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Weiter, weiter ...

 Die einsamen Reisen des Kurt Faber

 
Verwendung einzelner Zitate nur mit Quellenangabe AGIR. Belegexemplar erbeten.
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© 1996 by
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
 
 
 

Inhaltsübersicht

Kurzbiographie  

Unterwegs  

Flucht aus dem Elternhaus 

In "gods own country" 

Walfischfang im nördlichen Eismeer 

Über Australien zurück an den Rhein 

Nach Indien 

Hintergründe   Der Nationalsozialist Faber 

Glaubwürdigkeit und Sorgfalt 

Steppenwolf 

Bibliographie   Publikationen Fabers 

Sekundärliteratur 

 
 
Ach, wohin soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht? Von allen Bergen schaue ich aus nach Vater- und Mutterländern. Aber Heimat fand ich nirgends: unstät bin ich in allen Städten und ein Aufbruch an allen Thoren. Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern. So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernsten Meere: nach ihm heiße ich meine Segel suchen und suchen.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

1 Kurzbiographie

Faber wurde am 6.12.1883 in Mülhausen/Elsaß geboren. Sein Vater studierte Theologie und Geschichte, war Lehrer und Direktor der Gewerbeschule in Mülhausen; sein Großvater war ebenfalls Schuldirektor. Die Oberrealschule brach er um 1900 ab. Für eine Buchhändlerlehre bei der Friedrich Wagnerschen Universitätsbuchhandlung in Freiburg brachte er nur wenige Monate Geduld auf und an der Chemieschule in Mülhausen hielt es ihn noch kürzer. 

1901 brannte er durch, schiffte sich nach New York ein und hielt sich mit kleinen Jobs ein Jahr über Wasser, bis er im Frühjahr 1902 in San Francisco auf einem Walfischfänger anheuerte. Auf der Bowhead fuhr er ins Polarmeer, verbrachte dort etwa drei Jahre und kehrte im vierten Jahr durch Alaska und Kanada nach San Francisco zurück. Dort traf er kurz nach dem Erdbeben von 1906, das die Stadt in Trümmer legte, ein. Wieder schiffte er sich ein, diesmal nach Australien. Dort hielt es ihn nur drei Monate, bis er auf einem deutschen Dampfer als Heizer anheuerte. In Marseille mußte er das Schiff verlassen und traf 1907 in Mülhausen ein. 

Sein Vater war bereits 1903 gestorben und seine Mutter 1905 nach Lamprecht in der Pfalz, ihrem Geburtsort, zurückgekehrt. Zunächst arbeitete er in der Tuchfabrik seiner Verwandten in Lamprecht, um dann aber in zwei Jahren das Handelslehrerdiplom an der Kölner Handelshochschule zu machen. Im Herbst 1910 brach er auf nach Südamerika. Nach zwei Jahren rastlosen Reisens durch den Kontinent musterte er auf der deutschen Bark Selena an und fuhr heim, rund um Kap Horn, und war im Sommer 1912 wieder in Deutschland. Fast dreißig Jahre war er jetzt alt, da kostete ihn eine Krankheit das rechte Auge. Um 1914 arbeitete er in einem Leipziger Verlagshaus. 

Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig, wird jedoch wegen seines Auges nicht genommen. Seine Reiseberichte veröffentlichte er mit Erfolg in der Berliner "Täglichen Rundschau" Nun begann er Bücher zu schreiben. 1916 erscheint sein erfolgreichstes Buch "Unter Eskimos und Walfischfängern". Zwischenzeitlich holte er sein Abitur in Berlin nach, begann das Studium der Staatswissenschaften und machte 1918 den Doktor rerum politicarum in Tübingen. 1919 erschien sein zweites Buch "Dem Glücke nach durch Südamerika". 

Im Frühjahr 1920 brach er auf nach Südamerika und zog unter anderem dreitausend Kilometer auf dem Pferd nach Valparaiso. Nur knapp dem Malariatod entgangen kam er zwei Jahre später nach Deutschland zurück. Nun fand er eine Stelle als ständiger Korrespondent beim Scherl-Verlag. Wieder war er unterwegs, wenn auch zunächst nur mit kleineren Reisen in Europa, im Baltikum und auf dem Balkan. 1924 erschien "Rund um die Erde". 1925 trat er in die NSDAP (Nr. ca 16.000) ein und wurde er Korrespondent des "Berliner Lokalanzeigers". 1926 schrieb er "Tage und Nächte in Urwald und Sierra". Seine Reise zu Fuß nach Indien schilderte er 1927 in "Mit dem Rucksack nach Indien". Im gleichen Jahr erschien sein einziger Roman "Der Seelenverkäufer", in dem er seine Erlebnisse in den Polargebieten verarbeitete. Dann folgte nochmals eine Weltreise über die Türkei, Indien, Südafrika, Australien, Sibirien und Japan (Herbst 1927 bis Herbst 1928). Durch Rußland kehrte er zurück nach Deutschland.

Von seiner letzten Reise, nach Kanada, kam er nicht lebend zurück. Am 26.2.1929 fanden Indianer seine Leiche am Hay River am Großen Sklavensee. Die Todesumstände wurden nie genau geklärt. Es schien jedoch so, daß er sich gegen alle Ratschläge allein in die Wildnis begeben hatte und vom frühen Wintereinbruch überrascht wurde. Seine Leiche wurde, von Tiere zerfressen, vor einer Blockhütte gefunden, die er wohl noch erreicht hatte. Hinein gelangte er jedoch nicht mehr. Post mortem gab sein Bruder Walter seine Bücher heraus.

2 Unterwegs

Flucht aus dem Elternhaus

"Er liest gern Bücher", sagte mein Vater, "lassen wir ihn Buchhändler werden." Kurt Faber brach etwa 1900 die Oberrealschule in Mülhausen im Elsaß ab, an der sein Vater Professor (Lehrer) war: "Recht wenig interessierte ich mich für Mathematik und ¾ solche Dinge." Viel mehr faszinierten ihn Karl May, Robinson, Lederstrumpf. Die Erfahrung, das solches Interesse nicht reicht, um Buchhändler zu werden, brachte ihn nach einigen Monaten dazu, die Buchhändlerlehre in Freiburg abzubrechen. Doch zum Bücherschreiben langte es und im Vorwort zu "Unter Eskimos und Walfischfängern" bittet er seinen damaligen Prinzipal nochmals um Verzeihung, daß er der schlechteste Lehrling gewesen sei, den es jemals gab. Kurze Zeit versucht er sich an der Chemieschule in Mülhausen. Schnell zeigt sich, daß Seßhaftigkeit nicht seine Sache ist und er verläßt heimlich sein Elternhaus.

