat eine eigene Gesellenherberge errichten, etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf.

Daß die Walz aus ihrer Zeit geriet, dachte sich schon Franz Heinrichs, ein Friseurgeselle, der 1896 zu Fuß nach Jerusalem aufbrach. 15.000 Kilometer wanderte er in 455 Reisetagen, mit großem Gepäck (20-40 kg), durchschnittlich mehr als 30 Kilometern pro Tag. Alte Zeiten prägen seine Vorstellung: »Den derben Knotenstock in der Hand und das Ränzel auf dem Rücken, wurde die Welt durchkreuzt. Frohgemut ging es von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort; bald allein, bald in Gesellschaft von mehreren lustigen Brüdern.« Dennoch sieht er die Gegentendenzen: »Schnellfahrende Eisenbahnen haben das poesievolle Wanderleben verdrängt. Im Zeitalter des Treibriemens und Rädergerassels geht das Sehnen und Trachten so manchen jungen Mannes nicht mehr hinüber nach den Städten unbekannter Länder, wo ihm Gelegenheit geboten würde, sein Fach zu vervollkommnen.« … »Nur Geld erwerben und wiederum erwerben ist sein steter Gedanke, unbekümmert um das, was über die Heimatscholle hinausreicht.« … »Und wie oft gelingt es nicht leider jenen frivolen Brüdern, deren einziger Wahlspruch Betteln und Stehlen, aber nur nicht arbeiten heißt, den biedern und guten Handwerksburschen die Lust am Wandern zu nehmen.«

Vereinzelt wandern noch heute Handwerksgesellen mit Ehrbarkeit (Halsbinde), Staude (Hemd), Schlapphut, Stenz (Stock) und schwarzen Kordhosen. Man bestaunt diese Exoten in einer technisierten, profitorientierten Welt Sie tragen immer noch den Berliner mit Rasierpinsel, Unterwäsche, Schuhputzzeug, Hammer, Lot und Wasserwaage und scheniegeln (arbeiten) bei Krautern (zunftlose Handwerker). Etwa 3000 organisierte Gesellen gab es 1985: sie dürfen keine dreißig Jahre alt sein, weder verheiratet noch vorbestraft, dürfen keine Schulden haben, sollen charakterfest im Umgang mit Alkohol sein. In einer europäischen Gesellenzunft, der »Confédération Compagnonnages«, haben sie sich organisiert.


Straße als Ghetto

Die Straßen glichen zeitweise einem Jahrmarkt oder einem Tollhaus. Die Scharen der Wandernden machten jahrhundertelang etwa 10% der Bevölkerung aus, in Zeiten des Krieges, der Krankheiten, der Hungersnöte sollen bis zu 30% der Bevölkerung auf den Straßen unterwegs gewesen sein. Berufsmäßig Reisende (fahrende Schüler und Studenten, Schausteller, Akrobaten, Spielleute, Hausierer, Wanderarbeiter, Scherenschleifer, Kesselflicker ...) hatten einen zweifelhaften Ruf. Sogenannte "unehrliche" Berufe wurden umherziehend ausgeübt (Scharfrichter, Henker, Polizei- und Gerichtsdiener, Schinder, Abdecker, Bettelvogt ...). Ausgestoßene mußten reisen, man verwehrte ihnen den festen Wohnsitz (Bettler, Vagabunden, Gauner, Landstreicher, Huren, Diebe, Trickbetrüger, Leirer, Sackpfeifer, Riemenstecher, Glückshafener, Deserteure ...). Weitere Gruppen galten von Geburt an als außenstehend (Juden, Zigeuner, Türken, Heiden, Wenden). Auch für Kranke (Kriegsversehrte, Krüppel, Lepröse, Misselsüchtige ...) blieb oft nur der Weg auf die Straße.

Städte und Dörfer versuchten sich vor den Wandernden zu schützen: Bestenfalls gab es Handlungspatente für Hausierer, Bettelerlaubnisse und aufsichtführende Bettelvögte, Arbeitsanstalten und Zwangsarbeit, Leprosien für Kranke. Unerwünschte wurden abgeschoben, in Schubkarren zum nächsten Ort gefahren, wenn sie nicht laufen konnten. Wer zurückkam, riskierte Pranger, Verstümmelung, Brandmarken. Kleine Vergehen wurden mit unverhältnismäßig hohen Haftstrafen gesühnt, oft die Todesstrafe verhängt. "Auswärtige Bettler, Landstreicher und anderes liederliches Gesindel sollen diese Lande bei Strafe des Karrenschiebens oder anderer Strafe meiden." verkündete das Herzogtum Braunschweig an seinen Grenzen. Wer einmal auf der Straße war, blieb dort. Man lehrte einander das Überleben und grenzte sich ab: Zinken informierten über Seßhafte, über örtliche Chancen und Gefahren, das Rotwelsche war dem braven Bürger unverständlich. Betteln wurde als Kunst betrieben, Rollen exakt gespielt. Hausierer verkauften Fliegenwedel, Nähzeug, Nägel, Stoffe, Holzlöffel, Körbe; polnische und rumänische Bärenführer, Musikanten, Artisten, Puppenspieler führten ihre Kunststücke vor, Quacksalber, Wunderdoktoren, Steinschneider und Urinbeschauer gaben vor zu heilen. Doch das Fahrende Volk war nicht einfach nur Opfer. Mit der Hierarchie der Seßhaften, der Größe der Städte wuchs der Reiz der Straße als Gegenentwurf zur bestehenden Ordnung, nomadenhafter Trieb wurde ins Asoziale ausgegrenzt. Wer das Reisen als Lebensform suchte, mußte sich im Fahrenden Volk eine Nische suchen. Tiefer hinab ging es nimmer.

Auch die legitime Reise wirkt anarchisch: Hierarchien verfallen, Anerkennung, Herkunft, Besitz wird nahezu bedeutungslos. Der Aufwand, Besitz zu behalten, steigt auf Reisen enorm. Dafür gewinnt die Gemeinsamkeit des Weges, des Zieles, der Umstände an Bedeutung und wird wichtiger als soziale Differenzen. Reisende Kleingruppen, Reisegefährten waren stillschweigend oder durch Schwur (Eidgenossen) miteinander verbunden, bis sie ihr nächstes Ziel erreichten. Einem An-führer fielen Macht und Ansehen durch Wissen oder praktisches Geschick zu: den Weg zu finden, Essen und Trinken zu besorgen, eine Unterkunft zu organisieren, kurz: Schwierigkeiten zu minimieren. Er übernahm Aufgaben, die heute dem Reisebüro oder Reiseführer eignen. Macht und Anerkennung beruhte auf Akzeptanz der personalen und sachlichen Autorität des Anführers, eine fixe hierarchische Autorität wurde nicht akzeptiert. Seine Kompetenz erwies sich durch Erfolg und in ständiger Kommunikation, die seine Glaubwürdigkeit stützte, sowie im Eingehen auf andere Meinungen, die in Initiative und Entscheidungsfreude mündete.

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