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wiki:kosmopolit

Kosmopolit

Ich möchte Weltbürger sein, überall zu Hause und, 
was noch entscheidender ist, überall unterwegs.
Erasmus von Rotterdam (1469-1536)

Der Begriff des κοσμοπολίτης (kosmopolitês) wurde in der griechischen Antike geprägt aus κόσμος (kosmos) und πολίτης (polítes) und kann anekdotisch 1) zurückverfolgt werden bis zu Diogenes von Sinope (ca 403 - 323 v. Chr.), dem Kyniker, der in einer Tonne lebte und Alexander den Großen bat, er möge ihm aus der Sonne gehen.

Als Kosmos wurde im engsten Sinne die staatliche Ordnung in den griechischen Stadtstaaten (Poleis) bezeichnet 2), als polit die darin ansässigen Freien. Der Begriff des Weltbürgers geht darüber hinaus, zumal wir unter *Welt heute etwas anderes verstehen. Neu war daran, dass sich Diogenes nicht als Teil eines Clans oder Stammes definierte, sondern als Teil einer größeren sozialen Ordnung, deren Angehörige nicht blutsverwandt waren, sondern dem gemeinsamen Selbstverständnis den Vorrang gaben.

In erweiterter Form wurde daraus im Humanismus der Weltbürger, wie ihn Erasmus verstand. Für die einen bedeutete dies, dass Heimat überall sein kann, für die anderen war es die Fähigkeit, sich die Fremde vertraut zu machen, überall leben zu können. Weltbürger zu sein war modern im Zeitalter der Entdeckungsreisen, als die Welt in der ersten Globalisierungswelle immer größer wurde. Schließlich waren immer mehr Bürger unterwegs: Seeleute, Kaufleute, Forscher, Abenteurer, Schriftsteller, Philosophen, Soldaten und Politiker.

Gefährlich wurde es immer dann, wenn aus dem Kosmopolit ein Kosmopolitismus wurde, der wie alle -ismen ideologisch aufgeladen ist und sich damit von seiner Ursprungsidee entfernt. Als philosophisches Konzept entwickelte er dann politische Wirkung, etwa als Gegenentwurf zu Nationalismus oder Provinzialismus. Im Sozialismus galten Weltbürger als entwurzelte Kosmopoliten, die das System gefährdeten und man ersetzte ihn durch den »proletarischen Internationalismus« als Widerpart zum Nationalismus. Auch der Multikulturalismus der letzten Jahrzehnte steht mit ihm im ideologischen Wettstreit 3).

Kosmopolitismus lässt sich also je nach Reichweite und Perspektive definieren 4) als

Globetrotter müssen also zumindest hinsichtlich ihrer Handlungskompetenz auch Kosmopoliten sein. Sloterdijk meint, solche Art von Humanismus sei »Tribalismus für Leute im Aussendienst« 5), weil der einsame Reisende in der Fremde versuche, sich wieder eine »Kleingruppen-Umwelt«, also einen Ersatz-Stamm, zu schaffen 6). Ich bezweifle das. Migranten und Expats umgeben sich gleichermaßen mit Ihresgleichen, Integration ist mühsam. Auch Reisende jubeln unterwegs, treffen sie Ihresgleichen. Bei nach langer Abwesenheit heimgekehrten Globetrottern und Expats wiederum überwiegt eher das Integrationsproblem - sie sind fremd geworden. Was Wunder, wenn bei Treffen eine Art »Wagenburgen-Mentalität« zu beobachten ist, weil man sich unter Seelenverwandten fühlt. Eine Reiseform wie Couchsurfing ersetzt den Kosmopoliten durch den Kosmokonsumenten.

1)
Diogenes Laertius
Lives of Eminent Philosophers 6.2. Diogenes
2)
Rémi Brague
Die Weisheit der Welt. Kosmos und Welterfahrung im westlichen Denken
Aus dem Franz. (La sagesse du monde) von Gennaro Ghirardelli. München Beck 2006
3)
Kenan Malik
Es ist notwendig, dass Menschen sich beleidigen
SZZ 21. August 2018
4)
Jeremy Waldron
What Is Cosmopolitan?
Journal of Political Philosophy 8(2):227 - 243, Dez 2002 DOI: 10.1111/1467-9760.00100
5)
Peter Sloterdijk
Kehren die Stämme tatsächlich wieder?
NZZ 27.1.2018
6)
Nils Erich, Johannes Schneider
Warum in die Ferne schweifen
Die Liebe der Deutschen zum Reisen ist nachvollziehbar, anderswo ist es auch verdammt schön. Doch das als Kosmopolitismus zu rechtfertigen, gehört gründlich hinterfragt.
Die ZEIT 5. Juli 2020
wiki/kosmopolit.txt · Zuletzt geändert: 2020/09/01 06:40 von norbert