In "gods own country"

Achtzehnjährig fährt er 1901 mit dem Zug nach Paris, schifft sich in Boulogne ein und erreicht nach 10 Tagen im Zwischendeck New York. Seine noch vorhandenen 16 Dollar reichen nicht - für die Einreise muß man 25 Dollar vorweisen. Doch der Pastor des deutsch-lutherischen Emigrantenhauses übernimmt die Verantwortung für ihn. Die Tage vergehen und Arbeit findet er nicht, bis ihn ein Farmer aufliest, bei dem er zwei Monate lang arbeitet. "Er behandelte mich wie seinen eigenen Sohn und predigte mir, wie die anderen in Deutschland, das Evangelium vom geruhigen Leben. Nach zwei Monaten - und das war ein Rekord der Seßhaftigkeit in all den langen Wanderjahren, die nunmehr folgten - ging es per Schiff ... nach Texas." Es folgt ein Jahr mit Gelegenheitsarbeiten als Krankenpfleger, bei einem Zuckerbäcker, als Baumwollpflücker, in einer Ölmühle, als Pfleger in einer Irrenanstalt, als Eisenbahnarbeiter, Bücherhändler, Tellerwäscher, Minenarbeiter. Oft hielt er es nur einige Tage, höchstens aber Wochen aus. Elend, Hunger, Kälte, Strapazen lernte er zur Genüge kennen und sammelte Erfahrungen wie andere Leute Briefmarken.

"Und zu anderen Zeiten, wo ich mich täglich satt essen konnte und ein halbwegs geregeltes, vernünftiges Dasein hatte, vielleicht irgendwo draußen auf einer Farm, da hatte ich plötzlich den Plunder hingeworfen und war auf und davon gelaufen. "Wo willst du denn hin?" pflegte kopfschüttelnd der Boß zu sagen. "Weiter," antwortete ich, "weiter ¾ " 

Und nie ist es genug. Wieder einmal abgebrannt, übernachtet er auf einer Parkbank in San Antonio. Ein Polizist greift ihn auf, 10 Tage Gefängnis mit Zwangsarbeit folgen. Dabei gibt es morgens und abends eine dünne Scheibe Brot und mittags eine noch dünnere Bohnensuppe. Ohne Geld und verzweifelt verläßt er das Gefängnis. Erwischt man ihn noch einmal auf der Straße, muß er mit drei Monaten Knast rechnen. Doch im Gefängnis hatte er Hobos getroffen, die ihm erzählten, wie man kostenlos mit Zügen fährt. 

Dann trifft er einen Billy Bones und der zeigt ihm die Praxis. Lernt Hobos und Tramps kennen und ist fasziniert von deren Lebensweise: "Da ist einer, dem Raum und Zeit keine Hindernisse sind. ... Der Abschied fällt ihm nirgends schwer, weil er nirgends zu Hause ist, und das Gepäck - nun ja, ein echter Hobo führt nie mehr Gepäck mit sich herum als das, was man in der Westentasche tragen kann. Immer unterwegs. Immer auf der Jagd. ... Kein härteres Leben kann man sich vorstellen wie dieses. Und doch - auch dieses hat seinen Zauber! Wenn ich heute zurückdenke ... so sehe ich im Geiste wieder die bunten Lichter über den blanken Schienen, ich höre das Rumpeln und Poltern der Wagen, ich höre das Schnauben und Fauchen in den Maschinenhallen, vor denen die Schlackhaufen glutrot brennen, die wilden Expreßzüge, die donnernd hineinjagen in die unendliche Ferne des weiten Landes, wo groß und stelzfüßig mit wilden Augen das Abenteuer einherschreitet. Ich sehe nicht mehr die Armut, den Schmutz und die Verkommenheit und nicht mehr die bösen Blicke des Zugpersonals. ... Es gibt Leute, die nie darüber hinwegkommen. Ihr Leben lang reisen sie auf Kuhfänger und Kohlentendern von einem Ende der Staaten zum anderen, als ob es auf der Welt nichts wichtigeres zu tun gäbe, bis sie alt und grau werden und eines Tages mit gebrochenem Schädel unter den Rädern liegen." 

Ein wunderliches Gemisch aus Enttäuschungen und Illusionen bietet dieses Leben. Wochen und Monate ist er mit Zügen unterwegs und lernt alle Kniffe kennen - he jumped on trains and beated box-cars. Er fuhr auf dem Dach, in offenen Waggons, auf dem Kohlentender, in Verstecken, auf dem Kuhfänger sogar und zuletzt auch auf den Radachsen: "Im nächsten Augenblick hätte ich etwas darum gegeben, wenn ich wieder irgendwo anders gewesen wäre. Auf den Hexensabbat war ich allerdings nicht gefaßt! ... Da lärmen die Bremsen mit ohrenzerreißendem Schreien, da kracht und stöhnt es in den Fugen des Wagens, da knackt es im Eisen, da fliegen die Staubkörner vor dem messerscharfen Winde und alles ist gehüllt in eine Wolke von fauchendem, zischendem Dampf. Bald aber kommt mehr System in den Aufruhr. Die Luft wird klar und die Staubwolken fliegen hart am Boden hin. Das Zerren und Schütteln des Wagens geht über in eine rhythmische, eintönige, fast einschläfernde Bewegung. ... Ah, diese heulende, schreiende, fauchende, zischende, brausende, donnernde Nacht! Ich habe sie bis heute nicht vergessen. Und ich werde sie nicht vergessen, und wenn ich tausend Jahre lebe!"

Faber ist ein Greenhorn, doch in den Staaten muß man smart sein, sich durchsetzen, durchboxen, auch auf Kosten anderer. Beim Bau der Eisenbahn macht er wieder einmal üble Erfahrungen: "Du darfst nicht wagen, einen Augenblick deinen Rücken zu strecken, hier im Lande der Freiheit. Denn dort oben auf dem Hügel hält hoch zu Roß der Aufseher mit dem Notizbuch in der Hand. Solltest du einmal einen Augenblick versagen, du Rädlein an der Maschine, so wird er in vollem Lauf herangeprescht kommen und dir einen Scheck ausschreiben ... Gib dir keine Mühe, du Greenhorn. In ein paar Tagen bekommst du doch den Scheck, denn der dort oben, der hat das größte Interesse daran, wenn es hier zugeht wie in einem Taubenschlag. Er bekommt Prozente von der Employmentoffice. Und die Kompagnie - die ist die letzte, dich zu halten. Denn du bist beim Monat bezahlt. Gehst du vorher fort, so darf sie dir laut Abmachung ein Viertel deines Lohnes einbehalten. Also wird sie im günstigsten Fall nach 29 Tagen keine Arbeit mehr für dich haben. Außerdem wird sie dir Krankengeld berechnen für ein nicht vorhandenes Spital, sie wird dir Steuern ankreiden, die sie niemals bezahlt hat und wenn du dann wieder zurückkommst nach El Paso, so wirst du ungefähr noch einen Dollar übrig haben für die Stellenagentur." 

