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Praxis der Naturwissenschaften Chemie 44 (1995) 7 von Norbert Lüdtke - Copyright ©

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR
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April 2002  
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Stilblüten aus dem Chemieunterricht

   
  Das Schürfen in unzähligen Lernzielkontrollen, Tests und Klausuren förderte im Laufe der Jahre nicht nur Richtiges und Falsches, sondern, um im Bilde zu bleiben, auch immer wieder taubes Gestein zu Tage, das wohl dem Wirken der Nickel und Kobolde zu verdanken ist. Obwohl strenggenommen wertlos im Sinne der Aufgabenstellung, sorgten manche dieser Kuriositäten für Erheiterung beim Korrektor und später auch bei den Schülern.

Zweifelsohne kann man diese als Stilblüten bekannten Erscheinungen ernst nehmen und lerntheoretisch deuten - doch das liegt mir an dieser Stelle völlig fern, allein der Unterhaltung sollen sie in diesem Beitrag dienen.

 

 

In einem Kurs, den ich von einem scheidenden Kollegen übernahm, stellte ich die das Vorwissen überprüfende Frage "Was stellst Du Dir unter Atomen vor?" Bei einer Schülerin zeigten sich interdisziplinäre Verknüpfungen des erworbenen chemischen Fachwissens zu Gesellschaftslehre, Biologie und Hauswirtschaft:

"Atome sind kleine Moleküle, die, wenn man sie zusammen hat, ein Atommolekül ergeben. Atome müssen kühl gehalten werden. Atome werden auch im Krieg benutzt. Die kleinsten Teilchen von Wasserstoff sind Bakterien, die von Sauerstoff Bazillen."

Eine andere Schülerin des 9. Jahrgangs meinte: "Die Elementarteilchen im Atom sind: Gold, Silber und Bronze."

Überhaupt ist die Vorstellung von Atomen eng mit Assoziationen und den Erfahrungen des täglichen Lebens verbunden. Bereits tiefer eingedrungen in naturwissenschaftliche Theorien ist ein Schüler, der die Atommodelle von Thomson und Bohr beschreiben sollte:

Atome sind in positive Energie eingebettet. (Thomson) Der Atomkern ist in der ersten Schale. (Bohr)

Während die Vorstellung nach Thomson mit Assoziationen nach Wärme und Geborgenheit verbunden zu sein scheint, ist die Vorstellung nach Bohr ersichtlich von Nüssen beeinflußt, findet sich doch dort bekanntlich der Kern in der ersten Schale.

Ähnlich verwirrend ist der Energiebegriff: "Energie ist erzeugte Kraft, die durch Energie erzeugt wurde. Sie gibt ab, was man dazu gibt." (10. Jahrgang)

Klein bei gibt der Lehrer, wenn eine Schülerin des 11. Jahrgangs bereits so vertraut mit der Materie ist, daß gar eine neue Fachsprache kreiert wurde:

"Flüssige Substanzen können auch durch Anschunsen unter Absengung oder nach Durchleiten eines Trägergases abgefistelt werden."

Ähnlich praktisch veranlagt war der Schüler, der die Erdölprospektion beschrieb: "Heutzutage wird Erdöl mit modernsten Geräten gesucht. Früher hat man es dadurch erkannt, daß Trinkwasser einen komischen Geschmack hatte." (10. Jahrgang)

Einen wichtigen Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeitsweise, den Literaturverweis, hatte ein Schüler bereits verinnerlicht, der auf die Frage nach den R- und S- Sätzen der in einem Experiment verwendeten Stoffe schlicht schrieb: "Ist in jedem Buch nachzulesen."

Die Interpretation der Definition des MAK-Wertes war wohl durch die Einstellung zu Arbeit und Freizeit geprägt, als einem Schüler lediglich einfiel: "Bei einer Arbeitszeit von täglich acht Stunden können eigentlich keine Schäden auftreten."

Die Frage nach der Genauigkeit von Meßkolben und Meßzylindern wurde in einer Klausur sehr unterschiedlich gesehen. Ein Schüler meinte: "Der Meßkolben ist das exaktere Gerät, weil es im Gegensatz zum Meßzylinder nicht im Trockenschrank aufbewahrt werden darf." Offen blieb dabei, ob man den Meßkolben immer feucht halten muß. Eine eher mechanistische Betrachtungsweise zeigt sich in der Formulierung: "Aus einem Meßkolben kann man keine Flüssigkeit genau ausgießen, weil überhaupt keine Striche zur Orientierung vorhanden sind. Der Meßzylinder ist genauer, weil er ganz gerade ist, so daß man den Wert genauer sehen kann." Alle Schwierigkeiten wollte ein Philosoph unter den Schülern umschiffen, als er schrieb: "Der Meßzylinder ist gut für Sachen, wo man etwas nachfüllen muß, aber der Meßkolben ist auch für solche Sachen geeignet."

Zum Sauren Regen fiel einer Schülerin ein: "Sowohl in der Verweilzeit als auch beim Oxidieren mit anderen Stoffen richtet Schwefeldioxid großen Schaden an. Dann gibt es eine Reaktion in Form von Regen. Der Regen wird irgendwo gelagert und so entstehen Hauptsenken. Also ist der Boden einer der Hauptsenken, weil es den Inhalt von Schwefel senkt."

In einem Test im Wahlpflichtbereich antwortete ein Schüler einer achten Klasse auf die Frage "Wer ist an langfristigen Wettervorhersagen interessiert?":
"Der Wetterfrosch, weil er sowieso nichts zu tun hat, als den ganzen Tag am Teich zu liegen."

Ganz neue musische Vorstellungen wurden wach, als eine Schülerin von der "Operfläche des Wassers" sprach.

"Wenn die Gasmaus voll ist, drehen wir der Maus den Hahn zu. (Andrea, 11. Klasse, in einem Protokoll)

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