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Wissen

Der Begriff Wissen leitet sich von einer alten indogermanischen Wurzel wizzan ab mit der Bedeutung: »Ich habe gesehen«.
Wir alle erwerben Wissen indem wir der Welt begegnen. Solches Wissen ist wahr, wenn es hilft mit der Welt klarzukommen, wenn es also nützlich ist. Nützliches Wissen ist gesellschaftlich wertvoll, also entstehen Strukturen, die die Erfahrungen Einzelner speichern, organisieren, weitergeben. In archaischen Gesellschaften stellten Schamanen das Wissen in poetische und spirituelle Zusammenhänge; es entstanden Lieder und Kulte. Später waren es Klöster, Zünfte, Universitäten. Solch institutionalisiertes Wissen wird auch instrumentalisiert, denn wer darüber herrscht, verfolgt auch bestimmte Interessen und will die Perspektive bestimmen, mit der andere die Welt anzuschauen haben.
Reisende waren es jedoch, die zu jeder Zeit Wissen aus der Ferne zuführten. * Neugier und Inter-esse (lat.: dazwischen-sein) führen zum Wissen, das im Spannungsfeld zwischen * Staunen und * Glauben entsteht. Solches Wissen entsteht durch unmittelbare Weltanschauung.

* Neugier und Inter-esse (lat.: dazwischen-sein) führen zum Wissen der Reisenden, das im Spannungsfeld zwischen * Staunen und * Glauben entsteht. Reisende können so zu „rationalen Autoritäten“ (Erich Fromm) werden:

Dort war ich, sage ich Dir,
Dies ist und das geschehn;
Du glaubst,
Selbst hättest Du’s gesehn.
La Fontaine: Die Tauben 	

Eine zweite Spannung besteht zwischen Wissensverbreitung und Machtausübung: »Halte du sie dumm, ich halte sie arm.« Was früher König und Kirche vorgeworfen wurde, kommt heute in neuen Kleidern daher. »Toxisch-autoritäre Kräfte« (Milosz Matuschek) zentralisieren Macht, indem sie das Wissen kontrollieren (»alternative Fakten«), Kommunikation (fake news) und Geld. Reisefreiheit und der verfügbare Ausgang aus der selbstgewählten Unmündigkeit sind nicht selbstverständlich. In vielen Staaten lebt es sich für wenige so gut, dass das Volk überflüssig wird - der sogenannte Ressourcenfluch macht es möglich 1). Die Re-Feudalisierung ganzer Staaten erscheint möglich. Simbabwe wurde von Mugabe refeudalisiert; Putin, Erdogan und andere arbeiten daran ihre Länder umzugestalten.

Heute scheint das Internet der universale Ort für Wissen zu sein. Diese Welt ist verlockend, weil die virtual reality es ermöglicht, sich eine eigene Welt zu formen. Hier sind »alternative Fakten« konstruierbar, die im real life als Lüge oder Illusion an der Erfahrung scheitern.

Subjektiv oder objektiv: Meinungen gegen Fakten, Fakt gegen Fake

Die Frage ist dabei, in welcher Welt Wissen individuell entsteht und in welcher Welt es erprobt wird. An der Welt zur Neuzeit standen die zwei Welten des Glaubens und des Wissens einander gegenüber. Individuell konnte sich immer schon jeder seine eigene Welt bauen. Wer dabei von der Norm zu sehr abwich, galt entweder als Orakel oder auch nur als Dorfdepp; institutionalisiert gab es ihn als Narren am Fürstenhof. Wie dem auch sei: es waren Sonder- und Einzelfälle.

Seit einigen Jahren kann man sich jedoch entscheiden zwischen real life und virtual reality. Die Information strömt dort nicht nur flüssig, sondern überflüssig. Dieser Fluss wird noch trüber durch den Sprechdurchfall der Deppen, die in ihm plätschern. Fakten sind in der trüben Brühe nur noch im Innern von Micellen zu finden, umgeben von Fake-Tensiden. Schein-Wissen dient dazu Angst zu erzeugen. Die Werkzeuge der Vernunft - *Ockhams Rasiermesser und *Aufklärung - warten tief im Schlamm darauf wiedergefunden zu werden. Die Dummheit der Deppen bildet dabei vielleicht aber auch nur die Spitze des Eisbergs, denn Naturphilosophen und Physiker stoßen seit Jahrhunderten auf das Problem, Metaphysik und Mechanik sauber zu trennen. 2)

Wissen ist Macht

Könnte man durchs Zuschauen ein Handwerk erlernen,
wäre jeder Hund ein Metzgermeister.
Bulgarisches Sprichwort

Entdeckungen mögen hin und wieder durch Einzelgänger erfolgt sein, aber als Methode zur Verbesserung der Lebensqualität kann die Reise nur im sozialen Zusammenhang Erfolg haben - Er-fahrungen müssen weitergegeben werden, müssen nachfolgenden Generationen verfügbar bleiben. Der Wust weiterzugebender Information überfordert schnell jedes Gedächtnis. Was tun?