Wenn er dann so abgebrannt ist, daß nur noch einige Nickel, vielleicht gar ein, zwei Dollar sich in seinen Taschen finden, dann wird gespart: Eines Tages kauft er für einen Dollar dreißig Zehncentmarken, für die man im "Model Lodging House" an der Missionsstraße von San Francisco entweder eine Übernachtung oder eine Mahlzeit erhält. Das Haus warb mit "2000 first class rooms". Bretterverschläge teilten tausende kleiner Zellen ab, die Platz boten für ein Bett und eine Art Waschtisch. Die Verschläge hatten keine Decke und wurden alle von oben durch eine große Bogenlampe erleuchtet. Wer direkt unter ihr lag, hatte es blendend hell, die an der Peripherie sahen nur noch ein Dämmerlicht. Die Türen zu den Verschlägen wurden bei Schlafenszeit von außen verschlossen und morgens um sechs wieder geöffnet. Bei schlechtem Wetter war kaum Platz für die zahllosen Obdachsuchenden. Er versucht sich als Zeitungsjunge, wird aber von der Konkurrenz fertiggemacht. Wie öfter schon, wird er depressiv, fühlt sich unfähig: "Also nicht einmal zum Zeitungsjungen bist du zu gebrauchen in Amerika!"

Walfischfang im nördlichen Eismeer

Mit leerem Geldbeutel und ohne Job streicht er durch den Hafen. Der Anblick vor Reede liegender Schiffe bezaubert ihn, erinnert ihn an Geschichten von Gerstäcker und Stevenson, an Schatzinseln und Seeräuber. Da brauchte er seinen Fuß nur noch über die Schwelle von "Thomas Murrays Sailors Boarding House and Shipping Agency" zu setzen, um nach einigen Whisky shanghait zu werden. Stunden später geht er an Bord der "Bowhead", eines Walfischfängers, und weiß nicht, für wie lange. 

Vier Jahre sollen vergehen, bevor er San Francisco wiedersieht und diese Zeit wird zur schwärzesten und härtesten seines Lebens. Er berichtet: "Die Ration frischen Wassers, die uns täglich zugemessen wurde, war nur äußerst knapp und kaum zum Trinken genügend, und da das Salzwasser bekanntlich zu Waschzwecken nicht geeignet ist, so blieb nichts anderes übrig, als die liebe Eitelkeit auf einen Regenguß zu vertrösten ... Hartbrot und Salzfleisch war das nimmer wechselnde Menu. Das Hartbrot hatte seinen Namen nicht gestohlen; es war hart wie Stein und trocken wie Glas, und um es einigermaßen genießbar zu machen, mußte man die Stücke vorher in einen Leinwandsack fülle, den man von außen mit einem Hammer ... kräftig bearbeitete. Die also erhaltenen kleinen Stücke wurden dann mit Wasser gekocht. Cracker hash nennt man das Gemüse. Das Salzfleisch wurde uns in trockenen, faserigen Stücken von mattroter, ins Bläuliche schillernder Farbe vorgesetzt."

Die Arbeit ist hart und reichlich, der Umgangston mit rüde noch geschmeichelt. Im Frühjahr beginnt die Fahrt, führt über die Aleuten ins Bering-Meer und zwischen Sibirien und Alaska ins Nördliche Eismeer. Dort wurden von Juli bis September Wale gefangen, von denen allerdings meist nur das Fischbein verwertet wurde. Wenn Faber anfangs noch der Meinung war, es ginge im Winter nach Hause, so hatte er sich getäuscht. An der Herschel-Insel wurde das Schiff winterfest gemacht. Man mauerte sich ein auf dem Schiff. Von Oktober bis Mai dauerte die Zwangspause bei Schneestürmen und Temperaturen bis minus 50 Grad, einzige Wärmequelle war der Körper. Ein zweiter Walfangsommer folgte und wieder verproviantierte sich die Bowhead. Wieder acht Monate Polarnacht. Nach dem dritten Walfangsommer wurde schließlich Kurs auf die Heimat genommen, doch brach der Winter ungewöhnlich früh herein - ein weiterer Winter im arktischen Eis stand bevor. Der Proviant, nur für zwei Monate geplant, wurde entsprechend gestreckt. Auch Hundefutter wurde gekocht und von der Mannschaft freudig begrüßt: "In jenen Monaten habe ich erfahren, was Hunger ist, wie er den Menschen verfolgt bei Tag und Nacht wie ein böses Gewissen. Die Idealisten mögen da reden, was sie wollen: der Magen ist doch der Mittelpunkt des menschlichen Daseins." 

Unter diesen Bedingungen war von Disziplin nicht mehr die Rede, permanente Arbeitsverweigerung war angesagt. Auf dem Höhepunkt der Unruhe stellt der Kapitän die Mannschaft vor die Alternative, ruhig an Bord zu bleiben oder mit knapper Ausrüstung sich von Bord zu begeben. Kurt Faber braucht er das nicht zweimal zu sagen, er geht als einziger und schließt sich einer Eskimofamilie an. Auch diese Fahrt ist zeitweise vom Hunger gekennzeichnet, an den schlimmsten Tagen leben sie von Wurzeln und Rentiersehnen. Dann wieder findet sich Essen im Überfluß: "Zuweilen gibt es bei diesen Orgien ganz üppige Mahlzeiten mit reichbesetzter Speisekarte: Fisch/Gebratene Moschusratte /Seehundstew/ Tee/Mukpowders/Dessert a l´ Eskimo. Die zuletzt genannte Nummer der Speisekarte besteht aus dem Magen und den Gedärmen des Seehundes nebst Inhalt, die in kleinen Schüsseln serviert, immer zwischen zwei Mann aufgestellt werden. ... Mit gutem Gewissen kann ich sagen, daß ich es während meines Eskimodaseins im Verspeisen der unmöglichsten Dinge zu einer ganz ansehnlichen Fertigkeit gebracht habe. Hunde, Ratten, Mäuse, Füchse, Luchse, Wildkatzen, Seemöwen. Walrosse, Eisbären und Walfische habe ich zu verspeisen gelernt, aber trotz alledem konnte ich mich nie so recht mit diesem Dessert befreunden." 

Zuerst fahren sie mit dem Schlitten, dann, als das Eis aufbricht, mit dem Boot den Mackenzie flußaufwärts. Oft verhindern Sandbänke die Weiterfahrt und "schwarze, summende, ruhelose Wolken" von Moskitos machen ihnen das Leben schwer. Mangels Wind treideln sie ihr Boot, Hunde und die Eskimofrauen ziehen das Boot an vielen Tagen. In Fort Pherson angekommen, erregt er großes Aufsehen mit seiner Reiseroute. Diesem Aufsehen verdankt er auch, daß ihn das einzige im Jahr anlegende Dampfschiff mitnimmt, über die Forts Good Hope, Norman, Simpson, Providence, Resolution, Smith bis zum Großen Sklavensee. Bevor sie am Ziel ankommen, sammeln die anderen Passagiere für ihn 100 Dollar, aus Mitleid und Anerkennung. 

