AGIR
 
Autor:
Norbert Lüdtke - Copyright © 2002
Webquelle
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens AGIR www.reisegeschichte.de
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Das ErSie-Problem

oder: Qualen eines schreibenden Lehrers

Liebe Mütter und Väter, liebe Kollegen und Kolleginnen, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Leser und Leserinnen ¾

mir sträubt sich die Feder beim Versuch, für euch zu schreiben. Bemüht um die Gleichbehandlung von Mann und Frau bzw. Frau und Mann will ich keinen Keil zwischen die Geschlechtsfraktionen von Lehrerschaft, Schülerschaft und Elternschaft treiben. Kein Wort, kein Satz, kein Text fließt auf dieses Papier, um Zweifel an Ihrer Geschlechtszugehörigkeit zu wecken. Und sollte meinen Augen einmal eine unbedachte Formulierung entgangen sein, so sei hier eilfertig versichert: Immer wenn von Schülern die Rede ist, erscheint die gesamte Schülerschaft, Schülerinnen und Schüler, SchülerInnen, Schüler/innen auf meinem geistigen Monitor. Sie alle werden mitgedacht und mitgeachtet in allumfassender Aussage. Ebenso gilt das natürlich für Lehrerinnen und Lehrer, Kolleginnen und Kollegen, Hausmeister und Hausmeisterinnen, Putzfrauen und -männer ohne Ansehen seiner/ihrer Abstammung, ihrer/seiner Rasse, seiner/ihrer Sprache, ihrer/seiner Heimat und Herkunft, seines/ihres Glaubens, ihrer/seiner religiösen und politischen Anschauung[1].

Dennoch ist es mir auf den folgenden Seiten 29 mal nicht gelungen, das Wörtchen „man“ zu vermeiden. Zum Ausgleich finden Sie in der Fußnote 29 mal das Wörtchen „frau[2].

Auch die Namen unserer Kolleginnen haben mir einiges Kopfzerbrechen beschert: bei Franz Trabermann, Paul Mückelmann, Heiner Madermann, Manuel Kurzmann bin ich des Problems ledig und froh, nicht ihre Mütter, Schwestern und Töchter nennen zu müssen. Manche Namen sind da problematischer, so z.B. Frau Bewermann-Thomas, bei der es sich leider nicht um Thomas Bewermann handelt, und bei Tamara Feldmann und Claudia Jackelmann. Doppelt maskulin klingt es bei Manuela Weckmann durch. Daß ich von einer Namensänderung in Feldfrau, Jackelfrau oder Weckfrau abgesehen habe, sollte niemand persönlich nehmen. Sollte sich aber doch jemand betroffen fühlen - Verzeihung! Man steckt halt nicht drin.

Auch unsere Fußball-, Tischtennis- und Schwimm-Schulmannschaften machen mir die Entscheidung nicht leicht. Findet sich nicht vielleicht ein geringer Ausgleich darin, daß darin auch „die“ Schule enthalten ist? Ist es vielleicht immer eine Schulmann/Schulfrauschaft oder erst dann, wenn ein Mädchen unter vielen Jungs darin mitspielt? Müßte es dann nicht eigentlich Schuljungenschaft und Schulmädchenschaft heißen? Logisch gesehen sollte doch die Rede sein von „einer Teilmenge aus der Gesamtheit aller schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen an unserer Schule mit besonderen sportlichen Verhaltensdispositionen im Bereich Tischtennis/Schwimmen/Fußball ...“.

Bei jeder Einladung, jedem Protokoll, jedem Gutachten quält mich die Frage: Wie kann ich formulieren ohne zu diffamieren? Kurz soll es sein, und lesbar! Beim großen Binnen-I stellen sich die Rechtschreibregeln quer, doch praktisch ist´s. Will ich es aber „Jedem/r Kolleg/in/en, jedem/r Schüler/in ...“ recht machen, so erinnert das eher an Sprache mit Stolperdrähten.