  • Erfahrungen wurden systematisiert, denn Regeln sind kürzer als die Summe einzelner Erfahrungen
    (Strukturales Regelwissen: Wasser findet sich an tiefliegenden Stellen, in Höhlen, im Schatten …).
  • Unterschiedliche Beobachtungen wurden kategorisiert
    (Funktionales Wissen: Wenn dieses Gewässer immer in eine Richtung fließt, ist es ein Fluß. Ein stillstehendes Gewässer, dessen anderes Ufer ich sehen kann, ist ein See. Ein Gewässer, von dem ich nur ein Ufer sehe und das salziges Wasser enthält, ist ein Meer. Wenn Flüsse breiter werden, werden sie auch flacher und sind einfacher zu durchqueren).
  • Techniken wurden vorgemacht und nachgeahmt
    (Technisches Können: So macht man aus einem Ziegenfell einen Wassersack.)
  • Einzelbeobachtungen wurden in Geschichten verbunden. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Handlung können Geschichten Wege beschreiben. Gefährliche Stellen werden dramatisiert, ein *Held zeigt Überlebenstechniken.
  • Die Weitergabe des Wissens erfolgte regelmäßig und wurde in bestehendes Wissen eingebaut. So wurden, vielleicht jährlich, Treffen der Gruppen mit gemeinsamem Ahnen festgelegt, Rituale dienten dem Informationsaustausch, Wettbewerbe der Anwendung von Techniken.

Gehen, Singen, Orientieren

Die Festlegung des Ritualortes, die Auswahl der Teilnehmer, die Organisation der Rituale – all dies bedurfte eines Organisators, der im Umgang mit Wissen geübt war und die Techniken zur Tradierung des Wissens beherrschte – vielleicht ein Schamane oder dessen Vorgänger? Wissen ist Macht, organisertes Wissen ist Magie. „Alles, was wir über die Bewegung des Meeres wußten, war in den Strophen eines Liedes enthalten. Tausende von Jahren gingen wir, wohin wir wollten, und dank des Lieds fanden wir sicher zurück … Es gab ein Lied für den Weg nach China und ein Lied für den Weg nach Japan, ein Lied für die große Insel und ein Lied für die kleinere. Sie mußte nur das Lied kennen, und sie wußte, wo sie war. Wenn sie heimkehren wollte, sang sie das Lied einfach rückwärts. …“ (Die Worte einer alten Frau, einer sibirischen Schamanka, zit. nach Chatwin S. 380).

Es hat einiges für sich, daß die ältesten Wegbeschreibungen gesungen wurden. Das Gehen ist ein rhythmischer Vorgang ebenso wie Gesang, Sprechen dagegen erfolgt abgehackt. Mit Musik und Gesang lassen sich plätschernde Flüsse, Blätterrauschen, Vogelstimmen, polternde Steine hörbar beschreiben. Die ältesten überlieferten Dichtungen der Menschheit sind Gesänge: Ilias, Odyssee, Nibelungenlied – fahrende Sänger sorgten für ihre Verbreitung. Der skop war der weitgereiste Sänger an germanischen Königshöfen, das englische Epos widsiht besingt die weite Reise. Caesar berichtete, daß die Druiden eine große Anzahl Verse auswendig lernen, Schrift gelte als Übel. Seit zweitausend Jahren beklagen Übersetzer Homers Hexameter: sie seien für keine lebende Sprache geeignet. Die Spekulationen sind alt, daß sie auf eine nicht überlieferte Hirtensprache zurückgehen, die auf Rhythmus basierte. Einige wenige Gruppen auf der Welt verwenden heute noch melodische Nachrichtensysteme – das Jodeln in den Alpen gehört ebenso dazu wie die Pfeifsprache auf La Gomera: So kommunizieren Hirten in schwer begehbaren Gebieten. Odysseus verstopfte sich und seinen Gefährten die Ohren mit Wachs, da die Lieder der Sirenen sie vom richtigen Weg abbringen wollten.

Ob Rede oder Gesang: Die direkte Kommunikation enthält Informationen, die im Schriftlichen verlorengehen. Tonhöhe und -fall, Gesichtsausdruck und Gestik, Kostümierung und Bewegung, Weihrauch und andere Gerüche verknüpfen die übermittelte Information mit zahlreichen anderen Eindrücken, die den Informationsgehalt verstärken und ein Erinnern erleichtern.

Das Lied als Landkarte mußte Struktur und Maßstab der Landschaft enthalten, es mußte im Ein-klang mit der Natur sein, Mißklang bedeutet Verirren und Gefahr. Der Fußreisende überwindet Raum und Zeit, indem er sich selbst zum Maß aller Dinge macht: der Meter ist ein großer Schritt, die Tagesreise sein Zeitmaß, der Stand der Sonne weist die Richtung. Er schafft Wege, wo sich keine Wildwechsel oder begehbare Bodenstrukturen fanden. Mag sein, daß heutige Straßenverläufe auf Wildwechsel in germanischen Wäldern zurückgehen; im afrikanischen Busch sind es die Pfade der Elefanten, die den Weg weisen. Nicht jeder Ort eignet sich zum Lagerplatz. Ein fester Ort verlangt noch mehr: trinkbares Wasser, guter Boden für Gemüse-, Obst-, Weingärten für die Bewirtung, Fischteiche, Schutz gegen Wetter und Feinde waren nötig. Mit einer entstehenden Infrastruktur gab die Tagesreise auch den Abstand von Wirtshäusern, Unterkünften, Poststationen vor.

Auf den besten Flecken entlang eines alten Weges mögen so schon früh winzige Keimzellen späterer Orte entstanden sein, vielleicht über die Zwischenstationen Bauernhof, Gut, Pfalz, Burg, Kloster. Sie alle boten dem Reisenden Schutz und Versorgung und in dunklen Nächten * Orientierung durch Glockengeläut und Hundegebell. Ohne Landkarten und bei oft unsicherer Wegführung konnte er sich am nächsten Morgen ausführlich über die weitere Strecke informieren.

1)
Alexander Etkind, NZZ 24.12.2019: „Bevölkerung: überflüssig“
2)
Dieter Straub
Eine Geschichte des Glasperlenspiels. Irreversibilität in der Physik: Irritationen und Folgen
306 Seiten, Birkhäu­ser-Verlag 1990; Rezension
wiki/wissen.txt · Zuletzt geändert: 2020/06/05 15:37 von norbert