Seit April 1906 hat er mit Schlitten, Boot und Dampfer 4000 Meilen zurückgelegt und ist nun im Hochsommer in Edmonton in der heutigen Provinz Alberta. Mit dem Zug gehtís weiter nach Vancouver, Seattle, um dann mit dem Schiff nach San Francisco zu gelangen, 14 Tage nachdem die Bowhead dort vor Anker gegangen ist. Zusammen mit anderen Besatzungsmitgliedern erheben sie Klage gegen den Kapitän der Bowhead und gewinnen nach zwei Monaten, der Zivilprozeß wird jedoch erst nach zwei Jahren zugunsten von Faber entschieden und er erhält 2000 Mark Entschädigung. Alle Zeugen, auch Faber, mußten jedoch die 55 Tage währende Hauptverhandlung im Gefängnis verbringen.

Über Australien zurück an den Rhein

Bald nach seiner Entlassung zieht es ihn wieder in die Ferne und auf dem britischen Segelschiff Samoëna heuert er nach Australien an. Man munkelt von riesigen Goldfeldern gehört, doch als er hinkommt, gibt es keine. Kurz entschlossen wird er Heizer auf dem deutschen Dampfer Altona. Drei Monate dauert die Fahrt, für die andere Schiffe einen Monat brauchen. Schon unter normalen Umständen ist die Arbeit grausam in der Hitze des Maschinenraumes, doch sie steigert sich bis zum Unerträglichen in der Hitze des Roten Meeres: "Vergebens bemühe ich mich, die Hölle im Heizraum des Dampfers im Roten Meer zu beschreiben. ... Dann ist es dort unten ein Glutofen, ein türkisches Dampfbad, durchsetzt mit Ruß und Kohlenstaub. Sprühende Hitze, die auf dem blanken Eisen flimmert und schwer und dumpf in allen Ecken hockt, wie ein düsteres, feindseliges, unentrinnbares Etwas. Hin und her schlingert das Schiff in der Dünung. Bei jeder Bewegung rutscht man aus auf dem glatten Eisenboden und greift ins Leere, in glühende Aschenhaufen und an sengende Eisenstangen. Bei jedem Überholen schießen mächtige Stichflammen aus den offenen Feuern, wie gelbe, gierige Zungen aus dem Rachen eines Ungeheuers. Das ist die Umwelt, die den Wahnsinn weckt. Das ist die Hitze, die Mord, Totschlag und Selbstmord in den Köpfen brütet." Ein Heizer sagt eines Tages, er müsse nun ein kühles Bad nehmen, wie es die reichen Leute an Deck täglich machten, geht hoch und springt über Bord.

In Marseille verläßt Faber das Schiff, nimmt den Zug nach Belfort und weiter über die Grenze nach Deutschland. Nach sieben Jahren und zahllosen Ländern wird er nun zum ersten Mal nach Papieren gefragt - er hat natürlich keine. Unter der Bewachung eines Grenzjägers wird er zum Kreisdirektor in Mülhausen gebracht, bis der Fall geklärt ist. Dann ist er frei. "Stundenlang wanderte ich durch die engen Straßen der alten Stadt, und wunderte mich bei jedem Schritte, daß eigentlich alles noch so war wie damals. Nach all den Irrfahrten und Abenteuern der letzten Jahre wäre es mir viel natürlicher vorgekommen, wenn irgend etwas unerhört Neues inzwischen hier aus dem Boden gewachsen wäre. Daß aber im Grunde genommen sich gar nichts geändert hatte .... das kam mir unsagbar komisch vor. ... Gar manches, was ich mir einst gewünscht, war nicht in Erfüllung gegangen, die Schätze, von denen ich geträumt, waren zu Schall und Rauch geworden, die schönen Jahre unwiederbringlich verloren. Und doch - wie nun die Gedanken schnell noch einmal zurückeilten über Länder und Meere, da war alles schön und gut, trotz allem. ... Ich mochte nichts davon missen, nicht einen einzigen Tag!" 

Nach Indien

Der 21. Januar 1926 findet Faber wieder auf der Landstraße. In Wien besteigt er den Zug nach Belgrad, doch von der Hauptstadt des neuen Staates Jugoslawien weiß er nur Negatives: Schon vor der Ankunft sammeln höfliche Beamte die Pässe ein. "Natürlich ist bei der Rückkehr der Zug schon über alle Berge und alsdann hat der glückliche Reisende noch die Ehre, dem aufblühenden Staate S.H.S. eine Wohnsteuer von fünfzig Dinar pro Nacht zu bezahlen für ein Zimmer, das bloß deren dreißig kostet. ... Jugoslawien ist heute der Polizeistaat par excellence." In der nächsten Nacht nimmt er den Bummelzug zur Weiterfahrt und verflucht diese Entscheidung schon bald: "Ein Glücksfall ließ mich einen guten Platz erwischen, aber schon nahmen zwei Frauen mit drei schreienden Säuglingen mir gegenüber Platz. Ein zwei Zentner schwerer Mann setzte sich auf meinen Schoß, und ein anderer stellte einen Korb voll Eier auf meinen Kopf. Da räumte ich das Feld." Überhaupt scheint die Fahrt durch den Balkan nicht sehr erholsam gewesen zu sein, denn "Sechs Länder, sechs Grenzen, an denen sie sich liebevoll deiner annehmen, und sich eingehend erkundigen nach deiner Gesundheit, deinem Vorleben, deinem Impf- und Taufschein und danach, ob du etwas zu verzollen habest, an denen sie dich sorgsam registrieren, notieren und visitieren, indem sie noch einmal in deinem vieldurchwühlten Rucksack wühlen und sich gewissenhaft erkundigen, ob du auch keine Goldstücke ein- und ausführest. Sechs neue Länder, sechs neue Valuten, von denen an jeder ein Stückchen kleben bleibt an den schmierigen Händen geschäftstüchtiger Levantiner, die ihre Buden an den Grenzen wie Mausefallen aufgestellt haben." 

Auch der Empfang in Istanbul läßt zu wünschen übrig. Es ist kalt, morgens vor der Dämmerung, der Bahnhof verlassen und Faber sucht Auskunft bei einem Bahnbeamten: "Er verstand nur Türkisch und ging achselzuckend weiter, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. Und so taten es alle anderen. Ein rucksackbewehrter Franke - das war schon längst nichts Neues mehr und an so etwas ließ sich nichts verdienen." Dann gerät er an einen seit sechs Jahren in Istanbul lebenden Österreicher der ihm zur Unterkunft rät: "Sechskreuzerhotels gibt´s nur draußen in Piri Pascha. In Skutari könnenís für fünf Piaster übernachten, aber da gibt´s viel Beischläfer mit sechs Beinen. ... Sonst aber sei gleich nebenan das Hotel Mossul, wo man ein türkisches Pfund (zwei Mark) für ein Zimmer bezahle." Zwei Tage braucht er, um sich in Istanbul polizeilich anzumelden, mit viel Gelaufe von einer Adresse zur nächsten, von einem Zimmer ins andere. Dank eines guten Rates meldet er sich auch gleich ab, um später Zeit zu sparen. Mit der Zeit wird ihm Istanbul angenehmer und er lernt auch dessen Schönheiten kennen - doch es zieht ihn weiter, nach Persien ziehen ihn seine Träume. 

