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wiki:orientierung

Orientierung

Wer mit Verstand und Studium irre geht, 
der macht überhaupt gar keine Irrwege,
er macht höchstens Umwege.
Wilhelm Heinrich Riehl, Wanderbuch (1869)

Verirren

Man weiß immer, wo man ist - das Hier und Jetzt ist immer sicher. Orientierung ist vielmehr der Versuch herauszufinden, woher man kommt und wohin man will, also drei sichere Punkte zu erfassen, die eine klare Linie ergeben. Orientierung ist damit der erste Schritt der * Wegfindung in der Wildnis.

Voraussetzung dafür ist eine »kognitive Karte«, also eine Vorstellung der Umgebung, ein geistiges Abbild der Pfade, Hügel, Wälder, Bäche, Bauwerke, deren räumliches Verhältnis zueinander. Die Fähigkeit dazu entwickeln Menschen gemeinhin erst ab etwa acht Jahren. Verirren kann man sich auch in einer vertrauten Umgebung, denn ein Wald sieht nachts anders aus und Nebel nimmt alle Orientierungspunkte. Ursachen des Verirrens sind

  1. der Mangel an Aufmerksamkeit, denn sonst könnte man ja den zurückgelegten Weg erinnern;
  2. das Bedürfnis, eine »Abkürzung« zu nehmen, also Pfade und Wege zu verlassen;
  3. die trügerische Annahme, den Weg zu kennen;
  4. die Abnahme rationaler Entscheidungen;
  5. die Zunahme von irrationalem Aktionismus, also Weiterlaufen bis zur Erschöpfung.

Wanderer, die sich alleine verirren, werden fast zehnmal häufiger tot aufgefunden als verirrte Gruppen. Dass eine gewisse Vorbereitung hilfreich sein kann zeigt sich schon in der griechischen Mythologie als Ariadne dem Theseus ein Wollknäuel mitgab, damit er am »Faden der Ariadne« den Weg aus dem Labyrinth herausfinden konnte. Die Brotkrümelspur von Hänsel und Gretel zeigt, dass die Gefahr den Kindern zwar bewusst war, allerdings war die Umsetzung weniger erfolgreich.

Wegzeiger

Karten und Kartographie helfen nur dem, der rational vorgehen kann, Kompass und Höhenmesser liefern dafür Anhaltspunkte. Mobile phones helfen nur, solange die Batterie arbeitet. Außerhalb der Funkzellen hilft nur noch ein Satellitentelefon.

Mit den heutigen “All-Inclusive-Reisen” hat unsere Kultur die bislang oberste Sprosse unselbständiger Reisen betreten. Wer so weit über der Welt angelangt ist, hat weder Boden unter den Füßen noch einen Blick fürs Detail. Langsam hinabsteigend finden wir die einfache Pauschalreise, die Studienreise, das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, schließlich das individuelle Reisen mit Reiseführer und Landkarte. Und dort, knapp über dem Boden, finden wir noch eine unscheinbare, unbeachtete Sprosse: den Wegzeiger am Straßenrand – die erste technisierte Form des geführten Reisens.

Martin Scharfe
Wegzeiger
Zur Kulturgeschichte des Verirrens und Wegfindens
Marburg: Jonas 1998. 13x21 cm: 112 S., 65 Abb.

Der Wegzeiger in seiner frühesten Gestalt mag nichts anderes als ein Pfeil gewesen sein, angebunden an einen Stamm, der allen Nachfolgenden kundtat: “Du bist richtig. Hier geht’s lang!” Erleichternd ist solche Bestätigung noch heute den einsamen und müden Wanderern in den Bergen – drunten im Tal haben Straßen die Funktion des Wegzeigers verinnerlicht. Älter noch als der Zeiger ist der * Steinmann als Orientierungshilfe.

Das vorliegende Büchlein aber verläßt schnell die technische Geschichte des Wegzeigers. Der Autor bewegt sich tastend (ohne Wegzeiger) in unerschlossene Gebiete: Die äußere Form des Richtungspfeils als Spiegel der kulturellen Entwicklung? Der Pfeil als Archetypus von C.G. Jung?

Natürlich: Der Wegzeiger wird aufgestellt, weil ein allgemeines Bedürfnis besteht, sich zu orientieren. Orientierungslos laufen wir Gefahr uns zu verirren und zu verlieren – eine archaische Angst wird besiegt durch den Glauben an einsamen Pfeil, durch *Vertrauen an eine vorgegebene Richtung. Allerdings setzt das voraus, daß der Suchende mit jenen, die den Wegzeiger aufstellen, die gleichen Werte teilt: nämlich möglichst schnell und einfach zu einem Ziel zu kommen, Umwege zu vermeiden.

Martin Scharfe hat zahlreiche Details und hübsche Illustrationen gesammelt, er erzählt eher kursiv als dozierend und verfällt dennoch manchmal in einen etwas akademischen Stil. Ein Buch, dem ich viele Leser wünsche.

Literatur

Kathrin Passig, Aleks Scholz
Verirren. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene
Rowohlt Berlin 2010, 268 S.
Piotr Heller: Das Labyrinth im Kopf. FAZ 12.09.2020

Michael Bond
Wayfinding: The Art and Science of How We Find and Lose Our Way
Picador, London 2020.
Heth, C. D. & Cornell, E. H.
Characteristicsof travel by persons lost in Albertan wilderness areas
Journal of Environmental Psychology 1998, 18, 223–235
Kenneth Hill
Lost Person Behavior
National Search and Rescue Secretariat of Canada, Ottawa 1998
Kenneth A. Hill
Cognition in the woods: Biases in probability judgments by search and rescue planners
Judgment and Decision Making, Vol. 7, No. 4, July 2012, S. 488–498


siehe auch:
* Reiseführer und Karten
* Kreuz des Südens
* Kartographie
* Brötchentütennavigation
* GPS

wiki/orientierung.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/13 08:18 von norbert