Dieses Problem hat die Beamten der Besoldungsgruppen B nicht ruhen lassen, bis weißer Rauch wenn schon nicht die Lösung, so doch die Regelung der Anrede verkündete, nämlich im Erlaß zur „Gleichstellung von Frau und Mann in der Amtssprache“[3]. (Warum eigentlich nicht Sielaß? Und warum ist darin nicht von Ministerpräsidentinnen die Rede? Muß es nicht „... Frau und Mann bzw. Mann und Frau ...“ heißen?)

Da findet sich tatsächlich eine stattliche Anzahl praktischer Hinweise, besipielsweise soll die „Ersetzung generischer Maskulina durch geschlechtsindifferent verwendete Substantive“ erfolgen! Die Überschrift habe ich schon ganz richtig formuliert. Was aber ist, wenn ich Sie, liebe Mütter und Väter, liebe Kollegen und Kolleginnen, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Leser und Leserinnen, erneut ansprechen möchte? Aah - da steht´s: Was aber ist, wenn ich Sie, liebe Personen, die bereits in der Anrede genannt wurden, erneut ansprechen möchte? Das ist kurz, das hat was! Und 51 Anschläge weniger!

Nun, dann versuche ich doch gleich mal einen längeren Text nach den Regeln des Erlasses:

Neulich stand auf dem Schulhof eine Gruppe von Personen in schulpflichtigem Alter, die einen Teil des Lehrpersonals umringten. Die Lehrenden wiesen die zu Unterrichtenden darauf hin, daß das Rauchen verboten sei. Wer zugegenhandle, werde bestraft. Ein Mitglied der Schülervertretung trat vor und entgegnete, daß es der Schülerschaft der volljährigen Oberstufenschüler angehöre und rauchen dürfe. Eine Fachlehrkraft für Deutsch ordnete an, daß die Widersprechenden ihr zwecks Identitätsfeststellung zu einem führenden Mitglied der Schulleitung folgen sollten. Andere Schulpflichtige hatten Abfall achtlos fallenlassen mit der Bemerkung, daß sich die Mitglieder des Reinigungsfachpersonals darum zu kümmern hätten. Zwei zufällig anwesende Erziehungsberechtigte entgegneten, daß sich die in der Hausordnung genannten Personengruppen um ein gutes Zusammenleben zu bemühen hätten.

Geschafft. Operation gelungen, Patient tot. Beamtendeutsch ist neben Latein die einzige tote Sprache, die sich immer noch großer Beliebtheit erfreut, meint Karl Friedrich[4]. Wie der wohl darauf kommt? Auch andere Behörden bemühen sich um die Gleichstellung, so auch die Bundeszentrale für politische Bildung, die schrieb: „Der Geschlechtsunterschied zwischen den Eltern ist Voraussetzung für die Zeugung des Nachwuchses.“

Logisch? Naja. Mathematiker benutzen abstrakte Zeichensysteme, um sich über Logik zu verständigen. Und werden nur von einem erlauchten Kreis verstanden. Sprache ist ungenau und vieldeutig - und bringt uns Witz und Ironie, Ärger und Unterhaltung. Wer nicht verstanden wird, erklärt, wer nicht versteht, fragt. Beamtendeutsch strebt Logik an um den Preis der Verständlichkeit. Logik kann so nicht erreicht werden - was bleibt, ist die Distanz.

Und deshalb heften wir diesen Erlaß gut ab und reden und schreiben so, wie es uns Gefühl und Verstand mehr oder weniger sicher eingeben. Mit dem sprachlichen Restrisiko kann man/frau leben.

 


[1]  Im Grundgesetz ist an dieser Stelle leider nur von „seiner Rasse, seiner Sprache ...“ die Rede. Aber ich bin sicher, das haben die Herren, die damals im Museum König in Bonn saßen, gut bedacht.

[2] frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau, frau

[3] Gem. Rderl. d. Justizminsiteriums - 1030-II A.325, d. Ministerpräsidenten u. aller Landesministerien

[4] Karl Friedrich jun. „Beamtendeutsch“ Eichborn Verlag 1990

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