Auch Trapezunt ist nicht so, wie er sich das vorgestellt hat: statt Palmen und Sonne findet er nur sibirische Kälte und endlosen Regen. Ein hilfreicher Dolmetscher, die Tatsache, daß er Deutscher ist, und zwanzigmal Kaffeetrinken bei Beis, Effendis und Paschas bringt ihm dann doch das Visum durch das unruhige Kurdengebiet bis zur persischen Grenze. Faber marschiert los: "Es war Sonntag, und da an diesem Tage die Christen nicht arbeiten und die Türken ohnehin alle Tage Sonntag haben, war fast kein Mensch auf der Straße." Die Straßen sind erbärmlich schlecht, nur im Sommer fahren Autos; Postkutsche und Stiefel sind die Alternativen. Alle 25-30 Kilometer trifft er auf einen Gasthof, den Han, dazwischen gleichen die Gebäude unnahbaren Burgen. Leider ist es gerade Ramadan, da gibt es Joghurt, Brot und Tee nur nachts. Dann findet er Anschluß an einen Karawane und zieht mit ihr über die schneebedeckten Berge. Das ist so recht nach seinem Geschmack. In Gümisch-Hana hat er Glück: Im einzigen Hotel erregt er als "Franke" viel Aufsehen, wird umsonst bewirtet und anderntags kostenlos mit der Postkutsche befördert. Dann ist der Ramadan vorbei und das Beiramfest wird gefeiert. Drei Tage verbringt er im Kaffeehaus: "Der Türke ist nämlich eine noch unermüdlichere Kaffeehausratte, als selbst der Österreicher. ... Kaffee und Tee sind seine Lebenselemente. Hier kann er tage- und nächtelang ... alles über und über besprechen, von der Politik bis zum letzten Hammelkauf." 

Nachdem er die Berge hinter sich gelassen hat, marschiert er durch eine weite Ebene: "Grau und braun liegt das Land in der grellen Sonne, und man muß schon ganz dicht herankommen an die Lehmwände der Häuser, oder wie man diese Gebilde heißen will, ehe man das Dorf sich aus dem Grau der Landschaft absondern sieht. Ganz kahl steht es da. Kein Baum, kein Strauch ist weithin zu sehen." Auch in großen Städten wie Erzerum, stößt er auf Spuren des Zerfalls als Folge von Krieg und Bürgerkrieg. Aber es ist die Atmosphäre, die fasziniert: Sonnenuntergang, der Geruch der Kaffehäuser mit ihren Wasserpfeifen, der Ruf des Muezzin. Für den weiteren Weg rät man ihm von der Benutzung der Eisenbahn ab: "Niemand, Efendi, fährt hier mit der Eisenbahn, denn sie fährt sehr langsam. Drei Tage und Nächte braucht sie bis Kars. Manchmal fällt sie um; dann muß man sie erst wieder aufstellen. Zu Fuß kommt man viel schneller vorwärts." 

Auf dem weiteren Weg kommt er durch das Kurdengebiet, sieht sie in ebensolchen Erdhöhlen hausen wie die Eskimos einige Jahre vorher: "Gibt es aber Worte genug, um die Jämmerlichkeit der Ansammlung von Erdhöhlen zu beschreiben, in denen in der Einsamkeit der Gebirgstäler hinterwärts von Erzerum die Kurden hausen? Diese Menschen haben in der Tat alle Rekorde geschlagen in der Genügsamkeit der Wohnkultur. ... Das Erscheinen eines richtigen a la Franka gekleideten Europäers wirkt wie eine Sensation ... Es ist nicht anders, als wenn ein Tanzbär auftaucht. Die Jugend, die zumeist barfuß bis zum Halse ist, drängt sich dicht heran und starrt den Fremdling an." Im Gegensatz dazu steht die Schönheit der Landschaft, Faber vergleicht sie mit dem Vorland der Alpen oder der Kordilleren. Dann dauert es nicht mehr lange, bis zu einem Blockhaus mit der grün-weiß-roten Flagge Persiens und ihm schallt ein "Wer da?" entgegen - auf deutsch! Heinrich Schmelzle aus Katharinenfeld versieht zu dieser Zeit den Grenzdienst und erzählt ihm, daß er nicht der erste deutsche Rucksackreisende sei: "Immer von Zeit zu Zeit kommt so einer über die Grenze. Sogar die Perser auf der Wache haben von ihnen schon Deutsch gelernt." 

In der ersten Stadt, Awadschik, ist er Gast des Gouverneurs, wird von nun an weiterempfohlen, steht sich gut mit der Polizei und wird weitergereicht von Khan zu Khan. Und obwohl ihm die Dörfer ebenso trostlos erscheinen wie in der Türkei, finden sich nun wieder Bäume und Wälder und Blumen. Die Häuser sind umgeben von hohen grau-braunen Mauern, dahinter aber liegen liebevoll gestaltete Gärten. Die nächsten 700 Kilometer von Täbris nach Kaswin legt er mit der kaiserlichen Post zurück: drei Tage und Nächte, fast immer Galopp, nur unterbrochen von Pferdewechsel und Unfällen. Die Pausen in den Karawansereien sind erholsam: "Nirgendwo sonst auf dieser Erde gibt es fanatischere Teetrinker wie diese. Aber was sie essen? Oft habe ich es mich gefragt, ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden ... Ein Brotfladen mit einem darein gewickelten Stückchen Käse, eine Gurke mit ein wenig Salz, eine Handvoll Datteln tun die Dienste. Und wie sie damit auskommen bei der endlosen Quälerei auf den weiten Wegen? Und wann sie eigentlich schlafen, da sie die Nacht über reisen und tagsüber vor dem Feuer sitzen und Tee trinken? Frage nicht!" Mit dem Auto legt er die letzten Meilen bis Teheran zurück. Beim Passieren des Stadttores wird er von einem Offizier kritisch gemustert und angehalten und erst das Zauberwort "Mähändis" läßt dessen Augen leuchten und Faber passieren. Faber mit seinem Rucksack war für den Offizier nicht einzuordnen, die Art Reisender ihm unbekannt. "Mähändis ist alles und jedes; es ist die Ausrede, die jeder reisende Abenteurer durch das Land trägt, wenn ihm sonst nichts besseres einfällt. Ein Mähändis ist z. B. ein Ingenieur. Er kann aber auch bloß ein Monteur, ein Mechaniker, ein Schlosser, ein Chauffeur sein. Mähändis ist jeder, der nicht berufsmäßig mit Schafen und Ziegen zu tun hat." 

In Teheran findet er teure Hotels, aber auch ein interessantes und abwechslungsreiches Leben. Er beschreibt die Pferdebahn, die Bettler und Schreiber, die Frauen und das Verhalten gegenüber Ungläubigen. Dann findet er eine günstige Mitfahrgelegenheit in einem Auto nach Isfahan. Der Chauffeur ist ein abenteuernder Offizier namens Franz Michel, der Eigentümer des Wagens, ein Mullah, sitzt im Fond. Ein Besuch in der Moschee von Kum endet mit einer abenteuerlichen Flucht durch die engen Bazargassen. In Isfahan landet er in einem besonders angenehmen Hotel und wird bedient: "Der eine packte unaufgefordert meinen Rucksack, leerte ihn aus und legte jedes Stück ordentlich auf den Tisch. Der andere zog mir die Schuhe aus, ein dritter holte Wasser, ein vierter brachte eine Tasse Tee und der fünfte fächelte mir derweilen Luft zu mit einem umfangreichen Fächer. Es war wirklich ein bißchen viel für meine bürgerliche Ängstlichkeit, aber ich ließ es mir doch gefallen ..." Drei Tage kosten ihn ein kleines Vermögen, das er nur widerwillig herausrückt. Und weiter gehtís mit Auto und Mullah. Während ihm Isfahan als göttlich schön erschien, ist Schiras nur schön aus der Ferne. Engländer, Inder und Sandflöhe beherrschen die Stadt. Auch das luxuriöse Leben ist nun zu Ende. Er mietet sich in eine Eselskarawane ein, die Jahrun als Ziel hat. Gereist wird nachts, gerastet tags, doch ohne Karawansereien sind Mensch und Tier der Hitze schutzlos ausgeliefert. Manchmal findet sich kein Wasser, dann wieder nur eine trübe, schlammige Brühe. Da kann er die Wassermelonen und Datteln genießen, die es in der Oase Jahrun reichlich gibt. Teils zu Fuß, teils mit dem Auto begibt er sich in drei Tagen nach Lars. Nicht viel weiß er zu berichten: "Dasselbe Lied, das von allen anderen Plätzen in diesem Land gilt. Von Hitze und Staub, von knarrenden Brunnen - und ja, und von kleinen und kleinsten Tieren, die einem das Leben zur Hölle machen. ...Der Perser ist sehr nachsichtig im Umgang mit solchen Quälgeistern. Hat nicht der Koran das Töten eines lebenden Wesens verboten? ... Er würde kaltlächelnd einem Wanderer die Gurgel abschneiden auf der Landstraße, aber etwas anderes ist es, einem Floh das Lebenslicht auszublasen. ... Wenn Schiras die Hauptstadt der Sandflöhe ist, so ist Lars die Hauptstadt der Skorpione." 

Eines Nachts erwacht er von einem Krabbeln: aufgewacht findet er einen dreißig Zentimeter langen Skorpion in seinem Bett. So bricht er abermals mit einer Eselskarawane auf und reist durch Persiens verrufenste Gegend, die von Räubern wimmeln soll. Mangels Polizei haben die Karawanenführer zu ihrem Schutz auf der Strecke eine bewaffnetes Bürgerwehr organisiert. Wieder ist das Wasser knapp und außer Datteln gibt es kaum Nahrung. In einem Dorf zeigt er auf ein Huhn, dreht ihm selbst den Hals rum und will es für sich kochen lassen. "Aber die Enttäuschung war groß. Das Huhn war zwar gerupft und gekocht. Aber das Ausnehmen hatte sie vergessen. Von Salz und solchen Dingen hatte sie offenbar noch nie etwas gehört. Ein wenig nur hatte sie das Huhn im Wasser liegen lassen; dann warf sie es in den Sand, als Fraß für den Ungläubigen." Schließlich erreicht er die Hafenstadt Lingah am Persischen Golf, schifft sich 14 Tage später als Passagier auf einem Dampfer ein, besucht bei einem Zwischenstop Maskat und landet schließlich in Karachi. Der Offizier der Hafenpolizei verblüfft ihn damit, daß er ihn auf einen Blick und ohne ein Wort von ihm zu hören als Deutschen erkennt: "Das weiß man", meinte er, "... Seit einem Jahr kontrolliere ich hier die einkommenden Schiffe und immer ab und zu kommt einer mit einem Rucksack, und immer ist er ein Deutscher, wenn sie sich bisweilen auch für Araber und alles mögliche ausgeben. Vor sechs Wochen kam einer - ein Maler namens Müller - von Konstantinopel über Bagdad und direkt ins Spital von Karachi, wo er neulich gestorben ist. So geht es den meisten, und Ihnen könnte es auch so ergehen. Sie sehen so aus." 

Karachi ist ihm ein Chicago im Kleinen. Von dort reist Faber weiter über Agra, Patna, Darjeeling, Kalkutta, Madras, Kandy und kehrt mit dem Schiff nach Europa zurück. Sein Bericht endet mit einer ausführlichen Würdigung der indischen Eisenbahnen: "Ein jeder sieht hier die Eisenbahn als Fortsetzung seines Haushaltes an. ... Es wird gekocht, gebraten, geschlafen, gegessen, es werden Hühner geschlachtet und Eier gelegt. Menschen sterben und werden geboren." 

3 Hintergründe

Mühelos ließen sich weitere zehn, zwanzig und mehr Seiten mit Anekdoten aus dem Reiseleben Fabers füllen. Unerwähnt blieben bislang biographische Besonderheiten, Einstellungen, Lebensstil und die Zeiten zwischen seinen Reisen.

Der Nationalsozialist Faber

Politische Äußerungen Fabers finden sich in seinen Büchern nur selten und schlagwortartig. So scheint er stets stolz, ein Deutscher zu sein, Patriotismus und konservative Werte klingen durch; politische Zweifel sind nicht zu sehen. Das überrascht nicht, denn schließlich entstammt er einer bürgerlichen Lehrerfamilie, ist im Elsaß aufgewachsen und wurde im letzten deutschen Kaiserreich erzogen. Das Vorwort zu Fabers erstem Buch, erschienen während des ersten Weltkriegs, schrieb Erwin Rosen, der ja auch für seine zumindest erzkonservative Einstellung bekannt war und auch in diesem Vorwort recht pathetisch wird.

In den nach dem Ersten Weltkrieg erschienenen Büchern Fabers finden sich radikalere Äußerungen: (politische) Wut auf die Engländer und Ärger über die Situation Deutschlands. Doch war das Gefühl, im Friedensvertrag von den Siegermächten geplündert worden zu sein, im Deutschland jener Zeit weit verbreitet. 1925 tritt er in die NSDAP ein. Im Herbst 1927 legt er sich mit den Engländern an, macht sich während einer Reise in der Windhoeker "Allgemeinen Zeitung" lustig über eine von ihm erlebte Eisenbahnfahrt und deren Bedienstete. Da er sich nicht öffentlich entschuldigt, kommt er ins Gefängnis. Das wird auch damit zu tun haben, daß er die NSDAP-Ortsgruppe in Windhoek gründete. Hans Grimm, dessen Gedanken ihm sympathisch sind, besucht ihn dort. "...der wie niemand sonst die Misere unserer zusammengebrochenen Kolonialpolitik zu schildern vermochte, und mit ihr die ganze tragikomische Verkettung von deutscher Dummheit und burisch-angelsächsicher Verschlagenheit ..." 

Auch Karl Peters findet Fabers Sympathie. Ausgesprochen nationalsozialistische Gedanken sind jedoch nirgends finden. Das ändert sich in den Büchern, die Walter Faber nach dem Tode seines Bruders herausgab. In "Tausend und ein Abenteuer" (Ausgabe 1933) beschreibt Walter Faber seinen Bruder als jemanden, der "in der Fremde, in Not und Gefahr, sein deutsches Herz zutiefst entdeckte und immer deutscher zurückkam...". 1937 schildert Kurt Kölsch im Vorwort zu "Mit dem Rucksack nach Indien" Kurt Faber als einen "leidenschaftlichen Prediger deutscher Not", der in die Fremde geht, um sein "Volkstum zu künden", als einen "der frühesten Redner und Kämpfer in der Bewegung Adolf Hitlers". Walter Faber weist darauf hin, daß sein Bruder die nationalsozialistische Ortsgruppe in Lamprecht in der Pfalz aufgebaut habe. In den knappen autobiographischen Ausführungen ("Das Kino meines Lebens") findet sich nicht ein Wort über seine politische Meinung. Entweder hat (insbesondere) Walter Faber die politische Biographie seines Bruders zurechtgestutzt, um dessen Bücher auch nach 1933 noch drucken und verbreiten zu können. Oder Kurt Faber hat sich, aus welchen Gründen auch immer, die direkte politische Stellungnahme in seinen Schriften untersagt und derlei Aussagen anderen überlassen. Aber vielleicht liegt die Wahrheit ja auch irgendwo dazwischen. Politische Naivität kann man Kurt Faber sicher nicht unterstellen, schließlich hat er Staatswissenschaften studiert.

Glaubwürdigkeit und Sorgfalt

Kurt Fabers Beschreibungen sind nicht immer frei von Übertreibungen, Auslassungen und Vereinfachungen. Da findet sich gleich mehrfach der härteste Job, der ihm je begegnet ist Auch die kälteste Nacht, die schlimmste Reiseart begegnen sich öfter. So sagt er denn auch: "...ich besann mich auf die Philosophie, die ich mir zurechtgelegt hatte in den letzten vier Jahren: In Amerika kannst du gar nicht genug lügen." Ein anderer Grund für zahlreiche Ungenauigkeiten mag sein, daß er sein erstes Buch "Unter Eskimos ..." neun Jahre nach den Erlebnissen schreibt; "Rund um die Erde" wartet noch länger bis zur Niederschrift. Dennoch weiß er zahlreiche Details zu berichten. Da von einem Tagebuch nirgends die Rede ist, muß er sich wohl auf sein Gedächtnis verlassen. Die beiden ersten Bücher Fabers sind authentisch, packend, voller Leben. Später werden seine Reisen geplanter und der Stil ähnelt mehr einer Reportage über Land und Leute. Daran ist seine Tätigkeit als Korrespondent sicher nicht ganz unschuldig.

Steppenwolf

Frauen tauchen in Fabers Berichten immer nur in der Distanz auf, über Sex und Beziehungen findet sich kein Wort, auch verheiratet war er wohl nicht. 

Begegnungen auf der Wanderschaft bleiben zufällig und zeitlich begrenzt, von Kameradschaft und Freundschaft ist auch da kaum etwas zu spüren. Des öfteren flieht er Reisegefährten und reist er dann doch einmal mit jemandem, bleibt es ein Zweckbündnis. Einmal verabschiedet er sich wehmütig vom Eskimo Roxy und seiner Familie, doch selbst das ist nicht persönlich: "In jenem Augenblick habe ich sogar ein klein wenig Heimweh verspürt nach dem Eismeer, nach der Herschelinsel." Kurzum: Faber ist ein "lonesome rider", nur Zwang hält ihn an einem Ort, in festen sozialen Beziehungen. Nur während des 1. Weltkriegs reist er nicht, sonst ist er "immer unterwegs" - in Taten oder in Gedanken. Arbeitsverhältnisse scheut er ebenso wie andere feste Verhältnisse. Arbeit ist ihm immer Überwindung: "Mancherlei vermag der Mensch zu leisten um der Ehre, des Vorteils, der Eitelkeit willen, oder auch unter der Einwirkung einer augenblicklichen Begeisterung. ... Aber die größten und unglaublichsten Leistungen des Menschen, die, in denen er sich selbst immer wieder übertrifft an jedem neuen Tage, geschehen ohne Geschrei und ohne Aufhebens im Kampf um das tägliche Brot in der Tretmühle des Daseins." 

Über die Zeiten zwischen seinen Reisen verliert er in seinen Büchern kaum ein Wort: "Glücklich war ich wieder in der Heimat angelangt, und dennoch wäre ich lieber wo anders gewesen." Reisend sammelt er Erfahrungen, doch er nutzt sie nicht. Oft schimpft er sich selbst, daß er nicht besser aufgepaßt hat, da er doch sehenden Auges in ein Unglück rannte und selbst noch bei der zweiten Reise wird er öfter Greenhorn genannt. Er weiß das und hält sich vor: "Kurt Faber, du bist dumm gewesen. Hättest du nur den zehnten Teil der Mühe und Arbeit, die du dir gemacht hast um der Schimären willen, an etwas Nützliches gewendet, wo stündest du heute!" Und er beginnt, seine Erlebnisse in Büchern niederzuschreiben. Das verhilft ihm zu selbstkritischen Erkenntnissen, noch 1919 sagt er im Vorwort zu seinem dritten Buch: "Wenn ich mir jetzt, zum Schluß, diese Geschichten noch einmal ansehe, wenn ich bedenke, wie wirr und verworren es dabei zuweilen zugeht, wie da die Menschen auftauchen und wieder verschwinden, wie alles in flimmernder Bewegung ist und nichts sich gleich bleibt, als nur die aufreibende Unruhe, die rastlos vor sich selber davonläuft; und wenn ich mir die Menschen betrachte, die leichtsinnig und gedankenlos in den Tag hinein leben in dieser gefährlichen Unterwelt der Tagediebe und dabei ein leidliches Leben machen, und daneben die anderen, die ihr Lebtag nichts gekannt haben als Mühe und Arbeit und am Ende dennoch liegen geblieben sind am Wegrand des Lebens, so muß ich mich fragen: "Was kann man daraus lernen?" 

Da ist es vorstellbar, daß er nur mangels Alternativen studierte: der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, wegen seines kaputten Auges war er untauglich, Reisen während des Krieges waren mehr oder weniger unmöglich, so blieb Zeit für das Studium, was sonst?

1918, bei Kriegsende, schrieb er seine Doktorarbeit, und ging bereits 1920 wieder auf Reisen. Die einzige Konstante in diesem Leben ist die Ungewißheit. Das Vorwort seines letzten Buches schließt er im September 1929 mit einem Nietzsche-Zitat ab: "Nicht doch," sagt Zarathustra zum sterbenden Seiltänzer, "du hast die Gefahr zu deinem Berufe gemacht; so will ich dich mit meinen Händen begraben." 

Drei Monate später ist Faber tot.

4 Bibliographie

Diesem Beitrag lagen die mit * gekennzeichneten Beiträge zugrunde.

Publikationen Fabers

(1.*) Unter Eskimos und Walfischfängern. Eismeerfahrten eines jungen Deutschen. (=Lutz´ Memoirenbibl. Serie 5, Bd. 8) Stuttgart: Robert Lutz. ca. 1916. XVII, 369p. 1 Karte. 8° (47 Aufl. bis 1939, zwei Ausg. = 67. Tsd.)

(2.*) Dem Glücke nach durch Südamerika. Erinnerungen eines Ruhelosen. (=Lutz´ Memoirenbibl. Serie 5, Bd. 11) Stuttgart: Robert Lutz 1919. 376p. 8°. 30 Aufl. bis 1938 u. zwei Ausg.

(3.*) Rund um die Erde. Irrfahrten und Abenteuer eines Greenhorns. Ludwigshafen: H. Lhotzky 1924. XII, 309p. 8° (3 Ausg. bis 1955 = 55. Tsd.)

(4.) Tage und Nächte in Urwald und Sierra. Peru, Bolivien, Brasilien. (=Lutz´ Memoirenbibl. Serie 6, Bd. 15) Stuttgart: R. Lutz 1926 (12 Aufl. u. zwei Ausg. bis 1955 = 39. Tsd.)

(5.*) Mit dem Rucksack nach Indien. Tübingen: R. Wunderlich 1927. 255p. 8°. 4 Tfll., 1 Karte, 16 Textabb. (9 Aufl. bis 1944 u. drei Ausg.)

(6.) Die Seelenverkäufer. Eine Abenteurergeschichte. Berlin: Scherl 1927. 194p. 8°. (28. Tsd. bis 1943)

(7.*) Tausend und ein Abenteuer. Ein neues Wanderbuch. Tübingen: R. Wunderlich 1929. 304p. 8°. (13 Aufl. bis 1944 in 4 Ausg.)

(8.) Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer. Baltikum, Balkan, Südsee, Japan, Korea, China, Sibirien, Moskau, Palästina, Syrien, Kanada. Mit e. Anhang. Hrsg. Walter Faber. (=Lutz´ Memoirenbibl. Serie 7, Bd. 4) Stuttgart: R. Lutz Nachf. 1930. 333p. 8°. 1 Abb. (8 Aufl. bis 1937)

(9.) Das Gold am Krähenfluß. Abenteuer aus Alaska und weitere drei Erzählungen. Stuttgart: Thienemann 1931. 61p. kl. 8°. 7 Abb.

(10.) Im australischen Busch. (=Ausz. aus: Tausend u. e. Abenteuer) (=Jugendbücherei 391). Berlin: Hillger 1931. 31 p. 8°. 

(11.) Im wildesten Patagonien. Abenteuerliche Reiseerlebnisse des Weltwanderers Kurt Fabers im südlichsten Südamerika. Stuttgart: Thienemann 1932. 64p. kl. 8°. Abb.

(12.) Mit dem Rucksack durch Persien. (= Ausz. aus: Mit dem Rucksack nach Indien) (= Dt. Jugendbücherei 407) Berlin: Hillger 1932. 31p. 8°.

(13.) Als Schiffsjunge im Eismeer. Abenteuer e. deutschen Jungen auf e. Walfischfänger. (= Ausz. aus: Unter Eskimos u. Walfischfängern.) (=Bunte Bücher 232) Reutlingen: Enßlin u. Laiblin 1933. 332p. 8°. (3 Aufl.)

(14.) Abenteuerliche Reise durch dunkelstes Afrika. (=Ausz. aus: Tausend u. e. Abenteuer) (=Aufbau-Bücherei Bd. 2) Leipzig: Der nationale Aufbau 1936. 78p. kl. 8°

(15.*) Der göttliche Vagabund. Ausw. a. d. Werken d. Weltwanderers. Hrsg. Walter Faber. (=Wiesbadener Volksb. 265) Wiesbaden: Dt. Volksbücher 1936. 85p. kl. 8°. (26. Tsd. bis 1942)

(16.) Ewig auf Wanderschaft. Abenteuer in Nord- und Südamerika. (=Aufbau-Bücherei Bd. 39) Leipzig: Der nationale Aufbau 1939. 79 p. kl. 8°.

(17.) Als Landstreicher durch Australien. Erlebnisse eines Deutschen unter Landstreichern u. Schafscherern. (=Ausz. aus: Tausend u. e. Abenteuer) (=Bunte Bücher 230) Reutlingen: Enßlin u. Laiblin 1943. 32 p. 8°. (3 Aufl.)

(18.) Auf Walfischjagd im Eismeer. Eismeerfahrten e. jungen Deutschen. (= Ausz. aus: Unter Eskimos u. Walfischfängern) (= Kleine Feldpostreihe) Gütersloh: Bertelsmann 1944. 63p. kl. 8°. (3 Aufl.)

In der Reihe "Das neue Universum" veröffentlichte er ebenfalls vier Beiträge. Einige Erzählungen erschienen in der "Täglichen Rundschau" 1914/1915 o.O.

Sekundärliteratur

(1.*) Kurt Faber, Das Kino meines Lebens. Irrfahrten und Abenteuer eines Weltwanderers. In: Ostdeutsche Monatshefte 11 (1930) 2, 128-130

(2.*) Carl Lange, Kurt Faber zum Gedächtnis. In: Ostdeutsche Monatshefte 11 (1930) 2, 127

(3.*) Walter Faber, Dem Weltwanderer Kurt Faber zum Gedächtnis. In: Ostdeutsche Monatshefte 11 (1930)

(4.) L. Gyssling, Die pfälzische Familie Faber. in: Pfälzer Museum 1931

(5.) R. Betsch/K. Graf, Kurt Faber, der Weltwanderer. (1933)

(6.*) Walter Faber, Der deutsche Wanderer. Das Leben Kurt Fabers. In: Die Westmark 1933-34

(7.*) F. Larsen, Der mysteriöse Dr. Faber. In: Männer im roten Rock. Abenteuer eines kanadischen Nordost-Polizisten, Gütersloh: Bertelsmann 1955

(8.) Gerhard Kupfer, Kurt Faber zum Gedächtnis. In: Der völkische Beobachter (1932) 61

(9.*) Armin Stöckhert, Kurt Faber, der Weltwanderer. In: Magazin für Abenteuer-, Reise- und Unterhaltungsliteratur (1979) 24, 10-15

(10.*) Wilhelm Kosch: Literatur-Lexikon
Bern/München, Francken Vlg., 3.A. S. 664-665
 


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